Einheit vs. Mauer in den Köpfen: Deutschland und Korea — Versuch einer Annäherung (III)


Vorweg noch eine kleine Erinnerung: Wenn ihr die limitierte Kim Familienuhr gewinnen wollt (und wer würde das schon nicht wollen), dann müsst ihr euch langsam beeilen. In nichtmal zwölf Stunden ist Deadline. Eure Gewinnchancen stehen auch garnichtmal so schlecht. Garantieren kann ich zwar keinen Gewinn, aber naja, die Chancen für einen Lotto-Jackpot sind um den Faktor ein paar zehn Millionen geringer…

 

Da die Nachrichtenlage heute für mich nichts hergibt, mit dem ich mich unbedingt länger auseinandersetzen müsste (obwohl es durchaus ein paar interessante Meldungen gab), bietet sich mir die erfreuliche Möglichkeit, mich eher grundsätzlichen Themen zu widmen. Und da ich eben bei meiner mentalen Inventur darauf gestoßen bin, dass ich noch eine sehr spannende Miniserie zuende zu bringen habe, werde ich das jetzt mal mit größtem Vergnügen tun. Es geht um die bisher zwei Beiträge, in denen ich mich mit möglichen Folgen und Herausforderungen einer koreanischen Wiedervereinigung auseinandergesetzt und dabei den deutschen Fall als eine Art Referenzobjekt hinzugezogen habe. Im ersten Teil ging es dabei eher um historische und gesamtgesellschaftliche Phänomene, die sich aus der Vergangenheit erklären. Der zweite Teil versuchte dann eher das Individuum und die Gegenwart in den Blick zu nehmen.

Herausforderungen nach und während einer Wiedervereinigung mit Blick auf die nordkoreanischen Bevölkerung

Allerdings ist mir dann ganz am Ende aufgefallen, dass ich ziemlich stark auf Südkorea fokussiert habe und dabei mehr als ein Drittel der Betroffenen (nämlich die Nordkoreaner) mehr oder weniger außer Acht gelassen habe. Diese Lücke will ich nun im Folgenden füllen.

Aus Sicht der Nordkoreaner? Wie soll das denn gehen?

Natürlich ist es ungleich schwieriger, die individuellen und auch gesellschaftlichen Entwicklungen abzusehen, die eine Wiedervereinigung Koreas im Norden mit sich brächte, wenn man davor den Süden betrachtet hat. Dafür gibt es zwei  Gründe. Einerseits habe ich den Referenzfall Deutschland vom Westen aus, also eher von der Seite des Südens erlebt und bin daher der Gefühls und Gedankenwelt der Menschen dort einfach näher. Andererseits gibt es Daten, die ganz gut den Ist-Zustand im Süden wiederspiegeln. Es gibt Umfragen und es gibt Aussagen Einzelner. So kann man ein gewisses Gefühl darüber gewinnen, was die Leute so denken. Schaut man nun auf den Norden, so gibt es weder Umfragen, noch gibt es nutzbare Aussagen Einzelner. Man muss also aus dem Fall heraus ableiten, was Interessen und Gefühle sind. Niemand wird das laut aussprechen. Dieser Herausforderung werde ich mich aber stellen, im vollen Bewusstsein, dass das Alles maximal eine grobe Annäherung an die Realität sein kann.

Wer sind denn „die““Nordkoreaner?

In einem ersten Schritt wäre es dabei schonmal sinnvoll, zu überlegen, mit was für Menschen man es denn in Nordkorea eigentlich zu tun hat. Das ist natürlich ziemlich platt gesagt, denn klar, man hat es mit über 24 Mio. verschiedenen Menschen zu tun. Aber so ein bisschen kann man trotzdem versuchen sie anhand verschiedener Dimensionen in Kategorien einzuteilen. Beispielsweise kann man ganz einfach fragen: Haben sie vom aktuellen Regime profitiert oder nicht? Man kann aber auch fragen: Haben Sie innerhalb des staatlichen Systems gestanden, wie sich das Regime es vorstellt, oder haben sie das nicht? Man kann aber auch danach fragen, was die Menschen gelernt haben? Etwas, dass auch in einer modernen Gesellschaft benötigt wird? Es gibt noch mehre solche Dimensionen und vielleicht sind die hier genannten nicht die Wichtigsten, aber es sind die, die mir gerade als wichtig ins Auge springen.

Analyse möglicher Herausforderungen

Es mag zwischen einzelnen Gruppen zwar Schnittmengen geben, aber deckungsgleich sind sie keinesfalls und ich will einfach mal versuchen, die Probleme einer Wiedervereinigung anhand dieser Kategorien zu erläutern. Ihr werdet merken, dass der deutsche Fall hier etwas stärker in den Hintergrund tritt. Ich habe mich dafür entschieden, weil vieles nur bedingt vergleichbar ist und diese Folie mir daher nicht wirklich weiterhilft.

Profiteure vs. Opfer

In dieser Unterscheidung liegt bereits einer der großen Stolpersteine für eine Wiedervereinigung Koreas und gleichzeitig auch die Erklärung dafür, dass eine Wiedervereinigung oft nur in Verbindung mit einem Regimekollaps im Norden gedacht wird. Das hat damit zu tun, dass diejenigen die das System in Nordkorea tragen auch diejenigen sind, die davon profitieren. Gleichzeitig sind diese Profite bei einem Zusammengehen mit dem Süden in Gefahr. Ein Rechtsstaat würde eventuell ihre früheren Taten verfolgen und in einer Demokratie kann man aus Ämtern auch wieder rausgewählt werden, während in Nordkorea eher Alter bzw. Tod das Ende einer Amtszeit bestimmen. Daher ist es aus Sicht der Profiteure nicht erstrebenswert, unter rechtsstaatlichen oder demokratischen Bedingungen mit dem Süden zusammenzugehen. Gleichzeitig dürfte das die Minimalvoraussetzung des Südens für eine Vereinigung sein.

Wohin mit den Funktionsträgern…

Denkt man aber an einen Regimekollaps, dann bleibt das Problem weiter bestehen, dass die Träger des Systems Strafverfolgung und Verlust der Privilegien zu fürchten haben (der Fall Deutschland hat das zum Teil vorgemacht, auch wenn einzelne Lösungswege aufgezeigt wurden (allerdings hat der Fall Nordkorea vielmehr Individuen in seinen Reihen, die dermaßen schwere Schuld auf sich geladen haben, dass für sie eine Vereinigung immer riskant ist)). Daher werden diese, die ja die Machtmittel in der Hand halten und im Gegensatz zu den Opfern intern und vielleicht auch extern gut vernetzt sind, eher versuchen, auch bei einem Regimekollaps weiter ein eigenes Ding zu machen und eine Vereinigung so weit wie möglich zu behindern. Eine mögliche Lösung für das Problem wäre es, den Funktionsträgern des Regimes ein glaubwürdiges Angebot zu machen, dass sie auch im neuen System privilegiert sein werden. Allerdings bringt das einerseits deutliche Legitimationsprobleme für das neue Staatswesen mit sich, andererseits, aber verbunden damit, kommen dann auch die Opfer ins Spiel.

…und wie den Opfern Gerechtigkeit bieten?

Für die Opfer (ich meine damit nicht nur die Menschen, die in den Straflagern vegitierten, sondern alle, die keinen Einfluss auf ihr persönliches Schicksal hatten, sondern ihr ganzes Leben vom Wohlwollen des Staates und seiner Vertreter abhingen (und wenn denen nukleare Aufrüstung wichtiger war, dann wurde eben gehungert)) die bieten sich erstmal bessere Lebensumstände und andere Möglichkeiten. Allerdings dürften sie von dem neuen System auch ein gewisses Maß an Gerechtigkeit verlangen (in Deutschland wurde ja zum Beispiel auch kontrovers darüber diskutiert, inwiefern Stasioffiziere und andere Funktionsträger staatliche Rente erhalten sollen). Da besteht also ein Gegensatz für den nur schwer ein  Ausgleich zu finden ist. Jedoch bieten diejenigen, die vom nordkoreanischen Regime nicht profitiert haben, sondern eher darunter litten, eine große Chance für die Legitimation des neuen Staates. Es wird ihnen darin besser gehen als zuvor und deshalb werden sie eine Zeit lang den neuen Staat unterstützen, bis sie vergessen haben, wie schlecht es ihnen zuvor ging.

Der Ende des materiellen Rauschs und die Sehnsucht nach sozialer Geborgenheit

Dann allerdings könnte es, ähnlich wie in Deutschland in einigen Gruppen zu einer Art Verklärung der Vergangenheit kommen. Ich habe das Gefühl, dass diese Verklärung oft damit zu tun haben, dass die Leute, wenn ihr materieller Rausch vorbei ist, merken, dass sich nicht nur im wirtschaftlichen Bereich einiges verändert hat, sondern auch im sozialen und gesellschaftlichen Umfeld. Und einiges von dem, das der alte Staat dort geleistet hat, wird im neuen Umfeld nicht geliefert. Naja und da die Unterschiede zwischen Süd- und Nordkorea eben noch größer sind, als zwischen West- und Ostdeutschland, sowohl materiell als auch (glaube ich zumindest) gesellschaftlich und sozial, könnte das auch größere Auswirkungen haben. Nur die Richtung ist schwierig zu bestimmen. Einerseits könnte es sein, dass der materielle Vorteil der Opfergruppe so groß ist, dass er die soziale und gesellschaftliche Andersartigkeit im neuen System so  lange verdeckt, das daraus keine großen Konsequenzen folgen. Oder aber sehr viele der ehemaligen Nordkoreaner empfinden noch drückender ein Gefühl sozialer Kälte und mangelnder Solidarität, so dass sie sich mit dem neuen Staatswesen nicht identifizieren können, was ernsthafte Risike für die Legitimität und damit das Fortbestehen des Staates in seiner Form mit sich bringen kann.

In or Out. Leben nach den Regeln des Regimes oder nicht.

Sowohl die Gruppe derjenigen, die sich an die Regeln des Regimes hält, als auch diejenige Gruppe, die sich durch ihr Verhalten außerhalb des Regelsystems stellt sind sehr divers. Diejenigen die sich an die Regeln halten kann es unter den Profiteuren geben (ich glaube durchaus, dass nicht jeder, der ein Staats- oder Verwaltungsamt in Nordkorea bekleidet ein gewissenloses Monster ist. Ein Teil kann durchaus Gutes im Sinn haben, aber wieviele das sind und wer es ist, dass ist nicht so einfach rauszufinden), aber auch unter den Normalsterblichen oder den ganz Armen. Man kann nachlesen und das auch logisch erschließen, dass diejenigen, die den Regeln des Systems minutiös folgten oft zu den ersten Opfern der Hungerjahre gehörten. Sie wollten nicht gegen Regeln verstoßen, konnten aber deshalb ihr Dasein nicht sichern.

Außerhalb des Regelsystems stehen heißt für das neue Korea üben

Diejenigen, die außerhalb des Regelsystems stehen kommen mit Sicherheit in großer Zahl in der Gruppe der Träger des Regimes vor. Sie sind schlicht auf ihren eigenen Vorteil und nicht auf Solidarität bedacht. Deshalb sind sie beispielsweise korrupt. Ein wichtiger Bestandteil des Systems beruht auf Korruption, allerdings auf Korruption von oben, also Geschenke von der Führung. Das gehört noch irgendwie zum Regelsystem das herrscht, aber es macht eben auch anfällig für Korruption von unten (denn wer gibt sich schon mit hin und wieder nem Auto und ein paar Flaschen Schnappes zufrieden, wenn da bei ein bisschen „Eigeninitiative noch viel mehr zu holen ist?). Es gibt aber auch Leute wie die Schwarzmarkthändler, die zum Teil sowas wie eine neue Mittelschicht zu bilden scheinen. Die gehören ursprünglich nicht zu den Funktionseliten, haben aber mit der Versorgung der Bevölkerung eine wichtige Funktion übernommen. Allerdings einzig mit Blick auf den individuellen Vorteil, nicht auf das Wohl der Gemeinschaft. Das eint diese beiden Gruppen und das wird es ihnen erleichtern, sich an das System in Südkorea zu gewöhnen. De facto kennen sie die Regeln des Marktes und leben eine Art Ellenbogen und Wettbewerbsgesellschaft. Gut möglich, dass ein großer Teil dieser Menschen eine Vereinigung befürworten würde, denn sie wären damit nicht mehr staatlicher Willkür unterworfen, sondern hätten ein festes Regelsystem, nach dem sie ihr Geld weiter vermehren, also ihren Vorteil weiter maximieren könnten. Nur bei dem Teil der Gruppe, der eine Schnittmenge zwischen Funktionselite und außerhalb des Regelsystems stehenden bildet, dürften die Gefühle eher ambivalent sein, denn es fehlt die Gewissheit um eine mögliche Strafverfolgung etc. Allerdings könnte das Wissen im Bereich „Korruption“ hier beruhigend wirken. Denn auch im Süden scheint man vor diesem Phänomen nicht wirklich gefeit zu sein.

Alles woran man einmal glaubte war falsch? Schlechte Basis für einen Neuanfang

Für diejenigen, die innerhalb des Regelsystems stehen dürfte es dagegen wirklich schwer vorstellbar sein, unter einem neuen System mit völlig neuen Vorzeichen zu leben. Vermutlich haben sie das alte Regelsystem nicht verlassen, weil sie seine Werte verinnerlicht hatten und vielleicht sogar daran glaubten. Wenn diese Regeln plötzlich in weiten Teilen nichtig sein sollen, dann dürfte das einen ungeheuren Schock auslösen. Es gibt bei Berichten über Flüchtlinge im Süden immer wieder Hinweise darauf, dass sie eine Art moralische Schwierigkeiten im Umgang mit Geld haben. Sowas ist ein Problem in einer Marktwirtschaft. Wenn das einen großen Teil der Bevölkerung betrifft, der sich als Verräter an der Wahrheit fühlt, dann dürfte die Integration dieses Teils in die neue Gesellschaft schwerfallen. Unter solchen Voraussetzungen ein neues Staatsgebilde zu errichten ist eine ganz schöne Herausforderung.

Nützlich oder nicht. Individuelle Fähigkeiten

Das ist natürlich ein extrem weites Feld, das ich bewusst offen gehalten habe. Es geht nicht nur um berufliche Qualifikationen, sondern auch darüber hinaus um das ganz normale Leben unter den Bedingungen einer kapitalistischen Gesellschaft.

Fit für das Leben im Kapitalismus?

Es gibt zwar Berichte darüber, dass es eine wachsende Zahl von Kreditkarten in Nordkorea gibt. Aber wieviele Nordkoreaner wurden wohl noch nie mit Plastikgeld konfrontiert und wieviele haben wohl wirklich einen Sinn für die Funktionsweise, die dahinter steht. Ich meine, wir in Deutschland leben schon ziemlich lange in einer kapitalistischen Gesellschaft. Trotzdem ist jeder zehnte überschuldet. Was passiert wohl, wenn man 24 Millionen Nordkoreaner Kreditkarten gibt und sie dann mal machen lässt? Da werden vermutlich auch ein paar Schuldenopfer bei rauskommen. Und was passiert, wenn man zu 24 Millionen Nordkoreanern sagt: Nein, ihr seid nicht in der Lage Kreditkarten zu benutzen? Hm. Es wird öfter mal über Betrügereien unter nordkoreanischen  Flüchtlingen im Süden berichtet. Vieles hat mit Leichtgläubigkeit der wenig erfahrenen Neuankömmlinge zu tun, die ihr Willkommensgeld irgendwelchen windigen Helfern in den Rachen werfen. Gut möglich, dass mancher Nordkoreaner anfällig für solche Betrügereien ist. Daraus könnten sich bei einer Wiedervereinigung echte Probleme ergeben.

Heer entwaffnen und in den Ruhestand schicken? Schwierig.

Aber das ist natürlich bei weitem nicht alles. Was macht man wohl mit einem Heer von 2 Millionen Leuten. Bestimmt nicht behalten. Was macht man mit den Soldaten und Offizieren? Soweit ich weiß hat das in Deutschland recht gut geklappt, obwohl der Großteil der ehemaligen NVA Offiziere in die Röhre guckte. Interessant ist hier vielleicht auch der Hinweis, dass die NVA zuletzt aus 155.000 Menschen bestand. Das ist noch nicht einmal ein Zehntel der Leute die in der Koreanischen Volksarmee dienen. Ein Hauptproblem von Staaten ist es immer, die Leute unter Kontrolle zu halten, denen man Waffen in die Hand gegeben hat, damit sie den Staat verteidigen. Und von 2 Millionen Leuten die Waffen einzusammeln um dann zu sagen:  „Danke Leute, netter Job, jetzt geht nach Hause und lernt was vernünftiges, dann kann die Gesellschaft euch bald wieder brauchen“ ist wahrscheinlich nicht so einfach. Da muss man sich wohl was überlegen. Und wenn man sich was Schlechtes überlegt, hat man ein paar zehntausend Ex-Offiziere, die nichts gelernt haben, als Soldat für einen anderen Staat zu sein und die plötzlich nichts mehr zu tun haben. Man muss nicht sonderlich kreativ sein, um da Probleme kommen zu sehen.

Arbeitskräfte ohne Arbeit…

Aber vermutlich werden  auch viele von den Leuten, die ganz normale Berufe ausüben, so ihre Schwierigkeiten haben. Sie kennen vielleicht nicht die neueste Technik, verwenden veraltete Methoden, oder haben Berufsbilder gelernt, für die im neuen Staat kein Platz mehr ist. Was macht man mit denen? Ausbilden. Das ist teuer und man weiß nicht, ob die Investition lohnt, weil man nicht weiß, ob sie wirklich in der Gesellschaft klarkommen. Also in einfachen manuellen Jobs einsetzen. Das trägt erstens nicht wirklich zu ihrem Wohlstand bei (was aber zur Legitimation des neuen Staates wohl nötig wäre) und zweites nicht zu ihrer Zufriedenheit. Denn wer eine halbwegs interessante Arbeit halbwegs gern gemacht hat, den wird es nicht gerade freuen, wenn er jetzt auf einmal nur noch fürs Straßekehren oder das Müllwegfahren gut sein soll. Noch frappierender ist das natürlich bei Akademikern. Aber vielleicht sind die ja auch so gut ausgebildet, das die gut unterkommen. Ansonsten hat man einen Haufen frustrierter und sich missachtet fühlender Leute,  die aber einiges können und ganz pfiffig sind. Auch so eine Kombination kann schnell gefährlich werden. Ihr erinnert euch an den Una-Bomber. Ein einzelner Mann, der sich in seiner Gesellschaft nicht wohl fühlte und deshalb über Jahrzehnte Attentate verübte. Soweit muss es noch nichtmal kommen, aber auch andere Formen aktiven oder passiven Widerstandes eines großen Teils der neuen Bevölkerung können für Probleme sorgen.

Nur ein kleiner Ausschnitt einer großen Herausforderung

So, das waren mal meine basalen Überlegungen zu den Herausforderungen, die eine koreanische Wiedervereinigung auf Ebene der Menschen beider Koreas mit sich bringen kann. Ich weiß, dass es noch viele Aspekte geben dürfte, die ich vergessen oder vernachlässigt habe, aber erstens bin ich kein Hellseher und zweitens war das eine sehr subjektive und eher impulsive Auswahl. Wenn ihr mögt könnt ihr eure Gedanken gerne beifügen, denn ich bin mir sicher, dass der Eine oder Andere von euch dazu auch recht differenzierte Ideen hat. Außerdem sind das natürlich bei weitem nicht alle Probleme, die sich bei einer Wiedervereinigung stellen werden. Nikola hat das ja sehr schön mit seiner Serie zum Verkehr auf der Koreanischen Halbinsel belegt. Genauso müsste man dann noch über die Verwaltung sprechen, über den Aufbau der nordkoreanischen Wirtschaft etc. pp die Liste kann man noch ganzschön lange weiterführen.

 

The day after – Kein Krieg aber viel Ratlosigkeit auf der Koreanischen Halbinsel


So, the day after und erstmal die gute Nachricht. Nordkorea gibt sich fürs erste wohl mit dem Schock zufrieden, den er nicht nur den meisten Südkoreanern, sondern auch jede Menge anderen Leuten rund um die Welt einschließlich denen, die für den Wertpapierhandel zuständig sind, zugefügt hat. Südkorea scheint darauf zu verzichten, weitere militärische Gegenmaßnahmen zu ergreifen, was für viele zwar irgendwie unbefriedigend sein dürfte, aber auch ziemlich beruhigend. Weniger gut sind die Nachrichten darüber, dass sich die Opferzahl erhöht hat. Berichten zufolge sind zwei Soldaten und zwei Zivilisten durch den nordkoreanischen Beschuss gestorben. Ob es auf nordkoreanischer Seite durch die Reaktion Südkoreas auch Opfer gab ist natürlich nicht bekannt. Allerdings dürfen die Stellungen recht schwer zu treffen sein, wenn man überlegt, dass sie auf diesem Foto (nicht) zu sehen sind, aber wohl irgendwo in den Löchern der Felswand stecken.

Was die Anderen so schreiben

Hm und damit möchte ich auch schon zu dem Teil kommen, der jetzt interessant werden dürfte, nämlich den Reaktionen. Anfangen möchte ich dazu mit einer kleinen Blogschau, denn es wird natürlich viel geschrieben zu dem Thema und manches davon erweitert das Ideenspektrum. North Korean Economy Watch hat einige lesenswerte Artikel zusammengestellt und natürlich seine Spezialität, eine Google Earth Karte der Gegend samt Grenzziehung, die einem ein besseres räumliches Gefühl der Gegend verleiht. One Free Korea hat in einem echt lesenswerten Beitrag Szenarien für Reaktionen gegenüber Nordkorea durchgespielt und sieht den Hauptgrund für die jüngste Aggression darin, dass die Abschreckung gegenüber Nordkorea nach der Versenkung der Cheonan und der nicht wirklich vorhandenen Reaktion darauf, quasi inexistent war und man dementsprechend in Pjöngjang vor diesem Schritt nicht zurückschreckte. Dem ist nicht viel hinzuzufügen, außer vielleicht die Tatsache, dass schon viel länger keine wirkliche Abschreckung gegenüber dem Norden bestanden hat. Der Autor von ROK Drop ist ja bekanntermaßen ein recht harter Hund. Dementsprechend fand er den Angriff des Nordens nicht besonders überraschend und sieht darin auch nicht die Spitze möglicher Aggressionen erreicht. Terroranschläge im Süden wären beispielsweise noch möglich, darin hat der Norden schließlich einige Erfahrung. Er sieht es jetzt als wichtig an, dass Südkorea und die USA in ihrer harten Haltung verharren und auf gar keinen Fall nachgeben (wie könnte es auch anders sein), um nicht wieder Missverhalten zu belohnen. The Marmot’s Hole hat schließlich eine schöne Chronologie der Ereignisse (er scheint gestern vor dem PC verbracht zu haben) wobei ich vor allem eine Landkarte toll finde in der die nordkoreanische Vorstellung vom Grenzverlauf zu sehen ist. Nach dieser Karte gehört die Insel nämlich auch zu Südkorea. Damit kann man sich im Norden auch nicht mit irgendwelchem „aber eigentlich ist das ja unsere Insel Gequatsche“ rausreden. Außerdem beschäftigt sich der Autor mit Lee Myung-baks Reaktion auf den Angriff.

Strategie ohne Mittel

Schon aus diesen Blogbeiträgen kann man herauslesen, in was für einer extrem unkomfortablen Situation sich die USA und Südkorea befinden (teilweise selbstverschuldet). Man hat eine Strategie gegenüber dem Norden gewählt, die in großen Teilen auf Konfrontation setzt, ohne die Mittel zur Konfrontation zu haben. Man wünscht sich eine kalte Konfrontation mit einer Art intakten eisernen Vorhang, hinter dem Kims Regime dann nach und nach und vor allem still zu Grunde geht. Nur muss Nordkorea dazu mitspielen und die Füße still halten. Tut es das nicht, dann muss man in Seoul und Washington feststellen, dass man eigentlich nichts tun kann. Scheinbar hat man in den beiden Ländern die Regeln des Kalten Krieges vergessen. Dumm nur, dass Pjöngjang immernoch nach diesen spielt.

Abschreckung die die Abschrecker abschreckt

Die Grundannahme, die die beiden Supermächte über 40 Jahre davon abhielt den dritten Weltkrieg zu führen, ist die Folgende: „Wenn ich eine bestimmte Grenze überschreite, von der ich aber nicht genau weiß wo sie ist, bricht hier die Hölle los und vermutlich sind wir danach alle tot.“ Also war man sehr vorsichtig und vermied es irgendwelchen Grenzen zu nahe zu kommen. Diese Grundannahme hinsichtlich des Handelns Washingtons und Seouls hat Pjöngjang offensichtlich nicht mehr. Hier scheint man eher mit Recht anzunehmen: „Die Anderen haben Angst vor einer Konfrontation. Sie wollen diese um fast jeden Preis vermeiden. Also bringt uns die alleinige Drohung in eine bessere Verhandlungsposition.“ Die USA und Südkorea müssen sich ein für allemal der Tatsache bewusst werden, dass man keine Strategie der Abschreckung fahren kann, wenn man selbst am meisten Angst vor den Konsequenzen dieser Strategie hat oder zu haben scheint.

Eine fundierte Strategie tut not

In der Folge heißt das: Entweder bei der nächsten Provokation muss es eine Antwort geben, die über die „rules of Engagement“ hinausgeht (in dem Fall: Bei einem begrenzten Angriff begrenzt reagieren, keinesfalls die Eskalationsspirale weiterdrehen), denn die sind für den Norden einfach zu berechnen. Damit würde man tatsächlich einen Krieg riskieren, man hätte aber wieder eine wirksame Abschreckung. Denn Krieg wollen beide nicht. Nur das der Norden bisher einfach wusste, dass es keinen geben würde. Die andere Möglichkeit ist die, dass man die komplette „harte Haltung und Abschreckung“ Strategie fallen lässt. Dies muss man dann tun, wenn man auf garkeinen Fall das Risiko eines Krieges eingehen will. Dann muss man sich zwar Fehler eingestehen und möglicherweise auch Zugeständnisse machen. Aber man wird wenigstens nicht mehr vorgeführt.

Versuche Glaubwürdigkeit zurück zu gewinnen

Was die USA und Südkorea momentan tun, sieht aber eher danach aus, dass man sich wieder eine glaubwürdige Abschreckung zulegen will. Lee Myung-bak ist hierzu einen richtigen und wichtigen Schritt gegangen, als er mit markigen Worten drohte man würde:

respond firmly beyond the rules of engagement

Das allein ist schon viel wert, denn glaubt man es ihm in Pjöngjang, kann man nicht mehr davon ausgehen, dass auf einen Artilleriebeschuss an einer bestimmten Stelle nur eine gleichartige Reaktion an gleicher Stelle gibt. Ein Angriff kann eine stärkere Antwort provozieren. Der zweite Hinweis auf den Versuch der Wiederherstellung der Abschreckung ist ein Seemanöver, dass am Sonntag beginnen soll. Da hab ich meine Zweifel ob es was bringt. Bestenfalls lacht man in Pjöngjang darüber, schlimmstenfalls gibt ein übereifriger nordkoreanischer Kommandant Schießbefehl, was aber sehr unwahrscheinlich ist. Manöver sind als Beweise für militärische Stärke Quatsch, jedenfalls in diesem Fall. Da sind sie ein Beweis für Ohnmacht. Aber naja, es fällt ihnen eben nichts Besseres ein. Wir dürfen gespannt bleiben ob das so bleibt (man könnte natürlich einfach n paar cruise missiles auf die Geschützstellungen schießen. Aber dazu hat man eben doch nicht den Mut)…

Und Nordkorea? Was und das Communiqué alles sagt

So und jetzt kann ich nicht anders, als mir noch kurz Gedanken zu der nordkoreanischen Seite zu machen. Oder vielmehr zu dem Communiqué des Führungsstabes der Koreanischen Volksarmee, dass den Angriffe erklären  sollte. Daran fallen mir nämlich zwei Dinge auf. Erstens kam die Reaktion sehr schnell. Man stelle sich vor, ein übereifriger Kommandant oder ein böswilliger General gibt Schießbefehl und es kommt zu einem nicht geplanten Vorfall. Da würde ich meinen Hut drauf wetten (wenn ich einen hätte), dass man nicht innerhalb einiger Stunden eine offizielle Reaktion vorlegen kann. Da muss erstmal untersucht werden was passiert ist, dann muss mit der obersten Führung beraten werden wie man reagiert, dann muss der Text geschrieben und von oben abgesegnet werden. Das geht nicht in ein paar Stunden. Daher ist der Reaktion wohl zu entnehmen, dass man genau das was passiert ist schon seit einiger Zeit geplant hat. Es war eine strategische Handlung, deren Ziele (zumindest mir) verborgen bleiben.

Der zweite für mich sehr auffällige Punkt ist der Herausgeber des Statements. Nicht die NDC sondern das supreame command, das Oberkommando der Streitkräfte. Ich habe mal bei KCNA geschaut und von 1997 bis 2009 wird das supreme command eigentlich nie als aktiver Akteur genannt. Es hat nie auf Vorfälle oder sonst irgendwas reagiert. Es wurde von 2001 bis 2009 auch insgesamt recht selten genannt. Hm, für mich ist das auffällig, wenn ein Organ plötzlich Stellung beziehen darf, das sonst immer ruhig sein musste. Für mich sieht das aus, als habe die Armee an Autonomie gewonnen, zumindest gegenüber einigen anderen Organen. Ob sie dadurch gegenüber der obersten Führung, Kim Jong Il ist ja schließlich supreme commander, an Unabhängigkeit gewonnen hat möchte ich bezweifeln. Aber stimmt ja: Wer dürfte im supreme command relativ bald nach Kim Jong Il kommen. Genau: Ri Yong-ho, der auffällig häufige Begleiter von Kim Jong Un. Wenn die NDC in den nächsten Tagen nichts zu dem Zwischenfall sagt, dann glaube ich nicht, dass Kim Jong Un so bald Mitglied dieses Organs wird. Dann nimmt nämlich sein Führungszug ein anderes Gleis.

Randnotiz: KCNA ist nicht gleich KCNA

Ah, noch eine kleine Anmerkung am Rande: Erstaunlicherweise hatte der alte (in Japan gehostete) Auftritt von KCNA gestern zwei Berichte über Besuche der Familie Kim nebst Anhang in einer Soyasaucen Fabrik und einer Medizinschule. Der neue Auftritt hat darüber gestern aber garnichts geschrieben. Das finde ich seltsam. Wenn heute nichts davon zu lesen ist, ist die Frage wohl berechtigt, ob das so ganz die Wahrheit ist (schließlich veröffentlicht die neue Ausgabe immer Fotos zusammen mit den Berichten. Vielleicht gab es keine…)

Joe Bermudezs KPA-Journal: Nummern 7, 8 und 9


Wie ich eben gemerkt habe, hab ich euch ganz schön lange nicht mehr auf die neuen Versionen von Joe Bermudezs KPA-Journal aufmerksam gemacht. Das möchte ich jetzt schnell nachholen, nachdem es mittlerweile drei Ausgaben gibt, auf die ich nicht verwiesen habe und bald wohl wieder eine Neue rauskommt (Ich hoffe mal, dass er seine Homepage bald mal fertig hat).

Wie immer gibt es Artikel, die ich spannender finde und solche die mich persönlich nicht so interessieren. Nicht so spannend fand ich in Nummer 7 den Hintergrundartikel über die mechanisierte Infanterie und einen über den gepanzerten Truppentransporter BTR-60.

In Nummer 8 interessierte mich den Artikel über die Flussüberquerungseinheiten (keine Ahnung wie man das militärisch korrekt nennt, irgendwelche Pioniere halt) mäßig, während ich der ausgiebigen Fotodokumentation und Beschreibung eines Infiltrationsschiffes (oder Mutterschiffes), dass 2001 von der japanischen Marine versenkt und später geborgen wurde, einiges abgewinnen konnte.

Nummer 9 konnte mich vor allem durch den Start einer neuen Serie „Lessons learned from foreign conflicts“ begeistern. Dort beschreibt Bermudez Lehren, die die Führung der Koreanischen Volksarmee aus verschiedenen Konflikten weltweit gezogen hat. In dieser Ausgabe werden die Lehren aus der Kuba-Krise, den Kriegen in Jemen, dem Vietnamkrieg und dem Arabisch-Israelischen Konflikt mit dem Schwergewicht auf dem Sechs-Tage-Krieg (1967) und dem Jom-Kippur-Krieg (1973) an dem auch, genau wie im Fall des Vietnamkriegs, nordkoreanische Soldaten teilnahmen. Weniger spannend finde ich in dieser Ausgabe den Artikel über den Helikopter Mi-2 HOPLITE. Zu dieser Ausgabe hat auch Michael Madden von North Korea Leadership Watch zwei seiner hervorragenden Biographien nordkoreanischer Führungspersonen beigesteuert.

Wie immer die Empfehlung: Wer sich für Militärhistorie und Ausrüstung interessiert ist bei Bermudezs KPA-Journal immer bestens aufgehoben. Wen das nicht so interessiert, der könnte vor allem im „Lessons learned“ Artikel eine spannende Lektüre finden. Zu den älteren Ausgaben könnt ihr euch hier entlang durchklicken.

Der Untergang der Cheonan: Was sagt eigentlich Nordkorea dazu?


Nachdem der Fokus meiner Berichte rund um den Untergang der Cheonan in den letzten Tagen ja eindeutig auf dem Vorgehen der anderen Parteien lag, dachte ich mir, dass es sinnvoll sei, auch mal genauer auf das zu schauen, das Nordkorea so zu dem Vorfall und den damit zusammenhängenden Maßnahmen zu sagen hat. Dazu habe ich die englischsprachige Berichterstattung von KCNA etwas näher beichtet und die Artikel rausgesucht, die für das Thema relevant sind (Also nicht die Artikel a la „Koreanischer Freundschaftsverein in Schweden verurteilt das Vorgehen Südkoreas“ oder so).

Generell ist erstmal auffällig, wie lange es dauerte, bis überhaupt eine Reaktion aus Nordkorea kam. Die Cheonan sank am 26. März und die erste Reaktion die direkt darauf Bezug nimmt war am 17. April auf KCNA zu lesen. Der Artikel, der von einem „Militär(ischen)-Kommentator“ verfasst wurde, also kein Statement einer Institution darstellt, sondern bestenfalls indirekt mit der nordkoreanischen Armee in Verbindung gebracht werden kann (will heißen: Vom „Bedeutungsstatus“ des Artikels her eher unwichtig), enthält vor allen Dingen eine Art Aufruf an Südkorea, keine Verbindung zwischen Nordkorea und dem Untergang der Cheonan herzustellen, da man solche Tendenzen in Nordkorea bemerkt habe. Als Gründe dafür werden die Kommunalwahlen am 2. Juni in Südkorea gesehen und eine Versuch der USA, durch ihr „Marionettenregime“ in Seoul mehr Druck auf Pjöngjang zu entwickeln um das Regime so zum Zusammenbruch zu bringen. Mit dieser Reaktion schien die nordkoreanische Seite dann erstmal zufrieden zu sein (oder wollte man nicht die Aufmerksamkeit auf sich lenken oder irgendwelche Hinweise geben, ehe die Untersuchung abgeschlossen war?), denn man äußerte sich auch in der Folge nicht weiter zu dem Vorfall bis die Untersuchungsergebnisse veröffentlicht waren.

Dann allerdings äußerte man sich noch am selben Tag. Das Committee for the Peaceful Reunification of Korea (CPRK), das man institutionell wohl der Arbeiterpartei zuschreiben kann veröffentlichte am 21. Mai als Reaktion auf den Untersuchungsbericht ein Statement. Auch hier wird wieder darauf verwiesen, dass es sich um eine gezielte Provokation handle, die Südkorea mit „blutunterlaufenen Augen“ im Auftrag seiner „Herren“ in den USA und Japan vorantreibe. Die Beweise werden als nicht stichhaltig abgetan und es wird verkündet, dass man die momentane Situation wie eine „Phase des Krieges behandeln wolle“ (war ja vielzitiert in unseren Medien) und mit solch „gnadenlosen Maßnahmen“ wie dem Abbruch der Beziehungen, der Außerkraftsetzung des Nicht-Aggressionsabkommens mit dem Süden und der Aussetzung der Kooperationsprojekte auf Strafmaßnahmen Seouls reagieren werde. Hier wurde der Fahrplan für das Vorgehen des Nordens eigentlich schon vorgegeben.

Das nächste wichtige Statement des Nordens kam als Reaktion auf die Ansprache Lee Myung-baks am 24.Mai, in deren Rahmen die geplanten Strafmaßnahmen Südkoreas gegen den Norden bekanntgegeben wurden. Diesmal äußerte sich mit der National Defence Commission (NDC) deren Vorsitzender Kim Jong Il ist und die vermutlich die politische Linie des Landes bestimmt, die zurzeit wohl mächtigste politische Institution Nordkoreas. Inhaltlich hat das Statement nicht viel zu bieten, außer das hier erstmals die Forderung nach einer nordkoreanischen Untersuchungsgruppe geäußert wird und eine Art Sprachregelung festgelegt wird, nämlich: „conspiratorial farce“ und „charade“, was sich seitdem wie ein roter Faden durch die Berichte zum Thema zieht. Am selben Tag gab es auch noch einen Aufruf eines Kommandeurs der Koreanischen Volksarmee, der sich auf die „Maßnahmen zu psychologischen Kriegsführung“, die die südkoreanische Seite wieder anlaufen ließe, bezieht. Er verlangt, dass ein an einer Wand angebrachter Slogan entfernt werden solle und keine weiteren Maßnahmen getroffen werden dürften. Sollten Lautsprecher in Betrieb genommen werden, würde man diese durch gezielte Schüsse ausschalten.

Am 25. kam dann wieder der „Militär Kommentatorzu Wort, hatte aber eigentlich nicht viel zu sagen, außer, dass die Beweise von „A bis Z“ gefälscht seien, um so die Spannung auf der Koreanischen Halbinsel zu steigern. Grob gesagt fasst er alles Gesagte nochmal zusammen und  machte deutlich, dass Nordkorea sich nicht unter Druck setzen lässt.

Das Propagandalautsprecherthema wurde dann am 26. vom Vorsitzenden der nordkoreanischen Delegation bei den Nord-Süd Militärgesprächen nochmal aufs Tapet gebracht. Der bekräftigte den Willen Nordkoreas, südkoreanische Propagandamittel in Zweifel durch physische Gewalt zu zerstören. Darüber hinaus erwähnt er auch „measures will be taken to totally ban the passage of personnel and vehicles of the south side in the zone under the north-south control in the western coastal area“, was für einige Aufregung sorgte, aber scheinbar bisher nicht umgesetzt wurde.

Am 27. gab es dann quasi das Pendant des Generalstabs der Koreanischen Volksarmee zu Lee Myung-baks Maßnahmenpaket, nämlich eigene Strafmaßnahmen:

  1. Militärgarantien gegenüber Südkorea werden aufgehoben und die Schließung der Verbindungsbüros in Kaesong und der Stopp der Überlandverbindung von Südkorea nach Kaesong werden geprüft.
  2. Die Bereits erwähnten Gegenmaßnahmen gegen Südkoreas „psychologische Kriegführung“ werden wie bereits angekündigt gnadenlos umgesetzt.
  3. Die Abkommen und Kommunikationsverbindungen die Zwischenfälle im Gelben Meer verhindern sollen werden eingestellt.
  4. Eindringen in Nordkoreanische Gewässer wird mit prompten militärischen Gegenmaßnahmen beantwortet.
  5. Schiffe, Flugzeuge und „andere Transportmittel“ dürfen Nordkoreas Gewässer, Luftraum und Boden nicht mehr benutzen.
  6. Südkoreanische Offizielle dürfen nicht mehr nach Nordkorea einreisen.
  7. Man wird die „Wahrheit über die Fabrikation und Charade“ weiter erforschen und weiter den Zugang einer nordkoreanischen Untersuchungsgruppe fordern.

Diese Maßnahmen seien die erste Phase dessen was die Koreanische Volksarmee gegen Südkorea unternehmen wolle.

Am 27. gab es ja dann die vielbeachtete Pressekonferenz bei der Pak Rim-su, der Direktor des Politik Departments der NDC für die NDC sprach. Er verwies auf die Gefahr, dass es in der angespannten Situation die zurzeit herrscht, zu neuen Zusammenstößen im Gelben Meer kommen könne. Dann setzt er sich einigermaßen detailliert mit den vorgelegten Beweisen auseinander und deckt Schwachstellen auf, die seiner Meinung nach bestehen. Dann geht er auf mögliche Motive ein, die es für den Untergang der Cheonan geben könnte und sieht keine Motive für ein solches Vorgehen auf der nordkoreanischen Seite, während Südkorea und die USA aufgrund von Erwägungen, wie den Wahlen am 2. Juni in Südkorea oder der Suche nach einem Grund um die amerikanische Truppenpräsenz in Südkorea zu rechtfertigen.

Auch am 27. begann scheinbar eine Artikelserie, in deren Rahmen sich (mal wieder) ein „Militärkommentator“ mit den Hintergründen des Untergangs der Cheonan auseinandersetzt. Im ersten Teil hat er sich darauf beschränkt, für alle vorgelegten Beweise mehr oder weniger hieb und stichfeste Erklärungen zu liefern. Wer gerade eine eigene Verschwörungstheorie dazu entwickelt oder seine schon bestehende verfeinern möchte, der kann hier hervorragendes Futter finde.

Was mir an der nordkoreanischen Berichterstattung zum Cheonan-Zwischenfall auffällt ist einerseits, dass es relativ lange dauerte, bis man sich des Themas überhaupt annahm, was einerseits für das verunsicherte Verhalten eines Unschuldigen (ich will nichts ausschließen) sprechen könnte, aber eben auch für das strategische Vorgehen oder das schlechte Gewissen eines Schuldigen. Allerdings haben sich scheinbar schon alle Institutionen auf die Stunde null vorbereitet, wenn man direkt konfrontiert wird. Naja und dementsprechend wurden die Statements in ihrer Aussage genauer und vom Status derjenigen her, die sie veröffentlichten, bedeutender. Auch die Verteidigung gegen die Anschuldigungen wird differenzierter. Einerseits versucht man, die vorgelegten Indizien zu diskreditieren und Beweise zu entschärfen, andererseits versucht man zu verdeutlichen, dass man selbst kaum Motive für ein solches Vorgehen habe, während für eine Charade der USA und Südkoreas viele Gründe sprechen. An der Medienberichterstattung in unseren Breiten fällt mir auf, dass eigentlich nur die Drohungen Eingang in die Berichte finden, während andere Inhalte annähernd ignoriert werden. Was die ganze Übung jetzt gebracht hat? Keine Ahnung, aber ich dachte man sollte sich eben mal auch anschauen, was einer der Hauptakteure dieses Falls selbst zu sagen hat und wenn man die Artikel liest kennt man eben auch die offizielle nordkoreanische Linie.

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