Schwarzes Loch der Außenpolitik — Warum die EU jetzt eine Rolle auf der Koreanischen Halbinsel übernehmen sollte


Vorgestern habe ich mich ja im Rahmen meiner Freude über die endlich anlaufende seriöse Berichterstattung zur Lage auf der Koreanischen Halbinsel (vielleicht ein Wochenendphänomen, wenn man sieht, wie heute schon wieder jedem Gerücht kopflos hinterhergehechelt wird) unter anderem auch auf den Artikel von Karl Grobe in der Frankfurter Rundschau hingewiesen. Die besondere Qualität die ich in diesem Artikel gesehen habe, war die schlichte Erwähnung der Tatsachen, dass die EU erstens keine echte eigene Politik auf der Koreanischen Halbinsel verfolgt, obwohl sie viele echte eigene Interessen dort hat und zweitens durch die Erfahrungen mit dem Helsinki-Prozess viel zu einer dauerhaften Besserung der Situation beizutragen hätte.

Außenpolitisches schwarzes Loch

Eigentlich hätte ich es mit diesem Hinweis gut sein gelassen, denn was soll man schon viel zur EU-Politik mit Blick auf die aktuelle Lage schreiben. Bis auf die wenigen mageren Stellungnahmen von EU-Außenamtschefin Ashton, die mir irgendwie alle bekannt vorkommen — vielleicht, weil sie bei jedem Nuklear- oder Raketentest Nordkoreas wieder aus der Konserve gezaubert werden — gibt es da ja nicht wirklich was zu vermelden. Immerhin haben wenigstens die betroffenen Staaten, deren Botschaften die Räumung ans Herz gelegt wurde, sich scheinbar untereinander abgesprochen. Aber sonst? Ein außenpolitisches schwarzes Loch tut sich da auf und weist so auf ein bedeutendes Versäumnis der EU-Außenpolitik.

Von großen Potentialen und magerer Ausbeute

Nicht zum ersten Mal weise ich darauf hin, dass die EU Potential hat, eine Rolle auf der Koreanischen Halbinsel zu spielen und dass sie dieses Potential fahrlässig wegschenkt. Dass man sich dem Ansinnen der DVRK verschließt, eine Botschaft in Brüssel zu eröffnen, mag ja noch irgendwo nachvollziehbar sein, allerdings kann man es auch als Zeichen der Unreife deuten. Lieber erst garnicht in die Situation kommen, unangenehme Gespräche führen zu müssen, scheint hier die Devise zu sein.
Zwar ist das beharrliche Bohren des dicken Brettes „Menschenrechte“, vor allem durch das Europäische Parlament ein löblicher Ansatz. Allerdings kann man hier auch gleich kritisch anmerken, dass selbst dem naivsten Politiker bewusst sein dürfte, dass die Einwirkungsmöglichkeiten in diesem Bereich solange gegen Null gehen, solange Nordkorea aufgrund ungeklärter Konflikte mit Südkorea und den USA von der Weltgemeinschaft isoliert und mit immer neuen Sanktionen belegt wird. Es bestehen schlicht weder Anreize, noch Sanktionsmöglichkeiten, um eine Änderung herbeizuführen. Und mit Appellen an die Menschlichkeit dürfte den Realpolitkern in Pjöngjang auch nicht beizukommen sein.
Das wahre Potential der Europäischen Union habe ich bereits oben angesprochen. Sie könnte als ehrlicher Makler ohne direkte politische Interessen auf der Koreanischen Halbinsel (anders als es bei allen Teilnehmern der Sechs-Parteien-Gespräche um die Denuklearisierung der Koreanischen Halbinsel (das sind China, die USA, Japan, Russland und beide Koreas) als dem aktuell favorisierten Problemlösungsformat der EU, der Fall ist) als Vermittler tätig werden und den seit Jahren andauernden Stillstand dort auflösen helfen. Sie könnte damit einen Konflikt entschärfen, der immer wieder negativen Einfluss auf diese wirtschaftlich auch für die EU so bedeutende Region zu nehmen droht. Sie könnte damit endlich ein außenpolitisches Profil erwerben, dass ihr bisher abgeht, was sich negativ auf die Wahrnehmung der EU von außen und möglicherweise auch auf ihre Integrationsfähigkeit nach innen auswirkt.

Nicht die EU steht auf, sondern ein kleiner neutraler Nachbar in ihrer Mitte

Der Grund, dass ich anders als geplant dann doch etwas zur Rolle der EU schreibe, liegt in einer kleinen Initiative aus der Schweiz. Die Eidgenossen erklärten gestern, sie seien bereit, in der aktuellen Situation auf der Koreanischen Halbinsel gegebenenfalls zu vermitteln und ein Treffen zwischen den Konfliktparteien zu organisieren. Nun will ich diese Initiative der Schweizer garnicht kritisieren. Ich finde sie sogar höchst löblich und die Schweiz ist sicherlich als Vermittler auf der Koreanischen Halbinsel eine hervorragende Wahl. Nicht nur ist man neutral, sondern man hat auch zu beiden Koreas relativ gute Beziehungen und man tat sich in der Vergangenheit schon einmal als Gastgeber für entscheidende Verhandlungen zwischen den USA und Nordkorea hervor (ratet mal, woher das Genfer Rahmenabkommen von 1994, das damals das Nuklearprogramm Nordkoreas einfror, seinen Namen hat).
Allerdings hat mich das trotzdem aus einem ganz einfachen Grund geärgert: Ich hätte mir schlicht gewünscht, dass die EU aufgestanden wäre und sich als Vermittlerin angeboten hätte. Wann wenn nicht jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, seine alten und sinnlosen Prinzipien über Bord u werfen (ob man „nichtstun“ als „Prinzip“ bezeichnen kann, ist wieder eine andere Frage).

Die Gelegenheit ist passend wie lange nicht.

Nicht nur zeigt die gegenwärtige Situation, wie schnell die Situation gefährlich werden kann und wie schnell damit auch für die EU Felle davonschwimmen könnten, die man nicht so schnell wieder aus dem Pazifik fischen wird. Außerdem sind erstmal seit fünf Jahren auch die politischen Rahmenbedingungen in Südkorea so, dass eine Initiative der EU Erfolgschancen haben könnte. Die neue Präsidentin Park Geun-hye hat als Strategie gegenüber Nordkorea eine „Trustpolitik“ konzipiert, die den Aufbau einer Friedens- und Sicherheitsarchitektur für Ostasien ähnlich dem Helsinki-Prozess zum Ziel hat. Und hier ist die EU wohl Ansprechpartner Nummer eins. Wenn es irgendwo in der Welt Experten für einen Helsinki-Prozess gibt, dann in der EU. Warum also diese Möglichkeit ignorieren? Mir fällt kein vernünftiger Grund ein und ich hoffe, den Verantwortlichen in der EU fällt ebenfalls bald auf, dass eigentlich nichts dagegen spricht, auch mal selbst Profil zu zeigen.
Gut, dass auch aus akademischen Kreisen erste dahingehende Forderungen kommen. So war ich durchaus erfreut, den Ruf nach einem aktiven Engagement der EU als Vermittlerin auf der Koreanischen Halbinsel auch in dieser Analyse von Remco Breuker zu finden, der in Leiden mit seiner hervorragenden Arbeit das Thema Nordkorea immer wieder ideologiefrei auf die Agenda setzt. Ich habe zwar die Befürchtung, dass auch das nicht ausreichen wird, die EU aus ihrer Koreapolitischen Starre herauszubrechen, aber sicherlich wird es eher gehört, als mein Rufen im Walde und steter Tropfen höhlt ja bekanntlich allerlei Gestein.

Warum auf der Koreanischen Halbinsel nichts passieren wird und sich Nordkorea trotzdem als Sieger feiern wird


Heute wirklich nur ganz kurz, weil ich nicht viel Zeit habe. Eine entscheidende Frage, die ich mir in den letzten Tagen gestellt habe war, wie die Führung in Pjöngjang nach der zugegeben extremen verbalen Aufrüstung der letzten Tage und Wochen aus der Geschichte rauskommen will, ohne irgendetwas zu tun, denn nach wie vor gehe ich davon aus, dass man keinen Krieg will und bei der derzeit extrem gespannten Lage also militärische  Maßnahmen weitgehen vermeiden wird. Das war für mich eine relativ kritische Frage, denn wenn die Führung in Pjöngjang die Erwartungshaltung in den eigenen Reihen immer weiter steigert, dass etwas passieren wird, dann kann man irgendwann nicht mehr sagen: „Ist uns doch zu heiß, lassen wir mal“ ohne damit Legitimität und Glaubwürdigkeit bei den eigenen Leuten zu verlieren.

Als ich heute die Nachrichten im Deutschlandfunk gehört habe,  ist mir dann aber klar geworden, wo der Ausweg steckt. Da ging es um die neueste Drohung aus Pjöngjang, nach der militärische Optionen „ohne jede Rücksicht“, aber einschließlich nuklearer Option bewilligt worden seien. Das klingt erstmal fatal, aber die entsprechende Nachricht bei KCNA enthält den Hinweis auf counteractions, also auf ein reaktives Vorgehen.
Und da liegen meines Erachtens die Crux und der Ausweg. In der eigenen propagandistisch befeuerten Wahrnehmung ist Nordkorea ja nicht der Aggressor, sondern der bedrohte Staat, der seine nukleare Option nur benötigt, um sie zur Abschreckung einzusetzen. Wenn man diesen Gedanken dann weiterführt, dann würde es ja wenig sinnvoll sein, wenn das nordkoreanische Militär als erstes losschlagen würde. Da uns aber bekannt ist, dass die USA auch nicht unbedingt auf eine militärische Konfrontation aus sind, werden sie wohl eher nicht angreifen und Nordkorea wird wohl eher nicht reagieren (müssen).

Trotzdem können sich die nordkoreanischen Führer in der Folge dann feiern lassen. Sie werden die Geschehnisse so deuten, dass sie einen großen militärischen Konflikt mit den USA nur abwenden konnten, weil sie für ihr Land unter großen Mühen die Kapazitäten für nukleare Abschreckung erworben haben. Naja und das Schöne an einer erfolgreich eingesetzten Abschreckungskapazität ist eben, dass ihr Funktionieren dadurch belegt werden kann, dass nichts passiert (man kann der Erfolg also nicht wirklich nachweisen). Der Ausweg ist also ein recht einfacher und für die aktuell herrschenden Spannungen auch relativ erfreulicher.
Wir werden dann irgendwann in den kommenden Tagen oder Wochen lesen, dass die mächtige koreanische Volksarmee den Feind mit ihren Abschreckungskapazitäten von seinem festen Willen abbringen konnte, die gesamte Koreanische Halbinsel mit militärischen Mitteln zu erobern. Zwar musste die Armee dabei allergrößte Zurückhaltung üben, jedoch waren ihr als verantwortlicher Akteur Frieden und Stabilität mehr wert, als eine gnadenlose Bestrafung der Aggressoren und ihrer Marionetten…

Auf den Spuren nordkoreanischer Holzfäller in Russland: Interessante Filme


Ich habe mir ja vorgenommen, hin und wieder mal etwas über nordkoreanische Arbeiter zu schreiben, die in aller Welt eingesetzt werden, um in den unterschiedlichsten Tätigkeitsfeldern Devisen für Pjöngjang zu erwirtschaften. Eine Gruppe von Arbeitern die in diesem Zusammenhang oft erwähnt wird, sind die nordkoreanischen Holzfäller, die tief in den Wäldern Sibiriens Bäume fällen. Ihre Zahl ist nicht wirklich bekannt, in diesem Bericht von der ICG (allerdings von 2007, S.13) kann man aus bestehenden Verträgen auf 25.000 bis 35.000 schließen. In diesem Artikel im Vantage Point, der sich mit der Frage nordkoreanischer Arbeiter im Ausland insgesamt befasst, schätzt man 20.000. (Juli 2011, S. 24).

Vice auf den Spuren der Holzfäller

Im Zusammenhang mit den nordkoreanischen Holzfällern in Russland trifft es sich gut, dass Vice vor ein paar Tagen eine siebenteilige Serie von Kurzfilmchen gestartet hat, die sich genau mit diesem Thema befasst. Der kräftige Kerl von Vice, den wir schon aus den beiden Nordkoreafilmen der gleichen Firma kennen, hat sich zusammen mit einem freien Journalisten, der dem Thema schon früher nachgegangen ist, auf die Spur der nordkoreanischen Arbeiter gesetzt und seine Erlebnisse filmisch festgehalten. Wie immer sind die Filmchen reißerisch, von Klischees durchsetzt (also mich nervt der Running-gag, alle Russen immer mit Wodka zu belohnen schon irgendwann (obwohl ich das Klischee aus eigener Erfahrung auch nicht ganz von der Hand weisen kann)) und grundsätzlich wohl auf eine junge Zielgruppe ausgerichtet. Trotzdem ist er wertvoll, weil er ja tatsächlich eine selten thematisierte Problematik sichtbar macht und ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rückt. Allerdings kommt in den Kurzfilmen, die zwar in englischer Sprache, aber mit deutschen Untertiteln versehen sind, natürlich nicht nur superspannende investigative Dinge vor, sondern einiges, was eigentlich garnichts mit nordkoreanischen Arbeitern zu tun hat, v.a. in den ersten beiden Teilen. Aber je nach Geschmack ist das auch durchaus unterhaltsam.

Was mich ins Grübeln brachte

Einige Aspekte fand ich trotzdem interessant, bzw. haben sie mich nachdenklich gemacht. Besonders dieser Dialog aus dem dritten Teil, in dem der Journalist den Leiter des Verwaltungslagers, von dem aus die Arbeit nordkoreanischer Holzfäller organisiert und gesteuert wird, hat mich ins Grübeln gebracht („J“ = Journalist; „L“ = nordkoreanischer Leiter):

J: Gibt es Probleme mit Nordkoreanern, die von hier flüchten, um nach Südkorea einzuwandern?

L: Ich bezweifle es.

J: Wenn es doch passieren würde gäbe es in Nordkorea eine Strafe?

L: Das wäre Verrat. Ein Mensch wurde geboren, er wuchs auf, wurde ausgebildet und vom Land ernährt. Und was für ein Mensch ist er geworden? Ein Verräter. Er geht los und rennt weg.

J: Welche Strafe bekommen Verräter?

L: Das kann ich nicht sagen, weil ich damit nichts zu tun habe.

Warum mich das nachdenklich macht? Weil mich das an die deutsche Geschichte erinnert. Die Argumentation der Verantwortungslosigkeit ist die Gleiche. Gegen seine Feinde muss der Staat vorgehen. Was er dann mit ihnen macht, das will ich nicht wissen, um mich nicht vor meinem Gewissen und vielleicht irgendwann vor anderen verantworten zu müssen. Sollte das Regime in Pjöngjang irgendwann mal sein Ende finden, dann wird das Land wie vor über 60 Jahren in Deutschland voller Menschen sein, die von all dem Schlimmen nichts gewusst haben und die, wenn sie als kleine oder größere Räder an dem Schlimmen mitgewirkt haben, nur Befehlen gefolgt sind und halfen, die Verräter ihrer Strafe zuzuführen, die von höherer Stelle festgelegt wurde. Ich urteile nicht darüber, denn ich weiß nicht was ich tun würde, wenn ich in einer solchen Situation stecken würde. Ich finde es nur erschreckend, dass dieselben Muster sich in der Menschheitsgeschichte fortschreiben.

Im vierten Teil finde ich es vor allen Dingen bemerkenswert, dass die Arbeiter tatsächlich in Orten leben, die alles haben, was auch ein nordkoreanisches Dorf haben muss. Es ist fast, als hätten die Arbeiter ihre Heimat nie wirklich verlassen. Aber schaut es euch am besten selbst an. Die bisher erschienen Videos findet ihr hier. Die fehlenden drei Teile sollten in den nächsten Tagen folgen.

BBC zum gleichen Thema: Seriöser aber trotzdem grübelfördernd

Wie gesagt, kann ich mir vorstellen, dass dem einen oder anderen von euch der Stil der Vice-Dokus nicht wirklich zusagt (subjektive Einschätzung, kann auch anders sein). Daher habe ich auch noch ein paar ernsthaftere Infos zu diesem Thema rausgesucht. Der freie Journalist, der das Team ins tiefe Sibirien führt, hat zu dem gleichen Thema vor gut zwei Jahren schonmal recherchiert und auch einen etwa fünfzehn minütigen Film gedreht (allerdings nur auf Englisch). Da er damals für die BBC arbeitete ging das Ganze „seriöser“ zu. Er besuchte die gleichen Orte, die er auch bei Vice aufsucht und recherchierte auch, für wen die Arbeiter die Bäume fällen.

Am Ende der Reise ist er in London, wo ein Firmenchef erklärt, er sei froh den nordkoreanischen Holzfällern einen Arbeitsplatz zu bieten und dass es ihnen in Sibirien besser ginge als daheim. Achja und weil ich eben schonmal beim Thema Verantwortlichkeit und Verantwortungslosigkeit war. In diesem Film gibt es die weniger totalitäre und eher kapitalistische Version davon. Für die Lebensbedingungen und das Wohlergehen der nordkoreanischen Arbeiter sei er nicht verantwortlich und darauf könne er keinen Einfluss nehmen, weil sie ja Vertragsarbeiter in Diensten eines Subunternehmens seien und nicht direkt von ihm angestellt (Diese Argumentation ist in Unternehmenskreisen ja sehr beliebt. Ich habe kürzlich eine Reportage über DHL gesehen und da sagte ein Unternehmensvorstand annähernd das Gleiche über Arbeiter seiner Subunternehmer). Auch hier ein gewisses „nicht wissen wollen“, allerdings eher aus eigenen Profitinteressen und nicht aus Sorge um Leib und Leben. Was bedenklicher ist, kann jeder für sich selbst beurteilen.

Claudia Roths Dienstreiseimpressionen aus Nordkorea: Bericht und Fotos


Vor einem guten halben Jahr hat ja eine deutsche Fußball/Politik-Delegation, bestehend aus DFB-Funktionären und Bundestagsabgeordneten der fünf im Parlament vertretenen Fraktionen, Nordkorea besucht.

Mit dabei war auch Claudia Roth von den Grünen. Vor ein paar Tagen hat Frau Roth ihren Reisebericht veröffentlicht, in dem sie vor allen Dingen die Gespräche der Delegation mit verschiedenen nordkoreanischen Politikern beschreibt und ihre eigene Wahrnehmung sowie ihren Standpunkt zum Umgang mit Nordkorea darstellt. Außerdem hat sie noch einige Fotos online gestellt, die ganz nett anzuschauen sind. Die Haupterkenntnis die ich aus den Bildern gewonnen habe ist, dass die Beschaffungsstelle der nordkoreanischen Regierung die Automarke von Mercedes zu VW gewechselt zu haben scheint (Allerdings ist die Aussage aufgrund der geringen Fallzahl nicht verallgemeinerbar). Außerdem scheint sich Frau Roth besonders für am Straßenrand Kräuter-schneidende Leute zu interessieren. Vielleicht wollte sie einen hungernden Nordkoreaner fotografieren?

Das Auswärtige Amt sträubte sich

Der Bericht ist recht interessant zu lesen. So finde ich es durchaus bemerkenswert, dass das Auswärtige Amt vertreten durch die Deutsche Botschaft in Pjöngjang nicht gerade begeistert über die große Truppe gewesen zu sein schien, die da zu Besuch kam. So gab man an, dass politische Gespräche in Nordkoreawegen des Wochenendes auf den die Reise fiel nicht möglich seien, im Endeffekt hatte die Delegation aber Gespräche mit allen Partnern, die sie erwarten konnte (nachdem man bei der nordkoreanischen Botschaft vorgesprochen hatte).

Wer nett war und wer nicht

Interessant fand ich auch die Schilderung der Gespräche mit den verschiedenen nordkoreanischen Politikern. Interessant deshalb, weil sie so unterschiedlich abgelaufen zu sein schienen. Der Diplomat Kung Sok-ung (genau, der der gerade eine Europareise beendet hat) war sehr diplomatisch. Der Parteifunktionär (stellvertretender Leiter der internationalen Abteilung des Zentralkomitees der Partei der Arbeit) Ri Yong-chol war sehr desinteressiert und schien das Gespräch einfach rumbringen zu wollen (las vom Blatt ab, beantwortete nicht gerne Fragen und verharrte in Standardfloskeln) vermutlich weil er wichtig ist und besseres zu tun hat. Als Sportminister ist Pak Myong-chol nicht so wichtig und achtete dementsprechend ganz genau darauf was er sagte, wenn er zu etwas gefragt wurde, was nicht in seinem Ressort lag. Schon spannend zu sehen, wer auf die Gäste zugeht und versucht in Sachthemen Erfolge zu erzielen und wer sich zurückhält.

Die Lesesaal-frage und Frau Roths Plädoyer gegen „Leichtfertigkeit“

Spannend fand ich auch Frau Roths Haltung zur Schließung des Lesesaals des Goethe-Instituts in Pjöngjang, zu der es Ende 2009 kam, da die Behörden in Pjöngjang sich nicht an Vereinbarungen hielten und den Zugang beschränkte. Frau Roth hält die Schließung des Saals jedoch trotzdem für kritikwürdig und ist da vielleicht ein bisschen zu viel auf die Argumentation ihres Gesprächspartners eingegangen, der erklärte,

dass dieses hin und her auf Seiten Nordkoreas Unmut und Enttäuschung auslöse.

Was Frau Roth zu der Erkenntnis führte

welcher Schaden in den sensiblen bilateralen Beziehungen durch die leichtfertige Schließung einer wichtigen kulturellen Einrichtung entstanden ist.

Naja, schon klar, dass man Projekte der eigenen Regierungszeit verteidigen will, aber es kann eben auch Schaden anrichten, wenn man selbst nicht eine konsequente Haltung einnimmt (und sich von einem nordkoreanischen Vertreter „hin und her“ vorwerfen zu lassen… Jedenfalls sehe ich die Schließung eher als Zeichen von Konsequenz, denn von Leichtfertigkeit.

Ein kaum wahrgenommener Erfolg

Achja und einen kleinen Erfolg, der kaum Publik gemacht wurde, gab es durch die Reise auch noch zu verbuchen. In Nordkorea bat die deutsche Delegation um die Zusammenführung von deutschen Familien mit ihren nordkoreanischen Vätern (die Verbindungen gehen auf DDR-Zeiten zurück). In einem Fall kam es scheinbar einen Monat nach der Delegationsreise tatsächlich zu einem erstmaligen Zusammentreffen deutscher Familienmitglieder mit dem Familienvater in Nordkorea. Nachzuhören am Ende dieser Aufnahme.

Nicht weltbewegend aber interessant

Generell ist zu sagen, dass ich es gut finde, dass Frau Roth den Bericht veröffentlicht hat, denn irgendwie haben wir ja auch dafür bezahlt. Von daher ist es auch unser Recht, Bericht erstattet zu bekommen. Das heißt aber natürlich nicht, dass ich alles gut finde, was sie geschrieben hat (und ob da so etwas Heikles drinsteht, dass sie sich mit  der Veröffentlichung ein halbes Jahr Zeit lassen musste, weiß ich auch nicht. Aber vielleicht wollte sie auch einfach, dass das nicht irgendwie in den Kontext mit der Dopinggeschichte gesetzt wird.). Was mir noch ein bisschen gefehlt hat war ein kleines Addendum mit einer Nachlese zur WM. Ich meine immerhin ist die Frauen-WM in Deutschland vorbei und die nordkoreanische Mannschaft schon lange wieder zuhause. Der unrühmliche Abgang ist in Erinnerung und dazu hätte Frau Roth, wenn sie den Bericht schon so spät veröffentlicht, auch was schreiben können. Es kann nicht Ziel sein, im Umgang mit schwierigen Partnern wie Nordkorea sicher einer ist, jegliche Kritik sein zu lassen, wenn sich der Partner kritikwürdig verhalten hat. Naja, am besten ihr verschafft euch selbst einen Eindruck von dem Bericht.

Das Paradoxon um Nordkoreas Nuklearwaffen – Warum sie abschrecken obwohl keiner weiß ob, was, wieviel und wann …


…“Weil keiner weiß ob, was, wieviel und wann!“ wäre wohl eine angemessene und kurze Antwort. Sucht man nach einer längeren Version des ganzen, kann man sich mal dass sehr interessante „Documented Briefing“ anschauen, das Bruce W. Bennett für die RAND Corporation, einem der renommiertesten und dem konservativen (wer dahingehend Zweifel hat sehe sich das Briefing an, die dürften dann ausgeräumt sein) Spektrum zuzuordnenden Think Tank aus den USA, angefertigt hat (Kurz zum Thema: Was ist ein „Documented Briefing“? Im Endeffekt eine verschriftlichte Version eines Vortrages, in dem der Sprechtext und die jeweiligen Power Point Folien enthalten sind. Das Ganze ist besser zu lesen als man denkt, wenn auch nicht sehr gut). In seinem Vortrag mit dem Titel „Uncertainties in the North Korean Nuclear Threat“ geht Bennett ausführlich auf die oben aufgelisteten Punkte ein: Ob, bzw. wie viele Nuklearwaffen Nordkorea hat, welche Größe diese haben und welche Methoden es gibt sie ans Ziel zu bringen und schließlich was der Anlass für ihren Einsatz sein könnte und welche Wirkungen zu erwarten sind. Wie gesagt fand ich das Briefing sehr interessant und das gleich aus mehreren Gründen. Einerseits – was offensichtlich sein dürfte – aufgrund seines Inhaltes, aber vor allen Dingen, weil auch im Subtext eine interessante Botschaft vermittelt wird, die den Kern der Sache vermutlich besser trifft als alles, was Bennett in seinem Briefing gesagt hat.

Zuerst aber mal kurz zum Inhaltlichen: In Bennetts Text ist eine Spannweite zwischen (theoretisch) Null bis (sehr spekulativ) 50 hinsichtlich der Zahl der nordkoreanischen Nuklearwaffen zu finden. Er trägt viele gesicherte, aber auch jede Menge auf Gerüchten und Hörensagen (von vielem von dem hab ich bisher noch nie was gehört) beruhende Informationen zusammen und kommt so auch zu einer sehr breiten Spanne was mögliche Mittel zur Beförderung der Waffen und deren Sprengkraft angeht. Die Sprengkraft wird zwischen einer und 10 Kilotonnen TNT oder mehr (was das Ganze natürlich wieder ins Unklare befördert) angegeben. Hinsichtlich der Beförderung könnte Nordkorea (mit weit zurück liegender oder aktuellerer) Hilfe durch andere Staaten oder Akteure die Fähigkeit besitzen, die Waffen zu miniaturisieren und als Gefechtsköpfe an Raketen anzubringen. Oder das Regime kann nicht mehr, als die Waffen als „nukleare Landminen“ am Wegesrand zu deponieren und bei einer möglichen Invasion einzusetzen. Hier wie so oft ist Bennets Schluss: „Man weiß es einfach nicht!“. Dieser Schluss hält den Autor allerdings (wie ebenfalls so oft) nicht davon ab, einfach das Schlimmstmögliche Anzunehmen und den Rest seiner Analyse auf diese Voraussetzung aufzubauen (Eine bezeichnende Unterschrift einer Grafik um dies zu verdeutlichen: „Maximum casualties, assuming weapon detonates in the worst location“). Liest man das Alles durch hat man das Gefühl, dass die Wahrscheinlichkeit eines Einsatzes der nordkoreanischen Nuklearwaffen, die eine ziemlich hohe Sprengkraft haben und ihr Ziel ziemlich genau treffen können, schon zu Beginn eines möglichen Konfliktes (also recht unvorbereitet) und mit riesigen Opferzahlen, fast unabwendbar ist (leicht dramatisiert, aber nur sehr leicht). Wie gesagt, generell ist das sehr interessant, aber es ist durchaus mit Vorsicht zu lesen. Dadurch, dass der Autor an jeder Abzweigung den Weg einschlug, der durch den düsteren Dornigen Wald mit den Monstern führte, tut sich im Überblick ein ziemlich gruseliges Bild auf. Allerdings gibt es eben auch die Wege, die nicht ganz so unangenehm scheinen, nur hat Bennett von denen gekonnt abgelenkt, bzw. sie übergangen.

Das führt dann auch recht schnell zu einer anderen Frage: Ist das schlimm? Nein, denke ich, aber es hilft um so mehr zu verstehen, warum die nordkoreanischen Nuklearwaffen, die ja eine Art Phantom sind, trotz ihrer diffusen Gegenwart in der Realität, doch eine reale Abschreckungswirkung haben können und wie ich nach der Lektüre von Bennetts Text vermute, tatsächlich haben. Wenn ein politischer Entscheidungsträger auch nur mit einem geringen Prozentsatz in Betracht zieht, dass das Regime in Pjöngjang in der Lage und gewillt ist, schon zu Beginn einer möglichen Invasion Südkoreas, oder aufgrund von inneren Querelen, Nuklearwaffen gegen Seoul zu richten, von denen schon Eine möglicherweise schon zu hunderttausenden Opfern und dem Kollaps des Gesundheitssystems führen würde, wie könnte ein solcher Entscheidungsträger dann nicht abgeschreckt sein. Und das obwohl weil er nicht weiß, wie weit es mit den nordkoreanischen Waffen tatsächlich her ist.

Damit  kann man den Schritt zum eigentlichen Punkt machen und ist damit fast wieder im Kalten Krieg angekommen, nur noch grundsätzlicher und tiefgreifender, als es das zwischen den USA und der Sowjetunion je der Fall war. Der Kern der Sache ist die Unsicherheit. Während im Falle der USA und der Sowjetunion jedoch die Kapazitäten einigermaßen einzuschätzen waren und die Unsicherheit sich nur auf Einsatzregeln und -pläne bezog, herrscht im Falle Nordkoreas nahezu gänzliche Unsicherheit. Man weiß nicht was die Nordkoreaner haben und wie sie es einsetzen würden. Dies ist es was den Nuklearwaffen Nordkoreas solche Wirkung verleiht, nicht ihre Sprengkraft. Und solange es keiner Partei gelingt den Schleier von den Waffen zu ziehen, bzw. solange das Regime die nahezu perfekte Abschirmung aufrecht erhalten kann, so Lange werden die nordkoreanischen Nuklearwaffen eine Abschreckungswirkung haben, die der der US-amerikanischen nicht nachsteht. Ich bin gespannt ob Kim es schafft seine Geheimnisse gegen den Rest der Welt weiterhin so gut zu verteidigen. Ist das nicht der Fall, verliert er ein bedeutendes Stück seiner „Abschreckung durch Unberechenbarkeit.“ So hat Bennetts Vortrag insgesamt – obwohl inhaltlich sehr einseitig – einiges deutlich gemacht, das mir vielleicht sonst nicht so zu Bewusstsein gekommen wäre.

Die in der Überschrift gestellte Frage würde ich jetzt auch etwas anderes beantworten, als ich das Eingangs getan habe: „Nicht die Nuklearwaffen schrecken ab – Die Ungewissheit tut es!

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