Ein Bild von Nordkorea (I): Landwirtschaft


Mein Freund Marc Ucker hat mir und damit auch euch seine wirklich tollen Bilder von seinem Besuch in Nordkorea im letzten Jahr zur Verfügung gestellt und mir gesagt, ich könne sie verwenden wie ich mag. Das ist natürlich toll, so viel gutes Material bei der Hand zu haben und damit ein bisschen arbeiten zu können. Ich habe mir überlegt, dass ich immer mal in relativ kurzen Abständen, so alle ein bis zwei Wochen versuche ein paar Bilder zu einem Themenbereich zusammenzustellen. Da ich zu den Motiven eigentlich nicht mehr weiß als ihr, habe ich mir überlegt, dass ich einfach schreibe, was ich denke was zu sehen ist und dann noch ein paar subjektive Gedanken, Ideen und Assoziationen  dazuschreibe, die die Bilder bei mir wecken.

Ich würde mich sehr freuen, wenn ihr auch was dazu beitragen würdet, also einfach auch dazuschriebt, was ihr glaubt oder wisst, was dort zu sehen ist und was euch für Gedanken, Ideen und Assoziationen kommen, wenn ihr die Bilder anguckt. Ich fände es toll, wenn wir so einen kleinen subjektiven Austausch über unsere Wahrnehmungen hinbekämen und bin gespannt, was ihr zu sagen habt.

Alle Rechte an allen folgenden Bildern liegen bei Marc Ucker.

 

Reisfelder klein

Alles so schön symmetrisch hier…
Reisfelder, die zum Teil vorbereitet werden.

 

KanalFeldarbeitklein

Handarbeit: Be-/Entwässerungskanäle werden hergerichtet.
Sieht aus als würden die beiden Leute gerade einen Zugang vom oberen wasserführenden Kanal in das Reisfeld graben. Keine Ahnung, kenne mich mit Reisanbau nicht so aus.

 

BodenverbesserungKlein

Keine Ahnung, was hier genau gemacht wird. Sieht aus, als würde nährstoffreicher Boden auf die Felder aufgebracht, aber irgendwie kommt mir das nicht ganz sinnig vor. Die eine Person trägt definitiv Erde auf dem Rücken und hinten sieht man, dass ein Teil des Untergrunds hell ist und ein Teil, wo gerade gearbeitet wird dunkel.
Hat von euch einer eine Idee?

 

Wohnthierwer

Ein Häuschen im Grünen…
Wohnt hier wer? Sieht irgendwie so aus. Irgendwie aber auch nicht…
Ich weiß nicht genau was ich hiervon halten soll. Kann ein Haus sein, kann aber auch eine Art Unterstand oder ein Lagerraum sein. Ein Haus wäre schon irgendwie abgefahren, aber entgegen der offiziellen Darstellung der nordkoreanischen Propaganda gibt es ja durchaus arme Menschen und Obdachlose in Nordkorea. Vielleicht hat sich hier einer ein Obdach gebaut.

 

TransportKlein

Feldarbeit hält fit — Besonders, wenn man sich bei der Arbeit nicht mit Maschinen etc. rumschlagen muss.
Sicher, die beiden arbeiten vermutlich fleißig und haben gut was zu tun, aber mit einer Karre oder so ginge das bestimmt besser…

 

FeldtransportKlein

Diehier schleppen zum Beispiel ordentlich was weg.
Hier wird sehr schön deutlich, wie personalintensiv die nordkoreanische Landwirtschaft ist. Das hat mit dem geringen Mechanisierungsgrad und dem maroden Maschinenbestand zu tun. Ich sehe da eigentlich auch kein großes Problem. Allerdings weiß ich nicht, ob es ein effizienter Personaleinsatz ist, wenn Studenten und Akademiker immer mal wieder zur Feldarbeit ausrücken müssen.

OchsenkarrenKaputtKlein

Außer…man hat ein Rad ab.
Mein absolutes Lieblingsbild. Warum? Wenn man sich den Jungen da mal anguckt, hat man das Gefühl, der bleibt da einfach stehen, bis er entweder umfällt, oder ihn jemand holt. Er sieht nicht hoffnungslos oder so aus (obwohl das zugegeben schlecht zu erkennen ist). Aber für mich sieht es so aus, als würde er einfach nur da stehen und das ist dann auch Ok so. Irgendwie könnte man das auch als Sinnbild für Nordkoreas Wirtschaft nehmen. Die ist zwar offensichtlich kaputt und es geht nix mehr, aber das nimmt man dann eben so hin…

VorzuchtKlein

Wenn mich nicht alles täuscht sind das Felder zur Vorzucht, vermutlich von Mais, könnte auch Gemüse sein, aber glaube ich eher nicht.
Irgendwann habe ich mal über die seltsame Praxis geschrieben, Mais unter geschützter Atmosphäre vorzuziehen und dann, wenn es das Wetter zulässt an seinen eigentlichen Standort im Freiland auszusetzen (Seltsam, weil das Verhältnis zwischen Aufwand und Ertrag kaum zu rechtfertige ist). Dashier könnte so eine Vorzucht sein.

RinderKlein

Eine kleine Rinderherde.
Die sehen zwar ein bisschen strubbelig und nicht besonders schön aus, aber daraus auf ihren Ernährungszustand zu schließen, wäre wohl Schwachsinn. Warum ich das schreibe? Wenn ich zum Beispiel für die WELT Bildunterschriften dichten würde, dann hätte ich mir vermutlich irgendwas Kreatives wie „Zwar gibt es hier und da Rinder, aber unter ihrem Fell tritt jede Rippe hervor, sie sind genauso hungrig wie die Menschen“ einfallen lassen.

PlantageKlein

Sieht aus wie eine recht neu angepflanzte Plantage (vielleicht eine der Obstplantagen von denen man öfter mal hört).
Da wächst etwas und wenn es auch nicht viel oder genug ist, so ist es doch ein Schritt in die richtige Richtung. Wenn man die Hügel im Hintergrund anguckt, sieht man, wie karg das Land scheint und dass es wenige Bäume gibt. Eines der großen Probleme des Landes, denn hierdurch werden Überschwemmungen häufig verschlimmert und das Land ist stärker der Erosion ausgesetzt. Für die Waldlosigkeit werden meist zwei Gründe genannt: Im Koreakrieg wurden durch Bombardements und den Einsatz von Napalm weite Teile des Landes entwaldet. In der Wirtschaftskrise der 1990er Jahre wurde so ziemlich alles verfeuert was brennbar war. Mit den Folgen beider Ereignisse kämpft das Land noch heute.

 

Wie gesagt: Ich freue mich auf eure Gedanken…

Nahrungssituation in Nordkorea: Von zuversichtlichen Berichten, den Gefahren der Planwirtschaft und einer eklatanten Rechenschwäche


Eben ist der neue Bericht des Welternährungsprogramms (WFP) und der Food and Agriculture Organization (FAO) zur landwirtschaftlichen Produktion und der Ernährungssituation in Nordkorea in mein Postfach geflattert und da ich diesen Bericht immer ziemlich begierig lese, weil er Auskunft nicht nur über die humanitäre Situation im Land gibt, sonder auch über die landwirtschaftlichen Rahmenbedingungen, habe ich die letzte Stunde (oder ein bisschen mehr), mit diesem Dokument zugebracht.

In der Vergangenheit oft alarmierend…

Der Bericht, der für gewöhnlich alle zwei Jahre erscheint — bei Bedarf ergänzt durch Sonderberichte — klang das letzte Mal als ich darüber schrieb sehr alarmierend. Ende 2010 waren danach fünf Millionen Nordkoreaner von Hunger bedroht, was dann durch einen Sonderbericht im Frühjahr 2011 auf 6 Millionen erhöht wurde. Dementsprechend riefen die Organisationen die internationale Gemeinschaft auch zu einer umfangreichen Hilfsaktion auf, in deren Rahmen 400.000 Tonnen Nahrungsmittel benötigt würden. Darum entbrannte ein ziemlich heißer Kampf, der immer wieder mit politischen und ideologischen Positionen sowie Eigeninteressen vermischt wurde, so dass im Endeffekt alle Seiten Propaganda betrieben, ohne diejenigen, denen es vielleicht wirklich schlecht ging im Auge zu haben. Das war wirklich eine recht unschöne Erfahrung, die mitunter auch etwas damit zu tun haben könnte, dass es keine wirklich glaubwürdigen Informationen über die tatsächliche Lage in Nordkorea zu geben schien, da auch die UN-Organisationen im Ruf standen, die Situation zu dramatisieren.

…dieses Mal zuversichtlich

Dementsprechend wird es allen Beteiligten gut gefallen, dass der diesjährige Bericht, wie momentan vieles in Nordkorea, eher von Zuversicht geprägt zu sein scheint. Die Minderproduktion, also die durch eigene Importe und Hilfen aufzufüllende Lücke fällt in diesem Jahr so gering aus, wie schon lange nicht mehr. Die eigene Produktion hat 2012 zum ersten Mal seit 1994 die 5 Millionen Tonnen Marke überschritten. Im kommenden Jahr müssen den Schätzungen zufolge nur gut 500.000 Tonnen des Bedarfs durch Exporte gedeckt werden (in dem Bericht von 2011 war von über einer Million Tonnen die Rede). Zieht man in Betracht, dass Nordkorea wie in den Jahren zuvor plant, wiederum (nur) 300.000 Tonnen an Lebensmitteln zuzukaufen, bleiben „nurnoch“ 200.000 Tonnen ungedeckter Bedarf. Wenn man dann wiederum bedenkt, dass China allein seinem Verbündeten im vergangenen Jahr mit etwa 250.000 Tonnen beigesprungen ist, dann sind die Sorgen hinsichtlich der Nahrungsmittelsicherheit aktuell so gering wie selten nicht mehr. Aber um jetzt nicht in jubel auszubrechen: Von Hunger bedroht sind dem Bericht zufolge noch immernoch 2,8 Millionen Menschen.

Den Tag nicht vor dem Abend loben

Allerdings bleiben zwei Dinge festzuhalten: Extreme Wetterkatastrophen können diese schönen Annahmen ganz schnell wieder verhageln (vielleicht sogar im wahrsten Sinne). Und natürlich bedeutet die Tatsache, dass im Schnitt alle Leute genug zu essen haben nicht gleichzeitig, dass das in der Realität auch wirklich so ist. Das beweist nicht nur die Körperfülle des jungen Diktators (die er sich bei perfekt ausgeglichenem Schnitt wohl auf Kosten einiger anderer angefuttert hätte), sondern das ist ein generelles Phänomen, das auch in Überflussgesellschaften wie unserer auftreten soll, wo vermutlich im Jahr soviel Essen in die Tonne gekloppt wird, dass man damit ganz Nordkorea dreimal durchfüttern könnte. Verteilungsungerechtigkeit gibt es nunmal bei uns und in Nordkorea. Nur dass die bei knapperen Gütern auch schlimmere Folgen haben kann. Naja, aber wie gesagt. Der Tenor des Berichts klingt irgendwie angenehm und nicht panisch, wie vor zwei Jahren. Vielleicht hat es damit zu tun, dass der aktuelle Bericht keine Zahlen für aktuell benötigte Hilfen (sonst wurden immer konkrete Mengen angegeben, die gespendet werden sollten) genannt werden, sondern man sich eher auf eine Verbesserung der Gesamtsituation konzentriert.

Eckdaten zu Nordkoreas Landwirtschaftssektor

Ich kann hier natürlich nicht den ganzen Bericht wiedergeben, der immerhin 41 Seiten hat. Aber ein paar Highlights, die mir in die Augen gesprungen sind, will ich euch nicht vorenthalten. Dabei geht es mir aber in erster Linie um die landwirtschaftliche Produktion und nicht so sehr um die Nahrungsmittelsituation (worüber hier in der Vergangenheit schon einiges geschrieben wurde). Ersteinmal kurz zu den Rahmendaten, um ein generelles Problem der nordkoreanischen Landwirtschaft ins Bewusstsein zu rufen. Von den knapp 12,3 Mio. Landfläche Nordkoreas sind nur etwa 2 Mio. Hektar für den Ackerbau nutzbar. Von denen werden wiederum nur etwa 60 % mit mechanischen Hilfsmitteln (Traktoren) beackert, auf dem Rest können Ochsen ihren Nutzen beweisen. Zu den limitierenden Faktoren beim mechanisierten Ackerbau zählen Kraftstoff und Ersatzteile. Letzteres wird zum Beispiel auch darin deutlich das je nach Provinz nur 68 bis 74 % der Fahrzeuge einsatzbereit sind, was aber schon eine deutlich Verbesserung zu den 57 % des Jahres 2004 ist. Weiterhin ist auch das Standardtraktormodell, der mit 28 PS nicht gerade beeindruckend starke Chollima für viele Aufgaben schlicht zu schwach.

Staatliche Steuerung und ihre Fallstricke

In dem Bericht tauchen aber auch immer wieder Hinweise auf die schädliche Wirkung der staatlichen Lenkung auf die Produktion auf. So gibt es zwar Indizien, dass die Produktion durch Anreize deutlich gesteigert werden kann (wo die Anreize gut waren, hat sich auch die Produktion signifikant verbessert), im Zusammenhang damit zeigen sich aber auch gleich Probleme von staatlicher Steuerung. Wenn ein Preisniveau aufgrund staatlicher Fehleinschätzungen falsch gesetzt wird, beginnt es oft im ganzen System zu Haken. So wird z.B. Soja aktuell nicht gern angebaut, weil der Preis verhältnismäßig niedrig ist. Soja spielt aber eine wichtige Rolle in der Fruchtfolge und sollte daher eigentlich mehr angebaut werden, die verfehlte Preissenkung lenkt die Betriebe aber in eine andere Richtung. Auch eine Erklärung für die Verbesserung der Situation gegenüber dem Vorjahr (neben besserem Wetter) deutet in diese Richtung. Ein großer Teil der Verbesserungen hat schlicht damit zu tun, dass die benötigten Materialien und Rohstoffe zu den Zeitpunkten geliefert wurden, an denen sie gebraucht wurden, nicht später, wie das in den Vorjahren der Fall war.

Nordkoreanische Panikmache und…

Ein oder zwei Dinge sind mir daneben noch aufgefallen, die etwas damit zu tun haben, dass ich den Bericht mit anderen Quellen vergleiche. Einerseits erinnert ihr euch vielleicht an die Panikmache wegen des schlechten Wetters in Nordkorea. Die Tatsache, dass es heuer eine Rekordernte dort gibt, zeigt ziemlich deutlich, dass schlechtes Wetter erstens normal ist und in jedem Land vorkommt und zweitens von der nordkoreanischen Seite wohl gezielt für eine kleine Medienkampagne genutzt wurde. Das dürfte sich kontraproduktiv auswirken, wenn nochmal Phasen auftreten sollten, in denen wirklich Not am Mann ist.

…Rechenschwäche bei den UN-Organisationen

Die zweite Beobachtung sind zwei Zahlen. Die erste Zahl stammt aus der Schätzung von WFP, FAO und UNICEF aus dem März 2011. Damals schätzten sie die Ernte für das Jahr 2011/2012 bei etwa 4,25 Mio. Tonnen. Wenn man jetzt einen Blick in den diesjährigen Bericht wirft, dann lag das Ergebnis jedoch tatsächlich bei 4,75 Mio. Tonnen. Da hat sich wohl jemand mal eben um läppische 500.000 Tonnen verrechnet (was wiederum kontraproduktiv mit Blick auf mögliche echte Notfälle sein könnte). Ich wüsste mal gerne, wie es dazu kam. Aber leider scheint man bei FAO und WFP verdräng zu haben, dass man den Bericht veröffentlicht hat. Der Rechenfehler wird jedenfalls nicht thematisiert….

Lesen lohnt sich

Naja, wie gesagt. Der Bericht ist jedenfalls durchaus ein bisschen Zeit wert, die man damit verbringen kann. Einerseits weil es mal angenehm ist, was Hoffnungsvolles zu lesen und andererseits, weil er einen sehr schönen Überblick über das landwirtschaftliche System Nordkoreas und konkrete Methoden gibt.

Nordkorea von Trockenheit getroffen — Aber die Ursachen für die Nahrungsmittelknappheit liegen tiefer


Nordkorea ist ja ein Land, das nicht unbedingt vom Wetter begünstigt ist. Eigentlich wird das Land jedes Jahr von extremen Wetterereignissen getroffen und oft haben diese Ereignisse negative Effekte auf die Ernte und das vor dem Hintergrund, dass Nordkorea ohnehin schon unter einer strukturellen Unterproduktion im Bereich Nahrungsmittel zu leiden hat. Jedoch sind die extremen Wetterereignisse schon so häufig, dass man sie eigentlich bei der Kalkulation der erwarteten Ernten mit einbeziehen muss.

Schlimmste Dürre seit 50 Jahren im Westen

Seit einigen Tagen informieren nordkoreanische Medien nun über eine Trockenheit, die die westlichen Teilen des Landes seit Ende April erfasst hat und mit ungewöhnlich heißen Temperaturen einhergeht. Heute berichtete KCNA dann erstmals, dass diese schlimmste Dürre seit 50 Jahren auch Auswirkungen auf die Landwirtschaft habe (Link folgt morgen. Solange über die neue Seite von KCNA). Junge Maispflanzen würden auf den Feldern verdorren und es seien große Anstrengungen nötig, die Folgen der Dürre in Grenzen zu halten. Schaut man sich nun diese Karte der Landnutzung in Nordkorea an, sieht man, dass gerade an der Westküste wichtige Anbaugebiete liegen.

Weite Gebiete an der Westküste werden zum Anbau von Reis, sowie Mais und Getreide genutzt. (Karte: „aluckarta“ bei http://mappery.com)

Eine Dürre, die diese Region betrifft, dürfte die Produktion von Nahrungsmitteln in Nordkorea daher besonders beeinträchtigen.

Keine unabhängigen Informationen

Allerdings lässt sich von außen wie so oft nicht wirklich abschätzen, wie dramatisch die Situation wirklich ist. Nur weil in dem, dem Artikel zugehörigen Video rissige Erde und ein paar vertrocknete Maispflänzchen gezeigt werden, heißt das noch nicht, dass es sich hier um eine weitreichende Katastrophe handelt. Bisher hat man auch von unabhängige(re)n Organisationen wie dem World Food Programme oder anderen NGOs nichts zu diesem Sachverhalt gehört. Kann also sein, dass die Berichterstattung zum Teil auch dem „normalen“ nordkoreanischen Werben um Hilfen geschuldet ist.

Seltsame Aspekte: Warum wird Mais umgepflanzt?

An dem Bericht fand ich aber noch einige weitere Aspekte interessant, die einiges über die nordkoreanische Landwirtschaft und vor allem über die Ursachen ihrer Probleme aussagen.

Zum ersten habe ich mich ein bisschen gewundert, als ich in dem Artikel gelesen habe, dass der Mais in Nordkorea vorgezogen (das heißt in einer geschützten Atmosphäre gesät und bis zu einer gewissen Größe gezogen) und dann erst an seinen eigentlichen Standort umgepflanzt wird. Das fand ich interessant, denn aus eigener Anschauung weiß ich, dass es hier anders läuft und ehrlich gesagt habe ich von einem solchen Verfahren noch nie etwas gehört.

Deshalb habe ich überlegt und nachgeforscht, was die Ursache für das Vorgehen sein könnte. Sie ist eine klimatische, denn Mais hat es gerne warm und er hat eine recht lange Wachstumsphase. So verlängert man dann also die Wachstumsphase und ermöglicht es dem Mais, vor der kalten Jahreszeit zu reifen:

The average frost-free period is also short, though in an effort to boost maximum production, DPRK rice and corn breeders emphasized the development of long-maturity varieties—typically over 150 days for both crops. In order to successfully grow such varieties, farmers have developed cultural adaptations, such as planting rice and corn seedbeds in March or April and covering them with clear plastic. The four- to five-week-old seedlings are transplanted beginning in mid-April for corn, and in early May for rice.

Wirtschaftlich ineffizient

Das erklärt zwar das Vorgehen, aber gleichzeitig zeigt es auch ein Problem der nordkoreanischen Landwirtschaft. Sie agiert nicht besonders ökonomisch bzw. effizient. Wenn ich mir vorstelle, hier käme ein Landwirt auf die Idee, Mais in irgendwelchen Gewächshäusern zu ziehen um ihn dann irgendwann umzupflanzen… Unmöglich. Der Aufwand dafür wäre viel zu groß. Das heißt, entweder würde der Mais direkt in die Erde gepflanzt, oder es würden andere Früchte angebaut. Das nordkoreanische Vorgehen ist aber wohl ein typisches Merkmal der Ineffizienzen, die planwirtschaftliche Systeme erzeugen können und in der Vergangenheit allzuoft erzeugt haben.

In diese Überlegungen ist bisher noch nicht mit eingeflossen, dass Mais beispielsweise einen sehr hohen Bedarf an Düngemitteln hat und die Böden stark auslaugt. In Nordkorea wächst der Dünger nicht auf den Bäumen und die degradierten Böden sind eines der weiteren vielen Probleme des landwirtschaftlichen Sektors des Landes. Daher sind die wirklich sehr interessanten Empfehlung von Randall Iresons, der davon ausgeht, dass sich Nordkorea bei einer Umstrukturierung der Landwirtschaft und Modifizierungen des Wirtschaftssystems selbst ernähren könnte und sogar glaubt, Nordkoreas Landwirtschaft könne als Basis für die wirtschaftliche Entwicklung Nordkoreas dienen, auch nur folgerichtig. Nach diesen sollte sich die Maisanbaufläche in Zukunft halbieren, während stattdessen die boden-,  anbau-und markttechnisch günstigeren Sojabohnen dort Einzug halten sollten.

Jedenfalls nutzt man in Nordkorea aktuell die knappen urbaren Flächen nicht wirklich effizient, was die Nahrungsmittelsituation natürlich nicht gerade bessert.

Warum wurde zu einem ungünstigen Zeitpunkt umgepflanzt

Bei der Betrachtung des Beitrags zur Trockenheit ist mir aber noch etwas anderes aufgefallen. Da klagt der Landwirt darüber, dass erst zwanzig Tage vergangen sind, seitdem der Mais auf Feld verpflanzt wurde und dass er sich nun schon in so einem jämmerlichen Zustand befinde. Allerdings muss dem Verpflanzen ja bereits eine zehntägige Periode von Trockenheit und Hitze vorangegangen sein und zum Zeitpunkt, wenn man etwas sät oder pflanzt, sollte man sich auch mal den Wetterbericht anschauen. Daher habe ich mich gefragt, warum die Pflanzer nicht einfach den Mais erstmal da gelassen haben, wo er war, um bessere Bedingungen abzuwarten. Denn wie gesagt: Mais ist recht anspruchsvoll und wenn man die jungen Pflanzen in ausgetrocknete Erde steckt und es erstmal nicht nach Regen aussieht, dann ist das keine so gute Idee.

Auch auf diese Frage gibt der Aufsatz von Ireson eine gute Antwort:

Central planning and central diffusion of simplified farming rules strongly inhibited local adaptive behavior. Farmers in each region of the country have memorized specific dates by which rice and corn must be planted. Annual variations in weather are not taken into account

[Die zentrale Planung und zentrale Durchdringung mit vereinfachten Anbauregeln hat zu einer starken Hemmung der Verhaltensanpassung an lokale Gegebenheiten geführt. Landwirte in jeder Region des Landes haben spezifische Termine im Kopf, zu denen Reis und Mais gepflanzt werden müssen. Jährlich unterschiedliches Wetter wird nicht beachtet]

System töten Menschenverstand!

Die staatliche Indoktrination, aus der eine gewisse Hörigkeit der Bevölkerung herrührt (die ja tragendes Element des Systems ist, also die Hörigkeit) führt also dazu, dass der gesunde bäuerliche Menschenverstand ausgeschaltet wird und man den Mais eben pflanzt, wenn der Tag (den vielleicht mal ein großer oder geliebter Führer bei einer Vor-Ort-Anleitung festgelegt hat) gekommen ist. Nicht früher. Nicht später.

Hoffen auf eine denkende „Basis“

Naja, im Endeffekt wird deutlich: Nordkorea ist zwar nicht von den Umständen begünstigt und seine Landarbeiter haben mit mancherlei Widrigkeiten zu kämpfen. Aber eine entscheidende Widrigkeit ist ein System, dass ihnen das selbstständige Denken soweit abgewöhnt hat, dass sie Feldfrüchte säen, die für die Region nicht passen und sich an ein starres Regelkorsett halten, dass auf Besonderheiten keine Rücksicht nehmen kann. Ich hoffe, dass die Arbeit internationaler NGOs, wie zum Beispiel der Welthungerhilfe langfristig dazu führt, dass die Menschen auf Umsetzungsebene ihren Verstand so gebrauchen, dass sie das Beste aus dem Land herausholen, um das sie sich kümmern und dass sie so dazu beitragen, die Dauernahrungsmittelkrise Stück für Stück zu bekämpfen.