Lords of War: Wie Nordkorea für seine Waffengeschäfte gemeinsame Sache mit Waffenschiebern macht


Vor ein paar Jahren habe ich mit relativ großem Vergnügen den Film „Lord of War“ mit Nicolas Cage in der Hauptrolle geguckt, was nicht nur wegen des Hauptdarstellers (seine schlechten Filme überwiegen deutlich), sondern auch aufgrund des Themas, das ja eigentlich alles andere als vergnüglich ist, erstmal schwer nachvollziehbar scheint. Allerdings beruhigte ich mich damals damit, dass die Machenschaften internationaler Waffenschieber wohl ein  bisschen überspitzt dargestellt wurden, um einerseits gute Unterhaltung zu bieten, andererseits aber auch die angehängte moralische Botschaft (vielleicht auch nur als Rechtfertigung dafür, dass man mit so unappetitlichen Themen gute Unterhaltung produziert) wirkungsvoller an den Mann zu bringen (Frauen mögen solche Filme eher selten, allerdings haben gleichzeitig Männer mitunter Schwierigkeiten mit angehängten moralischen Botschaften).

Nordkorea als globaler Waffenhändler: Interessantes aus einem UN-Bericht

Vielleicht fragt ihr euch jetzt: „Das ist ja alles schön und gut (oder totaler Quatsch), aber was hat das denn mit Nordkorea zu tun?“ Vielleicht habt ihr auch schon so eine Idee, denn der Transfer vom internationalen Waffenhandel zu Nordkorea ist ja nicht unbedingt hochkomplex. Allerdings habe ich mir das bisher so vorgestellt, dass diese Deals vor allem direkt zwischen Staaten, also zum Beispiel Nordkorea und Syrien, oder Nordkorea und Myanmar (nur früher (wobei die Meldungen über einen myanmarischen General, der aktuell auf eine Schwarze Liste gesetzt wurde, weil er Waffendeals mit Nordkorea eingefädelt hat, in eine etwas andere Richtung weisen)) oder Nordkorea und ein paar afrikanischen Staaten, ablaufen.
Die Lektüre des jüngsten Berichts des UN-Expertenpanels zur Umsetzung der Sanktionen gegen Nordkorea (sollte der vorige Link nicht klappen, versucht es hier und klickt auf den obersten Bericht), der dieses Jahr besonders spannend ausfällt und euch unbedingt zur Gesamtlektüre empfohlen ist (ach und es gab dieses Mal auch keinerlei Streit um die Veröffentlichung, aber diesen eindeutigen Hinweis auf eine etwas andere Haltung Chinas gegenüber Nordkorea haben die Medien irgendwie nicht wahrgenommen) und den Abschluss vieler Untersuchungen enthält, einerseits vielleicht, weil mehr Experten mittun, aber möglicherweise auch, weil China sich dieses Mal etwas proaktiver beteiligt hat an der Geschichte, hat mich aber gleich in zweifacher Hinsicht eines Besseren belehrt. Einerseits was meine Annahme über Nordkoreas Gebaren auf dem internationalen Waffenmarkt angeht, denn man macht im Zweifel auch Geschäfte mit Privatleuten, andererseits was meine Einschätzung des Films Lord of War angeht, denn der war vermutlich doch nicht so überspitzt, denn nach der Lektüre kommt es einem vor, als seien einige der Figuren, die in den Bericht Eingang finden, direkt aus diesem Film ausgebrochen. Dementsprechend will ich mich heute nur diesen Aspekten des Berichts widmen, was wie gesagt, die anderen Teile nicht weniger wichtig oder spannend macht. Eine kleine aber sehr feine Zusammenfassung zu den Gesamterkenntnissen bietet Marcus Noland auf seinem Blog.
Dem möchte ich eigentlich nur hinzufügen, dass man diesem Bericht durchaus anmerkt, was für eine mächtige Wirkung der Quasi-Automatismus zur Sanktionierung von Personen, Gütern und Organisationen haben wird, der in der jüngsten Resolution des UN-Sicherheitsrates gegen Nordkorea verankert ist. In diesem Bericht wird schon ein ganzer Haufen von Leuten, Sachen und Firmen etc vorgeschlagen und das wird man in Nordkorea spüren. Gleichzeitig kann in Zukunft die Hinzufügung solcher Sachen nicht mehr als Alibimaßnahme ergriffen werden, wenn man sich zu einer weiteren Verschärfungsrunde der Sanktionen entscheidet.

Der Zwischenfall in Bangkok: Eine moderne Waffenschieber-Räuberpistole

Aber nun zurück zu den Kriegstreibern und Waffenschiebern dieser Welt und ihren staatlichen Kumpels. In dem Bericht sind zwei Fälle beschrieben, in denen es zu einer direkten Kooperation zwischen Nordkorea und Waffenhändlern beim Absatz von konventionellen Waffen im Millionenwert ging. Der erste Fall ist uns dabei bereits aus der Vergangenheit bekannt. Da geht es um die Flugzeugladung Waffen in einem Gesamtwert von ungefähr 16 Millionen US-Dollar, die in Bangkok aus Nordkorea kommend und höchstwahrscheinlich mit dem Zielort Iran, aufgebracht wurde. Damals war zwar bekannt geworden, dass die Besatzung der Iljuschin 76 aus Osteuropa gekommen war, aber das Meiste an dieser Geschichte war ziemlich schwammig bzw. verborgen geblieben.
Wenn man die sehr genaue Dokumentation des Panels dazu liest, sowie diesen echt gut recherchierten Artikel, der kurz nach dem Zwischenfall erschien, dann versteht man auch, warum das so war. Diejenigen, die den Transport der Ware — es handelte sich u.a.  um Panzerfäuste, Ein-Mann-Boden-Luft-Raketen, Sprengköpfe für Raketen und 240 mm Raketen — zuständig waren, sind wohl echte Profis in diesem Geschäft. Zur Vorbereitung gehörte das Aufsetzen diverser Scheinfirmen, die gegenseitig Verträge geschlossen haben, das erstellen falscher und alternativer Flugroutendokumente und natürlich das Flugzeug, das schon an diversen Krisenhotspots u.a. in Liberia, dem Tschad und dem Sudan beim Ausladen von Waffen gesichtet wurde. Damit ist man in diesem Fall schon ziemlich nah dran an den Lords of War. Dem Bericht zufolge scheint Nordkorea Luftfracht vor allem dann zu bevorzugen, wenn die versandte Ware teuer ist. Möglicherweise hat es größere Erfolgschancen, wenn die Ware von Profis geliefert wird, als wenn man sie per Container in den internationalen Warenstrom einschleust und hofft, dass sie wohlbehalten am Bestimmungsort ankommt, vor allem wenn man bedenkt, dass einiges von dem Transportgut explosiv ist und es vermutlich beim Containertransport durchaus mal rumpelt und schaukelt, vielleicht will man solch teures Zeug auch permanent unter Bewachung zuverlässiger Leute wissen. Naja, jedenfalls ist die Luftfracht auch nicht eben billig und deshalb müssen für die abgesetzten Waren auch entsprechend große Margen drin sein. Da wird also von Verkäuferseite nicht gekleckert…

Einige Bilder aus dem Arsenal, das in Bangkok aufgebracht wurde. Quelle: Experten Panel

Einige Bilder aus dem Arsenal, das in Bangkok aufgebracht wurde. Quelle: Experten Panel

Ein richtig fetter Deal: Miiittelsreckenraakeeeten, schöööne billig Miiittelsreckenraakeeeten

Das richtig große Geschäft dürfte allerdings der Brite Michael George Ranger gewittert haben, der mittlerweile in England zu einer Gesamthaftstrafe von sechs Jahren verurteilt wurde. Das Geschäft, dass ihm letztlich das Genick brach war der versuchte Verkauf von 70 bis 100 nordkoreanischen Ein-Mann-Boden-Luft-Raketen, sowie US-amerikanischer Beretta Handfeuerwaffen an Aserbaidschan. Allerdings kann sich Ranger wohl glücklich schätzen, dass die anderen Geschäfte nicht ins Rollen kamen, mit denen ihn seine nordkoreanischen Geschäftspartner zu locken versuchten, die er in Allerherrenländer in Bars, Hotels und Restaurants traf und die ihm nie sagten, für wen sie genau arbeiten (vielleicht wollte er das aber auch nicht sagen, um sich die Kontakte für die Zukunft nicht zu versauen), das hätte vermutlich nämlich noch etwas mehr Gefängnis bedeutet.
Da ging es nämlich nicht zuletzt um Raketen mit einer Reichweite von bis zu 3500 km, die die Nordkoreaner zu 100 Millionen US-Dollar das Stück und zumindest im Dreierpack an den Mann bringen wollten. Das ist natürlich nochmal eine andere Hausnummer und zeigt — wenn wahr — dass man zumindest bei konventionellen Waffen nicht besonders wählerisch ist, was die Kundschaft betrifft. NK News, die hierzu einen guten Artikel geschrieben und ein paar Kenner der Materie (also von Raketen und so) befragt haben (und die ihr dämliches Experiment, das Projekt als (überteuerte) Bezahlseite weiterzubetreiben aufgegeben haben), berichten, dass mit einer solchen Reichweite nur die Musudan in Frage käme, die bisher aber noch nicht getestet wurde. Außerdem wurde darauf hingewiesen, dass Herr Ranger keinerlei Belege zur Bestätigung dieses Angebot zu bieten habe und dass dies möglicherweise nur ein Testballon der Nordkoreaner gewesen sei, um zu sehen, was Herr Ranger dann tun würde. Interessant auch der Hinweis Rangers, er habe seit 2004 Geschäfte mit nordkoreanischen Partnern gemacht. Da dürfte in der Vergangenheit also einiges mehr als die Bode-Luft-Raketen über die Ladentheke gegangen sein.

Nordkorea groß im Geschäft — Aber die ganz großen sitzen sonstwo und verkaufen (nur an die Guten)

Vielleicht muss ich meine kritische Haltung gegenüber Sensationsmeldungen über Nordkoreas globalen dunklen Geschäften nochmal überdenken, denn was dieser Bericht so ans Licht gebracht hat, ist zumindest die Erkenntnis, dass einiges von dem stimmen dürfte, das man so über Nordkoreas Geschäftsgebaren weiß. Außerdem gibt es wohl all die unappetitlichen Zeitgenossen, die mit Waffenhandel gutes Geld verdienen tatsächlich, was ich auf der einen Seite beunruhigend finden, auf der anderen Seite aber auch wenig verwunderlich, denn und damit bin ich wieder bei Nicolas Cage und seinem Film:
Die größten Waffenhändler sitzen noch immer in Washington, Moskau, Peking, London und natürlich in Berlin. Immerhin können wir „stolz“ sein, aktuell als global drittgrößter Waffenexporteur zu gelten (oder hat uns China hier auch schon überholt?). Von 2005 bis 2009 verdoppelten sich die deutschen Exporte von Rüstungsgütern und seitdem wir bereitwillig fast jegliche (nur die Guten!) Despoten und Menschenrechtsverletzer mit Panzern beliefern (naja, auf die Pleitegriechen ist ja keinen Verlass mehr. Haben uns früher in aller Regelmäßigkeit unsere Militaria abgenommen und jetzt können die sich noch nichtmal mehr nen klitzekleinen Leopard leiste…), die danach fragen, dürfte sich die Statistik weiter verbessert haben. Prima! Aber klar, Deutschland ist eben nicht Nordkorea. Wir fangen mit unserem hartverdienten Geld was Sinnvolles an und bauen nicht noch mehr Waffen und drohen so die globale Ordnung zu stören… Oder doch? Ob wir die Waffen jetzt für uns selber bauen, oder für irgendwelche Despoten, die Ordnung wird dadurch nicht unbedingt ordentlicher…

Kim Jong Uns Schweizer Zeit revisited: Wo das Konstruieren von Realitäten noch witzig ist und wo es ernst wird


Fast genau vor einem Jahr beschäftigte ich mich mit der Geschichte um Kim Jong Uns Vergangenheit in der Schweiz und der Tatsache, dass es für diese angebliche Vergangenheit eigentlich keine belastbaren Belege gab. Ich stellte die These auf, dass gerade im Falle Nordkorea Medien, Experten und auch die Öffentlichkeit so etwas wie einen Konsens gefunden haben, dass Glauben fast so gut ist wie Wissen, weil man so wenig weiß und sonst so wenig sagen könnte. Seitdem ich mich damals mit dieser Schweizgeschichte beschäftigt habe, sind keine neuen Informationen zu diesem Thema bekannt geworden. Es gibt also weder neue Argumente für noch gegen eine Schweizer Zeit Kim Jong Uns.
Nur ist eben ein Jahr vergangen und man weiß noch immer sehr wenig. Also hat man die angesprochene Realität noch mehr für sich akzeptiert. Kim Jong Un war in der Schweiz und gut ist. So gab es bei n-tv eine ausführliche Geschichte über seine Schweizer Jugend, die BILD hat sogar neue Fotos von den Boulevardkollegen aus Korea und der von mir sonst geschätzte Sender Euronews hatte einen ausgiebigen Bericht, wo die Geschichte immerhin noch als nicht endgültig belegt dargestellt wurde. Auch die ZEIT hat sich umfangreich mit der Schweizer Jugend Kims befasst und nach eingehender Untersuchung für wahr befunden.
Nungut, dass Kim Jong Un in seiner Schweizer Zeit offensichtlich ziemlich gut englisch sprechen konnte, bei dem jüngsten Besuch von Dennis Rodman in Pjöngjang aber kaum noch, das ficht niemanden an, kann es ja schließlich verlernt haben oder auch einfach keine Lust gehabt haben, mit Rodman direkt zu sprechen. Denn wie gesagt. Es ist ja so eine schöne Geschichte, wenn er in der Schweiz war. Da hat dann jeder was zu zu sagen und man kann daraus so schöne Folgerungen ziehen.

Befürchtung bestätigt: Niebel glaubt an Kim Jong Uns schweizer Zeit

Vorgestern zum Beispiel. In der Sendung von Beckmann (die ich aber voll und ganz empfehlen kann, was nicht unbedingt an meiner Verehrung fü Beckmann liegt). Da hat unsere Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit eindrucksvoll unter Beweis gestellt, was ich letztes Jahr als Befürchtung geäußert habe. Er gab eine Einschätzung über die Persönlichkeit Kim Jong Uns ab mit dem Hinweis darauf, der sei ja schließlich auch lange in der Schweiz gewesen (Min. 19:00). Na super; Wenn Herr Niebel das so genau weiß. Vielleicht hat es ihm ja der Ressortchef Politik der SZ geflüstert, der von ziemlich belastbaren Fotos wusste (ab Min 22:50). Nur Rüdiger Frank wollte nicht so ganz mit und meinte, dass man auf den Bildern bestimmt einen Nordkoreaner sehen könne, ob das aber Kim Jong Un sei oder nicht, das wisse man schlicht nicht. Vielleicht ja, vielleicht nein. Das machte Stefan Kornelius von der SZ zwar kurz nachdenklich, aber nur kurz. Dann hatte er wohl beschlossen, dass es nicht sinnvoll sei weiter darüber nachzudenken.
Zwar dürfte die Tragweite der ministeriellen (vielleicht, oder auch nicht, Fehl-) Einschätzung auf Basis nicht vorhandener Informationen nicht besonders groß, aber meine Sorge ist, dass die Vergangenheit Kim Jong Uns nicht das Einzige ist, das auf Basis von unzureichenden Informationen bewertet und eingeschätzt wird und dass Herr Niebel (bei allem Respekt für die Bedeutung seines Amtes) nicht die einflussreichste Person ist, die solche Einschätzungen trifft.

Wo es relevant wird: Realitäten konstruieren im Fall von Raketen

Eine andere Beobachtung, die man seit einigen Tagen machen kann, deutet stark in diese Richtung. Am vergangenen Montag kamen erstmals später bestätigte Gerüchte auf,  dass die nordkoreanische Mittelstreckenrakete Musudan an die Ostküste verlegt würde. Dieser Schritt deutete dem Augenschein nach darauf hin, dass Pjöngjang als nächsten Schritt einen Raketentest plane. Eine Überlegung, die mit Blick auf vergangenes Verhalten Nordkoreas nicht ganz abwegig ist und die auch ganz gut zu der These vom Bedarf nach greifbaren Taten nach der überdrehten Rhetorik Pjöngjangs in den vergangenen Tagen gepasst hätte. Allein wollte und wollte Nordkorea seitdem keine Rakete testen. Vielmehr bewegte es die Raketen, als sie an ihrem Bestimmungsort angekommen war, mehrmals hin und her, ohne letztendliche Vorbereitungen zu unternehmen. Dementsprechend kommen heute erste Meldungen aus Südkorea, dass ein Test nicht unmittelbar bevorstehen würde. Haben also die Warnungen des Westens Nordkorea von diesem Schritt abgehalten?
Auch hier ist die Ungewissheit wieder treibendes Moment einer für uns zuerst konstruierten und dann akzeptierten plausiblen Realität. Wir haben mit Hilfe von Satellitenbildern festgestellt, dass die Raketen an der Ostküste aufgestellt wurden. Wir haben die Entwicklungen der letzten Tage im Kopf. Daher ist es plausibel, dass Nordkorea eine oder mehrere Raketen testen wird. Wir wissen nichts, sondern wir glauben, aber mangels besserer Erklärung, um die wir uns allerdings auch nicht sonderlich bemüht haben, akzeptieren wir.

Alternative Realitäten

Auch das könnte ein Fehler sein, der von seinem Inhalt her schon etwas mehr Tragweite hat, als Kim Jong Uns sprachliche und gesellschaftliche Sozialisation in der Jugend. Es könnte, es muss aber nicht. Kann auch sein, dass in den nächsten Tagen eine Rakete fliegt. Aber zurück zu der kaum verfolgten Überlegung, dass wir hier einem Schnellschluss aufgesessen sind. Dazu habe ich drei Anmerkungen zu machen, die die These stärken könnten:

  1. Bisher gibt es keinen Beweis dafür, dass es sich bei Raketen des Bautyps Musudan, wie sie jetzt an die Ostküste verlegt wurden, um funktionsfähige Waffensysteme handelt. Bisher wurden sie nie getestet und bei ihrem ersten (und bisher einzigen) öffentlichen Auftritt auf einer Parade 2010 hatte es sich der Meinung eines ausgewiesenen Experten zufolge (in diesem Bericht aus 2012 nachzulesen) um eine Attrappe gehandelt. Gut möglich, dass es eine kleine Baureihe gab, aber nicht belegt, also nicht gewusst. Um diese Überlegungen wurden sich in den westlichen Medien aber wenig Gedanken gemacht. Die Raketen wurden an die Küste gebracht, also sollen sie getestet werden. Eine positive Ausnahme stellt hier Spiegel Online dar, wo sich ein Journalist mal ein bisschen näher mit der Rakete beschäftigt hat, die da angeblich getestet werden soll.
    Natürlich ist das alles kein Beweis dafür, dass man in Pjöngjang diese Rakete nicht testen will, aber irgendwie gehört diese Information der Vollständigkeit halber dazu und zweitens zieht sie die Konsistenz der Testgeschichte etwas in Zweifel: Wirklich eine Rakete, die noch nie getestet wurde, in so einer extrem gespannten Lage über Japan hinweg schießen. Ist das nicht ziemlich riskant, wenn man keinen Wert auf Krieg legt?
  2. Daniel Pinkston, Nordkorea-Experte der International Crisis Group, hat eine interessante andere Lesart der jüngsten Raketenbewegungen geliefert, die von ihrer Konsistenz her genausogut funktioniert, wie die Idee, Nordkorea wolle die Raketen testen, zuvor aber noch ein bisschen damit durch die Gegend fahren. Nachzulesen ist das ganze in diesem Tweet:

    Remember KPA & Strategic Rocket Forces have been training. So moving the missiles & TELs around is part of the training.

    Eine Übungen finde ich eigentlich garnicht so schlecht als  Erklärung für die Hin-und-Herfahrei der Raketen. Aber irgendwie scheint sich sonst keiner für die Idee erwärmen zu können. Vielleich auch deshalb, weil die allgemein akzeptierte Realität ja bereits ist, dass Nordkorea eine oder mehrere Raketen Testen will und weil es dann irgendwie blöd zu erklären wäre, dass man sich da eben geirrt hat. Da lassen sich im Nachhinein sicherlich bessere alternative Erklärungen finden.
    Auch dies ist wieder kein Beweis dafür, dass Nordkorea keine Rakete Testen will und das Eine schließt das Andere ja noch nichtmal aus: Man kann ja ein bisschen üben und wenn man meint, dass man damit durchkommt, ohne einen Krieg auszulösen, dann testet man das Ding eben noch. Aber es bietet eben auch eine Lesart, nach der der Zweck der Übung nicht unbedingt ein Raketenstart gewesen sein muss.

  3. Die Führung in Pjöngjang hat eine gewisse Meisterschaft im ‚Tarnen und Täuschen inne.
    1. Die Raketenattrappen, mit denen man schonmal gerne auf Paraden rumfährt und die gephotoshopten Bilder von Manövern sind dabei zwar viel belächelte, aber trotzdem zugehörige Elemente dieser Tarnen und Täuschen Strategie. Denn egal wie stümperhaft gemacht, führen diese Dinge zu zusätzlicher Unklarheit und Ungewissheit über die tatsächlichen Kapazitäten Nordkoreas. Und Ungewissheit ist eine der stärksten Abschreckungsmethoden, die Pjöngjang zur Verfügung hat.
    2. Vor allem weiß das nordkoreanische Militär aber sehr gut um die Begrenzungen der südkoreanischen und US-amerikanischen Aufklärung in Nordkorea. Die kann eigentlich fast nur von oben (was Sichtaufklärung) und von außen, was Abhören von Kommunikation angeht, erfolgen. In beiden Fällen hat Pjöngjang in der Vergangenheit bewiesen, dass es in der Lage ist, die toten Winkel der Überwachung auszunutzen (Ein absolut lesenswertes GIGA-Paper zu Grenzen und Risiken der Darstellung Nordkoreas mit Satellitenbildern habe ich hier verlinkt). So stellte das nordkoreanische Militär vor dem Beschuss der Insel Yonpyong alle Einheiten dort von Funkkommunikation auf klassische Telefonverbindungen um (S. 3, rechte Spalte), die eigens für den Einsatz gelegt wurden. Im Vorfeld des Raketenstarts vom Dezember warf man zuerst durch eine Meldung der Nachrichtenagentur KCNA Nebelkerzen, was den Termin anging, um anschließend nurnoch an der Rakete zu arbeiten, wenn gerade kein Satellit das Land überflog. Beide Male standen die Dienste der USA bzw. Südkoreas düppiert da. Vielleicht wollten die Nordkoreaner ja auch einfach mal testen, welche Methoden zur Aufklärung die USA und Südkorea hinzuziehen, wenn die Lage gespannt ist und wo dabei tote Winkel der Aufklärung zu finden sind.

Auch die Tarnen und Täuschen Überlegung schließt sich mit den zuvor angestellten Ideen nicht aus, aber könnte genausogut ein zentrales Ziel der ganzen Übung gewesen sein: Wie schnell merken die anderen, dass wir Raketen transportieren? Wieviel von dem das sie wissen wird bekannt? Wie lange dauert es, bis sie merken, dass sie vielleicht an der falschen Stelle Aufklärung betreiben? Alles das sind Fragen, auf die die nordkoreanischen Militärs durch ihre Manövrierei Antworten bekommen haben dürfte. Wertvolle Informationen, die man in der Zukunft für weitere Überraschungsmanöver einsetzen kann.

Was ist wahr, was nicht? Man weiß es nicht!

Mit diesen ganzen Ausführungen wollte ich euch nicht beweisen, dass Nordkorea in den nächsten Tagen keine Rakete testen will. Ich wollte nur zeigen, dass wir uns recht schnell auf eine Annahme festgelegt haben und alle Informationen, die wir zu dem ganzen Sachverhalt bekommen, unter der Maxime einordnen, dass diese Annahme zutrifft. Wir haben uns mal wieder eine Realität konstruiert, von der wir keine Ahnung haben ob sie zutrifft oder nicht, an die wir aber glauben, weil es am bequemsten ist.
Nur finde ich es, wenn es nicht mehr um Jugendfreundschaft, Basketball und Filmvorlieben, sondern um Raketen geht, sehr, sehr bedenklich, wenn das Risiko besteht, dass Leute die die Kompetenz zum Entscheiden haben, nicht auf Basis von Informationen, sondern von Glauben handeln. Hoffen wir also, dass die meisten Minister und Präsidenten nicht so leichtsinnig sind, das zu glauben, was sie in der Zeitung lesen (auch wenn es zehnmal drinsteht), sondern einen guten Stab um sich haben, der ihnen den Unterschied zwischen Wissen, Glauben und Nichtwissen klarmacht und ihnen das, was so in der Zeitung steht entsprechend einordnet. Das würde ungemein zu meiner Beruhigung beitragen.

P.S.:

Ich habe während ich das geschrieben habe jede viertel Stunde die Nachrichtenlage gecheckt, weil ich Sorge hatte, dass man in Pjöngjang doch beschließt, heute eine Rakete abzuschießen und alles, was ich hier geschrieben habe damit hinfällig wird…