Karten auf dem Tisch: Nordkorea zeigt sein Uranprogramm vor


Am besten hätte ich mit meinem Beitrag über den Leichtwasserreaktor (LWR) den Nordkorea in Yongbyon zu errichten begonnen hat, einfach eine ganze Woche gewartet, dann hätte ich die ganzen Infos, die damit zusammenhängen und nach und nach in die Öffentlichkeit tröpfeln, in Einem verarbeiten können. Habe ich aber nicht. Und so muss ich Wohl oder Übel schon wieder über nukleare Fortschritte Nordkoreas berichten. Nur dass es diesmal ein sehr explosiver Informationstropfen war, den Siegfried Hecker (vermutlich nachdem er den Geheimdiensten und Außenamtsleuten Zeit zum Nachdenken gegeben hat geben musste) da in die Freiheit entließ. Dieses Mal ging es nämlich nicht nur um einen erst im Anfangsstadium seines Baus befindlichen LWR, der grundsätzlich auch nicht gefährlich ist. Dieses Mal ging es um eine komplette Anlage zur Anreicherung von Uran (und mit der Anlage kann man das Uran entweder so viel anreichern, dass man damit den LWR betreibt (niedrig) oder man macht noch ein bisschen weiter und kann damit Bomben bauen (ganz so einfach ist das mit dem Anreichern zwar nicht, aber von der Grundidee her schon)).

Aber erstmal zu den Fakten: Auf seiner Reise nach Nordkorea, die er auf Einladung des Regimes in Pjöngjang machte, wurden Siegfried Hecker und seine Begleiter nicht nur zum Gelände des neu entstehenden LWR geführt, sondern auch zu einem Gebäude das sie schon kannten. Allerdings sah es vor zwei Jahren ganz anders aus als heute. Damals war es nämlich leer und es standen keine 2.000 Gaszentrifugen mit moderner Steuerungseinheit dort, mit denen man bei richtiger Konfiguration hoch angereichertes Uran produzieren kann. Inwieweit die Einheit in Betrieb ist und wo genau sie herkommt, sagte man Hecker allerdings nicht. Da hörte es dann doch auf mit der Offenherzigkeit. Was allerdings aus dem was man über das Gebäude weiß klar wird ist, dass das Regime binnen etwas mehr als eines Jahres, eine komplette funktionsfähige Anreicherungsanlage aufbauen konnte. Daraus wird deutlich, dass man damit schon einige Erfahrung zu haben scheint, es ist also nicht die Erste (aber die Erste könnte eine kleine Versuchsanlage gewesen sein). Außerdem scheint die Anlage nach Angaben Heckers ein anderes Design zu haben, als diejenigen, die bisher nach den Plänen des notorischen Proliferators Abdul Kadir Khan, der gegen eine gewisse Gegenleitsung wohl jeden Interessierten an Pakistans Nuklearwissen teilhaben ließ. Was genau das bedeutet wissen die Beobachter noch nicht, allerdings würde ich daraus schließen, dass das Regime ganz „Juche-mäßig“ eigenes Know-How in diesem Feld entwickelt hat. Was Beobachter außerdem noch überrascht zu haben scheint, ist der offenherzige Umgang Nordkoreas mit seiner neuesten Trumpfkarte. Während man Reaktoren wie den in Yongbyon nur schlecht irgendwo  in einem Berg einbuddeln kann, wäre das mit den Zentrifugen durchaus möglich gewesen. Ein paar Fotos oder ähnliches hätten eine ähnliche Überzeugungskraft gehabt, wie der Augenzeugenbericht Heckers. Stattdessen steht die Produktionseinheit in einem Gebäude, das aufgrund seines schönen blauen Daches, bestens zu identifizieren ist. Die Angst vor US-Angriffen scheint da wohl sehr begrenzt zu sein.

Nachdem die Fakten  geklärt sind, kann man sich jetzt über das Gedanken machen, was aus den neuen Erkenntnissen politisch folgt. Erstmal: Kann davon irgendjemand überrascht sein und sich provoziert fühlen? Die Überraschung darüber, dass Nordkorea im Besitz von Gaszentrifugen ist dürfte sich in Grenzen halten. Die USA vermuten das ja schon seit acht Jahren und vor 14 Monaten schrieb der nordkoreanische Botschafter bei den Vereinten Nationen einen Brief, dass Nordkorea die experimentelle Phase der Urananreicherung abgeschlossen habe. Überraschung über die Existenz eines Nuklearprogramms dürfte höchstens bei denen herrschen, die immer alle Aussagen die aus Nordkorea kommen, grundsätzlich für Lügen halten. In dem ISIS-Bericht, auf den ich euch vor ein paar Tagen hingewiesen habe, stand ja auch drin, dass es sein könnte, dass eine Anlage mit bis zu 1.000 Zentrifugen in Betrieb ist. Was höchsten überraschend sein könnte ist die Sicherheit, mit der die nordkoreanischen Techniker die notwendige Technologie zu beherrschen scheinen und die Anlage so in sehr kurzer Zeit errichten konnten. Auch überraschend ist wie gesagt die exponierte Position der Anlage. Man hätte genausogut eine Zielescheibe aufs Dach malen können „Hier fotografieren liebe Satelliten: Unter dem Dach steht unsere Urananreicherungsanlage.“ Und damit sind wir auch schon bei der Frage nach der Provokation: Dass Nordkorea die Anlage hat kann man heute wohl schwerlich als Provokation sehen. Immerhin hat das Regime das vor 14 Monaten schon freimütig bekannt. Schon eher provokativ ist eben jene Offenherzigkeit. „In the face“ würde ich das mal neudeutsch nennen. Man führt den USA vor, dass man absolut keine Angst vor irgendwelchen militärischen Drohungen hat, dass man die roten Linien, die früher mal gezogen wurden nach Belieben übertanzt und das Washington nichts dagegen tun kann. Weiter führt man vor, mit was für einer Leichtigkeit man die Technologie beherrscht. Man baut die Anlage nicht irgendwo auf, sondern genau dort, wo die USA wussten, das vorher nichts war. Damit trifft man gleichzeitig noch eine recht niederschmetternde Aussage über die Arbeit der amerikanischen und südkoreanischen Geheimdienste: „Ihr seht nicht, was vor eurer Nase passiert. Eure Satelliten sind höchstens gut, um im Nachhinein aufzuklären“. Diejenigen die beim CIA für Nordkorea zuständig sind, dürften mittlerweile mehr als leicht traumatisiert sein. Außerdem sagt man natürlich auch noch was über die Sanktionen gegen das Regime. Kurz zusammengefasst „Die stören uns nicht. Ihr habt die Schraube fast bis zum Anschlag angezogen und wir bauen in anderthalb Jahren eine Urananreicherungsanlage aufbauen. Mit Sanktionen beißt ihr bei uns auf Granit!“. Diese impliziten Aussagen, die fast schon einer Verhöhnung nahekommen, sind natürlich sehr provokant. Allerdings nicht auf die Art, die man sich in den USA wünschen würde. Sie kratzen nämlich am Selbstbewusstsein der Supermacht. Pjöngjang führt eine weitere US-Regierung am Nasenring durch die Manege. Ähnliches gilt übrigens auch für Lee Myung-bak und seine Politik gegenüber Pjöngjang. Denn das Timing sagt uns, dass Nordkorea das Uranprogramm erst dann fertig und ernsthaft ausgebaut hat, als Lee an die Macht kam und seine Politik der harten Hand begann. Auch hier ist die Botschaft klar: „Lee hat alles nur schlimmer gemacht.“ Die Drohung, dass es nicht besser wird, wenn er so fortfährt kann man sich dazudenken.

Aber auch damit ist die ganze Sache noch nicht erschöpfend betrachtet. Denn was bitte hat Nordkorea davon, die USA  zu reizen? Das kann ja nicht das alleinige Ziel gewesen sein. Nur zu demonstrieren, dass man sich von Sanktionen, politischem Druck und vermeintlicher Isolation nicht im Geringsten beeindrucken lässt, dürfte nicht das Ziel Pjöngjangs gewesen sein. Man hat sich die Mühe gemacht, jede Menge Wissenschaftler einfliegen zu lassen und sie (vermutlich) nett zu empfangen. Man war den Wissenschaftlern gegenüber ungewöhnlich transparent und zeigt zumindest viel von dem was man hat. Das alles hätte man nicht tun müssen. Man hätte die Welt noch weiter im Unklaren lassen und versuchen können, aus dieser Unklarheit Profite zu schlagen (nach dem Motto: „Ok, wir zeigen es euch, aber wir müssen dafür dies und das und so und soviel in bar kriegen“). Und da muss man vielleicht nochmal ans Jahr 2008 zurückdenken, als die letzte Runde der Sechs-Parteien-Gespräche stattgefunden hatte, als Nordkorea nach langer Verzögerung die Unterlagen zur Offenlegung des Nuklearprogramms übergaben. Zuerst wurden die Dokumente von Südkorea und den USA als vollständig anerkannt, allerdings ging es bald darauf mit den Beziehungen bergab. Das Vorgehen Nordkoreas kann man durchaus als Fortsetzung dieser Offenlegung interpretieren. Man legt damit seine neue Verhandlungsmasse auf den Tisch, denn wenn alle wissen, dass da etwas ist und was es genau ist, ist ja auch klar, dass sie darüber werden reden wollen. Das Vorgehen Nordkoreas sagt: „Wir sind bereit darüber zu reden. Unser komplettes Nuklearprogramm liegt auf dem Verhandlungstisch.“ Es dürfte sich hierbei wohl wieder mal um ein verklausuliertes nordkoreanisches Gesprächsangebot handeln und wenn man in Washington und Seoul auch nur im Geringsten Interesse an Gesprächen hat, dann sollte man schnell aufhören von Provokationen zu fabulieren, „strategic patience“ begraben und ernsthaft versuchen, zu Verhandlungen zurückzukehren. Schließlich dürfte jedem klar sein, dass Pjöngjang sonst bald auch noch über einen beträchtlichen Haufen Uran verfügt und damit einfacher kleinere Bomben bauen kann. Und das will niemand.

Bitter für die USA aber wahr. Sie wurden mal wieder mit ihrer eigenen Strategie geschlagen. Während US-Präsidenten und Außenminister gerne über „Carrots and Sticks“ reden, benutzt Pjöngjang die Methode. Während die USA eine eklig gammelige Karotte anbieten und gleichzeitig mit einem Stöckchen drohen, über das Pjöngjang nur lacht (in der Ecke steht noch eine Keule, aber die bekommen die Verantwortlichen wohl nicht gehoben), piesackt Kim’s Regime die USA permanent mit wohldosierten Schlägen, die oft überraschend treffen, während die Karotte: „Endlich Ruhe auf der Koreanischen Halbinsel und kein permanenter nuklearer Unruheherd“ zunehmend gezuckert erscheint. Daher möchte ich mich (erstaunlicherweise dieses eine Mal) dem Fazit der Autoren der Washington Post anschließen (die scheinbar mit Hecker in Nordkorea waren):

Being realistic about the North makes no moral judgment about its system or policies, nor does it cede anything in terms of our values or goals. U.S. policymakers need to go back to square one. A realistic place to start fresh may be quite simple: accepting the existence of North Korea as it is, a sovereign state with its own interests.

Eine andere Möglichkeit bleibt Washington wohl nicht.

P.S. Was noch fehlen würde wäre ein KCNA-Artikel „Kim Jong Il provides field guidance to … Uranium enrichment facility“ samt ein paar nichtssagender Fotos. Wenn ich Stratege in Pjöngjang wäre, würde das dazu gehören. Mit dabei wäre dann auch Kim Jong Un, der wahrscheinlich die Urananreicherung alleine erfunden und aufgebaut hat…

Leichtwasserreaktoren, ihr Brennstoff und was wir alles nicht wissen


Update (19.11.2010): Da hätte ich mal einen Tag warten sollen mit diesem Artikel. Dann hätte ich nämlich noch die Auswertungen aktueller Satellitenbilder von ISIS hinzufügen können. Die neuen Infos wurden nämlich gestern veröffentlicht. Auf Bildern vom 04.11. ist dabei deutlich zu sehen, dass es rege Bautätigkeiten auf dem Gelände des Yongbyon-Reaktors gibt. Natürlich ist das Ding alles andere als fertig, aber das Fundament ist gelegt (im wahrsten Sinne).

Ursprünglicher Beitrag (18.11.2010): Kürzlich gab es ja einigen Wirbel um den Bau eines Leichtwasserreaktors, der nordkoreanischen Angaben (übermittelt vom US-Experten Siegfried Hecker, der sich das Ganze kürzlich anschauen durfte) zufolge auf dem Gelände des Yongbyon-Reaktors begonnen habe. Wenn ich das richtig verstanden habe ist das die Erklärung, für die (bis dahin mysteriösen) Bautätigkeiten auf dem Gelände des gesprengten Kühlturmes dort. Der Reaktor soll eine Leistung von zwischen 25 und 30 Megawatt haben, also genau wie der alte Reaktor in Yongbyon, nicht wirklich zur Stromproduktion dienen, sondern zu Versuchszwecken. Grundsätzlich ist der Bau eines Leichtwasserreaktors auch nicht so problematisch wie der eines graphitmoderierten Reaktors ähnlich dem Alten, mit einer Leistung von 5 MW. Denn anders als dieser, würde sich ein Leichtwasserreaktor nicht zur Produktion waffenfähigen Plutoniums eignen.

Wer einen Leichtwasserreaktor hat, braucht auch Treibstoff…

Hier ist das Problem etwas anders gelagert, denn man benötigt angereichertes Uran um einen Leichtwasserreaktor zu betreiben (wer ab und zu den Nachrichten über den Iran lauscht, der dürfte mit ein paar Hintergründen versorgt sein). Und wenn ein Leichtwasserreaktor gebaut wird, dann ist wohl auch zu erwarten, dass man sich die Fähigkeit zur Produktion des Treibstoffs für diesen Reaktor zulegt. Und damit sind wir mal wieder bei dem geheimnisvollen Urananreicherungsprogramm Nordkoreas, über das eigentlich niemand so recht was weiß.

…das vielseitig verwendbare Uran

Glücklicherweise haben David Albright und Paul Brannan vom Institute for Science and International Security (ISIS) das gesammelte Unwissen über den Stand des Programmes erst  vor gut einem Monat in einem umfangreichen Bericht (30 Seiten) zusammengefasst. Ich habe den nur in Auszügen gelesen, also eine spannende Stelle, das Fazit und die Zusammenfassung der Ergebnisse, aber das reicht mir vorerst. Wenn ihr mehr wissen wollt könnt ihr hier selbst nachlesen. Aus den Mengen der nach Nordkorea geschmuggelten Materialien zum Bau von Gaszentrifugen zur Anreicherung von Uran geht hervor, dass das Land eine Fabrik mit bis zu 3.000 Gaszentrifugen betreiben, oder innerhalb des nächsten Jahrzehnts aufbauen könnte. Damit könnte man waffenfähiges Uran für 1 bis 2 Atombomben im Jahr produzieren (Atombomben mit Uran als Spaltmaterial sind einfacher zu handhaben und vor allen Dingen zu miniaturisieren). Allerdings gibt es nur sehr grobe könnte und vielleicht Angaben und soweit ich das verstanden habe, beruht die Schätzung auf der Menge nach Nordkorea geschmuggelter Aluminiumrohre. Allerdings weiß man nicht, ob auch alle anderen Materialien, die auf dem Einkaufszettel standen, besorgt werden konnten. Was das Programm angeht, bewegt man sich also weiter im Ungewissen.

Deutschland die Exportnation. Auch Nordkorea profitierte (fast)

Gewiss und für mich interessant ist allerdings, dass zur Errichtung des Programms auch (mal wieder) deutsche Ingenieurskunst (das ist übertrieben, eigentlich war die deutsche Firma nur Zwischenhändler) gefragt war. Allem Anschein nach besorgte die Optronic GmbH aus Königsbronn nämlich, für ein undurchsichtiges Firmennetzwerk unter der Leitung des Chefeinkäufers Yun Ho-jin, das scheinbar zum Einkauf schwierig zu besorgender Waren aufgebaut worden war, ebensolche Aluminiumrohre zum Bau von Gaszentrifugen. Zwar bekam Optronic den Export der Rohre nach Nordkorea von den deutschen Behörden verboten, allerdings schien das die Firmenführung nicht weiter zu interessieren, so dass die Rohre verschifft wurden. Allerdings bekamen die Behörden Wind davon und die Ladung wurde in Ägypten entladen. Insgesamt hätte Optronic Rohre für 4.000 Zentrifugen liefern sollen/wollen (Geld stinkt halt nicht und strahlen tut es erst recht nicht). Aber es wäre ja auch eine Schande, wenn irgendwo auf der Welt Waffenfabriken oder ähnliches gebaut werden und keine Deutsche Firma mitmischt. Als Exportnation Nummer zwei ist das wohl eine Frage der Ehre!

Die Lösung: Verhandlungen. Das kann teuer werden

Die Autoren des Berichts sprechen sich dafür aus, dass die Sache mit der Urananreicherung auf dem Verhandlungsweg, also im Rahmen der Sechs-Parteien-Gespräche geklärt wird. Grundsätzlich kein schlechter Plan. Aber das dürfte mal wieder ganzschön teuer werden. Vermutlich kostet es erstmal was, überhaupt über das Thema zu sprechen. Dann, die Anlage anzusehen und wenn sie dann tatsächlich abgebaut werden soll: Ohohoh…

Solltet ihr euch generell für das Nuklearprogramm Nordkoreas interessieren dann schaut euch die Seite von ISIS mal genauer an. Da gibt es nämlich schon seit 1992 öfter mal Berichte (ich glaub insgesamt über 50) über das Programm und wenn man das alles liest, dann ist man wohl auf einem relativ umfassenden Stand…

Nordkoreas innenpolitische Strategie: Steht eine Abkehr von Songun an?


Eben hab ich bei KCNA einen sehr interessanten Artikel gelesen. Also ich war nicht der Einzige der sich den angeschaut hat; Yonhap und Monsters and Critics scheinen auch einen Blick drauf geworfen zu haben. Allerdings springen mir beide Analysen des Beitrages von KCNA etwas zu kurz, weshalb ich mich wohl oder übel (ja stimmt schon, KCNA Nachrichten zu analysieren ist so ähnlich wie eine tiefenpsychologische Interpretation von Heinos Liedtexten, aber da steckt ja auch immer was wahres im Kern (Haselnüsse sind braun, Enzian blau)) auch ein bisschen damit befassen werde.

Was im Artikel steht…

Der Artikel beschäftigt sich anfänglich mit ausländischen Medienberichten, die ein durchweg düsteres Bild von der aktuellen Lage in Nordkorea zeichnen. Hier werden die in letzter Zeit wieder häufiger aufkeimenden Gerüchte über Kims Gesundheitszustand (finde ich auch erstaunlich, da es eigentlich keine neuen Infos darüber zu geben scheint), die Berichte über eine baldige Destabilisierung des Regimes (die momentan ja ungefähr im Dreitagesrhythmus lanciert werden, ebenfalls  ohne wirklich handfestes zu nennen und wahrscheinlich auf die Wirkungen der gescheiterten Währungsreform hoffen), Warnungen vor Waffenschmuggel und nuklearer Aufrüstung (die mit gutem Grund geäußert werden) und Proliferation (wohl eher in die Kategorie Panikmache einzuordnen), nordkoreanische Arbeiter, die im Ausland sind um Devisen für Nordkorea zu erwirtschaften (sind sie) und die Verpachtung von Teilen des Hafens in Rajin (wie ausländische Medien das zu „Propagandazwecken“ missbrauchen sollen versteh ich nicht ganz).

Various kinds of „reports“ are pouring in to give impression that „contingency“ is imminent in the DPRK and wild rumors about even the health of the supreme leader are afloat. There are „analysis and comment“ that shortage of food and economic difficulties are more serious than those in the 1990s due to the „failure of monetary reform“.

There is also misinformation that the DPRK continues missile and other arms smuggling, its nuclear capacity is being steadily bolstered up, there is concern about its possible proliferation of nuclear weapons and it is opening Rajin Port and sending workers to foreign countries en masse in a bid to earn foreign currency due to financial difficulties. The scenario for vituperation seems to know no bound.

KCNA sieht diese Maßnahmen als „schwarze Propaganda“ die der Wiederbelebung von Nordkoreas Wirtschaft entgegenwirken soll. Potentielle Investoren sollen durch dieses negative Bild abgeschreckt werden. Und dann wird es meiner Meinung nach wirklich interessant. Da schreibt KCNA nämlich:

After bolstering up its nuclear deterrent strong enough to check the outbreak of a war in the Korean Peninsula, the government of the DPRK has been concentrating its efforts on the economic construction and the improvement of people’s standard of living since last year.

Warum ich das für bedeutend halte, werde ich später näher ausführen (aber vermutlich kommt da dem Einen oder Anderen schon ne Idee). Darauf folgend wird (nicht ganz unbegründet) auf die Erfolge bei der Gewinnung ausländischer Investments in der jüngsten Vergangenheit verwiesen.

Dann kommt KCNA wieder zurück zu der Strategie der USA und Südkoreas. Man beschreibt die innenpolitische Position der US-Regierung als von Schwäche und Angst gekennzeichnet. Die Zwischenwahlen Ende diesen Jahres würden Washington davor zurückschrecken lassen, eine Verhandlungslösung mit Nordkorea konsequent weiterzuverfolgen, da dies von den Gegnern als weiteres Zeichen der Schwäche gewertet und im Wahlkampf ausgenutzt werden würde. Und folglich,

the Obama administration advocated „strategic patience.“ In other words, it contends this attitude is not prompted by its incompetence and it does not make haste but waits for something as the DPRK government seems not to last long.

Eine ähnliche Wartestrategie würde auch Lee Myung-bak verfolgen. Allerdings, so KCNA, würde eine solche Strategie nicht weit führen, wie die Vergangenheit gezeigt habe. Als die Clinton Administration während der großen Hungersnot in den 1990ern nur auf das Ende des Regimes gewartet hat, habe man den „arduous march“ triumphal beendet und den ersten Test einer Taepodong II (KCNA schreibt natürlich, man habe den Satelliten Kwangmyongsong-I in die Umlaufbahn geschossen, aber wir wissen ja was gemeint ist und sie wissen ja auch, dass wir wissen was gemeint ist) durchgeführt. Als dann die Bush Administration mit ihrem Achsen-Gefasel (Das steht so nicht da, sondern ist meine Meinung) wieder zu einer Abwarte- und Verzögerungstaktik überging, habe man mit zwei Nukleartest und dem Start des Satelliten Kwangmyongsong-II (ihr wisst ja…) geantwortet. Das ist dann wohl als eine Art Drohung zu lesen, was passieren wird wenn man weiterhin nach dem Motto „waiting is a strategy“ verfährt. Also ist den Führern in Pjöngjang tatsächlich noch keine Alternative Vorgehensweise zu der „ich-verhalte-mich-wie-ein-ungezogenes-Kind-und-mache-Stress-bis-ich-bekomme-was-ich-will Strategie“ eingefallen zu sein.

Hier die Verbildlichung der Strategie:

Und dann wird es im letzten Absatz nochmal interessant.

The DPRK will witness the appearance of a light water reactor power plant relying on its own nuclear fuel in the near future in the 2010s in the wake of mass-production of Juche iron and Juche-based vinalon cotton, its reply to them.

Vom selbstständigen Bau eines Leichtwasserreaktors (LWR) war bisher nie die Rede, aber die Erwähnung ist schon ein interessanter Hinweis. Einerseits scheint man tatsächlich das für den Betrieb eines solchen Reaktors notwendige Uran anzureichern (Aber davon sprach man ja schon länger bei KCNA), andererseits kann das als Hinweis auf eigene Stärke verstanden werden, denn ein solches Projekt gegen UN-Sanktionen auf die Beine zu stellen dürfte nicht besonders einfach sein (vielleicht, aber ich schaue gerade tief in den Kaffeesatz, kann man hier auch einen Verweis auf den Iran sehen, in dem Zusammenhang spricht man ja in letzter Zeit recht viel von LWRs).

…und was es bedeutet: 1. Wir wissen was ihr vorhabt

Nun aber zu dem was ich eigentlich interessant an diesem Artikel finde. Also zuerst mal finde ich, dass im Beitrag die aktuelle Situation recht scharf analysiert wird. Es ist ja selten, dass man in den nordkoreanischen Medien auf die westliche Medienberichterstattung eingeht und hier werden gleich einige interessante Punkte angesprochen. Nicht nur den Nordkoreanern, sondern auch unabhängigen Beobachtern (zumindest einem) könnte die Intensität, mit der zurzeit Gerüchte über den Gesundheitszustand Kims, einem Auseinanderbrechen des Regimes oder nukleare Proliferation (zumindest das Erste und das Dritte sind nichts mehr, schaut man sich die Substanz der Berichte mal genauer an) gestreut werden, wie eine Kampagne erscheinen die die öffentliche Meinung in die Richtung wenden soll, dass ein Handeln unter den gegebenen Umständen nicht notwendig ist, da es mit dem Regime in Pjöngjang ja ohnehin zuende geht. Weiterhin hält der Artikel vor allen Dingen den USA in gewisser Weise den Spiegel vor. Die Beschuldigungen, das außenpolitische Handeln der Obama-Administration sei von der Angst vor innenpolitischen Konsequenzen motiviert kann man wohl nicht ganz zur Seite schieben. Das man eine Hinhaltestrategie fährt auch nicht vollkommen (obwohl man den USA hier zugutehalten muss, dass die Reise von Stephen Bosworth schon ein Schritt war. Aber was Bosworth in  Pjöngjang zu sagen hatte, das weiß man nicht, daher ist es schwer festzustellen, ob es ein Mediencoup („seht her unter Obama spricht man mit den Bösewichten) oder ein tatsächliches Zugeständnis war).

2. Ratet was wir vorhaben

Und damit komme ich schon zum ersten Knackpunkt des Artikels. Der Verweis auf die Vergangenheit und die Strategie der Provokation, die Pjöngjang schon seit langem zu einer der Hauptstrategien seiner Außenpolitik gemacht hat ist natürlich nicht falsch. Man hat provoziert und man hat damit Erfolge erzielt. Gleichzeitig entblößt es aber auch die große Schwäche der Strategie worüber ich ja schon vorgestern geschrieben habe. Man ist damit so ziemlich am Ende der Fahnenstange angekommen. Die (implizite) Drohung mit neuen Provokationen ist also nur ein weiterer hilfloser Versuch, die Selbstsicherheit mit der die USA und Südkorea agieren, zu erschüttern. Aber das ist ja alles nichts wirklich Neues.

3. Genug „military first“? Kommt jetzt „economy first“?

Als Punkt von wirklicher Tragweite sehe ich etwas Anderes. Man schreibt, dass man die nukleare Abschreckung nun in einem solchen Maß ausgebaut habe, dass ein Krieg auf der koreanischen Halbinsel nun unwahrscheinlich sei, sodass man nun zum ökonomischen Aufbau übergehen könne. Das hört sich für mich ja fast so an, als sei man mit seiner militärischen Abschreckung weitgehend zufrieden und würde nun seine Prioritäten zugunsten der Wirtschaft ändern. Wichtig finde ich das, weil ich es im Zusammenhang mit dem Schlagwort „Songun Chongch’i„, der „Militär-zuerst-Politik“ Nordkoreas, sehe. Diese Politik stellt das Militär ins Zentrum der sozialistischen Entwicklung des Landes, das heißt, nicht nur der Versorgung des Militärs wird Priorität gewährt, sondern das Militär wird auch als treibende Kraft hinter der Entwicklung gesehen. Grundlegend unter anderem dadurch, dass das Militär für Frieden sorgt, ohne den die Entwicklung nicht voranschreiten kann. Die Songun Politik ist eng verbunden mit den politischen Entwicklungen in Nordkorea, seit Kim Jong Il das Ruder übernommen hat. Er hat diese entwickelt und bereits 1995 erstmals erwähn. Teilweise nahmen Beobachter an, dass Songun Juche als Ideologie ersetzen würde, oder dass sich Nordkorea  im Gefolge dieser Politik zu einer (verdeckten) Militärdiktatur gewandelt habe. Jedoch beruft Nordkorea selbst sich immer wieder auf Juche und sieht Songun eher als Kim Jong Ils Ergänzung zu Kim Il Sungs Juche. Von Analysten wird der Entwicklung von Songun eine große Bedeutung für Kim Jong Ils Legitimation innerhalb des nordkoreanischen Regimes zugesprochen. Einerseits hat er damit das Militär ins Boot geholt, andererseits hat er der Ideologie des Landes damit bedeutende eigene Elemente hinzugefügt und sich somit sozusagen in die DNA Nordkoreas eingeschrieben. Tja, und nun sagt man: Wir sind zufrieden mit unserer militärischen Abschreckung und können uns deshalb der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes zuwenden. Für mich hört sich das so an wie: „Kim Jong Ils Songun Politik hat funktioniert jetzt ist Platz für eine neue Ergänzung von Juche“ (die dann möglicherweise Kim Jong-un entwickeln kann), würde doch hervorragend passen. Achja und das wäre natürlich auch ein glänzender Beleg dafür, dass das Militär trotz Songun nicht mehr ist, als ein Werkzeug der Partei/Führung, das unter deren vollen Kontrolle steht. Geht man von diesen Annahmen aus, haben sich auch Spekulationen um die Stabilität des Regimes vorerst erübrigt, denn würde man, wenn man seine Macht bröckeln sieht, sein wichtigstes Schild in inneren wie äußeren Konflikten vor den Kopf stoßen indem man sagt: „Guter Job, danke dafür aber ihr habt jetzt nicht mehr erste Priorität.“? Wohl nicht.

Naja und deswegen kann man aus diesem Artikel eine graduelle Abwendung vom Militär und eine Hinwendung zur Wirtschaft lesen, was eine grundlegende Änderung der innenpolitischen Linie darstellen würde. In diesem Zusammenhang ist vielleicht auch noch der Hinweis darauf interessant, dass im letzten Abschnitt Juche nochmal stark gemacht wird, es also zur Berufung auf Kim Il Sung (Die Familie…) und wieder zu stärkerer Hinwendung zur alten Politik kommt. Mit diesem Thema könnte man auch die jüngsten Erfolge und Maßnahmen Nordkoreas bei der wirtschaftlichen Entwicklung verknüpfen. Es wurden bedeutende Investments gewonnen und man hat Maßnahmen eingeleitet, die zur Gewinnung weiterer Investitionen genutzt werden könnten. In dieses Bild passt auch der Bericht, dass der jüngere Bruder von Lakshim Mittal, dem Chef von Arcelor-Mittal, dem größten Stahlkonzern der Welt, gestern mit einer Delegation des Konzerns in Pjöngjang eingetroffen ist.

War da noch was? Achja, das Uran…

Deshalb erachte ich den Artikel als wichtig. Ok, das man für LWRs Uran braucht stimmt schon, kommt mir aber eher unwichtig vor. Ganz einfach: Hat Nordkorea nicht vor einem halben Jahr in einer Pressemeldung bekanntgegeben, man würde nun Uran in großem Maßstab anzureichern beginnen. Ja hat es. Aber da hat dann wohl mal wieder der gute alte Medienreflex zugeschlagen: Alles was von da kommt ist Propaganda und daher gelogen. Als Nordkorea bis vor einem halben Jahr behauptete, man reichere kein Uran an, waren sich alle Sicher, dass das nicht stimmen könne. Als man dann bekanntgab man reichere Uran an, kam das dann vielen komisch vor. Aber jetzt, weil es nicht direkt geschrieben wird, sondern nur als „hint“ durch die Hintertür, da kann man dann wieder wild drauflos schreiben. Aber die Medien wollen ja auch ihr Geld verdienen, und Schlüsselwörter wie „URAN“ ziehen da halt besser, als abstrakte und langweilige innenpolitische Veränderungen die mit komplizierten Theorien wie „Songun“ zusammenhängen.

Abschließende Relativierung

Achja, natürlich ist das ganze mal wieder nur ein Interpretationsversuch meinerseits und was da dran ist und was nicht…Tja, da hilft nur abwarten und Kaffesatz lesen…

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