Leben und arbeiten in Nordkorea: Interview mit dem Entwicklungshelfer Gerhard Tauscher (III)


Ich hatte kürzlich die Gelegenheit mit Gerhard Tauscher zu sprechen, der von 2011 bis Ende 2012 für die Internationale Föderation des Roten Kreuzes und der Rothalbmond Gesellschaften (IFRC) in Nordkorea Wasser und Sanitärprojekte betreute. Er hat sich viel Zeit für mich genommen und daher habe ich beschlossen, das Interview dreizuteilen.
In diesem dritten Teil wird es um das „Alltagsleben“ Tauschers in Nordkorea, den zwischenmenschlichen Umgang mit Nordkoreanern, die Stimmung zur Zeit des Todes Kim Jong Ils und die praktischen Schwierigkeiten beim Bird-Watching in Nordkorea gehen. In den vorherigen Teilen des Interviews ging es um den Arbeitsalltag in Nordkorea und die Hemmnisse, die die nordkoreanischen gesellschaftlichen Normen dabei mit sich bringen und um die Arbeit der IFRC und anderer Entwicklungshelfer in Nordkorea. Gerade vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Entwicklungen kann ich euch diesen Teil nochmal empfehlen, denn die Probleme, die Tauscher da vor allem mit Blick auf die Finanzierung beschreibt, stellen sich den Entwicklungshelfern aktuell vermutlich in nicht bekanntem Maß. Die bisher erschienen Teile der Serie findet ihr hier.

Logo der IFRC (Foto von sbamueller unter CC Lizenz Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0 US-amerikanisch (nicht portiert) (CC BY-SA 2.0))

NK-Info: Jetzt würde ich gern noch etwas über Ihre persönlichen Erfahrungen sprechen. Um mal ganz harmlos anzufangen: Sie haben auf Ihrem Blog geschrieben, dass Sie ein Konzert des Münchener Kammerorchesters in Pjöngjang besucht haben. Das fand ich interessant, weil ich es ohnehin schön fand, dass trotz aller politischen Schwierigkeiten noch kultureller Austausch stattfindet und weil ich auch selbst was zu diesem Konzert geschrieben hatte. War das für Sie das einzige Mal, dass Sie in solche Events mit einbezogen wurden, oder gab es ähnliche Möglichkeiten öfter?

Tauscher: Das hängt stark vom Counterpart ab. Solche Sachen muss der normalerweise organisieren. Es gibt immer einen, der formal dafür zuständig ist und wenn man den lange genug löchert, dann organisiert er solche Sachen.

Das Münchener Kammerorchester speziell war aber von der deutschen Botschaft organisiert. Die schickt in solchen Fällen dann eine Rundmail: „Wer mag hingehen, wir haben 50 Karten und wer sich zuerst meldet, der bekommt Karten.“ Eigentlich gibt es zu vielen Events solche Möglichkeiten. Ungefähr eine Woche vorher waren wir zum Beispiel beim nationalen Sinfonieorchester und wir waren auch mal im Children’s Palace, wo es Vorführungen gab — das ist aber schon wieder eine eigene Geschichte — was da dann für eine „Dressur“ stattfindet. Wenn man will, kann man jedenfalls alle diese kulturellen Dinge, die dort angeboten werden, besuchen. Man zahlt dann natürlich den „Ausländereintritt“, aber man kann da ganz viel mitnehmen. Das hängt von der eigenen Initiative ab und ein bisschen auch vom Geschick des Counterparts, denn der muss die Karten irgendwie organisieren und manche bekommen das eben besser hin und manche weniger gut.

NK-Info: Und sind auf solchen Veranstaltungen dann auch viele Nordkoreaner? Also kommen da „normale Leute“ hin, oder ist das dann vorsortiert?

Tauscher: Das ist immer gemischt. Aber wie die koreanischen Gäste jetzt genau ausgesucht werden, kann ich nicht sagen. Das sind normalerweise Gruppen, die irgendwie an die Tickets kommen. Es gibt also keinen freien Kartenverkauf, sondern da sind dann immer ganze Arbeitseinheiten.

Neben diesen gibt es noch eine Art Veranstaltungen, die einen ganz anderen Charakter hat. Zu denen wird man geladen. Ganz offiziell. Das ist dann zum Beispiel die Eröffnung der neuen Statuen, zu der wir ganz hochoffiziell geladen wurden. Solche Einladungen erfolgen üblicherweise kurzfristig und ein bisschen geheimniskrämerisch. Als Grund wird dafür immer die Sicherheit vorgeschoben.

Einmal waren wir zum Beispiel relativ kurzfristig zu „einem Konzert“ geladen. Da hat dann diese neue Moranbong Band  gespielt. So wurde uns das verkauft. Wir wurden dann dorthin gebracht und auf die Ehrentribüne gesetzt. Da saßen dann vielleicht 200 Ausländer, einige die in Pjöngjang ansässig sind und ein paar Touristen und der Rest der Halle war voll mit Militär. Der Anlass war das 60-jährige Jubiläum der Gründung der Militäruniversität. Sowas erfährt man dann im letzten Moment, sitzt dann da auf der Ehrentribüne und irgendwann kommt auch noch der Staatschef. Dann ist natürlich auch klar, dass vorher nicht kommuniziert wird, dass er auch kommt und wo es genau sein wird. Man könnte ja sonst versuchen, dem was-weiß-ich-was anzutun. Aber das wäre bei uns wahrscheinlich genauso. Aber die Ausländer irgendwo auf die Ehrentribüne zu setzen und das dann im Land — zum Glück nur im Land… — als Beleg dafür zu verkaufen, dass Nordkorea vom Ausland toll gefunden wird.  So etwas nervt ziemlich. Solche Versuche gab es immer wieder. Wir haben uns ganz oft auch geweigert, zu solchen Anlässen zu gehen, aber das mögen sie natürlich auch nicht.

NK-Info: Wie äußert sich das denn dann, wenn die nordkoreanische Seite verärgert ist, weil Sie sich geweigert haben? Sind dann die Counterparts in der folgenden Zeit schlecht gelaunt oder wie merkt man das?

Tauscher: Die Counterparts machen auch dann gutgelaunt ihre Arbeit weiter. Aber wir hatten schon ein bisschen den Eindruck, als würde da vielleicht so etwas wie ein Bonussystem für die dahinterstecken. Also dass es für die Counterparts positiv ist, wenn sie „ihren“ Ausländer sozusagen gut unter Kontrolle haben. So etwas steckt glaube ich dahinter.

NK-Info: Von Personen, die regelmäßig nach Nordkorea reisen, aber nicht permanent dort vor Ort waren, wie Sie, hat man öfter mal gehört, dass man mit der Zeit und einer zunehmenden Zahl von Besuchen im Land, ein Gespür bekommt, was gerade im Land los ist. Ob da zum Beispiel gerade etwas im Busch ist. Das würde man am Verhalten der Nordkoreaner erkennen. Haben Sie so etwas auch beobachtet?

Tauscher: Nein, ich glaube das würde in meinem Fall zu weit gehen.

Extrem war natürlich die Trauerzeit. Wir waren vor Ort als er [Kim Jong Il, Anm. d. Red.] gestorben ist. Wir sind dann auch einmal um den Sarg geführt worden. Zum Glück bin ich dann bald auf Heimaturlaub geflogen. Die Stimmung war damals schon schwer nachvollziehbar. Diese Trauer war extrem! Wenn man irgendwo hinkam, in irgendein Restaurant oder irgendeine offizielle Stelle, da sammelten sich eigentlich alle Leute nur noch um den Fernseher und haben dagestanden, sich heulend Reportagen über das Leben des Mannes angeguckt. Im Fernsehen kamen nur noch Rückblicke und Ehrerbietungen oder Berichte über seine Orden. Und das ganze Land hat nur geheult.

Es war bestimmt ein Anteil Gruppendynamik dabei, aber im Prinzip war das schon die echte Trauer, glaube ich. Es kam schon raus: „Der Mann, der das Land hierher gebracht hat und alles zusammenhält ist gestorben.“ Die meisten Leute waren da einfach tief entsetzt. Im Detail war das vielleicht manchmal übertrieben, aber im Prinzip war es eine echte Trauer. Es war eine extreme, depressive Stimmung. Deswegen war ich auch ehrlich froh, als ich kurz vor Weihnachten da rausgeflogen bin.

NK-Info: Genau danach hätte ich Sie später auch noch gefragt, weil das so eine Sache ist, die kaum nachzuvollziehen ist, wenn man so wie ich in einer ganz anderen Welt lebt. Haben Sie zum Tod von Kim Jong Il von ihren Counterparts oder andere Male Rückmeldungen oder Aussagen gehört? Haben Sie mal darüber gesprochen?

Tauscher: Nein, eigentlich nicht. Darüber habe ich nicht groß diskutiert. Schon eher darüber, dass dann der Sohn inthronisiert wurde. Mich wundert das. Ich meine, dass würde hier ja auch jeden wundern, wenn dann plötzlich so ein junger Typ direkt Oberbefehlshaber wird, ohne je beim Militär gewesen zu sein. Aber dort habe ich trotzdem nie irgendwen kritisch darüber sprechen hören.

Also überhaupt hört man nie irgendetwas Kritisches. Es ist alles super. Letztendlich sind das ja auch Punkte, die vielleicht interessant sind für uns, aber uns eigentlich auch gar nichts anzugehen haben. Wir als Rotes Kreuz machen unsere Projekte. Da gibt es schon genug Politik und Dinge, die da hineinspielen, aber wie die Koreaner jetzt ihren Präsidenten wählen und ob er wirklich die Macht in der Hand hat, all diese Dinge sind interessant, aber das ist eher persönliches Interesse und nichts, was ich mit meinen Counterparts diskutiert hätte.

NK-Info: Also haben Sie nie wirklich etwas darüber erfahren, was die Nordkoreaner über Politik dachten?

Tauscher: Also wir hatten einen im Team, der hat schon gesagt, was er denkt. Mit dem bin ich einmal in einer Diskussion bis zum Koreakrieg vorgedrungen. Da ging es am Anfang um Militärausgaben und er sagte dann: „Wir brauchen das wegen der permanenten Bedrohung und weil wir nicht wieder überfallen werden wollen.“ Ich habe dann gefragt: „Wie? Wir wollen nicht wiederüberfallen werden?“ – „Ja, die Amerikaner wollen die Welt erobern und uns auch. Deshalb müssen wir uns verteidigen.“  Und ich sagte dann: „Ja, zu den Amerikanern kann man natürlich kritisch stehen, aber ich glaube nicht, dass noch irgendjemand Nordkorea erobern will. Ich glaube es ist eher eine Belastung, wenn man Nordkorea wieder auf Vordermann bringen soll.“ – „Nein, nein. Die warten nur auf einen schwachen Moment von uns und wollen uns dann erobern. So wie beim letzten Mal.“ – „Wie? Wie beim letzten Mal? Beim letzten Mal habt ihr den Süden überfallen.“ – „Nein, nein. Die haben uns überfallen!“

Da habe ich gemerkt: Hier kommen wir nicht weiter, das war schließlich ein intelligenter und gebildeter Mensch, der sowas sagte. Aber insgesamt gab es ganz wenige Diskussionen um solch kritische Fragen. Auch weil natürlich normalerweise auch immer zwei Koreaner mit einem sprechen.

NK-Info: Wo wir jetzt mitten in Ihrem Alltag angekommen sind: Entwickelt man eigentlich mit der Zeit eine Art Alltag, oder — Sie haben ja eben schon erwähnt, dass Sie irgendwann dann doch angenervt waren — denkt man nur: „Bin ich froh, dass ich hier nicht geboren bin und bin ich froh, dass ich hier bald wieder weg kann“?

Tauscher: Auf jeden Fall ist man froh, dass man wieder weg kann, das ist eine gute Sache. Ich habe mich schon ein bisschen solidarisiert, aber mehr im Zusammenhang damit, was im Ausland teilweise für ein Müll berichtet wird. In diesem Bezug gab es schon eine gewisse Solidarisierung, aber ansonsten war ich schon froh, dass ich wieder da raus konnte und dass es für mich einen klaren Endpunkt gab. Ich war ursprünglich für ein Jahr dort, habe dann nochmal verlängert bis Ende des Jahres, aber dann war es auch gut. Ich hätte dann nochmal verlängern können, aber noch länger wollte ich wirklich nicht mehr.

Teilweise lag das auch daran, dass es dort keine kritische Diskussion gibt. Wenn man den ganzen Tag nur diese ganzen Ammenmärchen erzählt bekommt, dann steigert das nicht unbedingt die Begeisterung für das Land. Außerdem entwickeln sich keine Freundschaften mit individuellen Nordkoreanern. Die halten alle Distanz, es gibt keinen, der mal mit einem einen trinken geht. Es passiert alles im formalen Rahmen, da trinken sie dann auch mal ordentlich, aber man kann keine Freundschaft im eigentlichen Sinne zu irgendjemand aufbauen. Weil jeder kontrolliert wird. Am Schluss wollte ich dann mal nur das Wasserteam einfach in irgendeine Kneipe einladen und das ging schon nicht. Wir haben es zweimal geschafft, alle unsere Angestellten in unsere Wohnung einzuladen. Aber das funktioniert dann auch so, dass alle geschlossen um sieben kommen, trinken, essen und um neun Uhr alle zusammen gehen.

Und da fehlt mir dann was, um mich sozusagen in dieses Land zu verlieben und mit Herzblut zu sagen: „Das ist ein Ort, an dem ich mir vorstellen kann ewig lang zu bleiben.“ Das sind viele Kleinigkeiten, die einen über einen längeren Zeitraum dann auch wirklich nerven.

NK-Info: Also wie Sie das schildern, fühlt man sich dann ja auch immer als Fremdkörper.

Tauscher: Ja. Es gibt auch, glaube ich, eine beachtliche Portion Rassismus. Gut, man ist extrem privilegiert dort und extrem hoch geachtet, aber im Prinzip könnte man das Rassismus nennen, dass  dort zum Beispiel gemischte Ehen grundsätzlich unvorstellbar sind.

NK-Info: Dazu existieren ja in der Wissenschaft auch klare Thesen.

Eben haben Sie ja schonmal kurz angesprochen, dass das historische Wissen, auch gebildeter Menschen, nicht unbedingt den realen Fakten entspricht. Wie ist denn ansonsten der Wissensstand der Menschen. Ich hatte mir hier notiert: „technisch“ und „politisch“.

Politisch haben Sie eben ungefähr umrissen, aber wissen die Menschen schon, was in der Welt so vor sich geht? Die, die reisen, müssten ja eigentlich Bescheid wissen…

Tauscher: Die, die reisen. Aber das ist eine kleine Elite. Das sind nur die Funktionäre, also Leute, die in hohen Positionen sind und auch viel zu verlieren haben.

Mein Counterpart, der viel reist, hat irgendwann gefragt: „Was macht China anders als wir? Warum ändert sich in China so viel?“ In Nordkorea bekommt er verkauft, das er im besten Land der Welt lebt, gemeinsam mit China. Aber dass es in China zurzeit viel besser läuft, sieht momentan jeder Blinde. Aber damit hat sich das auch schon.

Die anderen wissen nicht Bescheid. Und dann noch die ganze Propaganda… Die Finanzkrise in Europa wird im Fernsehen zum Beispiel so verkauft, dass demonstrierende Leute in Athen gezeigt werden, in der nächsten Szene dann ein paar Obdachlose unter einer Brücke und so geht es dann Europa. Deswegen kann dann jeder froh sein in Nordkorea zu sein, denn da geht’s den Menschen wenigstens so, wie es ihnen eben geht. Das ist schon krass und deswegen glaube ich, dass die breite Masse keinen Dunst hat.

Gerade auf dem Land. Da braucht ja jeder, der aus seinem Dorf raus will, schon die Genehmigung vom obersten Dorffunktionär, um irgendwo hinzuradeln. Und aus der Provinz rauszukommen ist nochmal eine ganz andere Sache. Die Leute haben ja noch nicht einmal ein Bild von ganz Nordkorea, sondern die haben nur ihr Bild von ihrem Dorf. Oder von ihrer direkten Umgebung. Daher glaube ich, dass Nordkorea schon ein riesen Land von Ahnungslosen ist.

NK-Info: Also würden Sie sagen, dass die Menschen in der ehemaligen DDR besser über die BRD und den Rest der Welt Bescheid wussten?

Tauscher: Wenn man hier den Vergleich mit Ost- und Westdeutschland zieht, dann gibt es da riesige Unterschiede. Es gibt eben kein Westfernsehen oder Westradio und umgekehrt. Es gibt keinen Familienaustausch. Es gibt null Reisen.

Hm, das ist nicht ganz richtig. Ein bisschen Austausch gibt es mit der koreanischen Bevölkerungsgruppe in Japan. Da sieht man relativ viele Reisegruppen: Jugendliche, High-School-Absolventen aus koreanischen Schulen oder ganze Schulklassen, die ihr „Heimatland“ besuchen. Das sieht dann auch immer sehr witzig aus, in der japanischen Schuluniform und ziemlich punkig vom Aussehen her, einfach direkt erkennbar als nicht-koreanisch. Das ist vielleicht so ein kleines Fenster zur Außenwelt.

Aber insgesamt ist das eben so abgeschottet und es gibt keine Informationen. Die große Masse, also bestimmt 90 Prozent, hat keinen Dunst.

NK-Info: Und von der technischen Ausbildung her, also was sie gelernt haben? Man hört ja immer mal, dass die Leute dort eine solide bis gute Ausbildung erhalten.

Tauscher: Ja; Aber! In den ganzen Ingenieurswissenschaften, in Medizin, eigentlich in all den Fächern, in denen in Deutschland und global ein riesiger akademischer Austausch herrscht. In all den Bereichen, in denen in der Wirtschaft globale Netzwerke bestehen, in denen jeder eigenes Know How mitbringt und so für Austausch sorgt, dort hinkt Nordkorea hinterher, denn Austausch gibt es kaum. Und entsprechend sind viele dieser Disziplinen auf dem Stand von vorgestern. Ich glaube die Ausbildung ist gut und der Stellenwert der Ausbildung ist bestimmt hoch, auch wenn ich das im Detail nicht genau beurteilen kann. Aber im Endeffekt schmort man im eigenen Saft.

Da hatte ich auch witzige Diskussionen mit meinen Leuten. Die haben gesagt: „Wie, aber wir schicken doch wieder zwanzig Studenten nach China.“ Aber das ist ja kein Austausch. Das ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Und ob diese Studenten dann letztendlich in der Funktion arbeiten werden, in der sie ihr Wissen in ihrem Fach anwenden können, ist dann auch noch sehr fraglich. Ich glaube, in allen Bereichen, in denen es weiter große Entwicklungen gibt, also zum Beispiel Medizin oder IT gilt das.

Außerdem fehlt das Internet. Also die Möglichkeit das Wissen zu konservieren und jedem zugänglich zu machen. Eine People’s Library, als die große Bibliothek des Volkes, das sieht toll aus, aber das ist natürlich nur für ganz wenige.

NK-Info: Kommen wir vielleicht noch zu aktuelleren Entwicklungen. Rüdiger Frank hat gesagt, es wäre eine Aufbruchsstimmung in der Bevölkerung zu spüren, die sich laut seiner Aussage im Zeitraum von März 2012 bis Oktober 2012 bemerkbar gemacht hat.

Tauscher: Das kann ich nicht genau nachvollziehen. In unseren hitzigen Diskussionen, wie wir das Budget aufstellen, wurde von koreanischer Seite immer gesagt: „Ja, jetzt mit der Aufbruchsstimmung wegen der neuen Führung und den zukünftigen neuen Regierungen im Süden, in China und in Japan, das wird dazu führen, das sich hier alles öffnet und wir dann wieder am Verhandlungstisch sitzen und sich dann alles bessert.“

Aber nach dem gescheiterten Raketenstart im April, als das Land auch fast in eine Art Volkstrauer verfallen ist, war das erst einmal zu Ende. Da war keine Euphorie, sondern die Leute waren wirklich drei Tage lang absolut depressiv. Eine Stimmung, nach der jetzt vielleicht die Zeit für einen Neuanfang ist, habe ich nicht bemerkt.

Auch in der Presse hat Kim Jong Un ja eher seinem Großvater nachgeeifert. In der ganzen Erscheinung, in der ganzen Gestik, das war alles so altbacken. Zum Beispiel diese On-the-spot-guidances: Der geht irgendwo in eine Saftfabrik und erzählt denen, wie sie Saft machen müssen. Das waren die Schlagzeilen. Nichts über Reformen oder das Ausland. Wie gesagt: Mir ist nicht aufgefallen, dass sich da groß etwas geändert hätte. Und spätestens mit dem zweiten erfolgreichen Raketenstart passiert gegenüber dem Ausland wahrscheinlich ein Jahr nichts.

Diese Agrarreform, die da im Raum standen und  beschlossen werden sollten, das wäre ein eindeutiges Zeichen gewesen. Und stattdessen hat man dann gerade mal beschlossen, dass ein Jahr länger zur Schule gegangen wird und die Lehrer nicht mehr zur Feldarbeit abkommandiert werden. Das ist nur ein sehr kleiner Schritt. Wenn man das als Reform bezeichnen will: Ok. Aber für mich und ich glaube auch für viele andere war das sehr enttäuschend.

NK-Info: Es gibt die These, dass es quasi zwei Nordkoreas gibt: Pjöngjang-Nordkorea und Rest-Nordkorea und dass viele, die einmal nach Nordkorea fahren und die ganze Zeit dort sind, ein völlig schiefes Bild kriegen. Ich meine in Pjöngjang hat sich ja wirklich viel getan.

Tauscher: Absolut. Diese These kann ich absolut unterstützen.

In Pjöngjang tut sich extrem viel, vom Straßenverkehr angefangen über die ganzen Bauten, die hochgezogen wurden, auch die neuen Supermärkte. Auch wir haben das gemerkt. Man kann jetzt endlich offiziell umtauschen. Früher musste man, um den Schwarzmarktkurs zu bekommen irgendjemanden finden, der umgetauscht hat. Eigentlich war das illegal. Jetzt gibt es da diesen einen chinesischen Supermarkt, der ganz normal zum Schwarzmarktkurs umtauscht. Man kann dann mit dem Geld in diesem Supermarkt einkaufen, aber keiner achtet drauf, ob man das Geld dort wirklich ausgibt.

Aber auf dem Land passiert einfach nichts. Ich habe das immer mal ein bisschen hinterfragt. Ich habe zum Beispiel einmal die Cooparative-Farm Manager gefragt, wie es denn mit der Ernte aussähe, was zu erwarten wäre. In diesem Jahr hieß es zum Beispiel schon mitten im Sommer, dass es gut aussähe. Und dann habe ich gefragt: „Was ist der Grund dafür?“ – „Es gibt ja mehr Kunstdünger und Maschinen.“ – „Und wie viel Kunstdünger haben Sie denn hier bekommen für Ihre Farm und welche Maschinen?“ – „Nicht bei uns! Wir haben keinen bekommen. So allgemein im Land…“ Das waren wieder solche „Talking Points“, die vom Staat vorgegeben waren.

Auf dem Land leben die Menschen von der Hoffnung und dieses Jahr war die Ernte eben besser. Aber der Staat tut eigentlich nichts. Zum Beispiel die Autobahn, die von Pjöngjang in den Norden führt, die biegt irgendwann dann zum Friendship Museum ab und für den Touristen, der nur das bereist, sieht das ganz toll aus. Aber meine Projektgebiete waren ein bisschen weiter westlich und ich bin dann auf der Schotterstraße gefahren. Und diese Schotterstraße führt nach Sinuiju an die Grenze. Das ist nicht irgendein Ort, sonder die Haupteingangspforte zu China und dorthin führen dann 100 Kilometer Schotterstraße. Vom ersten Tag an habe ich dann ein paar Kilometer neben der Straße den Bau einer Autobahn gesehen, aber da hat sich nichts getan. Alles Handarbeit, viel Stückwerk, aber kein Baufortschritt, in eineinhalb Jahren.

[Anm. d. Red.: Die Karte unten zeigt das beschriebene Gebiet. Während die Autobahn (dicke gelbe Linie) in Richtung der International Friendship Exhibition am Myonghansan abbiegt (markiert) führt nach Sinuiju (linker Bildrand, Mitte) eine einfache Straße.]

Ein gutes Beispiel für die These ist auch das Kraftwerk, das jetzt eröffnet wurde. Der ganze Strom von da geht nach Pjöngjang. Und ich mit meinen Wasserprojekten: Da sind viele gepumpte Anlagen, die auch Strom brauchen, da hat sich nicht verbessert.

NK-Info: Auf Ihrem Blog haben Sie geschrieben, dass Sie Birdwatcher sind. Hat sich Nordkorea aus dem Gesichtspunkt gelohnt? Ich meine es gibt nicht viel Industrie und ähnliches, kaum Windkraftanlagen…

Tauscher: Hm, zum einen ist das Eurasien. Deswegen ist die Vogelwelt nicht viel anders als hier. Es gibt zwar ein paar Exoten aus der sibirischen Vogelwelt, die sieht man vor allem im Winter. Das nennt man Bedarfstiere: Wenn die Gewässer zufrieren und es zu kalt wird, dann gehen die immer weiter in den Süden. Davon sieht man da einige. Abgesehen davon ist es aber auf Dauer nervig. Nach dem Sommerurlaub hier habe ich mein großes Teleobjektiv dann auch zuhause gelassen. Denn egal wo man hingekommen ist, es gab an jeder Ecke einen der sich berufen fühlte — das waren nicht zwingend immer Offizielle Aufpasser — und dachte, da ist was verkehrt. Und die rufen dann eventuell irgendwo an oder laufen hinter einem her und verscheuchen die Vögel.

Und an der Küste war es auch nicht viel besser. Wir sind bis nach Nampo gefahren, denn da gibt es viele Enten und Wasservögel. Und dort nimmt man dann das Fernglas und schaut Richtung See und wenn man dann hinter dem See an den Hang schaut, dann ist da immer etwas Militärisches. Man will das ja nicht auf den Bildern haben, aber da ist eben an jeder Ecke irgendein Bunker oder ein Unterstand oder eine Garage oder irgendwas anderes. Und dann hat das ein gewisses Risiko. Manchmal wurden dann schonmal die Kameras gefilzt und Fotos gelöscht. Das mit dem Vögel beobachten war im Endeffekt eine nette Freizeitbeschäftigung, aber großes Objektiv mitzunehmen, das hat nichts gebracht. Etwas wirklich Vernünftiges konnte man da nicht machen.

Aber zu dem Birdwatchen habe ich noch eine andere witzige Anekdote: Es gab dort ein, zwei Vogelbücher, die ich mir gekauft habe. Weil sie auf Koreanisch waren, habe sie meinem Counterpart gegeben. Nach dem Wochenende habe ich ihm dann berichtet, was ich so gemacht habe. Das gehört zu seinem Job, das am Montag zu checken. Oft hatte ich zwar den Eindruck, der wusste sehr gut, wo ich war, aber nun gut. Ich habe ihm dann auch genau erzählt, wo ich spazieren gegangen bin und wo ich Fotos gemacht habe. An den Bildern war er dann immer besonders interessiert und wollte die auch sehen. Das gehört wohl auch zum Job, zu gucken, ob da etwas Kritisches drauf ist. Im Winter gab es Seeadler in der Stadt. Mitten in Pjöngjang. Der Fluss war zugefroren und es waren nur zwei, drei eisfreie Stellen, die von tausenden von Enten offengehalten wurden. Und denen gefolgt sind mehrere Seeadler. Und davon habe ich dann Fotos gemacht und habe meinem Counterpart das auch gezeigt. Und er hat sofort in dem Buch nachgeschlagen und da stand dann in dem Textteil: „Das letzte Mal wurden Seeadler in Nordkorea 1957 gesichtet.“ Das ist natürlich komplett Blödsinn. Das ist nicht so, dass ich zufällig der Erste gewesen wäre, der da Seeadler gesehen hätte. Ich habe die anderen Bird-Watcher gefragt und die meinten, dass im Winter 2005 bis zu dreißig in der Stadt waren. Das Buch wurde aber auch von Ornithologen geschrieben und ich dachte es wäre schön, Kontakt mit dem Autor oder seinem Institut aufzunehmen und ihn auf den Fehler aufmerksam zu machen. Aber selbst so etwas, das ich aus reinem persönlichem Interesse machen wollte und das in keiner Weise kritisch war, das war nicht möglich zu machen.

NK-Info: So weit habe ich eigentlich alles gefragt, das ich mir überlegt hatte. Haben Sie eine Art persönliches Fazit für sich gezogen?

Tauscher: Also mein Resümee ist, dass dort vieles von falsch gesetzten Prioritäten abhängt und dass es dort grundsätzlich große Potentiale gibt, dass die aber nicht genutzt werden können, solange die Führung die Prioritäten falsch setzt.

Aus humanitärer Sicht bin ich gespannt, wie es jetzt mit der Finanzierung weitergeht, also ob weitere Länder Gelder einfrieren. Ich nehme an, dass man zumindest ein Zeichen setzen will, dass man nicht bereit ist Geld zu geben, solange der nordkoreanische Staat sein eigenes Geld für Dinge wie Raketenstarts verbrennt.

NK-Info:  Dann bedanke ich mich recht herzlich, auch im Namen meiner Leser für das Interview und ihre Zeit, die Sie geopfert haben und wünsche Ihnen auf Ihrem beruflichen Weg viel Erfolg und gute Erfahrungen.

Tauscher: Gerne.

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Bis zum bitteren Ende — Für wen oder was hat sich Kim Jong Il eigentlich geopfert?


Man kann Kim Jong Il ja vieles nachsagen und das Meiste davon ist wohl auch wahr. Eines jedoch kann man nicht über den verstorbenen Despoten behaupten. Dass er sich nicht aufgeopfert hätte.

Nun ist der Begriff der „Aufopferung“ natürlich grundsätzlich positive besetzt und in Verbindung mit Kim Jong Il klingt das daher irgendwie seltsam, aber es ist ja nicht per Definition festgelegt, dass man sich nur für eine gute Sache aufopfern kann, denn auch das kann man Kim nicht nachsagen. Nun wird es aber kaum so sein, dass der ehemalige Diktator einfach nur zum Spaß auf Kosten seiner Gesundheit — was ihm Berichten zufolge auch bewusst gewesen sein muss — nicht von den Staatsgeschäften zurückzog, sondern (fast wörtlich) bis zum bitteren Ende in hoher Frequenz Vor-Ort-Anleitungen durchführte und vermutlich auch ansonsten seiner Arbeit ungebremst nachging. Daher finde ich es spannend, mal kurz darüber nachzudenken, was wohl das Motiv für dieses Handeln Kims war.

Kim Jong Ils Aufopferung

Zuerst möchte ich euch aber nochmal kurz einen Überblick über das Verhalten Kim Jong Ils geben, dass mich zu dem Schluss kommen lässt, dass er sich für irgendetwas (auf-)geopfert hat. Die Liste der Krankheiten, die Kim Jong Il angeblich hatte, ist sehr lang und man begann eigentlich schon daran zu schreiben, als er offiziell als Nachfolger Kim Il Sungs vorgestellt wurde, also in den 80er Jahren. Jedoch lassen sich all die Gerüchte von Diabetes und allen möglichen Krebserkrankungen kaum bewerten und so einiges wird vermutlich den Wünschen der Propagandisten aus anderen Ländern entsprungen sein. Den ersten validen Beleg, dass Kim Jong Il tatsächlich mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hatte, gab es dann 2008. Nachdem Kim nicht an der Parade anlässlich des 60. Geburtstags Nordkoreas erschien und weiter von der Bildfläche verschwunden war, verdichteten sich die Hinweise, dass tatsächlich etwas mit ihm nicht stimmte. Auch die teils kruden Versuche der Propagandaabteilung seines Landes, diese Gerüchte mit „Bildbeweisen“ zu wiederlegen, scheiterten. Die letzten Zweifel, dass Kim schwer erkrankt war wurden spätestens durch die Bilder seines Auftretens bei der Obersten Volksversammlung im Jahr 2008 ausgeräumt. Da sah er nämlich Gollum aus dem Herrn der Ringe ähnlicher, als sich selbst vor einem Jahr. Auch wirkte er zu dieser Zeit sehr geschwächt.

Kim Jong Il wirkte kurz nach seiner Genesung 2009 deutlich gezeichnet

Nichtsdestotrotz nahm er die Amtsgeschäfte danach wieder relativ zügig in die Hand, kehrte zur alten Routine der Vor-Ort-Anleitungen zurück (mit zunehmend hoher Frequenz) und besuchte China (insgesamt viermal (plus eins auf dem Heimweg aus Russland)) sowie Russland. Er zeigte sich natürlich auf allen wichtigen Anlässen und empfing darüber hinaus einige wichtige Staatsgäste. Diese Umtriebigkeit hielt er durch bis zu seinem Tod durch. Seine letzten beiden Vor-Ort-Anleitungen datieren zwei Tage vor seinem Dahinscheiden. Ob er allerdings an seinem Todestag auch tatsächlich in seinem Sonderzug saß, um einen Besuch durchzuführen, wird von südkoreanischer Seite mittlerweile angezweifelt (jedoch sollte man in solch aufgeregten Zeiten vorsichtig mit Gerüchten und Geheimdienstinformationen umgehen).

All den gennannten Aktivitäten ging Kim nach, obwohl ihm nach dem Schlaganfall von 2008 nach den Aussagen des französischen Arztes Roux vollkommen klar gewesen ist, dass die Gefahr eines weiteren Schlaganfalls wuchs. Da Kim laut den Aussagen zumindest für Wochen, wahrscheinlich aber für Monate, außer Gefecht war, müssen andere die Amtsgeschäfte für ihn geführt haben. Allgemein wird angenommen, dass vor allem Jang Song-thaek ihn damals vertreten habe. Dass dies über Monate hinweg möglich war, ist ein deutliches Anzeichen dafür, dass das Regime loyal zu ihm stand und dass er nicht unersetzlich war.

Motive für Kims Opferbereitschaft

Warum kehrte er aber dann mit voller Wucht in sein Amt zurück? In der Folge werde ich einfach einige Ideen ausformulieren, die ursächlich dafür sein könnten. Eine richtig gute Erklärung habe ich jedoch nicht. Ich bürge auch nicht für Vollständigkeit. Ich schreibe einfach auf, was mir in den Sinn kommt.

Die offizielle „Wahrheit“ und Kims mangelnder Realitätsbezug

Considering it as his maxim to believe in the people as in Heaven, he worked heart and soul day and night, without having any good rest, prompted by his desire to enable the Korean people to become the most dignified happy people in the world. He did just the way the President did as he always traveled a lot to mix with the people.

[Der Maxime folgend, dass er an die Menschen glaubt wie an den Himmel, arbeitete er mit Herz und Seele Tag und Nacht, ohne Pause. Dabei ließ er sich von seinem innigen Wunsch leiten, die Menschen Koreas dazu zu befähigen, zu den würdevollsten und glücklichsten Menschen der Erde zu werden. Er machte es genau wie es der Präsident [Kim Il Sung] tat, als er immer viel reiste, um sich unters Volk zu mischen.]

Vielleicht tat Kim Jong Il all dies wirklich aus dem Glauben heraus, ein besseres Land und eine bessere Zukunft für seine Bevölkerung zu schaffen. Zugegeben, das klingt seltsam, aber vielleicht wähnte er sich auf dem Weg dorthin und vielleicht sah er sich als unersetzlich auf diesem Weg. Natürlich ging und geht es vielen Nordkoreanern schlechter als den meisten anderen Menschen auf der Welt, aber es kam in der Weltgeschichte ja nicht gerade selten vor, dass Staatenlenker und Revolutionäre glaubten, mit Aussicht auf eine bessere Zukunft die Gegenwart einer oder mehrerer Generationen opfern zu müssen.

Jeder ist sich selbst der Nächste

Vielleicht hatte Kim Jong Il schlicht Angst davor, dass er sich, wenn er die Macht abgäbe, früher oder später vor einem nationalen oder internationalen Gericht verantworten würde müssen. Hätten seine Nachfolger einschneidende politische Veränderungen vorgenommen, wäre dies ein denkbares Szenario gewesen. Der einzige sichere Weg zu verhindern, dass er irgendwann die Konsequenzen für sein Tun würde tragen müssen, war es, einfach bis zum Ende zu regieren, oder bis sein Sohn fest im Sattel sitzt.

Eine ähnliche Zielrichtung hat die Idee, dass bei Kim die Ansicht vorgeherrscht hat, dass das Regime ihn oder seinen Sohn, wenn er weitgenug ist, braucht, um als Symbolfigur und Legitimation gegenüber den Trägern des Regimes und der Bevölkerung zu wirken. Hätte er aufgehört, hätte er damit das Regime ins Wanken gebracht und sich selbst eine unruhige Zukunft beschert.

Aufhören wollen, aber nicht dürfen

Wiederum mit der vorherigen Idee verbunden ist der Gedanke, dass er vielleicht gerne aufgehört hätte, ihm dies aber von den Mitgliedern des Regimes, die ihn umgaben, schlicht nicht erlaubt wurde. Hier kann es sein, dass die Führungseliten Angst davor hatten, wenn das Regime zusammenbräche für das was sie getan haben (es gibt vermutlich nicht viele, die sich keine Sorgen vor objektiven Gerichten machen müssten, geschweige vor einem wütenden Mob) gerade stehen zu müssen bzw. ihr luxuriöses Leben aufgeben zu müssen, dass ihre Positionen mit sich bringen. Vielleicht zogen sie auch die relativ berechenbare Situation einer möglicherweise wesentlich unberechenbaren und vielleicht gefährlicheren Lage ohne den „Kim-Deckel“, der alle Konflikte abdeckte, vor.

Vaterliebe

Vielleicht hatte Kim seinen Sprössling auch so gern, dass er ihn unbedingt an die Staatsführung heben wollte und um die Nachfolge des Sohnes sicherzustellen musste er eben noch einige Zeit im Amt bleiben. Es spricht zwar einiges dagegen, dass das Motiv ist, aber man kann ja nie wissen. Die Frage die ich mir stelle ist nur, warum der junge Kim sich nicht vom Acker gemacht hat bzw. macht, solange er noch aus der Nummer rauskäme. Oder ist er schon soweit drin, dass es nicht mehr anders geht? Warum Kim Jong Un sich bereitgefunden hat, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten, ist aber ein anderes Rätsel, für das ich ebenfalls nicht wirklich eine Erklärung habe.

Verrückt

Vielleicht haben auch diejenigen recht, die immer behauptet haben, Kim Jong Il sei schlicht verrückt. Dann kann es tatsächlich sein, dass er all das einfach nur so gemacht hat, denn dann muss sein Handeln ja nicht unbedingt von Rationalität geprägt gewesen sein. Allerdings kann ich mir nach wie vor kaum vorstellen, wie jemand der Verrückt ist, ein Land lenken soll, dass in einer permanenten schweren Krise steckt. Ich glaube wenn er verrückt gewesen wäre, dann würden wir nicht erst jetzt über sein Ende sprechen.

Warum hat er’s getan?

Ich weiß nicht wie es euch geht, aber ich bin mit alldem noch immer nicht wirklich zufrieden. Es kann natürlich ein Konglomerat aus alldem gewesen sein, eine Mischung aus Staatsräson und Sendungsbewusstsein, Selbstüberschätzung und Realitätsverlust sowie Vaterliebe. Aber selbst dann weiß ich nicht so genau. Und so wird es wohl auch bleiben. Wir werden es wohl nie so genua wissen.

Ich fände es aber sehr interessant und vielleicht auch erhellend, wenn ihr eure Meinung oder Ideen äußern würdet. Warum hat Kim gearbeitet, bis sein (wahrscheinlich) relativ gnädiges Ende gekommen war?

Ein guter Tag zum Sterben: Der Zeitpunkt des Todes Kim Jong Ils und damit verbundene Implikationen für Kim Jong Uns Nachfolge


Als ich gestern vom Tod Kim Jong Ils gehört habe, da kam mir relativ schnell der Gedanke, dass der Zeitpunkt seines Todes durchaus interessant ist. Mein erster Gedanke war sogar, dass der Moment von Kims Tod annähernd wie aus dem Drehbuch ist, weil er mich einerseits an das Jahr 1994 erinnerte und weil er andererseits so passgenau zum Jahresende (Kim Jong Il kommt ja fast genau zum Jahreswechsel unter die Erde) kommt und man so schon in der Neujahrsbotschaft der Partei etc. darauf eingehen kann. Ich war auch anfänglich etwas misstrauisch, weil Kim Jong Il ja in der letzten Zeit eigentlich sehr aktiv war und bei weitem nicht mehr so krank wirkte, wie vor zwei Jahren. Aber ein Herzinfarkt kündigt sich ja auch nicht durch Krankheit oder ähnliches an. Aus dus dem Termin des Todes ergeben sich einerseits negative Auswirkungen auf das Regime und die Nachfolge Kim Jong Uns, andererseits ist der Moment des Todes Kim Jong Ils so schlecht auch wieder nicht. Daher möchte ich mir kurz die Implikationen des Zeitpunktes von Kim Jong Ils Tod anschauen.

Ein schlechter Zeitpunkt…

Generell ist natürlich zu sagen, dass der Tod Kim Jong Ils für Kim Jong Un zu früh kam. Sicherlich hätten sich der große Nachfolger und die Regimespitze etwas mehr Zeit gewünscht, um den jungen Kim auf sein Amt vorzubereiten, ihn in der Propaganda aufzubauen und zu legitimieren und die Partei-, Militär-, Sicherheits- und Verwaltungsapparate personell und strukturell noch mehr für die neue Ordnung zurechtzubiegen. Allerdings war es nach Aussagen eines Arztes, der Kim Jong Il 2008 bei seinem Schlaganfall behandelt hatte, nur eine Frage der Zeit, bis er seiner körperlichen Schwäche Tribut zollen würde. Also musste das Regime mit einem „zu frühen“ Ableben Kims rechnen und konnte nicht hoffen, dass er Kim Jong Un noch lange auf die Nachfolge vorbereiten würde können. Daraus erklären sich auch die sehr eiligen Maßnahmen des Regimes zur Vorbereitung seiner Nachfolge.

Weiterhin könnte der Zeitpunkt von Kims Tod als negativ für die Stabilität des Regimes betrachtet werden, weil aktuell einige bedeutende strategische Fragen anstehen. So wurde vor kurzem eine Vereinbarung mit den USA über die Aussetzung des Uranprogramms und weitreichende Lebensmittellieferungen der USA getroffen. Will man diese sachte Annäherung weiterverfolgen und das Uranprogramm wirklich aussetzen? Möchte man sich auch an den Süden annähern oder will man Lee Myung-bak mit einer Phase angespannter und konfliktreicher Beziehungen aus seinem Amt „verabschieden“? Diese Fragen müssen bald beantwortet werden und es ist durchaus vorstellbar, dass beispielsweise über die Fortführung des Uranprogramms unterschiedliche Meinungen bestehen. Solange Meinungen nicht wirklich zählten, sondern letztlich nur Kim Jong Ils Wort von Bedeutung war, machten gegensätzliche Meinungen kein großes Problem, da sie zugedeckt wurden. Nun könnten sich daraus aber Risse in der Führungseben bilden.

…oder eigentlich doch ganz gut?

Jedoch bietet der Tod Kim Jong Ils zu diesem Zeitpunkt für das Regime und Kim Jong Un auch einige positive Aspekte.

Sein Dahinscheiden fast pünktlich zum (aber nicht im) Jahr 2012, das für Nordkorea eine hohe Bedeutung hat, da man zum hundertsten Geburtstag Kim Il Sungs den Status einer reichen und mächtigen Nation erreichen wollte und dies auch gegenüber der eigenen Bevölkerung publik gemacht hat, kann sich das Regime zunutze machen. Man kann mit neuer Führung in das so wichtige Jahr starten und damit auch symbolisch die Entwicklung des Landes belegen (auch dass Kim Jong Un zu Kim Il Sungs hundertstem die Nachfolge antritt, lässt sich vermutlich propagandistisch ausschlachten). Sollte Nordkorea weiterhin wider erwarten 2012 keine reiche und mächtige Nation sein, könnte man dafür auch das plötzliche dahinscheiden Kim Jong Ils und die Folgen verantwortlich machen (alle sind von Trauer ergriffen etc.).

Weiterhin erinnert die aktuelle außenpolitische Situation vor allem hinsichtlich der USA an das Jahr 1994 als Kim Il Sung starb. Auch damals spielte das Nuklearprogramm Nordkoreas eine Rolle bei den Verhandlungen und auch damals wurde das endgültige Abkommen nach dem Tod des alten Führers geschlossen. Vielleicht kann sich das Regime in Pjöngjang diese aktuell in der Schwebe befindliche Verhandlungsphase zunutze machen, um ein besseres Ergebnis zu erzielen und vielleicht um die USA zu überzeugen, dass man nun eine neue Politik verfolge und so die Beziehungen beider Staaten nachhaltig verbessern.

Weiterhin ist zu bemerken, dass vor allem hinsichtlich der Verbündeten Russland und China wichtige Meilensteine erreicht wurden. Die Beziehungen zu beiden sind gut wie lange nicht und davon kann Kim Jong Un sicherlich profitieren, wie sich auch darin zeigt, dass er von beiden Staatsführungen in deren Kondolenz persönlich als Führer bezeichnet wurde (China) bzw.  sogar der Adressat der Kondolenz (Russland) war. Hier ist das Feld also bestellt und Kim Jong Un hat eine optimale Startposition.

Auch im wirtschaftlichen Bereich hat Kim Jong Il zumindest versucht einiges vorzubereiten. Hier sind vor allem die desaströs gescheiterte Währungsreform (was Kim Jong Un wohl nicht geholfen hat) und die Maßnahmen hinsichtlich der SWZ an der Nordgrenze zu nennen. Es ist zwar nicht wirklich eine blühende wirtschaftliche Entwicklung abzusehen, allerdings kann sich aus den SWZ etwas entwickeln. Wenn das so sein würde, dann könnte sich Kim Jong Un schonmal einen Erfolg auf sein Fahnen schreiben.

Man weiß es nicht

Insgesamt ergeben sich aus dem Zeitpunkt von Kim Jong Ils Tod für das Regime und Kim Jong Un sowohl „negative“ als auch „positive“ Konsequenzen. Die negativen Auswirkungen auf die Nachfolge sind eher genereller Natur und bringen Kim Jong Un in eine allgemein relativ schwache Position am Anfang, aber auch in der längerfristige Perspektive, während die positiven Aspekte eher kurzfristig für wichtige Unterstützung beim Start in seiner Position und der Konsolidierung der Macht sorgen können.

Dem Kind einen Namen geben: Kim Jong Uns erster Künstlername


Es scheint als habe Kim Jong Un einen ersten „Künstlernamen“ bekommen. Jedenfalls habe ich in drei Meldungen von heute über den Jungen lesen können:

Kim Jong Un, great successor to the revolutionary cause of Juche

[Kim Jong Un, großer Nachfolger der revolutionären Juche-Idee]

zweimal mit dem Zusatz:

and prominent leader of the party and the army and people of the DPRK

[und prominenter Führer der Partei, der Armee und der Menschen Nordkoreas]

and outstanding leader of our party, army and people

[und herausragender…]

Ob er diesen Künstlernamen behalten wird ist natürlich fragwürdig, aber fürs erste ist es wohl eine Bezeichnung, die gleichzeitig Respekt vor seinen Ahnen belegt „Nachfolger“ und ihn in eine Reihe mit Kim Il Sung und Kim Jong Il stellt. Mal sehen, ob es vorerst dabei bleibt.