Von herbstlicher Statistikwut und einer provinziellen Frischzellenkur


Wenn die Tage kürzer werden, das Wetter im Gleichschritt mit dem Abendfernsehprogramm schlechter wird und die Freundin gerade wo anders weilt, dann kommt man ja schonmal auf seltsame Ideen, womit man sich so beschäftigen kann. So ging es mir heute Abend. Daher habe ich mir gedacht, mal ein bisschen Statistik zu führen (Früher habe ich dann öfter mal meinen Besitz an 1, 2 und 5 Pfennigstücken geordnet. Da ich aber heute fast keine Pfennige mehr besitze, hab ich mir was Anderes zum Auswerten gesucht). Das Ziel meiner herbstlichen Statistikwut war Kim Jong Un. Oder vielmehr seine Nennungen bei KCNA und die Personen die sonst noch mit von der Partie waren in 19 Artikeln von KCNA. Ich dachte mir es könnte mal interessant zu wissen sein, wer so zusammen mit dem jungen Kim unterwegs ist (ich habe drei oder vier Artikel weggelassen, weil da entweder so ziemlich jedes Mitglied der Elite bei war (Mitglieder des Zentralkomitees der Partei und Beerdigung von Jo Myong-rok) oder weil zum gleichen Anlass zwei Artikel mit derselben Namensliste erschienen sind). Zwar ist mir relativ schnell bewusst geworden, dass die Aussagekraft meiner Tätigkeit hinsichtlich Kim Jong Un sehr begrenzt ist, weil viele der Anlässe einfach Termine waren, zu denen „man“ nunmal geht, wenn man sich zu Nordkoreas Schönen und Reichen zählt.

Wer ist mit Kim Jong Un unterwegs

Trotzdem haben sich durchaus ein paar Informationen ergeben. Erstmal zu denen, die am Öftesten mit Kim Jong Un zusammen genannt wurden, wobei ich Kim Jong Il mal weggelassen habe, der ist ja immer dabei.

Wie immer möchte ich noch kurz die hervorragende Arbeit loben, die der Autor von North Korea Leadership Watch mit seinen Steckbriefen, aber auch sonst, leistet.

So, damit solle es aber auch mal gut sein. Eigentlich wollte ich die Grenze bei 6 Nennungen ziehen, aber einige interessante Leute lagen da knapp drunter.

Die häufigsten Nennungen beinhalten wenige Überraschungen. Mit Ri Yong-ho habe ich mich ja schon ausgiebig befasst und naja, er ist eben wichtig. Dazu kann man vielleicht noch sagen, dass Ri, seit der Junge Kim ins Licht der Öffentlichkeit getreten ist, genau einmal mit dessen Vater zusammen auftrat, ohne das der Filius dabei gewesen wäre. Jang Song-thaek ist eben der Onkel und als guter Onkel und einer der mächtigsten Leute im Land, dessen Rolle immer ein bisschen ambivalent (naja, Onkels schmieden eben Ränke, das ist im Film so, also sollte man das auch in der Realität erwarten) betrachtet wird. Kim Kyong-hui, Jangs Frau und Kim Jong Ils Schwester wird ja auch immer unter den „da muss man drauf achten“ Leuten aufgeführt und Kim Yong-chun und Kim Ki-nam sind altgediente Regimerecken, denen wohl vertraut wird, aber die sind eben auch mit dabei. Und damit kommen wir auch schon zur ersten wirklich interessanten Person: Choe Ryong-hae (60). Der ist Berichten zufolge ein Kindheitsfreund Kim Jong Ils, machte lange Zeit eine „normale Parteikarriere“ und half Kim Jong Il scheinbar auch tatkräftig bei der Machtübernahme und Konsolidierung der Macht, wurde aber dann 1998 aus gesundheitlichen Gründen aus seinem Amt als erster Sekretär der Kim Il Sung Socialist Youth League entlassen. Er blieb dann bis 2006 in der Versenkung, als er als „chief secretary of the North Hwanghae Provincial Committee of the Workers‘ Party of Korea“ wieder auftauchte. Den Job machte er auch weiter, bis er im Rahmen der Parteikonferenz als Sekretär des Zentralkomittees der Partei nach Pjöngjang zurückkehrte. Wer den KCNA Artikel über die Beförderung Kim Jong Uns und seiner Tante zu Generälen genau gelesen hat, dem ist vielleicht auch der Dritte Name in der Reihe in Erinnerung geblieben sein. Choe Ryong-hae.

Choe Yong-rim kann man getrost in die Kategorie „Wichtiger alter Recke“ (Sekretariat des Politbüros) einordnen, der halt öfter mal dabei ist wohingegen Kim Jong-gak ja in letzter Zeit eine steile Karriere hingelegt hat. Er ist Mitglied der National Defence Commission und „first vice department director of the KPA General Political Bureau“ (mir ist die Tatsache ins aufgefallen, dass bis vor ein paar Monaten bei seiner Amtsbeschreibung immer ganz selbstverständlich der NDC-Job vorne stand. In letzter Zeit wird der aber öfter mal ganz weggelassen. Ob das was zu sagen hat?) und dort ein möglicher Nachfolger des kürzlich verstorbenen Jo Myong-rok.

Kim Yong-nam, einer der wichtigen alten Männer der nordkoreanischen Politik wird solange er noch kann öfter mal an der Seite der Kims zu sehen sein, immerhin sitzt er im Sekretariat des Politbüros. Ju Kyu-chang ist ebenfalls ein alter Vertrauensmann Kim Jong Ils, von dem auch vermutet wird, dass er in das nordkoreanische Raketenprogramm verwickelt ist. Choe Thae-bok ist eine konstante Größe in der außenpolitischen Abteilung der Partei. Interessant wiederum ist Pak To-chun. Der war bis zur Parteikonferenz Vorsitzender des Provinzkomitees der Partei in der Jagang Provinz, aber ansonsten ein sehr unbeschriebenes Blatt. Er kam im Rahmen der Parteikonferenz als alternierendes Mitglied des Politbüros und arbeitet als secretary des Zentralkomitees der Partei. Den Job haben auch einige andere, die Meisten tun aber noch was anderes daneben. Er nicht, wenn man KCNA glauben darf.

Auch U Tong-chuk (68) ist nicht uninteressant. Auch er hat eine recht steile Karriere hingelegt, denn vor 2009 hat er keine wichtigen Ämter bekleidet, während er es seitdem zum Mitglied der NDC gebracht hat und darüber hinaus stellvertretender Minister für Staatssicherheit und ist damit eine große Nummer bei den Geheimdiensten. Auch nicht uninteressant finde ich, dass er ausgebildeter Philosoph (also um genau zu sein die nordkoreanische Version von „Philosoph“) ist. Wenn Kim Jong Un bahnbrechendes zu Juche hinzufügen will braucht er wohl solche Leute. U wird mit Jang Song-thaek in Verbindung gebracht.

Kim Yong Il ist ein erfahrener Diplomat und schon lange dabei obwohl er mit seinen 63 Jahren noch relativ jung ist. Auch Kim Yang-gon, der bis 2001 die internationale Abteilung des Zentralkomitees der Partei unter sich hatte, bevor er für vier Jahre von der Bildfläche verschwand und seit 2005 wieder höhere Ämter erlangt hat ist eher ein erfahrener Mann und schon lange in Pjöngjang. Noch interessanter finde ich allerdings Mun Kyong-dok. Der ist erst 53 und hat momentan eine Position inne, die übersetzt wohl sowas wie Bürgermeister von Pjöngjang ist. Er scheint sehr eng mit Jang Song-thaek verbunden zu sein. Er hat scheinbar eine wichtige Rolle beim Knüpfen von Jangs Beziehungs- und Loyalitätsnetzwerk geknüpft und war zusammen mit Jang bis 2006 von der Bildfläche verschwunden. Jetzt ist er aber zurück, ist jung (naja, jedenfalls nicht alt) und hat Beziehungen. Da könnte noch was kommen. Auch Thae Jong-su (74) und Kim Phyong-hae (69) sind interessante Kerle mit Biographien, die sich ein bisschen ähneln. Beide waren bis vor einiger Zeit nämlich Sekretäre in Provinzkomitees der Partei. Thae kam im Juni aus der Süd-Hamgyong Provinz war allerdings davor schon ein altbekanntes Gesicht in Pjöngjang. 2007 wurde er zum stellvertretenden Premierminister ernannt. Kim kam im September aus Nord-Phyongan. Beide haben Jobs in der Partei bekommen und scheinen Potential zu haben.

Wer war mit Kim in China? Surprise – Surprise…

Kurz hab ich mir auch noch angeschaut, wer Kim Jong Il auf seinen beiden Reisen nach China in diesem Jahr begleitet hat. Die Meisten die genannt wurden waren bei beiden Visiten dabei und bis auf Vier, stehen alle die in China mit dabei waren auf der Liste. Mit von der Partie waren auch vier damalige Parteifunktionäre aus den Provinzen. Choe Ryong-hae, Pak To-chun, Thae Jong-su und Kim Phyong-hae (von anderen Provinzkadern war nichts zu lesen). Also die vier die jetzt öfter mal Kim Jong Il und seinen Sohn in Pjöngjang begleiten. Von denen ist Choe sicherlich der Interessanteste, wegen der Generalbeförderungssache, weil er noch jung und mit Kim Jong Il schon lange verbunden ist.

Was man daraus über die Nachfolge lernen kann

Aber natürlich wird bei der Betrachtung der Biografien auch deutlich, dass viele Leute in die erste Reihe geholt wurden, die man vorher nicht so auf dem Zettel hatte, eine kleine „provinzielle Frischzellenkur. Das hat unter anderem mit der inneren Stabilität des Regimes zu tun. Wenn man keine Chance sieht ins Zentrum zu kommen, gibt es wenige Gründe für Loyalität dem Regime gegenüber. Daher ist es unabdingbar, dass ein Aufstieg möglich bleibt. Aber das gerade jetzt so viele Leute aufsteigen hat wohl auch mit Kim Jog Uns Nachfolge zu tun. Diejenigen die nach Pjöngjang geholt werden, können genutzt werden die alten Netzwerke aufzubrechen und es dem jungen Kim ermöglichen einen neuen Führungskern zu errichten. Sie sind nicht so sehr von den Hauptstadtränken tangiert und haben weniger bestehende Bindungen am Hofe. Das Risiko das sie falsch spielen ist also geringer. Das heißt aber nicht, dass die Alten Eliten samt und sonders verstoßen werden müssen. Ein Teil des Problems löst die Zeit von selbst, denn es sind ja tatsächlich alte Eliten. Der Rest muss sich anpassen und in die neue Ordnung einreihen. Eine schwierige Phase und je länger Kim Jong Il die Fäden in der Hand halten kann, desto stabiler wird der neue Führungskern.

Ich habe mir eben mal überlegt, worin die Schwierigkeit der aktuellen Situation besteht und so wie ich das sehe, gibt es da mindestens zwei Probleme, die eng miteinander verknüpft sind. Das erste ist eher grundsätzlicher Natur. Bei autoritären Regimen gibt es, wie man ja auch in diesem Fall sehen kann, Schwierigkeiten die Eliten zu erneuern. Das Problem ist, dass der Herrscher oder das Herrscher-Team wenig Anlass hat, die tragenden Eliten auszuwechseln. Einerseits haben sie sich als loyal und brauchbar erwiesen und wenn man neue Leute nach oben lässt, weiß man nicht was man kriegt. Andererseits ist es aber auch schwierig, Leute die es mal nach oben geschafft haben, wieder zu entfernen. Das schafft Unzufriedenheit und vielleicht sogar Widerstand. Deshalb kann nur in extremen Fällen auf Degradierung oder „Verbannung“ zurückgegriffen werden. Daher gibt es einen Stau oder eine Aufblähung an der Spitze. Es gibt eben keine Spielregeln wie in Demokratien, die es eine Fluktuation an der Spitze ermöglichen. Allerdings braucht das Regime aber auch einen Mittelbau, der die Befehle ausführt, weitergibt und kontrolliert. Da aber nur begrenzter Platz und vor allem begrenzte Ressourcen vorhanden sind, ist eine permanente Aufstiegsbewegung nicht möglich. Für diejenigen die sich im Mittelbau befinden ist es recht demotivierend, wenn es keinen Aufstieg geben kann. Es muss also auch eine Perspektive nach oben geben, um das Funktionieren des Mittelbaus zu garantieren. Eine recht schwierige Aufgabe, die Pjöngjang aber bisher erfolgreich gemeistert hat.

Nun steht Pjöngjang aber vor einer weiteren, kurzfristigen Aufgabe. Die Macht muss weitergegeben werden. Und da werden etablierte Elitengruppen zu einem noch größeren Problem, als sie das ohnehin schon sind. Auf den ersten. Für diejenigen die zum alten Machtkern gehören, besteht die Gefahr, dass sie unter einer neuen Führung ihre Position (oder mehr) verlieren. Daher könnten sie sich gegen eine solche Führung stemmen, die nicht glaubhaft machen kann, dass sie weiterhin gut leben können, auflehnen. Außerdem könnten sie versuchen möglichst nah an die Führung zu gelangen, um vielleicht noch besser zu leben, oder um sich abzusichern. Netzwerke und Kontakte, die umso intensiver sind, je länger diejenigen zur Führung gehörten, können da dienlich sein. Daher stellen die alten Eliten für jede neue Führung ein Gefahr da und sie müssen entweder auf absolute Loyalität eingeschworen werden oder – die sicherere Alternative – so geschwächt werden, dass sie der neuen Führung so lange nicht gefährlich werden können, bis sie ihre Macht konsolidiert hat. Dementsprechend ist es in der Vorbereitung der Machtübergabe nötig, dass Teile der alten Eliten ausgetauscht oder ihre Netzwerke geschwächt werden. Das kann man ganz gut erreichen, wenn man neues Personal einführt, das loyal ist und es strategisch so platziert, dass die alten Netzwerke nicht mehr ungestört funktionieren können. Allerdings weiß man bei neuen Leuten natürlich nicht wirklich, ob sie loyal sind. Also auch hier ein Risiko. Aber immerhin hat man ihnen den Aufstieg ermöglicht. Womit man auch wieder das Problem des Elitenstaus ein bisschen mildert, denn der Mittelbau sieht: Aufstieg ist möglich (Vielleicht wurden Ämter in der Partei aus diesem Grund teilweise nicht aufgefüllt. Um Platz für einen neuen Führungskern zu lassen). Gleichzeitig wird der Aufstieg mit der neuen Führung, nicht der Alten, Verbunden. Also gelten auch ihr die Loyalitäten. Der Wechsel in Pjöngjang läuft nach einem Plan ab der diese Tatsachen beachtet. Das ist aber noch kein Erfolgsgarant, da sehr viele Unsicherheitsfaktoren weiter bestehen.

Wie genau alles zusammen passt und gehört, das wissen die Leute in Pjöngjang vielleicht selbst nicht, deshalb will ich da garnicht rumrätseln. Aber immerhin ist die Liste von „high potentials“ die man im Auge behalten sollte wieder etwas länger geworden. In der jetzigen Phase ist es wirklich mal spannend im Auge zu behalten wer aufsteigt und wer verschwindet (wie man sieht, kommen manche davon wieder) oder stirbt und was die neu Aufgestiegenen machen. Denn jetzt wird das neue Team aufgestellt und die personellen Weichen gestellt.

Clinton macht den Carter, oder: Die Reise nach Pjöngjang und jüngste Zeichen der Entspannung. Hintergründe und Zusammenhänge.


In den vergangenen Wochen haben sich die Beziehungen Nordkoreas sowohl zu den USA als auch zu Südkorea erheblich verbessert. Diese bisher kurze aber heftige Entspannungsphase folgt auf eine Periode sich stetig verschlechternder Beziehungen der DVRK mit den beiden anderen Staaten.

Was war…

Mit Südkorea kühlten sich die Beziehungen seit dem Amtsantritt Lee Myung-baks im Februar 2008 ab. Dies ist unter Anderem mit der veränderten Haltung Lees, der die Annäherungspolitik die seine beiden Vorgänger gegenüber Nordkorea betrieben hatten, beendete, zu erklären. Das Ende des Tourismusprojektes im Kumgangsan nach der bisher nicht vollständige geklärten Erschießung einer südkoreanischen Touristin durch einen nordkoreanischen Soldaten und die strengere Haltung bezüglich des Kaesong Industrieparks, einem Kooperationsprojekt in dessen Rahmen südkoreanische Investoren auf nordkoreanischem Boden nordkoreanische Arbeiter beschäftigen, sind deutliche Belege dieser erkalteten Beziehungen. Daneben sorgten die Raketentests im April diesen Jahres und der Nukleartest am 25. Mai 2009 zu verschärften Beziehungen Nordkoreas mit annähernd allen Staaten der Welt, insbesondere aber den USA. Schon durch die Verhaftung der beiden Reporterinnen Euna Lee und Laura Ling nach einem angeblich nicht genehmigten Grenzübertritt am 17. März diesen Jahres, waren die Beziehungen zu den USA stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Schon kurz nach der Verhaftung der beiden asiatischstämmigen Frauen wurde über Zusammenhänge zwischen der angespannten Situation zwischen den USA und Nordkorea rund um den angekündigten Test einer Interkontinentalrakete und der Festnahme sowie dem angekündigten Verfahren gegen die beiden Frauen spekuliert.

Nach der Verurteilung zu zwölf Jahren in den berüchtigten nordkoreanischen Arbeitslagern (zur näheren Information hierzu kann sowohl der recht ausführliche Beitrag auf One Free Korea dienen, bei weiterem Interesse aber auch der hervorragende Bericht The Hidden Gulag von David Hawk.) wurde eine Art Menschenpoker wahrgenommen, in dem Nordkorea gute Karten zu haben schien. (Allerdings wurden die Karten scheinbar als nicht so gut wahrgenommen wie sie tatsächlich waren, denn damals wurde „nur“ mit einer Entsendung des etwas umstrittenen äußerst kontrovers diskutierten demokratischen Gouverneurs von New Mexiko Bill Richardson oder des Ex-Vizepräsidenten Al Gore gerechnet.) Wie gut Kims Blatt wirklich war, zeigte sich jedoch, als Anfang August diesen Jahres nicht Al Gore, sondern sein ehemaliger Chef in Pjöngjang eintraf und sozusagen „den Carter machte„. Dieser hatte 1994 mit seiner Vermittlungsreise nach Pjöngjang das Genfer Rahmenabkommen ermöglicht, dass zu einer zwischenzeitlichen (aber wie wir ja wissen nicht besonders nicht im geringsten nachhaltigen) Beilegung des Konfliktes um das nordkoreanische Nuklearprogramms geführt hatte. Sicher ist, dass Clinton wie Carter vor 15 Jahren die offensichtlichen Ziele seiner Mission erreicht hat. Allerdings begann schon unmittelbar nach der Heimkehr der beiden Journalistinnen und ihrem prominenten Chauffeur eine heiße Diskussion (hierzu zum Beispiel DPRK Forum oder auch One Free Korea, mit etwas harscherer Meinung, oder wer es gerne (etwas) „seriöser“ (sprich durch den Online Ablegers eines Printmedium mit bedeutender Auflagenzahl publiziert) mag: Spiegel Online) um den Preis dieser Mission, denn schließlich lässt sich für das (mal wieder) isolierte Kim Regime kaum etwas besser vor den Propagandakarren spannen, als ein echter Ex-Präsident des imperialistischen Erzfeindes, der als Bittsteller nach Pjöngjang kommt. (Für einen echten Präsidenten, was unzweifelhaft noch besser wäre, braucht es wohl noch etwas mehr als zwei Journalistinnen, vor zehn Jahren soll der Preis dafür sich auf das Ende eines Raketenprogrammes belaufen haben, aber es ist ja eine Binsenweisheit, dass in Nordkorea die Preise (jedenfalls auf außenpolitischem Parkett, wie das auf den Märkten im Land aussieht, darüber können wir ja ein anderes Mal sprechen) stark schwanken) 

Also warum hat Clinton das gemacht? Wollte er Kim Jong Il etwas Gutes tun und hat ihm deshalb den  Propagandaerfolg gewährt? Ist sein Saxophon kaputt und er muss sich jetzt anderweitig beschäftigen? Oder wollte er nur beweisen, dass er auch ohne seine Frau ganz nah hinter sich zu haben etwas erreichen kann? Das sind zwar alles recht schlüssige irgendwie interessante Erklärungen, allerdings muss es da noch etwas anderes geben. Die entscheidende Frage ist hier wohl eher: Warum hat man Clinton das machen lassen? Tja, vermutlich weil es um mehr ging, als „nur“ um zwei Journalistinnen (natürlich kann man die nicht in einem nordkoreanischen Gulag verrotten lassen, allerdings hätten die bei Bedarf (alles eine Frage des Preises, in diesem Falle vermutlich in harter Währung zu entrichten) auch etwas leiser in ihre Heimat zurückgeführt werden können).

…was ist…

Tja und da sind wir schon im hier und jetzt eingetroffen, nach einem mehr oder weniger ausgiebigen Ritt durch die Vorgeschichte. Was fällt uns hierzu ein? So einiges würde ich mal sagen: Die Düsen des Flugzeuges mit dem die beiden Journalistinnen gelandet waren, dürften kaum abgekühlt gewesen sein, da (genauer am 10. August) war auch schon die aktuelle Chefin von Hyundai Hyun Jeong-eun auf dem Weg nach Pjöngjang um die Projekte in Kaesong und im Kumgansan, sowie die Familienzusammenführungen zwischen nord- und südkoreanischen Familien, die im Koreakrieg getrennt worden waren und die Seit längerem ausgesetzt waren, wieder auf die Bahn zu bringen. Gleichzeitig fällt in die Zeit ihrer Anwesenheit in Nordkorea auch die Freilassung eines seit über 5 Monaten in nordkoreanischer Haft befindlichen Mitarbeiters von Hyundai Asan, die im Kaesong Park tätig war. Anders als der Fall Lee/Ling war diese „Geiselnahme“ zwar in den westlichen Medien mit weniger Aufmerksamkeit bedacht worden, jedoch ein bedeutender Streitpunkt zwischen Nord- und Südkorea. Diesem ersten Schritt der Annäherung (wenn auch nicht vollständig, da mit einer vierköpfigen südkoreanischen Besatzung eines Fischerboots, die Ende Juni die Seegrenze zu Nordkorea überschritten hatten, weiterhin „Geiseln“  in nordkoreanischer Hand verbleiben (Jaja ich weiß… Siehe unten!)) folgte bereits wenige Tage später der Nächste. Eine nordkoreanische Kondolenzdelegation unter Führung des  Sekretärs des Zentralkomitees der Arbeiterpartei Koreas Kim Ki-nam, offiziell entsandt um das Beileid des Kim Jong Ils für den Tod Kim Dae-jungs zu überbringen, traf zuerst mit dem südkoreanischen Minister für Vereinigung zusammen, um schließlich auch Lee Myung-bak persönlich eine Botschaft von Kim Jong Il zu überbringen. Und dann liest man heute (na ja fast heute, aber: s.u.!) noch das hier. Was soviel heißt wie: Nordkorea ist scheinbar wieder bereit über sein Nuklearprogramm zu sprechen, was kurzfristig sicherlich als Fortschritt gelten kann (auch wenn diese Gesprächsbereitschaft bisher langfristig keine Veränderungen am Fortschreiten des Programms gebracht hat). Andererseits deuten Überlegungen der USA eine hochrangige Delegation unter Chefunterhändler Bosworth nach Pjöngjang zu schicken darauf hin, dass man in Washington das beharren auf den Sechs-Parteien-Gesprächen als einzigem Kommunikationskanal langsam aufzugeben scheint. Sollte ein solches Treffen in Pjöngjang tatsächlich stattfinden, so können die Beziehungen zwischen Nordkorea und den USA als besser beschrieben werden, als sie in der Amtszeit George W. Bushs je waren.

…und was gewesen sein könnte

Liest man nun all dies, und macht man sich klar, dass es innerhalb weniger Wochen sowohl mit den USA als auch mit Südkorea zu wesentlich verbesserten Beziehungen gekommen ist, eingeläutet vom Besuch Bill Clintons, so ist zumindest die Frage berechtigt, ob dies alles nicht irgendwie zusammenhängt. Na gut, der Tod Kim Dae-jungs hängt vermutlich sicherlich mit nichts von alledem direkt zusammen, aber der Besuch der Delegation und das Treffen mit Lee Myung-bak war wohl eher kein Zufall (und zeigt zudem, dass das angeblich erstarrte und von Machtkämpfen zerrüttete Regime in Pjöngjang mit erstaunlicher Präzision und Schnelligkeit auf nicht vorhersehbare kurzfristige Entwicklungen reagieren kann). Da der Besuch Clintons zeitlich am Anfang dieser rapiden Entwicklung stand, könnte die Antwort auf die Frage warum man ihn nach Pjöngjang schickte Folgende sein: Das war der erste Teil eines Handels, der weitaus weiter reichte, als nur zu einem ex-Präsidenten und zwei Journalistinnen, und in irgendeiner Art die oben beschriebenen Entwicklungen beinhaltete.

Ich weiß ja! Weit gesponnen, aber es fällt mir persönlich schwer, solche Koinzidenzen als Zufälle zu verbuchen. Sicherlich werden die nächsten Wochen zeigen, ob es weitere Schritte geben wird, die ein Aufeinanderzugehen Nordkoreas auf der einen und Südkoreas und der USA auf der anderen Seite implizieren. Dumm nur, dass die Frage über Inhalte eines möglichen Deals vermutlich nie ganz beantwortet werden wird (auch wenn Bill, Euna und Laura jeweils ein Buch zu der Story schreiben (nicht unwahrscheinlich)). Das oben Beschriebene wirft außerdem noch eine weitere Frage auf. Sind die Geschehnisse der letzten Wochen Glücksfälle? Oder gab es im Vorfeld dieser Annäherung einen Akteur, dessen Ziele sich ungefähr mit den jetzigen Ergebnissen deckten? Und wenn ja: Wen? Ich weiß es nicht und ich weiß auch nicht ob man es wissen kann. Aber ich habe ein Gefühl das mir sagt: Kim Jong Il ist mit dem Verlauf der letzten Wochen äußerst zufrieden und schaut relativ optimistisch in die nächsten Monate. Allerdings gilt es für ihn noch die Profite der Manöver der letzten Monate abzugreifen. Wie gesagt, nur ein Gefühl, vielleicht schreib ich ja später nochmal hierüber.

Wir werden sehen wie es sich weiter entwickelt, aber ich denke, dass es jetzt nochmal ein paar Jährchen dauern wird, bis man in Nordkorea ne neue und verbesserte Taepodong II Rakete zusammengeschraubt hat und nen neuen Nuklearsprengsatz scharf. Und mit der Obama Administration lässt sich ja auch besser umgehen als mit den Jungs von George W. Bush. Von daher wirds vorerst bestimmt wieder etwas friedlicher auf der koreanischen Halbinsel. Aber wie gesagt, lass dich überraschen…

Ach ja und was gewesen sein werden wäre (sollte es diesen Tempus wirklich geben, dann nur für solche Trottel wie mich, die Beiträge schreiben um sie dann erst ein paar Tage später zu veröffentlichen)

P.S. Da sieht man was man davon hat, wenn man nochmal drüberlesen will und dann unerwartet Besuch bekommt. Das wird wohl zu meinem Lernprozess dazugehören. Wir haben jetzt vier Tage Später und es hat sich mal wieder (hätte ich Pfiffikus mir ja auch denken können) einiges getan. Die vier Fischer sind auch schon wieder zuhause  (oder zumindest auf dem Weg dorthin) und die Familienzusammenführungen scheinen vorerst unter Dach und Fach zu sein. Ich nehme das mal als Bestätigung von meinem oben erläuterten ohne jetzt en detail darauf einzugehen.

Aber stopp! Da war doch noch etwas. Was? Man hört nicht viel von den durch die Vereinigten Arabischen Emirate gerade erst aufgedeckten Waffenlieferungen von Nordkorea an den Iran, sondern nur von freigelassenen Fischern und Familienzusammenführungen? Stimmt! Das mag seltsam finden wer will, wenn man bedenkt, dass vor ein paar Wochen vermutlich noch ein Aufschrei der Empörung (vor allem aus den USA) durch die Staatenwelt gehallt wäre. Aber mein Gott, das ist jetzt schon einen Monat her und wie gesagt, die Zeiten ändern sich schnell (und was juckt uns da das Dumme Geschwätz von gestern…) und im Moment kann man solch negatives Geschwätz eben nicht gebrauchen, will man Entspannungspolitik propagieren. Also wird das wohl eher auf kleiner Flamme gekocht werden. So, aber jetzt Schluss mit der Schreiberei und schnell nochmal drüber und dann ins Netz damit, bevor ich noch ein P.P.S. zum Friedensnobelpreis für Kim Jong Il schreiben muss…

Noch eine Sache kurz, zur Entschuldigung sozusagen: Ich wollte eigentlich noch n paar nette Bildchen einbinden, also das übliche Bill mit Kim, Bill mit Euna und Laura am Flughafen Kim mit Hyun Jeong-eun, Kim Ki-nam mit Lee Myung-bak, das übliche halt. Allerdings ist es mir aus irgendeinem Grund in der jetzigen Phase meines Lernprozesses nicht möglich. Das mag an mir liegen, oder an den Programmieren von WordPress, aber ich gelobe Besserung. Ich wird versuchen mir das anzueignen, dass die Augen auch mal was anderes als Buchstaben angucken dürfen. Und bis dahin könnt ihr die passenden Bilder ja per Google Bildersuche ausfindig machen.