UPDATE: Nordkoreas bescheidenerer „sea of fire“: Botschaft oder Aufmerksamkeitsökonomie?


Update (29.11.2011): Kim Myong-chol, der Meister der humoristischen Propaganda, der dankenswerterweise öfter mal was in der Asia Times Online veröffentlicht, hat ebendies heute mal wieder getan und dabei den jüngsten „Sea of fire“ Artikel von KCNA aufgegriffen. Der Kerl hat es einfach drauf, auch an nebeligen Kalten Ekeltagen ein Lächeln auf meine Lippen zu zaubern. Kim hat seinen Artikel anlässlich des Jahrestages des Angriffes auf die Insel Yonpyong verfasst und zählt fünf Lehren auf, die Südkorea und die USA aus dem Zwischenfall ziehen können. Eigentlich das Übliche: Apokalypse, Zerstörung, Untergang, sollten sie sich nicht respektvoll gegenüber Nordkorea verhalten und ihre Provokationen nicht unterlassen. Auch wieder mit dabei: Knackige Originalzitate von Kim Jong Il und Kim Jong Un (wie original sie sind, weiß leider niemand, aber Kim wäre schon mutig, der Führerfamilie einfach irgendwas zuzuschreiben).

„If the Americans were to intercept our satellite-launch rocket, our armed forces shall lose neither time nor mercy in destroying the enemy forces and simultaneously go to the heart of the enemy.“ – Kim Jong-eun

[Sollten die Amerikaner unsere Rakete zum Start eines Satelliten abfangen, soll unser Militär keine Zeit verlieren und keine Gnade bei der Zerstörung der gegnerischen Truppen bis ins Herz des Feindes walten lassen. – Kim Jong Un]

„Kim Jong-eun is a great wizard in military operations from asymmetrical and long-range artillery to cyberwarfare.“ – Kim Jong-il

[Kim Jong Un ist ein großer Magier im Bereich von Militäroperationen. Von asymmetrischer Kriegführung und weitreichender Artillerie bis zur Cyberkriegführung. – Kim Jong Il]

Kann es denn amüsanteres geben?

 

Ursprünglicher Beitrag (28.11.2011): Dass sich Nordkoreas Propaganda häufig einer sehr martialischen Rhetorik bedient und es damit immer mal wieder ins Blickfeld der internationalen Medien schafft, ist ja nichts Neues. Einer der Klassiker aus dieser Kategorie ist wohl der „Sea of fire(/flames)“ in den die mächtige Koreanische Volksarmee Seoul zu verwandeln droht, wenn die südkoreanischen Behörden dieses oder jenes Verhalten nicht unterlassen sollten. Mit dieser Drohung schafft es Pjöngjang regelmäßig, von der einen oder anderen Nachrichtenredaktion Aufmerksamkeit geschenkt zu bekommen. Das dürfte auch mit der Tatsache zu tun haben, dass diese Drohung nicht völlig aus der Luft gegriffen ist, sondern durch die massiven Artilleriekapazitäten Pjöngjangs nahe der innerkoreanischen ein unangenehm großes Maß an Glaubwürdigkeit besitzt.

Die „sea of fire“ Drohungen

Am vergangenen Donnerstag befleißigte sich das nordkoreanische Militär allerdings einer ungewöhnlichen „Bescheidenheit“. Entgegen der sonst gebräuchlichen Drohungen wie dieser

If the aggressors launch provocation for a „local war“ the world will witness unprecedented all-out counteraction on the part of the army and people of the DPRK. It will also see such merciless counteraction as engulfing Seoul in sea of flames, whereby to smash every move for confrontation with unimaginable strategy and tactics.

beschränkte man sich dieses Mal auf einen bestimmten Ort in Seoul:

They should be mindful that If they dare to impair the dignity of the DPRK again and fire one bullet or shell toward its inviolable territorial waters, sky and land, the deluge of fire on Yonphyong Island will lead to that in Chongwadae and the sea of fire in Chongwadae to the deluge of fire sweeping away the stronghold of the group of traitors.

Zugespitztes verbales Fadenkreuz

Die „Sea of fire“ Drohung betraf dieses Mal nur das Chongwdae, den südkoreanischen Präsidentensitz. Das finde ich irgendwie schon interessant. Zwar habe ich mich schon immer gefragt, was Pjöngjang genau mit diesen direkten Drohungen gegen Leib und Leben (mal ganz abgesehen vom Besitz) von über 10 Millionen Südkoreanern und damit von etwa einem Fünftel der Einwohner des Landes bezweckt, denn auch wenn man immer durchklingen lässt, dass dieses Feuermeer erst quasi als Zweitschlag entfesselt würde, fällt es mir trotzdem schwer zu verstehen, wie man die Bevölkerung Seouls einerseits vom ehrlichen Willen zur Wiedervereinigung überzeugen will und dann andererseits mit totaler Zerstörung droht. Allerdings konnte man das ja immer als eine Art Erinnerung an die südkoreanische Regierung und die Welt sehen, dass man Nordkorea nicht vergessen sollte und dass Pjöngjang das Potential tatsächlich besitzt, die Region jederzeit in Chaos zu stürzen.

Interpretationen der neuen „Bescheidenheit“

Dass man jetzt nur den Präsidentensitz ins verbale Fadenkreuz nimmt, kann etwas bedeuten, es kann aber auch einfach aus „aufmersamkeitsökonomischen Gründen“ passiert sein. Wenn die Drohung gegen den Präsidentenpalast eine Botschaft transportieren sollte, dann könnte man das durchaus in die Strategie der nordkoreanischen Propaganda einordnen, den Präsidenten Lee Myung-bak als illegitimen Machthaber und Feind des Volkes darzustellen. Die Botschaft wäre dann sowas wie: „Wir wollen nicht der Bevölkerung schaden (indem wir Seoul in ein Flammenmeer tauchen), sondern nur Lee, indem wir seinen Palast in ein Inferno verwandeln.“ Ich bezweifle zwar, dass diese Botschaft bei der Bevölkerung Seouls viel positiver aufgenommen wird, als die Drohung gegen Seoul insgesamt, aber Pjöngjang beweist immerhin, dass man differenziert. Vielleicht könnte man dort auch einen „wahlstrategischen“ Aspekt reinlesen. Pjöngjang wünscht sich mit Sicherheit für die kommende Legislaturperiode einen Präsidenten, der nicht von der GDP kommt. Die eher linken Vorgänger Lees, Kim Dae-jung und Roh Moo-hyun waren für Pjöngjang doch wesentlich „pflegeleichter und entgegenkommender“ als der aktuelle Präsident. Wenn man nun Drohungen gegen Seoul insgesamt ausstieße, dann gäbe man damit den konservativen Politikern Wahlkampfmunition. So aber kann die Drohung  Pjöngjangs als Reaktion auf Lee und seine Politik dargestellt werden und man kann das als Beleg dafür nehmen, dass das Regime kein Problem mit dem südkoreanischen Volk hat, sondern nur mit Präsidenten, die wie Lee Myung-bak agieren. Natürlich wird eine einzelne nicht besonders ernstzunehmende Drohung Nordkoreas nicht als alleinige Stütze in der Argumentation für eine bestimmte Nordkorea-Politik dienen, aber ich kann mir gut vorstellen, dass diese Drohung ein Teil einer nordkoreanischen Kommunikationsstrategie ist, die dem südkoreanischen Volk vermitteln soll: „Wählt nicht nochmal so einen wie Lee!“. Wie gesagt: Das kann sein. Es kann aber auch sein, dass man in Pjöngjang einfach weiß, dass immergleich gecopy-pastete Drohungen und Beschimpfungen irgendwann ihren Aufmerksamkeitsbonus in den internationalen Medien verlieren (das Kind das immer „Wölfe“ geschrien hat). Daher ändert man von Zeit zu Zeit Details, über die Nachrichtenredakteure dann nachdenken können und die damit eine etwas größere Chance auf Verbreitung haben als die Standard-08/15-Drohungen und -Beleidigungen. Wer weiß das schon so genau. Interessant finde ich Nordkoreas neue „Bescheidenheit“ trotzdem.

Öffnung oder ökonomische Orthodoxie: Nordkoreas unklarer Weg in die Zukunft


Die Frage, in welche Richtung Nordkorea sich künftig wirtschaftlich entwickeln will und wird, treibt viele Beobachter des Landes um, denn abhängig von der Wahl, die das Regime in Pjöngjang treffen wird, werden sich auch mögliche Szenarien für politische und gesellschaftliche Entwicklungen des Landes entscheidend verändern. Das Vorgehen und die Signale Pjöngjangs sind dabei schwer durchschaubar und teilweise widersprüchlich.

Gegensätzliche Signale

Einerseits sind Signale der Öffnung zu vernehmen, wie beispielsweise das neue Engagement in den nördlichen Sonderwirtschaftszonen, die Gründung neuer Organisationen zum Gewinnen ausländischer Investoren, die vorsichtige Öffnung für ausländische Medien und der Schritt ins WWW, den das Regime zumindest (staats-)medial geht. Andererseits gibt es aber auch Zeichen, die anzudeuten scheinen, dass das Regime seinen hergebrachten wirtschaftlichen Kurs beibehalten will. Hierzu zählt wohl vor allen Dingen die Währungsreform vom Ende des Jahres 2009, die unter anderem die Weiterentwicklung einer vom Staat unabhängigen Wirtschaft verhindern sollte. Aber auch das Vorgehen am Kumgangsan kann für die Gewinnung neuer Investoren fast nur kontraproduktiv sein, da es deutlich macht, dass die Ökonomie staatlicher Willkür unterliegt, was irgendwann jeden treffen könnte, der Geld in Nordkorea investiert.

Kim Jong Il: Märkte aber keine Marktwirtschaft

Im Blog von Noland und Haggard habe ich kürzlich einige sehr spannende Artikel gefunden, die Reden von Kim Jong Il und Kim Kyong-hui (seiner Schwester) aus den vergangenen Jahren beinhalten. Diese Reden deuten ebenfalls auf künftige „Orthodoxie“ in der Wirtschaftspolitik hin. In einer Anleitungsrede im Juni 2008 (also vor seinem Schlaganfall) sagte Kim Jong Il unter anderem:

[If] one fails to exactly and deeply recognize the party’s ideology and policy with regards to economic planning, that person will have his or her faith in the superior socialist economy shaken and can be dazzled by “reform” or “opening up” that the imperialists brag about and also be captured by the fantasy that the capitalist market economy promises. […]

However, following the practical conditions by using the market to a certain extent while keeping it under national control does not necessarily mean a movement towards market economy. Markets and a market economy are not the same concepts. The question resides in how to perceive and treat the market, and how to use it following [appropriate] principles and direction…”

(Die Koreanische Vorlage gibt es im Originalartikel auch nachzulesen. Was ich ein bisschen schade finde ist, dass die beiden nicht etwas genauer sagen, wo sie das her haben. Gerade bei sowas wäre ein bisschen „Quellenkritik“ nicht schlecht.)

Also Marktwirtschaft ist der falsche Weg und Reformen und Öffnung auch. Einzig eine Anpassung an die praktischen Umstände ist denkbar, indem man die existierenden Märkte nutzt. Allerdings muss immer im Hinterkopf bleiben, dass es einen großen Unterschied zwischen der Existenz von Märkten und einer Marktwirtschaft gibt.

Kim Kyong-hui: Initiative fördern, aber unter der Prämisse der Planwirtschaft

Zum gleiche Thema haben die beiden auch einen Artikel von Kim Kyong-hui, die in der Partei für die Leichtindustrie zuständig ist, ausgegraben (wo auch immer). Der ist ein bisschen unerfreulich zu lesen, aber es gibt ein paar Passagen die bezeichnend sind:

Strengthening the centralized and unified guidance of the state in the socialist economic management arises as a basic demand for improving the economic management in line with the intrinsic nature of socialist society, further consolidating and developing the socialist economic system by bringing the superiority of the socialist planned economy into high play, and accelerating the construction of an economically powerful state. […]

In a capitalist society, the bourgeois state is not able to perform the function of interconnecting the management activities of different enterprises and leading them in one direction. In a capitalist society, the economy moves in a spontaneous manner amid the pursuit of profits and competition based on the law of the jungle due to the conflict of interests between the capitalist class and the working popular masses and among capitalists, and this accompanies the bankruptcy of enterprises.

In contrast, the socialist economy is based on social ownership of the means of production, and it is managed and operated through goal consciousness by the popular masses as the masters. Social ownership of the means of production calls for combining all economic sectors and units into a single production organism, and also for the factories and enterprises comprising its components to move under a unitary command. Realizing planned ties between factories and enterprises and ensuring that the economy operates under a single unitary command are firmly guaranteed by the unified guidance of the socialist state. […]

The initiative of lower units has to be brought into high play in the socialist economic management, but this has to be achieved strictly on the basis of firmly guaranteeing the centralized and unified guidance of the state and within the framework of the socialist planned economy. […] If one moves in the direction of giving a free rein to economic management and enterprise management in an attempt to enhance the initiative of lower units and strengthen their “independence” and “self-reliance,” then the lower units will break way from the unified guidance and control of the state and act as they please, and this will not only bring about tremendous national waste and loss but also make it impossible to neither defend socialism in the economic field nor develop the socialist economy. […]

Strengthening the centralized and unified guidance of the state over the economy in no ways means disregarding the initiative of lower units. The socialist economic construction can be carried out successfully only when the unified guidance of the state is combined correctly with the initiative of lower units. […] If the lower units are restrained based on the opinion that the management activities of each unit should be unconditionally subordinate to the state, then the initiative of factories and enterprises will be suppressed and the production will not proceed smoothly. This is why the centralized and unified guidance of the state over the economy is based on the premise of further enhancing the initiative of lower units.

Auch Kim Kyong-hui sucht nach dem richtigen Weg, Märkte unter den Bedingungen eines sozialistischen Wirtschaftssystems zu integrieren. Nach ihrer Aussage, darf die individuelle Initiative der „unteren Einheiten“ (Individuen, oder?) nicht vollkommen verhindert werden, jedoch muss diese Initiative immer unter der Bedingungen einer staatlichen Planung stattfinden und von dieser auch soweit gefördert werden, dass die Motivation die Produktivität nicht unter dem Gefühl der Arbeiter leidet, einer totalen Planung des Staates zu unterliegen. Auch Frau Kim scheint für eine Adaption an die real existierenden Märkte, aber immer unter der Prämisse staatlicher Planung zu plädieren. Da dieser Artikel kurz vor der Währungsreform erschien, scheint er teilweise eine Vorbereitung und Voraberklärung der Maßnahmen darzustellen.

Rodong Sinmun: Nothing to Reform

Vor zwei Wochen veröffentlichte KCNA dann einen Artikel der Rodong Sinmun. Am besten lässt sich der Artikel wohl mit dieser Zeile zusammenfassen:

The DPRK has nothing to reform or open

Das könnte man natürlich auf Nordkoreas Wirtschaft bezogen jetzt so und so sehen, aber ich glaube die Aussage sollte nicht sein, dass die eigene Wirtschaft quasi inexistent ist und daher nichts da ist, was reformiert und geöffnet werden könnte. Ansonsten beklagt man sich, dass „Reform und Öffnung“ nur weitere Instrumente aus dem Werkzeugkoffer westlicher Mächte sind, um das System Nordkoreas an sein Ende zu treiben. Tja, wenn das auch nicht das einzige Motiv sein, mag, so ist der Gedanke doch nicht vollkommen aus der Luft gegriffen. Außerdem schreibt man in dem Artikel tatsächlich etwas von „economic difficulties“ und einer zu revitalisierenden Wirtschaft. Allerdings lese ich das mehr als Echo der Aussagen der „imperialistischen Mächte“ denn als wahres Eingeständnis. Aber kann man diesem Artikel glauben, so steht beim Regime zurzeit vieles auf der Agenda, aber ganz sicher keine Öffnung und erst recht keine Reformen (jedenfalls nicht wie wir uns das vorstellen könnten).

Ähnliches konnte man auch von meinem Lieblingsmärchenonkel nordkoreanischer Herkunft, Kim Myong-chol, lesen. Der hat mal wieder einen seiner herrlich weltfremden Artikel geschrieben, von denen man nie weiß, ob er die Welt damit vom Humor der Nordkoreaner im Allgemeinen und von sich selbst im Speziellen überzeugen will, ob er glaubt was er da schreibt, oder ob jede Menge Synapsen in seinem Hirn Ziel- und Planlos durch die Gegend feuern. In dem Artikel erklärt Kim mit seiner unnachahmlichen Mischung aus Fiktion, Halbwahrheit und der zusammenhanglosen Kollage von Zitaten aus westlichen Medien, warum „North Korea’s 2012 emergence as an economic power“. Allein aufgrund des Unterhaltungswertes lesenswert, aber ansonsten auch nicht gerade Zukunftszugewandt, schließt man mal den starken Bezug auf Kim Jong Un als Reinkarnation Kim Il Sungs aus.

Das Streben nach ökonomischer Legitimität

Naja, kurz gesagt klingt all das nicht danach, als würde Nordkorea in Bälde versuchen, sich ernsthaft in den internationalen Handel einzufügen und vom eigenen System abweichen. Das läuft auch quer zu meiner Annahme, dass man Kim Jong Un aufbauen würde, indem man ihm die geplante wirtschaftliche Besserung im Land zuschreiben würde. Denn so wird es wohl keine nachhaltige Besserung geben und das wissen auch die Strategen in Pjöngjang. Aber dann habe ich kürzlich noch einen sehr interessanten Artikel von Geoffrey K. See und Andray Abrahamian, die beide bei Choson Exchange mitmachen, gelesen. Die beiden gehen davon aus, dass das Regime beginnt wieder verstärkt auf ökonomische Herrschaftslegitimation zu setzen.

Die Theorie besagt, dass auch ein Regime, das mit eiserner Faust über sein Volk herrscht, seine Herrschaft den Menschen gegenüber irgendwie legitimieren muss. In Nordkorea gibt es dafür (neben der Gewalt, die nur einen gewissen Mangel an Legitimität überdecken hilft) unterschiedliche Quellen. So spielen die Errungenschaften, die die Herrscherfamilie für das koreanische Volk erreichte, eine gewisse Rolle, genau wie Kim Il Sungs Charisma, das man auf Kim Jong Il und jetzt auf Kim Jong Un zu übertragen versucht. Allerdings schleifen sich diese beiden Quellen mehr und mehr ab. Außerdem spielt die Verteidigung des Koreanischen Volks gegen Bedrohungen von außen nach wie vor eine große Rolle, genauso wie vermutlich auch die in der Ideologie (und durch die Indoktrination) verankerten „Glaubenssätze“ und reale „Errungenschaften“ wie der Aufstieg in den Club der Nuklearmächte. Allerdings ist absehbar, dass vor allem der „Glaube“ der Bevölkerung immer weiter abnimmt. Daher ist es notwendig, dass die Legitimation des Regimes auf neue Füße gestellt wird.

Hierfür wäre wirtschaftliche Entwicklung und damit eine reale Besserung der Lebensumstände der Bevölkerung ein adäquates Mittel. Dass das Regime tatsächlich stärker auf ökonomische Legitimation setzen wird, dafür haben See und Abrahamian einige Zeichen ausgemacht. Dazu zählt ein größeres Interesse Kim Jong Ils an wirtschaftlichen Anlagen bei seinen Vor-Ort-Anleitungen, aber auch der größere Wert, der darauf gelegt wird, dass Vertreter des Regimes ausländische Investitionen beschaffen. Vor allem sind aber in den letzten Jahren mehrere, teilweise konkurrierende Organisationen zur Anwerbung von Direktinvestitionen geschaffen worden. Dem würde ich noch die gesteigerten Bemühungen im Rahmen der Sonderwirtschaftszonen und auf den Auslandsreisen Kim Jong Ils (und anderer Regimevertreter?) hinzufügen.

Unterscheidbarkeit zwischen Kim Jong Un und Kim Jong Il schaffen?

Die Praxis spricht also dafür, dass man sich zumindest wirtschaftlich öffnen möchte und dazu bereit ist, auf die Bedürfnisse ausländischer (marktwirtschaftlicher) Investoren einzugehen. Daher will ich meine Idee, die ich hinsichtlich eines möglichen Profils für Kim Jong Un hatte, noch nicht letztendlich verwerfen. Die Unterschiede zwischen den Aussagen Kim Jong Ils und Kim Kyong-huis und der ökonomischen Praxis könnten auch mit dieser Profilbildung zusammenhängen. Wenn man erhoffte positive wirtschaftliche Entwicklungen Kim Jong Un zuschreiben möchte, dann ist es doch sinnig, ihn sozusagen als den „Reformer“ aufzubauen, der in Abgrenzung von den Ansichten seines Vaters die Wirtschaft gemanaged hat und sich durch seine eigenen Sporen verdienen konnte. Wenn der Prozess des wirtschaftlichen Umbaus schon von Kim Jong Il angekündigt und umgesetzt wird, dann kann Kim Jong Un nicht das „Eigene“ daran geltend machen und auch keine eigene Legitimität erringen.  Das ist meine Idee, wie es zu dieser Diskrepanz zwischen Realität und Rhetorik kommt.

Kontrollverlust oder lernen durch Experimentieren?

Der andere Grund wäre, dass ein Prozess im Gange ist, bei dem das Regime nicht mehr vollkommen einheitlich agiert und den das Regime auch nicht mehr gänzlich unter Kontrolle hat. In diese Richtung könnte man auch das entstehen mehrerer Vehikel zur Gewinnung von ausländischen Direktinvestitionen deuten. Allerdings könnte man darin wie auch im parallelen Engagement in mehreren SWZs einen Prozess des marktlichen Wettbewerbs und Experimentierens im Regime begreifen. Sieht man das so, dann könnte es tatsächlich sein, dass Nordkorea nach langem Zaudern tatsächlich in einer gewissen Weise dem chinesischen Modell des „lernenden autoritären Systems“ wie es Sebastian Heilmann in diesem Text nennt, folgt (lest den Text mal durch, da gibt es durchaus ein paar Berührungspunkte, die aktuell auf eine solche Entwicklung hindeuten könnten. Und solltet ihr das anders sehen, ist er doch interessant).

Im Endeffekt gilt es abzuwarten, was tatsächlich hinter den Aktivitäten Pjöngjangs im wirtschaftlichen Bereich steckt und ob man der orthodoxen Rhetorik glauben muss. Ich bin relativ guter Hoffnung, dass das Regime die Zeichen der Zeit erkannt hat und nicht noch einmal zwanzig Jahre versuchen wird, sich auf Kosten der Wirtschaft und der Bevölkerung, quasi ohne jede wirtschaftliche Entwicklung, durchzumogeln.

Artikel in der Asia Times: Ein nordkoreanisches Horrorendzeitgossipmärchen mit Zitat von Kim Jong Un


Zeitungen wollen ja nicht ausschließlich Information liefern, sondern ihren Lesern quasi ein rundum-sorglos-Paket anbieten. Die meisten Zeitungen haben dafür Karikaturisten, Comiczeichner, Franz-Josef Wagner oder andere spaßige Gesellen in ihren Reihen. Die Asia Times hingegen hält das ultimative Unterhaltungsangebot bereit. Sie lässt von Zeit zu Zeit Kim Myong-chol einen Artikel veröffentlichen. Kim ist das wohl prominenteste Sprachrohr des Regimes in Pjöngjang (ich habe mich nach dem Untergang der Cheonan schonmal mit einem seiner Artikel beschäftigt) und versteht sich hervorragend auf das sprachrohr Geschäft. Seine Artikel bieten eine Mischung aus dem üblichen KCNA-Charme (Drohungen und Beleidigungen), Gruselgeschichte und Endzeitmärchen, die diesesmal auch noch mit ein bisschen „Pjöngjang Klatsch und Tratsch“ vermengt wurde. Aber nun zum Inhalt des Artikels.

Kim leitet den Artikel geschickt ein mit Zitaten einiger berühmter Generäle, die eine herausragende Rolle für die Geschicke der Koreanischen Halbinsel spielten: Omar Bradley, Mark Clark, Douglas McArthur und Kim Jong Un. Was? Kim Jong Un? Ja, ihr habt richtig gelesen. Bei Kim Myong-chol ist damit wohl erstmals ein quasi offizielles Zitat des designierten Nachfolgers Kim Jong Ils zu lesen. Naja und weil es sich hier um ein Horrorendzeitgossipmärchen handelt, klingt dieses Zitat Kim Jong Uns auch ziemlich martialisch:

Should the US and South Korea disregard our repeated warnings to unleash war, we must lose no time in going to the heart of the enemy to show them what it is like to fight nuclear war on their own land.

Eine klare Ansage, auf die ein klarer Text folgt. Nach einer sehr kurzen Charakterisierung Kim Jong Uns (er kommt scheinbar ganz nach dem Vater),

Kim Jong-eun given an opportunity to prove his unprecedented military genius

sowie seiner Rolle im Regime,

He would preside over the evaporation of the world’s sole superpower in the first thermonuclear exchange ever fought on the spaceship Earth.

Acting for supreme leader Kim Jong-il, the young general is one click away from issuing a long-awaited order to the Korean People’s Army’s (KPA) shiny and sleek, quick-response global strike force. This would see the torching of the bulwark of the US empire, the skyscrapers of New York City and other centers of metropolitan America.

kommt der Autor aber erstmal zu eher technischen und weniger horrormäßigen Angelegenheiten. Er versucht die Schuld für den Granatenbeschuss der Insel Yonpyong Südkorea in die Schuhe zu schieben (Das versucht man ja zurzeit täglich in Nordkoreas Medien) und auch alles was jetzt sonst noch passieren könnte (also zum Beispiel der erste Thermonukleare Krieg auf dem Raumschiff Erde). Dazu hat er sich nach eigenem Bedarf Ausschnitte von Artikeln westlicher Medien zusammengeschnipselt, die bei völliger Ignoranz des Kontextes, in dem diese Schnipsel standen, tatsächlich so etwas wie eine logische Argumentationskette ergeben und darüber hinaus vermuten lassen könnten, all diese Medien seien eher auf der Seite Nordkoreas (erstaunlicherweise werde sicherlich ein paar Minderbemittelte/Verblendete/ich-weiß-nicht-was-mit-ihnen-nicht-stimmt Leute in diversen Foren und Freundschaftsverbänden dieser Argumentation eins zu eins folgen).

Dann kommt der gleichermaßen humorige wie gruselige Abschlussteil. Auch der baut in großen Teilen auf der Rezeption westlicher Medien auf. Der Autor hat nämlich ein paar der vielen Horrorgerüchte die so kursieren genommen, ausgeschmückt und zu einem „Nordkorea ist unbesiegbar Gesamtkunstwerk“ zusammengeführt.

Emerging as the fourth most powerful nuclear weapons state after the US, Russia and China, North Korea has several hundred nuclear warheads in its arsenal, including plutonium and uranium-based hydrogen bombs, neutron bombs, nuclear mines and shells.

North Korea has about 8,000 ultra-modern centrifuges operating at underground sites, churning out highly enriched uranium (HEU) like hot cake.

Even one look at them seems to have petrified Dr Siegfried Hecker, the American nuclear scientist whose jaws dropped at a sight of a mere 2,000 above ground during his visit to a plant in November.

Ein ganzschön ausgefeiltes Arsenal schreibt er den Nordkoreanern da zu. Die scheinen Frankreich und Großbritannien schon weit hinter sich gelassen zu haben. Ach, und 8.000 Gaszentrifugen. Das deckt sich ja hervorragend mit dem Gerücht von den drei oder vier Urananreicherungsfabriken. Man nehme die 2.000 aus Yongbyon, multipliziere mit vier, et voila…

Und so geht das in einem fort:

Fortress North Korea can withstand thermonuclear strikes and shoot down 80-90% of enemy warplanes, missiles and cruise missiles.

Fortress North Korea can easily sink nuclear-powered American aircraft carriers and reach metropolitan US with long-range missiles.

Ganzschön optimistisch!

Its electronic warfare units are capable of playing havoc with the enemy infrastructure of command, control and communications. In the most important development, as a member of the elite space and nuclear clubs, North Korea has the ability to inflict merciless retaliatory strikes on the remotest strategic target on the American mainland, nearly half the earth away.

Die Hackerbrigaden kenne ich doch irgendwoher. Ach ja. Mit dem Internetauftritt von KCNA haben diese Elitenerds jedenfalls nichts zu tun.

It will only take Kim Jong-eun a couple of minutes to turn Seoul into a sea of fire, five minutes to torch Tokyo, and 15-20 minutes to evaporate New York and Washington in a „day-after“ scenario.

Der Film ist wirklich gut (kam kürzlich auf RTL 2 glaub ich, da hab ich mir den Schinken mal angeguckt obwohl ich Katastrophenfilme eigentlich nicht mag), obwohl er ziemlich erschreckend ist. Aber passt ja zum Artikel.

Bombing one nuclear power station would render the Japanese archipelago and South Korea uninhabitable. Doing the same to the US may require bombing one plant on its west coast and another on its east coast.

Hier frage ich mich allerdings, was mit Nordkorea ist. Aber wahrscheinlich wird man dort einfach ein paar Tausend Jahre in den Bunkern sitzenbleiben.

Nothing is easier than bombing a power plant on a coastline. There is no need to use a ballistic missile. Primitive means will do the job.

Der Fein dist schon unter euch…

Zum Abschluss trägt Kim Myong-chol nochmal mit einem düster grollenden Unterton die Hauptgründe vor, aus denen sein Land unbesiegbar ist, Kim Jong Il und sein junger General:

The moment of truth will come sooner than originally expected, vindicating the validity of the military-first policy mapped out by Kim Jong-il and demonstrating how wise the Korean people are in selecting Young General Kim Jong-eun as heir to the supreme leader.

Also gegen diesen Text stinkt wohl alles ab, was von KCNA in den letzten Wochen geschrieben wurde. Der Autor versteht sich aufs Drohen und er versteht sich darauf, konkrete und nicht unmögliche Szenarien zu zeichnen. In einem anderen Leben hätte er vielleicht Drehbücher für irgendwelche Endzeitthriller schreiben können. In diesem Leben droht er im Auftrag Kim Jong Ils. Dabei bewegt er sich permanent auf dem schmalen Grad zwischen Parodie auf die westlichen Medien (denn eine Vielzahl der Fähigkeiten die er bei seinen Drohungen aufzählt, wurden dort erfunden und das dürfte er wohl wissen) und glaubwürdigen Drohungen. Denn wer kann sicher sein, dass man im Zweifelsfall nicht doch mal ein Atomkraftwerk im Süden oder in Japan bombardieren wird? Dadurch funktioniert Kims Artikel ähnlich einem Horrorfilm. Als Mischung zwischen Unterhaltung und Grusel. Und auch noch Kim Jong Uns hervorragenden militärischen Genius, sowie seine unbedingte Entschlossenheit in Form eines Zitats in den Artikel einzubeziehen. Damit hat der Autor auch für die society Interessierten etwas reingepackt.

Wer hat die Cheonan versenkt? Pjöngjang lässt Gegendarstellung veröffentlichen


Nachdem sich die Medien in Südkorea und darüber hinaus mehr und mehr auf Nordkorea als Verursacher des Untergang der Cheonan eingeschossen haben, jedes Wort, dass Südkoreas Regierung äußert auf die Goldwaage legen und überall Hinweise auf Nordkorea finden, es aber noch immer keine schlussendlichen Beweise gibt, hat Nordkorea nun eine Art Gegendarstellung veröffentlicht. Und zwar nicht über die üblichen Kanäle (dementsprechend fehlt auch der KCNA-Jargon in dem Begriffe wie „warmongers“ oder „puppet regime“ dominieren vollständig). Fast könnte man meinen, dass es sich bei dem Beitrag in der Asia Times Online (erscheinnt in Hong Kong) um einen ganz normalen Artikel handle, wenn, ja wenn da nicht der Inhalt wäre, der so gar nicht zu allem Anderen passt, dass bisher über den Cheonan-Zwischenfall veröffentlicht wurde. Es werden vier „Fakten“ aufgezählt die belegen sollen, dass Nordkorea nicht für die Katastrophe verantwortlich sein kann. Dann werden sieben „Fakten“ aufgezählt, die nahelegen, die Cheonan sei im „friendly fire“ gesunken. Der Schlussabsatz der mit dem guten Rat beginnt, doch eine alte Mine für die Katastrophe verantwortlich zu machen verfällt dann doch wieder etwas in den KCNA-Stil (Aber lange nicht mehr gehört von dem guten alten „sea of fire“).

The best solution is for the South Korean government team investigating the ship disaster to find an old mine responsible. It is easy to falsely accuse North Korea, but public pressure will mount for military reprisals against North Korea, which will promptly react by turning Seoul into a sea of fire in less than five minutes. North Korea would not flinch from using nuclear arms in the event of US involvement.

Natürlich ist der Autor nicht irgendein x-beliebiger Journalist, der sich eine andere Meinung gebildet hat. Nein, Kim Myong-chol hat einen Doktortitel von Nordkoreas academy of social sciences und trat schon öfter als „Sprachrohr Kim Jong Ils“ in Erscheinung. Naja, jetzt kennt man zumindest die Meinung der anderen Seite (oder das was die Meinung der anderen Seite wäre, hätte man nicht doch die Cheonan versenkt (aber wer weiß es)).

Kurz will ich mich noch dazu auslassen, warum ich mich so beharrlich weigere der Meinung der meisten Medien zu folgen und zu sagen: „Ja, das muss Nordkorea gewesen sein.“ Irgendwie erinnert mich die Berichterstattung an das, was die Medien im Vorfeld des Irakkrieges produziert haben (ich will jetzt nicht sagen, dass die Berichterstattung unbedingt als Kriegsvorbereitung dienen soll, also  nicht falsch verstehen). Es gibt keine Fakten, keine Beweise, sondern nur irgendwelche schwammigen Aussagen von Amtsträgern die dann in griffige Überschriften umgeformt werden oder irgendwelche anonymen Aussagen von ominösen Informanten. Was bis jetzt öffentlich gemacht wurde, lässt noch keine Schlüsse zu. Trotzdem werden welche gezogen. Es werden einfach Geschichten konstruiert. Vor dem Irakkrieg war ich auch sicher, dass es da Massenvernichtungswaffen und wahrscheinlich sogar irgendwelche Terrorverbindungen geben würde. Aber wir wissen ja wie es wirklich aussah. Wenn ein Bericht veröffentlicht wird, der harte Beweise gegen Nordkorea liefert lasse ich mich überzeugen, aber ansonsten bleibe ich misstrauisch. (Obwohl das mit den Berichten ja auch so ne Sache ist. Ich kann es heute noch nicht wirklich fassen, was für eine Nummer die US-Regierung vor dem Irakkrieg vor dem UN-Sicherheitsrat hingelegt haben: Stichwort fahrbare Chemiewaffenlabors können überall in den USA zuschlagen. Mein Gott, eigentlich wusste doch spätestens dann jeder, dass das nur eine äußerst billige Lüge war. Irgendwie nehme ich das heute noch persönlich.) Tja, daher sollte man eigentlich wohl nur das glauben, was man selbst gesehen hat.

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