Kim Jong Uns Porno-Ex und vietnamesische Wasserschweine — Ein gutes Ende für eine inhaltlose Story


Eigentlich hatte ich nicht vor, groß was zu der Kim Jong Un-lässt-seine-Ex-Freundin-wegen-Pornographie-hinrichten-Story zu schreiben. Allerdings wurde sowohl hier als auch auf Facebook danach gefragt bzw. darauf aufmerksam gemacht und daher werde ich doch noch schnell was dazu schreiben.

Warum ich zu solchen Storys ungern scheibe

Einleitend will ich erstmal kurz darlegen, weshalb ich das nicht zum Thema machen wollte (ihr hättet es euch vielleicht auch aus diesem Artikel herleiten können, in dem ich versucht habe Kriterien für meine Themenauswahl aufzustellen):

  1. Ich habe erst gerade Medienkritik geübt und dachte es wäre für mich und für euch ermüdend, alle paar Tage darauf hinzuweisen, dass viele Medien ihre Nordkorea-Berichterstattung nicht in erster Linie an journalistischen, sondern an reiner Sensationslust ausrichten.
  2. Ich habe eigentlich keine Ahnung, was ich dazu schreiben soll. Ich weiß nichts über die Person, die angeblich Kim Jong Uns Ex-Freundin gewesen sein soll, noch weiß ich was über die Pornographiegesetzgebung in Nordkorea und erst recht weiß ich nicht, was an der Geschichte dran ist. Wenn ihr euch also für die Geschichte interessiert, müsst ihr es bei denjenigen nachlesen, die sich entblödet haben das breitzumatschen.
  3. Geschichten die exklusiv von der Chosun Ilbo kommen, mache ich sehr ungern zum Anlass eines Artikels. Wenn ntv schreibt, die Meldung käme aus der größten Zeitung Südkoreas, der Chosun Ilbo, dann ist das wahr. Aber naja, „Größe“ ist bei Zeitungen nicht unbedingt eine geeignete Kategorie um Qualität zu messen, oder wisst ihr nicht, was die größte Zeitung Deutschlands ist… Und wirklich anders ist es in Südkorea leider auch nicht. Die Chosun Ilbo kommt zwar hin und wieder an spektakuläre und richtige Infos ran, aber nur zu dem Preis, dass sie einen unglaublichen Ausstoß an Enten, Halbwahrheiten und niemals bestätigter Gerüchte hat.
  4. Selbst wenn es wahr wäre: Wer braucht denn bitte noch einen Beleg dafür, dass das Regime in Pjöngjang absolut verwerflich und unmenschlich agiert? Ich jedenfalls nicht. Aber scheinbar brauchen einige Leute boulevardeske Unterfütterungen ihrer Abneigung. Es reicht nicht, wenn das Regime abstrakt unmenschlich handelt, sondern man muss für die Bösen (Kim Jong Un) und ihre mutmaßlichen  Opfer (die angebliche Ex-Freundin) Gesichter finden.
  5. Es gibt einen sehr guten Artikel von Patrick Zoll in der NZZ, in dem so ziemlich alles drinsteht, was ich auch schreiben hätte können. Gratulation an Herrn Zoll und die NZZ, schön zu sehen, wenn einige Medien mal kurz innehalten und reflektieren, wozu sie eigentlich da sind.

Ein Faktencheck

Die meisten Fragen, die man an die Geschichte stellen kann, sind damit eigentlich schon mit dem Gesagten beantwortet. Wenn man fragt, ob etwas an der Story dran sei, dann ist vielleicht ein Faktencheck nützlich, in dem man hinterfragt, was übrig bleibt, wenn man alles subtrahiert, das nicht zweifelsfrei bewiesen werden kann.
Soweit ich das überschaue, ist das zum Einen, dass Kim Jong  Un Diktator in Nordkorea ist und dass es zum Anderen eine Frau gibt, die mal im Unhasu-Orchester gesungen hat. Alles Weitere sind Aussagen, die irgendwelche ungenannten Quellen irgendwie geliefert haben und die die Autoren der Chosun Ilbo dann zu einer mehr oder weniger plausiblen Geschichte verknüpft haben.

Ich kann also nicht sagen: „Das ist nicht wahr!“ Aber genauso wenig kann ich sagen: „Ja stimmt, so war das!“ Wenn ich ganz ehrlich bin, dann halte ich diese Geschichte sogar für glaubwürdiger, als den Kram über Kim Jong Uns Schweizer Jugendzeit, denn hier gibt es weniger Ungereimtheiten und Fakten, die dagegen sprechen, aber auch das heißt nicht, dass ich die Story für glaubwürdig halte, ich weiß es einfach nicht.

Ein gelungenes Ende für einen Artikel ohne Gehalt

Und weil ich nicht gerne was schreibe, an dessen Ende steht: „Kann sein, dass Kim Jong Un eine Frau hat hinrichten lassen, die vielleicht mit Pornobibeln (oder wie die Geschichte auch immer genau ging) gehandelt hat und vielleicht auch mal seine Freundin war, ehe sie möglicherweise einen Militär geheiratet hat, weil Kim Jong Il die Verbindung eventuell nicht gutgeheißen hat“, schreibe ich einfach nicht gerne über solchen Boulevardmist.
Ich mache mir über diesen Beitrag keinerlei Illusionen: Wenn man zu etwas über das man nichts weiß schreibt, dass man dazu nichts zu sagen hat und dass einen das Thema nicht interessiert, dann kann das Ergebnis nicht wirklich gutes sein.
Ein gutes hat es allerdings, man kann den Mist mit irgendwelchem Quatsch enden lassen und richtet in der Gesamtkomposition keinen Schaden an.
Sowas wie: „Ließ sich Kim Jong Un ein vietnamesisches Wasserschwein mit dem Gesicht Barack Obamas züchten, dass er mit einem Nuklear bestückten Raketenrucksack hinrichtete?“ kann man doch sonst fast nie schreiben, aber für diese Story ist es das perfekte Ende.
Denn es kann doch sein…oder? Wer einen Gegenbeweis antreten kann, der möge das tun, ansonsten schreibt es bitte in den Wikipedia-Artikel zu Nordkorea, ich glaube da wird es von den Medien am schnellsten gefunden und ändert an der Qualität des Wikis (leider) auch nicht viel.

Warum man nicht alles glauben sollte, was über Nordkorea in der Zeitung steht…


Nur ganz kurz möchte ich euch auf einen sehr interessanten und lesenswerten Artikel in der Korea Times aufmerksam machen. Dort beschäftigt sich Lee Chang-sup mit der Informationslage zu Nordkorea und nimmt die Quellen, aus denen Informationen über die Vorgänge im Land gewonnen werden, kritisch in den Blick. Die Aussage, dass sich über die Hälfte der Berichte, die in den letzten Jahren über Vorgänge in Nordkorea veröffentlicht wurden, als falsch herausstellten, verwundert nicht sehr, ist aber, was das Ausmaß der Falschmeldungen angeht, durchaus bemerkenswert. Nimmt man dann noch die Tatsache hinzu, dass wir als Deutschsprachler einer zweiten Medienbarriere unterliegen, die dadurch entsteht, dass die Zeitungsredaktionen entscheiden welche Nachrichten sie ins Deutsche übersetzt übernehmen, kann man wohl davon ausgehen, dass die Menge falscher Meldungen bei uns noch etwas höher ist.

Warum? Sensationen und Skurrilität lassen sich ja schon grundsätzlich besser verkaufen, als sachliche nüchterne Informationen. Aber Nordkorea ist darüber hinaus noch ein Sonderfall. Das Bild (wenn überhaupt), dass den meisten Menschen hier vorschwebt, wenn sie „Nordkorea“ hören, ist ein überaus skurriles, abwegiges, irgendwie krankes. Und an diesem (selbstgeschaffenen) Bild vom irren Schurkenstaat orientieren sich unsere Medien. Denn wer will schon was über einen Personalwechsel im Amt des Premierministers lesen, wenn man gleichzeitig „Infos“ über die Fernsehgewohnheiten Kim Jong Uns, über Mord und Totschlag in der Führerfamilie oder die Filmsammlung Kim Jong Ils bekommen kann. Das Bild vom „irren Schurkenstaat“ ist ein Selbstläufer geworden. Das heißt nicht, dass all das, was an Seltsamem und Erschreckendem aus dem Land berichtet wird, letztendlich falsch ist. Aber diese Sensationsnachrichten haben vermutlich schon eine höhere Fehlerquote als die langweiligen aber dafür gesicherten Informationen (Achja, Open Doors hat wieder den „Weltverfolgungsindex“ veröffentlicht. Zumindest was Nordkorea angeht, beruht der wohl wieder mal auf einer Ansammlung von Spekulationen und Gerüchten (mal ganz abgesehen davon, dass auch die Indexierung vollkommen Intransparent ist). Das hält aber kaum ein großes Medium davon ab, auf dieser „Quelle“ aufbauend, (mehr oder weniger reißerische) Artikel zu veröffentlichen. An alle die mich jetzt gerade in die Schublade „Unmensch“ packen wollen: Die Menschenrechtverstöße und die Unterdrückung von Religionen in Nordkorea sind zweifellos schreckliche Verbrechen. Aber wer kann den glauben, dass man etwas bessern würde, indem man verzerrte bis falsche Bilder in die Welt hinausposaunt? Ich jedenfalls nicht). Und damit bin ich auch wieder bei dem Artikel von Herrn Lee. Der schließt nämlich mit der sehr wahren und wichtigen Erkenntnis, die sich jeder Entscheidungsträger, nicht nur in Südkorea hinter die Ohren schreiben sollte:

When the truth of news is difficult to confirm, it is difficult for policymakers to make a decision on North Korea. Whether accurate or inaccurate, news on North Korea has an impact on South Koreans and policymakers. Making a judgment on assumptions, not on facts, is quite risky and dangerous. Leaders need to be careful in commenting on North Korea as their impact is quite widespread. Talking about North Korea based on unconfirmed news is all the more dangerous.

Falsche Informationen beeinflussen nicht nur die Meinung von uns Ottonormalverbrauchern sondern auch die von Entscheidern. Und wer seine Entscheidungen oder Aussagen auf der Basis falscher Informationen trifft, der muss schon viel Glück haben, um keine schlechten Entscheidungen zu treffen und damit schlechte Politik und ihre Konsequenzen verantworten zu müssen. Das gilt zwar überall, aber bei Themen wie Nordkorea gibt es ein sehr großes Angebot falscher Informationen. Jedenfalls freue ich mich sehr, dass ein südkoreanisches Medium mal selbstkritisch reflektiert und das Problem offen anspricht.

Vom kleinen Unterschied. Wie Medien zwischen drills und „drills“ unterscheiden


Auf der Koreanischen Halbinsel und drum herum wird zurzeit kräftig geübt gedroht. Das ist auch teilweise verständlich, denn irgendwas muss man ja tun und etwas anderes scheint wohl momentan keinem der Beteiligten einzufallen. Was ich nur sehr interessant finde ist die Manöverkritik, die man dazu hören kann. Dass die Vertreter der miteinander verfeindeten Parteien die eigenen Manöver dabei völlig anders bewerten, als diejenigen der Gegenseite, ist ja noch irgendwie verständlich, auch wenn dazu eine gehörige Portion geistige Flexibilität (man könnte dafür auch andere, weniger schmeichelhafte Worte finden) notwendig ist. Während die eigenen Militärübungen quasi der Friedenssicherung dienen, zumindest aber rein defensiver Natur, ist es klar, dass diejenigen des Gegners gefährliche Provokationen eines „bad guys“ sind, der naturgemäß nichts anderes zu tun in der Lage ist als zu provozieren.

Aber warum müssen denn die Medien bei dem Unfug mitmachen? Hier zwei Überschriften von Reuters-Artikeln von heute: „N.Korea conducts „drill“, US military chief in Seoul“ und „U.S. and S.Korea agree to more joint military drills„. Die guten drills und die bösen „drills“. Was ist der Unterschied? Von welcher Armee die Geschosse abgefeuert werden. Mehr aber auch nicht. Freie, unabhängige und neutrale Medien sollten meiner Meinung nach etwas reflektierter an ihre Berichterstattung rangehen, sonst wird der Abstand zu Nordkoreas Pseudoberichterstattung kleiner. Und die „“ ganz wegzulassen, oder noch besser, sie in beiden Fällen zu benutzen, würde wohl niemandem einen Zacken aus der Krone brechen. Denn dass die Manöver auf beiden Seiten mit „Üben“ nichts zu tun haben, dass weiß und sagt ja jeder.

Die Berichterstattung zu Nordkorea und ihre Fallstricke: „Chaos in North Korea coverage“


Eben habe ich auf 38 North einen interessanten Aufsatz gelesen, den ich euch ans Herz legen möchte. Er dreht sich um ein Thema, das auch mich schon seit längerem beschäftigt (ich hoffe mal, nicht zu eurem Missfallen), es geht um die Medienberichterstattung zu Nordkorea. „Chaos in North Korea coverage“ beleuchtet die Vorgehensweise der Journalisten bei ihrer Berichterstattung zu Nordkorea kritisch und beschreibt treffend, wie aus einer Aussage (wenn überhaupt) eine Nachricht wird, aus der Nachricht eine Schlagzeile und aus der Schlagzeile ein Thema. Die Autoren des Berichts beleuchten das Vorgehen der Medien anhand von Beispielen wie den Artikeln zur Währungsreform (eigentlich alles was sie als Beispiele heranziehen habe ich auch hier besprochen und bei einigem werde ich meine eigenen Berichte nochmal kritisch anschauen müssen).

Der zwölfseitige Aufsatz kann einem fast als eine Art Leitfaden zur kritischen Überprüfung von Meldungen zu Nordkorea dienen und meiner Meinung nach ist er ein must-read für diejenigen, die sich öfter mal Zeitungsartikel zu Nordkorea durchlesen.