Myanmar als Modell für Nordkorea? Chancen und Hindernisse


In der vergangenen Zeit wurde ja schon viel darüber gesprochen, auf welchen Kurs die neue Führung in Pjöngjang ihr Land wohl bringen wird. Vor allem seitdem man sich relativ sicher sein kann, dass Kim Jong Un und einige Leute um ihn rum (wie konkret, das ausseiht, kann keiner wissen) die Zügel im Land ziemlich fest in der Hand halten, wird dieses Thema heiß diskutiert. Besonders da sich zeigt, dass der junge Diktator wohl manches anders machen wird als sein Vater (ob es sich dabei um Kosmetik oder um einen echten Willen zum Wandel handelt, das kann auch keiner wissen) und dass seine Präferenzen stärker auf dem Wohl der Bevölkerung liegen(ob aus populistischem Kalkül oder echter Menschenliebe kann keiner wissen). Das alles nährt nicht nur in Pjöngjang Hoffnungen für einen Aufbruch, sondern auch in manch anderer Hauptstadt ist ein vorsichtiger Optimismus zu verspüren, dass es mit dem Neuen besser gehen könnte als mit seinem schwierigen Vater.

Obamas Botschaft an Pjöngjang

Dementsprechend überrascht es auch nicht, dass der alte und neue US-Präsident Barack Obama bei seinem viel beachteten Besuch in Myanmar unter anderem auch eine direkte Botschaft nach Pjöngjang schickte, als er sagte:

To the leadership of North Korea I’ve offered a choice: Let go of your nuclear weapons and choose the path of peace and progress. If you do you will find an extended hand from the United States of America.

Der Führung von Nordkorea habe ich eine Wahl angeboten: Gebt eure Nuklearwaffen auf und wählt einen Weg des Friedens und Fortschritts. Wenn ihr das tut, werdet ihr die ausgestreckte Hand der Vereinigten Staaten von Amerika finden.

Und wer die ganze Rede gucken will…

Die Symbolik und der Kontext

Das ist nicht das erste Mal, dass er sich seit dem Führungswechsel in Pjöngjang direkt an die Herrscher dort wendet, aber die Symbolik der Aussage erschließt sich natürlich vor allen Dingen aus dem Kontext. Und da ist es eben etwas anderes, ob man die Nachricht von Seoul aus oder von Naypidaw aus sendet. Man denke nur mal zwei, drei Jahre zurück und überlege, für wie wahrscheinlich man es damals gehalten hätte, dass ein US-Präsident in so naher Zukunft Myanmar besuchen und dort sogar mit Aung San Suu Kyi zusammentreffen würde, ohne das es zu einem Umsturz in dem Land gekommen wäre. Ich glaube das hätten damals nur recht optimistische Leute in Betracht gezogen. Aber es ist passiert und damit stecken da durchaus Signale für die Führung in Pjöngjang drin.

Was erreicht werden kann und welche Herausforderungen drohen

Die Botschaft zeigt ganz klar die Möglichkeiten dessen auf, das in relativ kurzer Zeit erreicht werden kann. Nordkorea könnte, wenn es den Ansprüchen der USA und ihrer Verbündeten entspräche, in nicht allzu ferner Zukunft aus seiner diplomatischen, aber auch der wirtschaftlichen und nicht zu vergessen (zwangsweise) auch aus der sozialen Isolation heraustreten. Damit würden sich der Führung sicherlich einige neue Möglichkeiten eröffnen, die eigenen Ziele hinsichtlich der Verbesserung der Lebensumstände der Bevölkerung zu verwirklichen. Gleichzeitig könnten sich aber durch das Wegfallen der zum Teil noch vorhandenen sozialen- und Informationsisolation auch neue Herausforderungen ergeben. Das Thema ist allerdings kaum beherrschbar und damit nicht wirklich analysierbar und ich will es daher ausklammern. Denn es gibt noch eine andere Herausforderung: Die Erfüllung der Ansprüche der USA und ihrer Verbündeter. Denn das Angebot, Nordkorea aus seiner Isolation zu entlassen ist ja nicht gerade neu. Das besteht schon wesentlich länger, als die Annäherung der USA mit Myanmar zurückreicht. Die Sache ist, dass Nordkorea die Ansprüche nicht erfüllen will. Formuliert wurde hier von Barack Obama nur ein einziger Punkt. Die Aufgabe des Nuklearprogramms. Das wollte man in Pjöngjang bisher nicht leisten und die Frage ist, ob sich daran etwas ändert, nur weil die Anreize, die im Raum standen, in Myanmar jetzt plastisch werden.

Der zentrale Unterschied: Das Nuklearprogramm

Aber das ist es doch, was die Sache im Endeffekt entscheiden muss. Da bin ich ganz auf der Seite von Scott Snyder, der in der Existenz eines richtigen Nuklearprogramms (manche behaupten ja, Myanmar habe auch sowas, aber das ist maximal ein rudimentäres Gerüst von einem Programm. Jedenfalls nichts, was wirklich von Belang ist) einen zentralen Unterschied zwischen Myanmar und Nordkorea sieht. Das Nuklearprogramm stellt für Nordkorea sozusagen einen alternativen Weg dar, während Myanmar als Alternative zum Nachgeben vor allem die Hoffnung geblieben wäre. Außerdem hat Nordkorea mit dem Aufbau des Nuklearprogramms bewiesen, dass es so etwas kann und so etwas tun will, während Myanmar mit dem Nichtaufbau eines solchen Programms gezeigt hat, dass es das entweder nicht kann oder nicht will. Daher wäre Nordkorea selbst bei einem Ausgleich mit den USA unter viel argwöhnischerer Beobachtung. Gleichzeitig würde es mit dem Nuklearprogramm ein großes Stück seiner Unabhängigkeit aufgeben. Denn neben dem Nuklearprogramm stehen ja noch einige andere Sachen auf der Agenda der USA. Zum Beispiel die Menschenrechtsfrage. Und wenn die USA dann in diesem Bereich Druck machen würden, dann könnte man sich nicht mehr so leicht abwenden, als das aktuell der Fall ist.

Der Wert des Beispiels Myanmar…

Vor allem aber — und damit bin ich eigentlich bei meinem zentralen Punkt angelangt — ist die Geschichte mit den USA und Myanmar bisher als Beispiel nicht  wirklich viel wert. Was ist denn bis jetzt passiert. Es gab einige Besuche und ein Botschafter wurde entsandt, vielleicht wurden auch schon ein paar Wirtschaftsabkommen geschlossen und einige andere Vereinbarungen getroffen. Aber wir stehen so oder so erst am Anfang dieser Geschichte. Und dass solche Liebeleien auch ganz schnell ins Auge gehen können, dass hat die jüngste Vergangenheit bewiesen.

…und die Bedeutung eines anderen Beispiels

Damals gab es einen Fall, der viel eher mit dem Nordkoreas zu vergleichen ist. Ein Staatschef, der bei der Entwicklung eines Nuklearprogrammes relativ weit gekommen war (allerdings lange nicht so weit wie Nordkorea, er hat nämlich nicht getestet), der sein Land mit eiserner Faust regierte und sich in seiner Vergangenheit mitunter als Staatsterrorist betätigt hatte, war auf das Angebot der USA und der westlichen Welt eingegangen. Er tourte durch die Hauptstädte Europas und schlug da, wo es ihm gerade gefiel seine Zelte auf (im wahrsten Sinne). Die ersten Jahre der Liebelei liefen glänzend. Zuhause durfte er weiter nach seinem eigenen Gusto verfahren und diplomatisch und wirtschaftlich kam er trotzdem super mit den westlichen Staaten klar. Doch dann erhob sich ein Teil seiner Bevölkerung gegen ihn. Und da zeigte sich, was die entgegengestreckte Hand der USA wert war. Schneller er sich versah waren westliche Flugzeuge in der Luft und „Berater“ in seinem Land und halfen den Aufständischen/Rebellen/der Widerstandsbewegung ihn zu besiegen und umzubringen.

Garantien mit und ohne Bestand

Ich glaube dieses Beispiel ist in der Erinnerung der nordkoreanischen Führung ganzschön gut verankert und eine kurze Romanze Myanmars wird das nicht vergessen lassen. Außerdem hat es in dem Fall ja auch ein paar Jahre gedauert, bis sich die neuen Freunde überlegt haben, dass sie eigentlich doch auch alte Feinde sind. Die Anreize die die USA und ihre Verbündeten der nordkoreanischen Führung bieten können, im Tausch gegen ihr Nuklearprogramm mögen noch so groß sein. Sie können nie den Status einer Garantie erreichen. Nuklearwaffen dagegen fungieren bisher ganz gut als quasi-Garanten. Niemand will ihren Einsatz, deshalb greift auch niemand einen Staat an, der welche hat. Und deshalb kann man sich als Nuklearwaffenstaat relativ sicher sein, dass man seine eigenen Probleme ohne feindliche Einmischung lösen kann.

Wann Myanmar interessant sein kann

So einfach ist das. Daher würde ich das Beispiel Myanmar nicht überbewerten, solange die USA von Nordkorea die Aufgabe des Nuklearprogramms verlangen. Sollten die USA den Preis aber darunter ansetzen, dann würde das Ganze auf einmal viel interessanter für Pjöngjang (denn das Beispiel Libyen wäre nicht mehr so relevant). Man behielte seine Garantie und könnte die Anreize absahnen. Wir werden sehen, welche Seite sich wie bewegt, aber im kommenden Jahr stehen die Chancen gut, dass es zu entscheidenden Entwicklungen auf der Koreanischen Halbinsel kommt, die den Weg für die darauf folgende Zeit bestimmt. Wohin der Weg führt, das hängt nicht zuletzt von den Ansichten der neuen Führungen im Spiel ab.

Myanmar und Nordkorea. Gemeinsam in eine strahlende Zukunft?


Update (04.03.): Wie die Washington Post berichtet, scheinen den USA die enger werdenden Beziehungen zwischen Nordkorea und Myanmar 1. nicht entgangen zu sein und 2. Sorgen zu bereiten. Dementsprechend versucht die US Regierung einen Gesprächsfaden mit der Junta zu knüpfen und das Land aus seiner Isolation zu lösen um so den Bedarf nach Verbündeten wie Nordkorea zu verringern.

Ursprünglicher Beitrag (11.01.): Wie ja bereits angekündigt, möchte ich mal etwas auf die relativ wenig beleuchteten, dafür aber umso interessanteren Beziehungen zwischen Nordkorea und Myanmar eingehen. Hauptsächlich will ich dabei auf die, sich seit zwei Jahren glänzend entwickelnden Kontakte beider Länder eingehen, da aber auch die historischen Verwicklungen beider Staaten durchaus erwähnenswert sind, sollen auch diese kurz beschrieben werden. (Ich möchte mich kurz für die etwas reißerische Überschrift entschuldigen, aber: Erstens finde ich das Wortspiel irgendwie toll und Zweitens ist was reißerisches ja immer n eye-catcher mit dem man vielleicht ein paar mehr Interessenten für ein wirklich hochspannendes Thema interessieren kann.)

Geschichte der diplomatischen Beziehungen

In der Zeit nach der Unabhängigkeit des damaligen Burma von Großbritannien 1948 waren die Beziehungen zwischen dem damals demokratischen Staat und dem kommunistischen Nordkorea eher distanziert und formell. Dies änderte sich nachdem das Militär 1962 die Macht im Lande an sich gerissen hatte. 1974 nahmen beide Länder diplomatische Beziehungen auf und 1977 kam es sogar zu einem offiziellen Besuch des damaligen Führer Ne Win in Pjöngjang. Mit der guten Stimmung war es aber 1983 recht abrupt vorbei, als ein nordkoreanisches Terrorkommando bei einem Bombenanschlag in Rangun, der dem südkoreanischen Präsidenten Chun Doo-hwan galt, 23 Menschen, darunter vier Mitglieder des südkoreanischen Kabinetts tötete. Ein nordkoreanischer Terrorist wurde von burmesischen Sicherheitskräften getötet, einer wurde hingerichtet und einer scheint bis heute seine Strafe in Myanmar zu verbüßen. Kurz darauf mussten alle nordkoreanischen Diplomaten das Land verlassen und bis 2007 gab es keine offiziellen diplomatischen Kontakte und bis heute kam es nicht zu einer offiziellen Entschuldigung seitens Nordkoreas. Nichtsdestotrotz scheint es bereits in den 1990er Jahren zu ersten Annäherungen zwischen beiden Ländern gekommen zu sein. (Wer mehr zur Historie der Beziehungen lesen will kann das hier und hier tun)

Die diplomatischen Beziehungen heute

Im Jahr 2007 beschlossen beide Länder, die diplomatischen Beziehungen wieder herzustellen (Und sich damit einen kleinen Schritt aus der internationalen Isolation zu begeben. Während Nordkorea zu diesem Zeitpunkt mit 150 Ländern diplomatische Beziehungen hatte, waren es bei Myanmar nur 65). Jedoch war es bereits in den 1990er Jahren zu geheimen Treffen zwischen den Botschaftern beider Länder in Thailand gekommen. Dabei scheint unter anderem eine mögliche Überstellung des in Myanmar in Haft verbliebenen Attentäters Kang Min-chul diskutiert worden zu sein. Im Jahr 2000 besuchte eine hochrangige Delegation Myanmars Pjöngjang und im folgenden Jahr stattete Nordkoreas Vizeaußenminister Park Kil-yon Rangun seinen Gegenbesuch ab. Im Jahr 2008 kam es zu mehreren hochrangigen Besuchen auf beiden Seiten, darunter einer Visite von Myanmars Außenminister im Oktober in Pjöngjang und dem Gegenbesuch des nordkoreanischen Vize Außenministers Kim Young-il bei dem ein Visa Abkommen für Diplomaten vereinbart wurde. Auch im vergangenen Jahr kam es wiederholt zu Kontakten beider Staaten, wobei sich der Fokus jedoch von der diplomatischen- eher auf die Arbeitsebene verschoben hat. Hervorzuheben ist hier der Besuch General Thura Shwe Manns (der sich im Nachhinein für einige Beamte in Myanmar als äußerst verhängnisvoll herausgestellt hat), Myanmars Nummer drei, im November 2008 in Nordkorea, bei dem unter anderem ein „Memorandum of Understanding“ unterzeichnet wurde (Bilder dazu hier), dass die militärischen Beziehungen beider Staaten formalisiert (Unter anderem sind Vereinbarungen zum Bau von Tunnels für Raketen, Flugzeuge und sogar Schiffe enthalten. Außerdem sollen Spezialeinheiten und Luft-Abwehr-Kräfte Myanmars vonNordkorea trainiert werden und es soll ein gegenseitiges Sprachtraining geben).

Diese Verbesserung der bilateralen Beziehungen können einerseits als Teil einer „Charmeoffensive“ Myanmars seit 2008 gesehen werden, mit deren Hilfe das Land versuchte seine International schwache Position zu stärken. Nach der gewaltsamen Niederschlagung von Protesten im Jahr 2007 und dem internationalen Druck zur Öffnung des Landes für humanitäre Hilfe nach dem Taifun Nargis im Jahr 2008 (damals war in der westliche Welt unter anderem offen über die Möglichkeit einer „humanitären Intervention“ diskutiert worden), hatte das Land versucht seine Beziehungen zu anderen anti-westlichen Staaten, unter anderem dem Iran zu stärken. Andererseits dürften jedoch auch praktische Erwägungen (vor allem militärische Kooperation) eine große Rolle gespielt haben. Generell scheinen in den Beziehungen beider Länder praktische Erwägungen, vor allem militärische Zusammenarbeit eine größere Rolle zu spielen als diplomatische Überlegungen. Hier kam es zu einer Vielzahl von Kooperationen, die vom Handel mit konventionellen Waffen über logistische Unterstützung bei der Errichtung von Militäranlagen und der Ausbildung von Ingenieuren und Militär bis zu Spekulationen über eine nukleare Kooperation beider Länder reichen. Die wichtigsten diskutierten Punkte auf diesem Gebiet möchte ich in der Folge kurz darstellen, wobei immer zu bedenken ist, dass bei diesen  naturgemäß im Geheimen stattfindenden Geschäften immer eine gewisse Gefahr besteht, dass existierende Informationen falsch sind.

Handel mit konventionellen Waffen und U-Boote

Bereits 1998 kam es angeblich zu einem ersten Waffengeschäft zwischen den Staaten, bei dem Nordkorea 12 bis 16 130mm M-46 Kanonen an Myanmar verkaufte. Außerdem sollen in den 1990er Jahren 20 Milionen Ak-47 (die gute alte „Kalaschnikow“) Patronen an Myanmar geliefert worden sein. Im Jahr 2003 waren 15 bis 20 nordkoreanische Techniker auf der Flottenbasis Monkey Point nahe Rangun tätig und es wird vermutet, dass sie dort Schiffe oder Boote der Marine Myanmars mit Raketentechnologie ausrüsteten. Im Zusammenhang mit den Waffengeschäften der Länder findet auch die Tatsache immer wieder Erwähnung, dass Häfen in Myanmar wiederholt von mysteriösen nordkoreanischen Schiffen angelaufen wurden. Dabei wird unter Berufung auf Geheimdienste von einer Vielzahl von Fällen gesprochen, die jedoch nicht näher aufgeklärt sind. Drei dieser Ereignisse sind jedoch bestens dokumentiert: Im November 2006 lief das nordkoreanische Frachtschiff MV Bong Hoafan in einem Hafen in Myanmar an um Schutz vor einem Sturm zu suchen (Allerdings fanden Myanmars Behörden nach eigenen Angaben bei der Durchsuchung nichts, das gegen die UN-Sanktionen gegen Nordkorea verstieß (Vielleicht weil zuvor schon alles entladen worden war?)). Die nordkoreanische Schifffahrt schien zu dieser Zeit unter keinem besonders guten Stern zu stehen, denn im April 2007 musste wiederum ein nordkoreanisches Frachtschiff, die Kang Nam I, Schutz vor einem Sturm suchen. Erstaunlicherweise war es dasselbe Schiff, dass im Juni 2009 tagelang von der amerikanischen Marine unter dem Verdacht verfolgt wurde, Ware nach Myanmar zu transportieren, deren Verkauf einen Verstoß gegen die UN-Sanktionen dargestellt hätte. Glücklicherweise kam es bei dieser Reise nicht zu einem Sturm, so dass die Kang Nam I auf offener See umdrehen und nach Nordkorea zurückkehren konnte. Weiterhin scheint Myanmar im Jahr 2002 Interesse am Kauf nordkoreanischer U-Boote gezeigt zu haben. Allerdings kamen diese Geschäfte bisher aufgrund von Finanzierungsproblemen oder der mangelhaften Fähigkeiten der Marine Myanmars, solche Schiffe zu handhaben, nicht zu Stande.

Bunker und Tunnel

Wie sich im Streit um humanitäre Hilfe im Gefolge des Taifuns Nargis im Jahr 2008 zeigte, scheint die Junta in Myanmar was Paranoia angeht, dem Regime in Pjöngjang nicht besonders viel nachzustehen (Ob berechtigt oder unberechtigt sei mal dahingestellt, aber ich kann es irgendwie nachvollziehen, dass man „großzügige“ Hilfsangebote von Staaten, die in jüngerer Vergangenheit durch aggressive Rhetorik („Vorposten der Tyrannei“) geglänzt haben, Hilfslieferungen mit Kriegsschiffen (!) ins Land zu bringen, ablehnt). Scheinbar besteht eine permanente Angst, die USA könnten die Junta durch Luftschläge oder eine Attacke von See aus angreifen wollen. Dementsprechend hat man die Hauptstadt von Rangun, dass von der See her leicht zugänglich ist, nach Naypidaw im Landesinneren verlegt. Und dementsprechend zeigen die Generäle ein großes Interesse für die, in Nordkorea weit entwickelte Kunst des Tunnel- und Bunkerbaus. So scheint seit 2002 eine Vielzahl von unterirdischen Strukturen entstanden zu sein und Berichten zufolge werden die Baumaßnahmen seit 2006 von nordkoreanischen Tunnelbau-Experten unterstützt. Die Bestimmung der Tunnel ist zwar nicht immer klar zuzuordnen (Dazu gibts hier auch n paar Bilder, die unter anderem die nordkoreanisch-myanmarische (kann man „myanmarisch“ schreiben oder ist das fallsch? Ich hab immer Verdacht, dass sich viele westliche Journalisten einfach deshalb weigern den Namen „Myanmar“ zu nutzen, weil „burmesisch“ soviel einfacher von der Zunge geht als „myanmarisch“) Kooperation in diesem Bereich belegen), allerdings gilt es als Erwiesen, dass neben der Gewinnung von Energie durch Wasserkraft auch Tunnel und Bunker entstanden sind, die eindeutig militärischen Zwecken wie der Produktion von Waffen oder dem Schutz vor (Luft-)Angriffen dient. Die Zahl der bisher entstandenen Tunnel wird mit ca. 800 angegeben (S. 3), wobei jedoch wie gesagt der genaue Zweck nicht bekannt ist. Auch beim Besuch Shwe Manns 2008 in Nordkorea standen unterirdische Raketenfabrik und Schutztunnel für Militäreinheiten auf dem Besuchsplan, so dass eine weitere Zusammenarbeit in diesem Bereich zu erwarten ist.

Raketen

Aufgrund der ständigen Angst vor einem US Angriff auf das Land, aber auch wegen einer klaren Niederlage in kleineren Grenzstreitigkeiten mit Thailand in den Jahren 2001 und 2002, die unter Anderem auf eine deutliche Luftüberlegenheit Thailands zurückzuführen war, strebt Myanmar seit einigen Jahren nach dem Ausbau seiner Luftabwehr, aber auch nach Erwerb von Raketentechnologie. Dementsprechend war Myanmar seit 2001 in Bulgarien, der Ukraine, Russland, China und vermutlich auch Nordkorea auf Einkaufstour. Mit Hilfe der osteuropäischen Staaten und Russland konnte es vor allem seine Luftabwehrfähigkeit stärken. Es wird vermutet, dass Myanmar bereits Raketen mit einer Reichweite von 500 bis 1.000 km erworben hat. Im Jahr 2007 wurden drei japanische Geschäftsmänner unter dem Verdacht festgenommen, dass sie Material, dass zur Entwicklung von Langstreckenraketen genutzt werden kann, nach Myanmar liefern zu wollten. Eine Beteiligung Nordkoreas gilt in diesem Fall als höchst wahrscheinlich. Myanmar scheint also mit Hilfe Nordkoreas eigene Produktionskapazitäten für Raketen aufbauen zu wollen. Gleichzeitig wird darüber spekuliert, dass Myanmar bereits Kurz- und Mittelstreckenraketen in einem Tauschhandel erworben haben könnte und bereits Raketen des Typs SCUD-E mit einer Reichweite von 1.500 km geordert hat. Unbestritten sind jedoch einerseits das Interesse, das hochrangige Vertreter Myanmars an Nordkoreas Raketenprogramm zeigen und andererseits die Bereitschaft Nordkoreas, Raketentechnologie an andere Staaten weiterzugeben, solange die Kasse stimmt.

Myanmars nukleare Ambitionen und die Rolle Nordkoreas

Im Gegensatz zu den oben beschriebenen Aktivitäten, die in der deutschen Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wurden, stieß die Möglichkeit einer nuklearen Kooperation zwischen Nordkorea und Myanmar in den deutschen Medien auf Interesse (Atombomben sind eben spannender als Tunnel…). Über große Teile seiner Geschichte hinweg war Burma ein klarer Gegner nuklearer Rüstung. Seit 1957 war Burma Vollmitglied der Internationalen Atom Energie Behörde (IAEA) und unterzeichnete alle bedeutenden Abkommen des Non-Proliferations-Regimes. Auch als die demokratische Herrschaft durch eine Militärdiktatur ersetzt wurde, änderte sich diese Haltung nicht. Weiterhin ist Myanmar Unterzeichner des Abkommens der ASEAN Staaten eine Atomwaffenfreie Zone. In der Öffentlichkeit tritt Myanmar bis heute als starker Unterstützer der nuklearen Abrüstung auf.

Im Jahr 2000 zeigte Myanmar jedoch Interesse an der Errichtung eines 10 Megawatt Reaktors, der mit russischer Hilfe gebaut werden und Forschungszwecken dienen sollte. Dabei folgte Myanmar den formalen Vorgaben der IAEA und im September 2001 erging eine Anfrage der Abteilung für Atomenergie des Wissenschafts- und Technologieministeriums Myanmars an die IAEA, Unterstützung beim Erwerb eines nuklearen Reaktors zu gewähren. Aufgrund von Schwierigkeiten bei der Finanzierung, wurde der Bau jedoch immer weiter aufgeschoben und das Projekt gilt seit 2007 als gescheitert. Die Pläne Myanmars, für die es einerseits kaum plausible Begründungen liefern konnte und die andererseits immer wieder starke Sicherheitsbedenken (aufgrund der Gefahr von Naturkatastrophen u.ä. weckten), führten dazu, dass es immer wieder zu Spekulationen über die Fortschritte und die Hintergründe des Nuklearprogramms kam. Die stattfindende Annäherung zu Nordkorea lieferte diesem Misstrauen neue Nahrung. Es wurde gemutmaßt, dass Myanmar nach dem Scheitern des Reaktorbaus mit russischer Hilfe auf Unterstützung durch Nordkorea zurückgreifen könnte. Auch das lebhafte Interesse Myanmars an nordkoreanischen SCUD-Raketen wurde in diesem Zusammenhang als Beleg gesehen. In der Folge kam es periodisch zu Medienberichten, die als Beleg für eine nukleare Kooperation dienen sollten. Allerdings konnten all diese Berichte keine schlagenden Beweise für eine solche Zusammenarbeit liefern. Im Jahr 2007 schreckten Berichte zweier Flüchtlinge die Weltöffentlichkeit auf, Myanmar arbeite mit Nordkoreas Hilfe an der Entwicklung von Nuklearwaffen und habe dabei schon bedeutende Fortschritte gemacht. Aber auch diese Berichte sind Forschern zufolge Haltlos. Vielmehr wird darauf verwiesen, dass selbst Untersuchungen der Regierungen der USA und Großbritanniens Ambitionen Myanmars, Nuklearwaffen zu erwerben, als äußerst unwahrscheinlich einstuften. Im vergangenen Jahr flammten dahingehende Befürchtungen erneut auf, als auf Sattelitenfotos ein Gebäude identifiziert wurde, von dem manche dachten es könnte ein Reaktor sein. Doch auch diese Möglichkeit wurde nach eingehender Überprüfung der Fotos durch Forscher als äußerst unwahrscheinlich zurückgewiesen. Generell wird davon ausgegangen, dass höchstens eine kleine Gruppe innerhalb der Militärjunta den Erwerb von Nuklearwaffen überhaupt in Erwägung zieht. Daher dürfte kurzfristig ein Streben nach nuklearer Bewaffnung durch Myanmar, mit wessen Hilfe auch immer, äußerst unwahrscheinlich sein. (Zu Myanmar und eventuellen nuklearen Entwicklungen gibts hier ein ausführliches Paper. Hauptsächlich zu der Geschichte mit dem mysteriösen Gebäude, aber auch zur Kooperation zwischen Myanmar und Nordkorea allgemein gibts hier ne umfangreiche Materialsammlung)

Fazit

Das sich mit Myanmar und Nordkorea, zwei isolierten Staaten, die sich von den westlichen Mächten, allen Voran den USA, bedroht fühlen, zwei Verbündete gefunden haben, deren Gemeinsamkeiten solche Beziehungen fast folgerichtig erscheinen lassen, ist meiner Meinung nach eine Entwicklung, die man annähernd natürlich nennen könnte. Wer zu bestimmten Gütern oder Rohstoffen nur begrenzten Zugang hat, wendet sich an die, bei denen er seine Bedürfnisse stillen kann. Wer sich von einem übermächtigen Gegner bedroht fühlt wendet sich an Andere, denen es ähnlich ergeht: Der Feind meines Feindes ist mein Freund! Solange die Bedrohungsperzeption in Nordkorea und Myanmar ähnlich bleibt und sie in internationaler Isolation verbleiben, dürften die Beziehungen zwischen beiden Staaten eher enger werden. Welche Güter dabei zwischen beiden Seiten ausgetauscht werden, ist vermutlich allein eine Frage des Bedarfs (und vielleiht noch des Geldes) auf beiden Seiten. Auch wenn die internationale Gemeinschaft auf den höchstwahrscheinlich ablaufenden Waffenhandel von Nordkorea nach Myanmar aufmerksam geworden ist, so ist es doch unwahrscheinlich, dass dieser völlig unterbunden werden kann, vor allem da neben dem Seeweg theoretisch auch der Landweg durch China und der Luftweg dafür offen stünden. Die Kooperation dürfte jedoch vorerst im konventionellen Bereich verbleiben, da Seitens Myanmar zurzeit vermutlich schlicht kein Bedarf für nukleare Rüstung besteht. (Um noch schnell die Frage, die ich in der Überschrift aufgeworfen habe zu beantworten: Gemeinsam ja, (nuklear)strahlend nein! (Und anders strahlend wahrscheinlich auch nicht.))

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