Mobilfunk in Nordkorea: Statusupdate (II) — Nutzungspraxis, Risiken und Chancen


Heute Morgen habe ich in der FAZ diesen interessanten Artikel von Christoph Moeskes (manche von euch dürften sein Buch gelesen haben) gelesen, der sich mit der Handynutzung in Nordkorea beschäftigt. Das hat mich daran erinnert, dass ich noch etwas vorhatte: Ich wollte ja noch meinen Beitrag zur Handynutzung in Nordkorea zuendebringen.

Foto: „-Alleghany-“ unter CC-Lizenz: Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 2.0 US-amerikanisch (nicht portiert) (CC BY-NC-ND 2.0)

Nachdem ich mich kürzlich eher mit den harten Fakten zu diesem Thema auseinandergesetzt habe, will ich heute mehr auf das eingehen, das über die Nutzungspraxis in Nordkorea bekannt ist. Die Quellen dazu sind zwar beschränkt, aber dieser Bericht von Rimjin-gang, der sich haargenau mit diesem Thema befasst und die auch ansonsten höchst spannende Bestandsaufnahme „A Quiet Opeing. North Koreans in a Changing Media Environment“ bieten doch ein relativ breites, wenn auch nicht nachprüfbares Bild. Da in der Praxis zwei Arten der Mobilfunknutzung eine Rolle spielen, wird der Beitrag zweigeteilt sein. Auf der einen Seite die legale Nutzung des Koryolink-Netzes, auf die sich ja auch mein Beitrag der letzten Woche bezog. Auf der anderen Seite die illegale Nutzung des chinesischen Netzes im Grenzgebiet, die zwar räumlich begrenzt, aber doch nicht zu vernachlässigen ist.

Das Koryolink-Netz

Der Dienstweg

Um an legale Handys für das Koryolink-Netz ranzukommen, muss man sich erstmal auf einen relativ komplizierten Dienstweg begeben. Dabei ist der bereits der erste Schritt, nämlich das Erlangen des Antragsformulars mitunter mit Bestechung, zumindest aber Vitamin-B verbunden. Auf diesen Antrag müssen dann Unterschriften vom Arbeitgeber, dem zuständigen Polizeibeamten und der lokalen Strafverfolgungsbehörde rauf (also ungefähr das, was man bei uns braucht, um Geheimdienstmitarbeiter zu werden), die sich zum Teil wiederum bei einem der Geheimdienste „State Security Department“ rückversichern müssen.

Die Damen von der Verkehrswacht kommt vermutlich etwas leichter an ein Mobiltelefon ran, als ihre Landsleute ohne Vitamin B. (Foto: Joseph A. Ferris III. unter CC-Lizenz: Namensnennung 2.0 US-amerikanisch (nicht portiert) (CC BY 2.0))

Mit diesen Dokumenten und den persönlichen Ausweisdokumenten kann man dann in einem der offiziellen Verkaufsshops ein Handy erwerben. Nach einer Wartezeit von mehreren Wochen bis zu einem Monat kann man dann sein Handy in Gebrauch nehmen, außer man schaltet eine Vermittlungsagentur ein, die das Ganze dann auf ein oder zwei Tage verkürzen kann. Kostenpunkt etwa 20 Dollar und ein (wohl geduldetes) Abweichen vom offiziellen Weg. Auf diesem Weg kann man scheinbar auch an weitere Handys gelangen, obwohl nur eines pro Person erlaubt ist und an solche die unter einem anderen Namen registriert sind.

Ein paar Regeln

Es wird euch wenig erstaunen zu hören, dass für die Nutzung von Mobiltelefonen gewisse Regeln existieren, die ein bisschen weiter gehen als in Deutschland. Ihr übersetze sie einfach mal und ihr könnt euch selbst eine Meinung bilden:

  1. Handys dürfen nicht in Versammlungsräumen oder an Orten, wo wichtige Veranstaltungen stattfinden genutzt werden. Handys dürfen nicht in Gebäuden genutzt werden.
  2. Das Handy darf nicht zum Diskutieren inländischer Geheimnisse oder für immoralische Aktivitäten genutzt werden.
  3. Der Anmeldende darf sich nur unter seinem Namen für die Nutzung des Handy anmelden und darf ohne Erlaubnis nicht mehr als eine Nummer haben.
  4. Nur Handys, die vom Kommunikationsministerium gestattet sind, können genutzt werden. Es dürfen nur genehmigte Inhalte (Bilder, Lieder, Videos, etc.) gespeichert und genutzt werden.
  5. Nur der genehmigte Nutzer darf das Handy nutzen. Eine Weitergabe ist genehmigungspflichtig.
  6. Wird ein Mobiltelefon durch ein anderes ersetzt, muss das neue registriert werden.
  7. Wird ein Mobiltelefon verloren, muss sich sein Besitzer umgehend mit den Identifikationspapiere und der Schachtel, in der das Telefon ausgeliefert wurde, bei den zuständigen lokalen Behörden melden.
  8. Ein verlorenes oder kaputtes Handy kann nur an der Ausgabestelle repariert oder ersetzt werden, an der es ausgegeben wurde.
  9. Die notwendigen Kosten für die Nutzung des Handys müssen vor der Inbetriebnahme entrichtet werden. Hat jemand das Geld drei Monate nach dem Einreichen des Antrages nicht entrichtet, läuft die Genehmigung aus.
  10. Wird den obigen Regeln nicht nachgekommen, oder werden die entsprechenden Mobilfunkregeln oder herrschenden Richtlinien nicht eingehalten, wird der Handybetrieb zeitweise oder permanent ausgesetzt, entsprechend den Strafregeln.

Naja, manches davon ist ähnlich wie bei uns, manches ist strenger und manches ist so schwammig formuliert, dass man damit eigentlich jegliches vorgehen rechtfertigen kann.

Erstaunlich viele Funktionen

Als der Bericht verfasst wurde, gab es verschiedene Handymodelle, die zwischen etwa 200 und 400 US-Dollar kosteten. Von den Funktionen her reichten sie von Basismodellen bis zu einer Art Smartphones, zumindest sind sie mit Touch-Funktionen versehen. Für den Betrieb der Handys gibt es unterschiedliche Prepaid-Tarife. Die Handys können nicht in andere Netze telefonieren, was eine relativ wirksame Abschottung nach außen darstellt. Dafür haben sie aber im Inneren relativ umfangreiche Funktionen. Neben normaler Telefonie und Textnachrichten ist auch Videotelefonie möglich. Die Handys sind mit Kameras ausgestattet und können Mikro-SD-Karten als externen Speicher nutzen. Damit haben sie ein relativ großes Potential, nicht nur was die Kanäle des Informationsaustauschs im internen Netz angeht, sondern auch, was die Möglichkeit betrifft, Bildinformationen nach außen zu schmuggeln.

Können so einiges und sind garnichtmal so selten die Handys in Nordkorea. (Bild: Joseph A. Ferris III. unter CC-Lizenz: Namensnennung 2.0 US-amerikanisch (nicht portiert) (CC BY 2.0))

Daher ist es auch nicht überraschend, dass die Mobiltelefone einer relativ scharfen Überwachung unterliegen. Einerseits werden Handys gelegentlich in der Öffentlichkeit auf irgendwelche Inhalte, die gegen staatliche Regeln verstoßen (z.B. ausländische Musik oder so) überprüft, andererseits scheinen die Nutzer fest davon auszugehen, dass sie abgehört werden und deswegen nicht über kritische Sachen sprechen.

Das chinesische Netz

Datengrundlage

Weniger überwacht, aber dafür natürlich auch weniger legal sind die Mobiltelefone, die im Grenzgebiet zu China den illegalen Zugriff auf chinesische Netze und damit potentiell den Kontakt zur ganzen Welt ermöglichen. Eine Studie mit nordkoreanischen Flüchtlingen und „Geschäftsreisenden“ gibt etwas Auskunft über die Nutzung dieser Handys. Von 250 Befragten hatten 35 über Zugang zu Mobiltelefonen. Von diesen hatte nur einer ein offiziell Registriertes, die anderen haben illegal auf das chinesische Netz zugegriffen. Dabei spielten Handys eine große Rolle für Geschäftsleute (Grenzüberschreitende Kommunikation wird einfacher), aber auch für Flüchtlinge. Die können einerseits ihre Flucht organisieren, haben aber auch später die Chance, in Kontakt mit Verwandten zu bleiben.

Geschäftsmodell und Kontaktmittel

Nur die Hälfte der befragten Handynutzer besaß selbst ein Mobiltelefon, der Rest benutzte welche anderer Leute. Wegen der Illegalität der Nutzung ist das generelle Nutzungsverhalten ein ganz anderes. Die meisten entfernten die Akkus, wenn sie nicht telefonierten, was also auch bedeutet, dass sie eher selbst anriefen, als sich anrufen zu lassen und sich dabei sehr kurz fassten. Die Meisten nutzten das Handy um Menschen in China anzurufen, aber immerhin ein Drittel (oder elf, was das Ganze weniger spektakulär klingen lässt), riefen in Südkorea an, was ich persönlich interessant finde. Scheinbar gibt es im Grenzgebiet ein nicht ungefährliches Gewerbe um die illegalen Mobiltelefone, da diejenige die welche besitzen sie scheinbar anderen gegen Entgelt zugänglich machen. Da die meisten Telefonate der illegalen Handynutzer ins Ausland gehen, stellt dies ein nicht unerhebliches Einfallstor für Informationen aus dem Ausland dar.

Chancen und Risiken

Unterschiedliche Charaktere der Kommunikationsmodi

Es lässt sich also abschließend festhalten, dass die beiden Mobiltelekommunikationsmodi in Nordkorea sehr unterschiedlich in ihrem Charakter sind. Der eine ist legal, stark reglementiert und unterliegt einer vermutlich scharfen Überwachung, kann gleichzeitig aber nur zum internen Austausch von Informationen oder indirekt zur Weitergabe von Bildmaterial nach außen genutzt werden, der andere ist illegal, aber nicht reglementiert, unterliegt dafür aber auch schweren Strafen; Gleichzeitig dient er aber als Einfallstor für Informationen. Zieht man nun noch die Tatsache in Betracht, dass die mündliche Weitergabe von Informationen die verbreitetste Informationsquelle der Nordkoreaner zu sein scheint und dass diese mündliche Weitergabe über das legale Handynetz erleichtert wird, so ist es durchaus nicht abwegig, dass eine Information, die über ein illegales Handy nach Nordkorea kam, über das legale Netz sehr schnell ihren Weg durchs Land macht. Gleichzeitig ist aber auch festzuhalten, dass das Regime den Mobilfunk im Land vermutlich nicht wegen seines subversiven Charakters zugelassen hat. Es spricht ja bereits Bände, dass vor allem bei geschäftstätigen Leuten die Nutzung von Mobiltelefonen sehr beliebt ist. Kommunikation und Information sind eben unerlässlich, wenn man wirtschaftlich erfolgreich sein will. Dieser Tatsache hat man sich wohl auch in Pjöngjang gebeugt und hofft nun den Spagat zwischen notwendiger Kommunikation und Information und dem Risiko der Subversion zu schaffen.

Subversiv sind beide

Meiner Meinung nach haben beide nordkoreanischen Mobilfunkmodi für sich genommen nicht zu unterschätze subversive Potentiale, die das Regime in Pjöngjang auf unterschiedliche Weise vor Herausforderungen stellen können auch ihre Kombination kann durchaus eine Bedrohung für das Regime darstellen, vor allem, wenn die Nutzerzahl des legalen Netzes weiter wächst und die Überwachung damit zunehmend unmöglicher wird und vielleicht auch die Angst der Bevölkerung vor der, vermutlich jetzt schon nurnoch stichprobenartigen Überwachung, nachlässt. Allerdings ist hinsichtlich des legalen Netzes festzuhalten, dass es eher von wohlhabenderen Menschen genutzt wird. Die sind im durchschnittlich wohl weniger anfällig für Subversion und damit senken die erheblichen Kosten der Mobiltelefonie die damit verbundenen Risiken. Da aber Koryolink maßgeblich von einem privatwirtschaftlichen Unternehmen betrieben wird, ist eine Zunahme des Kundenstammes vermutlich das Ziel der Unternehmung. Das könnte mit niedrigeren Preisen und damit mit höherem Zugang unzufriedenerer einhergehen. Ich werde jedenfalls die Handynutzung in Nordkorea weiter genau im Auge behalten…

Achso, wenn ihr mehr oder detailliertere Infos zum Thema wollt, dann sind die beiden Studien die ich oben verlinkt habe, sicherlich der beste Anfang.

Mobilfunk in Nordkorea: Statusupdate (I)


Es ist ja schon ein ziemliches Zeitchen her, das ich mich intensiver mit dem Mobilfunk in Nordkorea auseinandergesetzt habe. Dem will ich heute abhelfen, weil mir in letzter Zeit zwei ganz gute Quellen aufgefallen sind, die zusammengenommen ein ganz gutes Bild ergeben. Dazu werde ich erstmal auf Basis eines Geschäftsberichtes der Orascom Telecom Media and Technology Holding S.A.E. (OTMT) (heißt heute ein bisschen anders, weil der Orascom Konzern umstrukturiert wurde, aber das soll uns nicht interessieren) ein paar Fakten zum Betrieb der dortigen Tochter Koryolink, die zu 75 % in der Hand des ägyptischen Konzerns ist und gemeinsam mit der staatlichen Korean Post and Telecom. Corp (KPTC)  betrieben wird, liefern. Dann werde ich auf die praktische Nutzung der Mobiltelefone eingehen, wobei ich mich in erster Linie auf einen Bericht des Rimjin-gang Report berufe (den hatte ich zwar schonmal verlinkt, aber ich finde das Thema so spannend, das ich das trotzdem nochmal aufbereiten möchte).

Kurzer Überblick über die Entwicklung des Mobilfunks

Zuerst also mal zu den Fakten des Mobilfunks in Nordkorea. Das aktuelle 3G Netz von Koryolink stellt nicht den ersten Gehversuch Nordkoreas in diesem Bereich dar. Bereits Anfang des vergangenen Jahrzehnts war ein Netz aufgebaut worden. Allerdings wurde Sun Net 2004 (das zumindest in der SWZ Rason betrieben wurde) vermutlich im Zusammenhang einer Zugexplosion, hinter der einige einen Anschlag auf Kim Jong Il vermuteten, wieder abgeschaltet und die meisten Handys wieder eingesammelt. Das Netz wurde danach noch bis 2010 weiter betrieben, allerdings weiß keiner so genau, für wen und in welchem Ausmaß. Interessanter Aspekt am Rande: Der Betreiber von Sun Net war Loxley Pacific, dieselbe Firma, die sich in den letzten Jahren daran gemacht hat, Nordkorea ans Internet anzuschließen. Die Geschäftspartnerschaft hinsichtlich Sun Net scheint also im Guten zuende gegangen sein. Jedoch dauerte es nach der weitgehenden Abschaltung des Netzes wieder bis 2008, bis man einen Neustart in die Welt des Mobilfunks versuchte.

Eckdaten zu Koryolink

Ende 2008 ging dann Koryolink an den Start und bisher kann man die Unternehmung durchaus als Erfolgsgeschichte bezeichnen. Innerhalb von wenig mehr als drei Jahren, gewann das Joint Venture über eine Million Kunden in Nordkorea. Nach Unternehmensangaben werden 94 % der Bevölkerung mit dem Mobilfunknetz erreicht (bei einer Abdeckung von nur 14 % der Landesfläche). Das Netz ist neben Pjöngjang in 14 Großstädten und 86 kleineren Städten vorzufinden. Der Vertrieb läuft (Stand September 2011) über 24 unternehmenseigene Verkaufsstellen in Pjöngjang und 9 weitere in anderen Städten. Weiterhin wird auch die Infrastruktur des KPTC für den Vertrieb genutzt. Koryolink hat ein Kontrakt über 25 Jahre, in dem auch ein Monopol Exklusivrechte  für vier Jahre beinhaltet sind. Nach eigener Aussage strebt man an, diese Rechte, die Ende diesen Jahres auslaufen, zu verlängern. Bisher wurde aber in diese Richtung kein Vollzug gemeldet. 2011 arbeiteten für das Unternehmen 276 Mitarbeiter, wobei nicht klar wird, ob das nur Nordkoreaner sind, oder ob auch Ägypter abgeordnet sind. Interessant fand ich hinsichtlich der Mitarbeiter noch den Hinweis, dass kein Arbeitnehmer von OTMT in einer Gewerkschaft organisiert sei und dass keine Tarifverträge (collective bargaining agreement) existieren würden. Ich dachte, wenn in einem sozialistischen Staat irgendwo Gewerkschaften nötig sind, dann doch wohl da, wo sie sich für die Rechte von Arbeitnehmern, die privatem Kapital gegenüberstehen, einsetzen können. Das scheint man in Nordkorea jedoch anders zu sehen.

Was in Nordkorea ebenfalls anders ist, ist die Tatsache, dass es dort laut der Aussage des Unternehmens nicht so etwas wie eine Werbeindustrie gebe und man daher in diesem Bereich absolutes Neuland betreten habe. Zwei der Ergebnisse davon kann man hier betrachten. Außerdem war Koryolink im vergangenen Jahr die Taekwondo Weltmeisterschaft in Nordkorea und sorgte auch damit für eine Neuerung.

Andere Engagements von Orascom in Nordkorea

Neben dem Betrieb des Netzes betreibt Orsacom in Nordkorea noch eine Bank, die bisher aber scheinbar keine nennenswerten Geschäfte getätigt hat. Die Orabank ist ebenfalls ein Joint Venture mit einem nordkoreanischen Partner, aber zu 95 % in der Hand von Orascom. Das Unternehmen hofft, die Bank in Zukunft mit dem Mobilfunkgeschäft verknüpfen zu können, um den Kunden mobile Bankgeschäfte ermöglichen zu können (die Frage ist allerdings, ob es dafür aktuell überhaupt einen Markt gibt, denn das würde ja eine nennenswerte Kundschaft voraussetzen, die überhaupt Bankgeschäfte tätigt). Weiterhin zeichnet Orascom für den Weiterbau des berühmtesten Hochhauses Nordkoreas verantwortlich. Das Ruyong Hotel (hier ein paar feine Fotos) stellte seit den 1990er Jahren ein perfektes Sinnbild für den Zustand der nordkoreanischen Wirtschaft dar. Eine Ruine eben. Und wer weiß, vielleicht tut es das immernoch: Nach außen hui, nach innen…noch nicht ganz fertig (und irgendwie klingt es auch in dem OTMT-Bericht nicht so, als sollte es nach innen je ganz fertig gebaut werden). Auf jeden Fall hat das Unternehmen bisher (bzw. bis zum September 2011) 30 Mio.US-Dollar in den Ausbau investiert und im Bericht wurden weitere 15 Mio. veranschlagt. Nach eigenen Angaben erwartet das Unternehmen die Rückzahllung der Auslagen, wenn das Gebäude in Betrieb geht. Auch erwartet man, dass man dann Nutzungsrechte für das Gebäude zugesprochen bekommt. Warum ich das „erwarte“ unterstreiche? Die Formulierung wurde in dem Bericht genauso benutzt und klingt irgendwie danach, als habe man nichts Schriftliches. Hm, und für manche Vertragspartner hat sich Nordkorea in der Vergangenheit ja schon als Land der enttäuschten Erwartungen erwiesen. Wenn ich Geschäfte dort machen würde, würde ich jedenfalls sicher gehen, dass ich mich am Ende nicht auf Erwartungen verlassen müsste…

Risikofaktoren für das Geschäft in Nordkorea

Aus dem Bericht gehen zwei andere Aspekte hervor, die dem Unternehmen in der geschäftlichen Zusammenarbeit mit Nordkorea Sorgen bereiten zu scheinen, neben den üblichen Geostrategischen- und Sanktionsrisiken).

Erstens wird da auf die Schwierigkeit hingewiesen, den nordkoreanischen Won in andere Währungen zu konvertieren. Das ist deshalb ein Problem, weil etwa 55 % der Erträge in koreanischen Won erzielt werden und die OTMT ihren Anteil aufgrund der Schwierigkeit das Geld (zumindest zum veranschlagten Kurs) zu tauschen, dann entweder in Won oder garnicht bekäme (was ungefähr aufs Gleiche rauskommt). Daher bemüht man sich im Unternehmen scheinbar auch Fremdwährung in Nordkorea einzusammeln. Und das scheint auch zu funktionieren, wie der Hinweis auf ein „Euro Pack“ Angebot nahelegt. Dabei werden Kunden, die die Aufladung der Karte mit Euro bezahlen, besondere Konditionen eingeräumt. Zumindest unter den Kunden von Koryolink scheint es also eine substantielle Gruppe von Personen zu geben, die Euros nutzen. Für das „Luxussegment“ der nordkoreanischen Wirtschaft scheint zumindest in Teilen so etwas wie eine Parallelwährung zu existieren.

Zweitens wird an verschiedenen Stellen erwähnt, dass es in Nordkorea keine Regulierungen hinsichtlich des Mobilfunkmarktes gebe. Das klingt ja erstmal super, denn wo es keine Gesetze gibt, da kann man dann ja irgendwie machen was man will. Aber in Nordkorea ist das natürlich nicht ganz so. Denn mitnichten kann irgendwer in Nordkorea machen was er will. Die Problematik ist auch dem Unternehmen bewusst, allerdings weiß es eben nicht genau, was man darf und was nicht und hat daher Angst, „falsch“ zu handeln. Ich bin kein Betriebs-/Volkswirt, aber Rechtsunsicherheit ist vermutlich für eine wirtschaftliche Entwicklung  mindestens so schädlich wie Überregulierung. Umso interessanter, dass sich in Nordkorea scheinbar noch niemand daran gesetzt hat, eine Regulierung zu erarbeiten. Wenn ich dem Regime böses unterstellen wollte, würde ich vermuten, das hätte System, um sich eine maximale Flexibilität gegenüber dem Geschäftspartner zu bewahren (denn Gesetze binden ja nicht nur die Unternehmen, sondern auch den Staat).

To be continued…

Hm, ist doch mehr als gedacht und ich muss gleich weg. Ich glaube ich liefere den Teil, bei dem es eher um die praktischen Aspekte des Mobilfunks in Nordkorea geht, in Kürze nach. Also ist dashier ab jetzt Teil I und Teil II folgt in Kürze…

Koryolink will mobiles Internet nach Nordkorea bringen


Ich habe ja schonmal vor einiger Zeit über die Aktivitäten von Orascom Telecom berichtet, die einen Anteil von 75 % an dem Mobilfunkbetreiber Koryolink hält, der seit 2009 durch einen rasanten Zuwachs von Kunden von sich reden macht. Das Unternehmen, dessen andere 25 % der staatlichen Telekommunikations- und Postbehörde gehören hatte Mitte dieses Jahres bereits fast 700.000 Kunden und in den vorangegangenen vier Quartalen lag die Neukundenzahl jeweils bei mehr als 100.000. Bisher bietet das Koryolink für sein 3G Netz, das neben Pjöngjang 14 Großstädte und 74 kleinere Städte abdeckt und damit 92,9 % der bewohnten Teile Nordkoreas erreicht, jedoch nur Basisdienstleistungen wie Telefonie und Textnachrichtendienste an, sowie seit Ende 2010 Videotelefonie und seit 2011 MMS. (Mehr zu Koyolink und zur Telekommunikation in Nordkorea findet ihr bei North Korea Tech.)

Erster Schritt ins mobile Internet geplant

Nun scheint das Unternehmen den nächsten Schritt zu planen. Laut einem Bericht von Choson Exchange will Koryolink in „naher Zukunft“ die Möglichkeit zu mobilem Internetzugang, die sich momentan noch in der Testphase befindet, an den Markt bringen. Ganz so revolutionär wie es sich anhört ist es allerdings noch nicht, denn die Option mobil zu surfen soll vorerst nur Ausländern zugänglich sein, die in Nordkorea leben. Allerdings kann das langfristig wohl nicht die Zielgruppe von Koryolink für dieses Angebot bleiben, denn die Gruppe ist doch recht überschaubar und dürfte wohl allein kaum ausreichen, um die Kosten eines solchen Services zu decken. Und mit Orascom steht eben kein Staatsunternehmen hinter Koryolink, der nicht kostendeckend arbeiten muss, sondern ein privatwirtschaftlicher Betrieb, der ganz genau auf die Zahlen schauen dürfte.

Nicht ohne Risiko

Das Regime ist dabei, auf dem Telekommunikationsmarkt Schritte zuzulassen, die kaum mehr ohne sehr große Kosten rückgängig zu machen sind. Gleichzeitig ist die Möglichkeit zu schneller und einfacher nationaler (und irgendwann auch internationaler) Kommunikation jedoch unerlässlich, will man die Wirtschaft des Landes irgendwann nochmal auf die Beine bringen (in Berichten zu Investitionsmöglichkeiten in Nordkorea kann man immerwieder klagen darüber lesen, dass es kompliziert sei, die Partner im Land zu kontaktieren). Gleichzeitig dürfte die Möglichkeit zu schneller Kommunikation für das Regime aber auch ein nicht unerhebliches Risiko darstellen, da es in Teilen die Kontrolle über die Kommunikation der Bevölkerung verliert. Je mehr Kanäle es gibt, desto schwieriger wird es dem Regime fallen, auf jede Kommunikation ein Auge zu haben (im allzu wahren Sinne des Wortes). Durch einen Internetzugang, selbst wenn er gefiltert und zensiert ist, werden sich neue Möglichkeiten zur Informationsgewinnung bieten, die dem Regime noch mehr zu schaffen machen werden. Ob Chancen oder Risiken überwiegen ist schwer zu sagen, aber die zunehmenden Freiheiten im Kommunikationsbereich haben jedenfalls einige beachtliche Fallsticke für Kims Regime. Aber vielleicht haben diese Schritte auch mit dem „Technologie Fetischismus“ zu tun, den Andrei Lankov Kims Regime kürzlich in einem sehr spanenden Artikel in der Asia Times attestierte. Danach hofft Kims Regime — wie viele Führer des ehemaligen Ostblocks vor dessen Ende auch — auf Basis wenig rationaler Überlegungen, auf eine Wiederbelebung der Wirtschaft durch „neue“ Technologien (ich sag nur: „CNC“).

Kaum mehr rückgängig zu machen

Ich bin jedenfalls sehr gespannt, wie sich die Geschicke von Koryolink in Zukunft entwickeln werden. Es ist offensichtlich, dass der Chef von Orascom Telecom Naguib Sawiris einen guten Draht nach Pjöngjang hat, immerhin hat ihn Kim Jong Il empfangen (was auch andeutet, wie wichtig man die neuen Telekommunikationsmittel in Pjöngjang schätzt). Dabei dürfte man nicht nur über Geschäftschancen, sondern auch über etwaige Sicherheitsbedenken des Regimes gesprochen haben. Offenbar ist es Sawiris dabei gelungen, diese auszuräumen. Wie genau, das bleibt sein Geheimnis, aber da Koryolink wohl der einzige flächendeckende Massenkommunikationsanbieter bleibt, dürfte man auf jeden Fall über einen „Panic-button“ verfügen, mit dem man das Netz ruckzuck ausschalten kann. Aber es hat sich ja im Frühling unter anderem in Sawiris Heimatland Ägypten gezeigt, dass es dann oft schon zu spät für die Potentaten sein kann. Ich sehe jedenfalls in den Geschäften von Koryolink einen winzigen, aber vermutlich irreversiblen Schritt in Richtung Liberalisierung der nordkoreanischen Gesellschaft.

Werbung

Hier noch ein Werbefilmchen für Koryolink. Leider nur in Koreanisch verfügbar, aber das Meiste was gesagt wird, kann man sich auch dazudenken und die Bilder sind hier das interessante.

Und hier noch eins, das mich einerseits aufgrund der actionreichen und reißerischen Anfangssequenz überzeugt hat, aber daneben auch interessant ist weil u.a. Naguib Sawiris bei einem Besuch in Pjöngjang zu sehen ist. Scheinbar eröffnet er einen Koryolink Shop oder sowas.

Nordkoreas Weg ins 21te Jahrhundert: PDAs und wachsendes Mobilfunknetz


Nachdem ich kürzlich über wenig eindrucksvolle Fortschritte in der technischen Entwicklung nordkoreanischer Ingenieurskunst geschrieben habe, möchte ich mich jetzt mal kurz einem Feld widmen, auf dem die Technik auch vor Nordkorea nicht halt macht.

Vor ein paar Tagen veröffentlichte ein russischer Blogger, der auch schon über die nordkoreanische Weiterentwicklung von Linux geschrieben hat, einen Artikel über ein PDA (Personal Digital Assistant) der seit neuestem in Nordkorea vertrieben wird (da gibts auch interessante Bilder). Das Gerät soll im Land entwickelt worden und vor allen Dingen wegen seiner Übersetzungsprogramme (u.a. auch Koreanisch-Deutsch) recht hilfreich sein. Außerdem gibt es noch Kartenmaterial, dass aber ohne GPS natürlich nur die Hälfte wert ist (hätte man die beiden „Satelliten“ die man ins All geschossen haben will doch mit mehr als nur patriotischen Liedern ausgerüstet). (via North Korean Economy Watch)

Auch wenn PDA hier nicht gerade neu oder modern sind – schließlich sind die Funktionen heutzutage in vielen handelsüblichen Telefonen enthalten – ist es doch eine beachtliche Leistung der nordkoreanischen Techniker, solche Geräte selbstständig zu entwickeln. Schließlich ist es für das Land nicht einfach ist, an know how und Technik heranzukommen (nicht zuletzt aufgrund der Sanktionen, dem es unterliegt). Für wen die Geräte, die bis zu 140 US-Dollar kosten sollen allerdings produziert werden kann ich nicht genau nachvollziehen. Es scheint so zu sein, als würde nicht zuletzt die sich entwickelnde „Mittelschicht“ aus Händlern zur Gruppe der Käufer gehören. Ob das im Sinne des Regimes ist, das die Dinger ja produziert?

Auch der Markt für Mobiltelefone scheint weiter zu wachsen. Berichten zufolge soll das 3G Netz von Koryolink, dass zu  drei Vierteln von der ägyptischen Firma Orascom betrieben wird (hier ein umfangreicher Artikel von mir zum Thema Mobilfunk und auch Orsacom) mittlerweile über 300.000 Kunden zählen und vor allem in Gebieten außerhalb Pjöngjangs expandieren. Damit scheint das Unternehmen tatsächlich die Vorstellungen in die Tat umzusetzen, die es hinsichtlich seiner Tätigkeit in Nordkorea äußerte.

Ob das Wachstum des Mobilfunkmarktes bis zu einem immer schwerer zu kontrollierenden Maß, dem Regime jedoch nicht irgendwann unheimlich wird, darf bezweifelt werden. Denn Leute die unkontrolliert telefonieren können, können auch unkontrolliert Vereinbarungen treffen und unkontrolliert Gedanke austauschen. Das ist gefährlich für das Regime und das weiß man in Pjöngjang. Daher bin ich gespannt, ob Orascom auch in den kommenden Jahren noch Erfolge vermelden kann.

Nordkorea im mobilen Zeitalter: Das Handy als Gefahr oder Chance für Pjöngjang


Update II (22.10.2010): Eben habe ich durch zufall einen „Werbespot“ (oder was auch immer) gefunden, der über Nordkoreas Mobilfunknetz berichtet. Ich verstehe zwar nichts aber die Bilder sprechen für sich und das Ganze ist trotzdem interessant anzuschauen.

Update I (04.03): Yonhap berichtet über die öffentliche Erschießung eines Nordkoreaners nachdem ein Mobiltelefon mit chinesischer Sim Karte in seinem Haus entdeckt wurde. Dieses Vorgehen der Behörden belegt, dass die Handynutzung im Grenzgebiet zu China als Bedrohung gesehen und weiterhin radikal bekämpft wird.

Urspünglicher Beitrag (22.02): In unserer heutigen Welt spielen moderne Telekommunikationsmittel eine zunehmend prominente Rolle. Das Mobiltelefon ist aus unserem Alltag kaum mehr wegzudenken. Doch während es für uns eher eine Erleichterung im Alltag darstellt, die es uns ermöglicht, Tagesabläufe schneller zu planen und „freie“ Zeiten, z.B. in der Bahn, im Wartezimmer oder wo auch immer effizienter zu nutzen oder noch auf die Schnelle irgendwelche (mehr oder weniger wichtigen) Informationen einzuziehen (ob das begrüßenswert ist oder nicht, sei mal dahingestellt, Fakt ist, dass bei nicht gerade Wenigen ein gewisser Grad von Abhängigkeit zu ihrem Handy besteht), ist seine Bedeutung in anderen Regionen der Welt ganz anders einzuschätzen. Als Beispiel kann man hier den Iran nennen, in dem Handys für die Planung und Dokumentation der Protestveranstaltungen gegen die Regierung eine bedeutende Rolle gespielt haben, aber auch Länder Südostasiens, in denen Mobiltelefone wichtige Träger von SMS-Wahlkampagnen darstellen. Die Nutzung von Mobiltelefonen stellt gerade für solche Regierungen, die ihr Land autoritär regieren ein zweischneidiges Schwert dar. Den wirtschaftlichen Möglichkeiten und den Chancen durch die Nutzung für die eigenen politischen Zwecke stehen Gefahren gegenüber, die aus der unerwünschten Nutzung von Mobiltelefonen durch Oppositionelle oder zumindest nicht linientreue Individuen oder Gruppen entstehen kann.

Auch in Nordkorea werden beide Seiten dieser Medaille deutlich. Einerseits scheint das Regime die Chancen der mobilen Telefonie für sich selbst und die wirtschaftlichen Entwicklung des Landes erkannt zu haben und versucht diese Potentiale nutzbar zu machen. Andererseits scheinen auch die Risiken nicht verborgen geblieben zu sein, so dass immer wieder scharf gegen die nicht der staatlichen Kontrolle unterliegende Handynutzung vorgegangen wird. Aufgrund dieser Tatsachen habe ich mich heute mal entschlossen, die Fakten über Handynutzung in Nordkorea zusammenzutragen und mich auch ein bisschen mit den Risiken und Perspektiven derselben auseinanderzusetzen.

Entwicklung des Mobilfunks in Nordkorea

Das bestehende Festnetzsystem in Nordkorea ist unter der strikten Kontrolle der Regierung (nicht autorisierte Telefonate werden zum Teil mit drakonischen Strafen belegt, die von Geldstrafen bis zur Einweisung in Arbeitslager reichen können), in großen Teilen veraltet (Verbindungen werden Teilweise noch manuell geschaltet, wie man es in Deutschland höchstens noch aus alten Filmen kennt) und Verbindungen ins Ausland bestehen nur sehr sporadisch (es bestehen direkte Verbindungen in 10 Länder). Für die Möglichkeit zu telefonieren, ohne dass der große Bruder über die Schulter schaut, scheint daher Zugang zur mobilen Telefonie notwendig zu sein. Schon Ende der 1990er Jahre begannen Pläne für die Einführung von Mobiltelefonen in Nordkorea. Jedoch führten die ersten Versuche unter südkoreanischer Beteiligung nicht zuletzt wegen einer Blockadehaltung der USA nicht zum Erfolg (Ein Patent der US Amerikanischen Firma Qualcomm auf CDMA Technologie in Verbindung mit Exportrestriktionen nach Nordkorea diente hier als Grund). Allerdings konnten die USA die Errichtung eines GSM-Netzes  nicht verhindern, da es hier keine hilfreichen Patente gab. Daher wurden seit 2002 Mobiltelefone in der SWZ Rajin-Songbon und der Tourismus Region im Kumgangsan eingeführt. Ab 2003 war Mobilfunk auch in Pjöngjang erhältlich, während zeitgleich an der chinesischen Grenze zunehmend Mobilfunkmasten aufgestellt wurden, die mobiles Telefonieren auch auf nordkoreanischem Gebiet ermöglichten (was offiziell allerdings nicht erlaubt war und ist). Im Jahr 2004 erreichte die Zahl offiziell registrierter Mobilfunknutzer 20.000. Mobiltelefone waren zu dieser Zeit für einen Preis zwischen 1.050 und 1.250 US Dollar zu erwerben, also für das gemeine Volk kaum erschwinglich. Dieses erste Aufblühen des Mobilfunkmarktes fand jedoch im Jahr 2004 ein jähes Ende, als die Nutzung von Handys untersagt und alle registrierten Mobiltelefone konfisziert wurden. Die genauen Hintergründe sind nicht bekannt, doch konstruieren Gerüchte einen Zusammenhang mit der schweren Explosion eines Zuges in Ryongchon (die wiederum von Gerüchten als versuchter Anschlag auf Kim Jong Il bewertet wird (wobei ich das Wort Gerüchte in diesem Fall eher so schreiben würde GERÜCHTE)), weiterhin wird darauf verwiesen, das Regime habe den Verlust der nahezu totalen Informationskontrolle gefürchtet. Die Nutzung des nach Nordkorea reichenden chinesischen Netzes ging allerdings trotz Gegenmaßnahmen der Regierung weiter.

Gute Zeiten für Vieltelefonierer gab es dann erst wieder im Jahr 2008. Nordkorea startete ein Joint Venture mit der ägyptischen Firma Orascom Telecommunications (Es gibt auch noch einen Orascom Hotel und einen Orascom Bau Zweig. Interessant dabei. Vor diesem Geschäft wurden im Rahmen eines anderen Deals nordkoreanische Arbeiter für Projekte des Orascom Bau Zweigs in den Mittleren Osten „verliehen“) bei dem 75 Prozent von Orascom gehalten werden und 25 Prozent die staatliche nordkoreanische Post- und Telekommunikationsgesellschaft. Orascom hat eine 25 Jahre Lizenz für ein GSM-Netz in Nordkorea und Exklusivrechte für vier Jahre. Das Unternehmen wollte bis zu 400 Millionen Dollar (über vier Jahre verteilt) in das Joint Venture investieren und strebte an, in den drei Pilotregionen 100.000 Kunden zu gewinnen. Ab Mai 2008 ging Orascom ans Netz, wozu unter anderem Antennen in den oberen Etagen der jahrelang als Wahrzeichen des ökonomischen Niedergangs Nordkoreas gesehenen Bauruine des Ryugyong Hotels aufgestellt wurden (Wiederum interessant: Mittlerweile wird das Hotel weitergebaut und ratet mal von wem. Genau, Orsacom Construction). (Diese ganzen Fakten hab ich aus einem Paper von Marcus Noland genommen, das ich jedem, der sich für Telekommunikation in Nordkorea interessiert nur empfehlen kann. Runterladen könnt ihr es hier.)

Vor kurzer Zeit kam dann die Meldung, Koryolink (so heißt das Joint Venture zwischen Orascom und Nordkorea) habe 100.000 Kunden gewonnen, wolle weiter expandieren und in den nächsten fünf Jahren „Millionen weiterer“ Kunden gewinnen. Man erwarte eine positive wirtschaftliche Entwicklung in Nordkorea und wolle davon profitieren. Zurzeit biete das Unternehmen nur Text- und Stimmdienste an, doch sei eine Ausweitung des Angebots zum Beispiel durch Auslandsgespräche und Roaming  denkbar. Die Preise für den Zugang sind mit um 200 Dollar zwar niedriger als beim vorherigen Anlauf, doch für Durchschnittsbürger noch immer nahezu unerschwinglich.

Risiken des Mobilfunks und Reaktionen aus Pjöngjang

An der chinesischen Grenze wird die Nutzung von Mobiltelefonen unterdessen mehr und mehr zur Normalität. Die Menschen wickeln Geschäfte über das Handy ab, bleiben miteinander in Kontakt oder informieren Aktivistengruppen wie die Betreiber von Daily NK oder die Good Friends über neueste Entwicklungen. Mittlerweile dringen zunehmende Mengen detaillierter Informationen über solche Kanäle nach außen, was dem Regime in Pjöngjang natürlich ein Dorn im Auge ist, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass der Informationsfluss nicht auf einer Einbahnstraße verläuft und so auch immer mehr Informationen von Außen nach Nordkorea dringt. Weiterhin bestehen über diese Handys auch Möglichkeiten in der Bevölkerung, untereinander Informationen auszutauschen. Diese unkontrollierte Mobilfunknutzung entzieht die Bevölkerung mehr und mehr dem festen Griff des Regimes und ermöglicht zunehmende Eigenständigkeit. All dies führt dazu, dass Pjöngjang verstärkte Gegenmaßnahmen ergreift. So wurden Arbeiter mit dem Angebot eines Straferlasses aufgefordert, ihre Mobiltelefone abzugeben, ansonsten drohten schwere Strafen. In den Grenzgebieten werden Störsender installiert und Sicherheitskräften mit Peilsendern sind unterwegs, um Telefonnutzer zu ertappen. Weiterhin versuchte Pjöngjang (offensichtlich erfolglos) die chinesische Regierung dazu zu bewegen, die Aufstellung von Sendemasten nahe der nordkoreanischen Grenze zu unterbinden.

Während also das offizielle Koryolink Netz zurzeit nicht als Bedrohung gesehen wird, versucht das Regime, die Nutzung chinesischer Mobilfunknetze in der Grenzregion zu unterbinden. Scheinbar wird gerade in der Folge der Währungsreform hier eine Bedrohung gesehen. Auch könnte die Tatsache, dass immer mehr Informationen nach außen dringen, als es dem Regime lieb sein kann, die verstärkte Aufmerksamkeit des Regimes geweckt haben. Hier sind die Vorgänge rund um die Währungsreform sowie die Schweinegrippe als Beispiele zu nennen. Allerdings könnten diese Fakten auch Auswirkungen auf das Koryolink Netz haben, denn hier wird deutlich, wie schnell der Mobilfunk zu einem Verlust der totalen Informationshoheit des Regimes führen kann, was langfristig einen entscheidenden Kontrollverlust bewirken könnte. Da ich natürlich nicht über die konkrete Kontrolle informiert bin, die das Regime über das Koryolink Netz hat, ist es schwer hier Aussagen zu treffen. Jedoch scheinen mir sowohl unkontrollierte und -bare Kontakte ins Ausland wie auch ein unbegrenzter Zugang von Millionen Nutzern nahezu unmöglich. Das Regime in Pjöngjang schaut auch Nachrichten und wird über die jüngsten Vorgänge im Iran informiert sein. Da für das Regime, um mit Marcus Noland zu sprechen „prioritizing political over economic objectives“ ein entscheidendes Leitmotiv der Politik ist, dürfte auch in Zukunft beim offiziellen Mobilfunknetz ökonomische den Sicherheitsinteressen untergeordnet werden. Die Nutzer des chinesischen Netzes werden sich in Zukunft vermutlich noch stärkeren Repressionen und Drohungen ausgesetzt sehen. Und sollte die Stabilität des Regimes ernsthaft bedroht sein, habe ich keine großen Zweifel, dass man in Peking eine Abschaltung des Netzes nahe Nordkorea veranlassen wird. Als Träger von Veränderungen ist der Mobilfunk in Nordkorea zurzeit noch nicht etabliert genug. Bei einer Zunahme der Nutzer können sich hier jedoch durchaus Potentiale entwickeln. Ob die Moderne (in Form des Handys) letztendlich zu Wandel oder Umbruch in Nordkoreabeitragen kann, wird die Zukunft zeigen.

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