Raus aus den Schulden! — Nordkorea vereinbart Entschuldungsdeal mit Russland


Wenn man in Europa schwer überschuldet nurnoch von einem Kredit zum Anderen dahinvegetiert und es rein realistisch betrachtet keinen Weg mehr aus diesem Zustand gibt, als irgendwann den Offenbarungseid zu leisten, gibt es eigentlich nur zwei Wege, diesem Zustand rein unrealistisch betrachtet zu entkommen: Entweder man verlässt sich drauf, dass die EZB beim Gelddrucken noch ein paar Extraschichten einschiebt (Inflation? Was solln der Quatsch? Und was soll dann bitte eine harte Währung werden? Der Grundsolide Dollar, der sich gerade auch per Inflation sanieren will, der Yuan, in absolut politisch stabilem Umfeld gehegt und gepflegt (und von Marktmechanismen ferngehalten wird) oder doch der Yen, der immerhin eine Wirtschaft repräsentiert, die seit Jahrzehnten von Rekord zu Rekord eilt stagniert (und hin und wieder auch stagflationiert)?) und wenn das nicht klappt, verlässt man sich auf den einzigen grundsoliden Haushaltsexperten der Welt, der unter vollkommen realitätsnahen Bedingungen fast jedes Problem behebt.

Nur ein kleines Land in Ostasien leistet Widerstand…

In einem kleinen Land in Ostasien sieht das dagegen ganz anders aus. Dort hat man den Gläubigern schon seit Jahrzehnten erfolgreich Widerstand geleistet, indem man dieses ganze Problemfeld einfach zurückstellte. Will heißen: Man ließ Schulden Schulden sein und Zinsen Zinsen und zahlte einfach garnichts zurück. Damit war man dann auch nicht ständig damit befasst, neue Kredite zu halbwegs tragbaren Konditionen aufzunehmen, oder irgendwelche Rückzahlungsbedingungen auszuhandeln.

Mischkalkulation: Wenig Konsum, Schattengeschäfte und Mäzenatentum

Das alles funktioniert so lange, wie man entweder bereit ist, nur wenig im Ausland einzukaufen und den Großteil der eigenen Konsum- und anderen Güter in Eigenleistung zu produzieren oder in der Lage, jede Menge Devisen durch allerlei Spezialgeschäfte zu erwirtschaften, von denen keiner was wissen darf und wohl auch nur ganz wenige was wissen. Außerdem kann man sich natürlich noch auf das Mäzenatentum wohlwollender Gönner verlassen, die die politischen Künstler im Norden so sehr schätzen oder fürchten, dass sie ihnen einfach irgendwas schenken. Ich glaube im Falle Nordkoreas handelte es sich um eine Art Mischkalkulation: Man konsumierte nicht allzuviel ausländisches und das was man unbedingt brauchte, ließ man sich entweder schenken, oder man kaufte es sich mit Mitteln, die man vorher bei irgendwelchen Schattengeschäften verdient hat.

Veränderte Kalkulation

Irgendwie scheint diese Kalkulation in den vergangenen Jahren aber nicht mehr so gut aufgegangen zu sein, denn Pjöngjang versuchte mit einigen seiner Schuldner Ergebnisse zu erzielen. Nordkoreas Schuldenlast ist nach europäischen Maßstäben lächerlich und wird mit unter 20 Mrd. US-Dollar taxiert. Von diesen Schulden lag der Löwenanteil bei Russland als Nachfolgerin der Sowjetunion (man hat sich auf 11 Mrd. US-Dollar geeinigt). Seit dem Ende der Sowjetunion hatte es zwischen beiden Staaten Unstimmigkeiten über die Höhe und mögliche Rückzahlungsmodalitäten gegeben und das hatte sicherlich auch negative Auswirkungen auf die russisch-nordkoreanische Kooperation im wirtschaftlichen Bereich. Anläufe gab es viele, aber eine Lösung war bisher nie zustande gekommen. Das hat sich dann allerdings vor ziemlich genau einem Jahr geändert.

Kim Jong Il brachte den Deal auf den Weg…

Damals war der inzwischen bekanntermaßen verstorbene Kim Jong Il zu nach Russland gereist und hatte sich unter anderem intensiv mit dem damaligen russischen Präsidenten Dmitri Medwedw unterhalten. Nach seiner Rückkehr in die Heimat war bekannt geworden, dass man sich in Grundzügen auf eine Lösung hinsichtlich der Schuldenfrage geeinigt habe. Danach sollte Russland 90 % der Schulden erlassen und die restlichen zehn Prozent sollten in Gemeinschaftsprojekte in Nordkorea fließen. Die Sache mit den restlichen 10 % habe ich damals nicht richtig verstanden und verstehe es heute immernoch nicht wirklich. Nur eines ist klar. Für Pjöngjang ist das ein hervorragendes Geschäft. Man „zahlt“ die eigenen Schulden zurück, ohne einen einzigen Rubel/Won/Dollar in die Hand zu nehmen und hat gleichzeitig noch eine Vereinbarung über russisch-nordkoreanische Gemeinschaftsprojekte in Nordkorea in der Tasche.

…und jetzt ist er vereinbart

Aber zurück zum Thema. Jedenfalls wurde gestern von russischer Seite offiziell bekanntgegeben, dass man sich tatsächlich mit Nordkorea über die Schuldenfrage geeinigt hat und dass die Modalitäten ziemlich genau bei dem geblieben sind, das vor einem Jahr bekannt wurde (Danke C.R. für deinen Hinweis auf der Freie Beitragsseite!). Scheinbar gab es da noch viele Details, die in den letzten zwölf Monaten verhandelt werden mussten, die aber bis jetzt nicht bekannt gemacht wurden, so dass es bis zum vergangenen Montag dauerte, bis die Geschichte unter Dach und Fach war. Wenn da Deutschlands kompetentester Entschulder mal nicht die Finger im Spiel hatte, schließlich ist er ja auch auf staatlicher Ebene ein etablierter Player…

Ein bisschen was bleibt zu tun

Allerdings hat Pjöngjang damit natürlich nicht alle Schuldenprobleme aus dem Kreuz. Es bleiben immernoch ein paar Milliarden, die man nicht so einfach abstottern können wird, weil man die wenigen vorhandenen Devisen für anderes ausgeben muss, die aber einer Rückkehr in das internationale Finanzsystem (mal abgesehen von den Sanktionen der USA, aber die lasse ich hier mal außer Acht) verhindern, weil Pjöngjang noch immer als Kreditunwürdig gilt. Auch hier müssen wohl Lösungen gefunden werden, aber auch hier dürfte Pjöngjang stark darauf bedacht sein, nicht den „klassischen Weg“ zur Schuldenrückzahlung zu gehen. Auch hier wären die Künste Peter Zwegats wohl von Nutzen. Nur einen Fall gibt es, da könnte vermutlich eine ganze Zwegatarmee nichts ausrichten.

Komplizierte Geschichte: Die Sache mit dem Süden

Denn auch beim verfeindeten Bruderstaat im Süden steht man in der Kreide. Die Gelder, die während der Sonnenscheinpolitik von Kim Dae-jung und seinem Nachfolger Roh flossen, waren zu einem nicht unbedeutenden Teil Kredite, die allerdings mit teils sehr angenehmen Konditionen für den Norden versehen waren. Das hinderte den Kreditnehmer aber nicht daran, alle Hinweise aus dem Süden in den Wind zu schlagen, dass es an der Zeit sei, nun mit dem Schuldendienst zu beginnen. Um es ein bisschen klarer zu formulieren: Pjöngjang scheint nicht zahlen zu wollen. Das heißt, während auf der einen Seite der Schuldenberg kleiner wird, nimmt er auf der anderen Seite wieder zu. So kommt man nicht nachhaltig aus der Klemme. Allerdings wüsste ich mal gerne, wie die Geschichte ausgehen würde, wenn Südkorea der einzige Gläubiger wäre, der vergeblich bei seinem Nachbarn an die Tür klopfen würde.

Abwarten

Ich bin mal gespannt und werde sowohl auffällige Reisebewegungen Peter Zwegats im Auge behalten, als auch mögliche Versuche Nordkoreas, mit weiteren Gläubigern zu einer Lösung des Schuldenproblems zu kommen. Aber vielleicht hat Herr Zwegat der Führung in Pjöngjang auch den Kontakt zu einem anderen seiner Klienten verschafft und in Pjöngjang hofft man nun auf eine reiche Bescherung von dieser Seite, die alle Probleme aus der Welt schaffen soll.

Versucht Nordkorea seine Kreditwürdigkeit aufzupolieren? Mögliche Rückzahlungen an Tschechien und Ungarn


Als vor ein paar Wochen die Meldung publik wurde, Nordkorea wolle einen Teil seiner 10 Millionen US-Dollar schweren bilateralen Schulden mit Tschechien auf dem Wege eines Tauschhandels – mit dem Tauschgut Ginseng – tilgen, da dachte ich, es handle sich mal wieder um eine skurrile aber unbedeutende Episode. Als aber gestern berichtet wurde, dass Nordkorea auch in Ungarn angefragt habe, ob die alten Schulden gegen Zahlung von 10 % der offenen Summe nicht abgeschrieben werden könnten, da dachte ich, dass vielleicht doch etwas mehr dahinter stecken könnte. Zwar liegen die beiden Anfragen zeitlich etwas auseinander, denn diejenige in Ungarn liegt bereits knapp zwei Jahre zurück, allerdings scheint hier ein gewisser Wille Pjöngjangs sichtbar zu werden, sich seiner alten Schulden bei den ehemaligen kommunistischen Bruderstaaten zu entledigen.

Was den möglichen Handel mit Tschechien angeht, besteht in dem Medien noch einige Verwirrung über die Menge zu lieferenden Ginsengs, aber scheinbar hatte Nordkorea ursprünglich angeboten, die gesamten Schulden mit Ginseng auszugleichen. Allerdings hätten 400 Tonnen Ginseng die tschechischen Konsumenten vermutlich allzusehr überfordert, denn der Jahresverbrauch des Landes liegt gerade einmal bei 1,4 Tonnen (Ginseng hilft gegen Lethargie, Impotenz und Senilität: Vielleicht gäbe es einen überraschenden und unglaublichen Produktions- (und Bevölkerungszuwachs) in Tschechien, wenn man versuchen würde das ganze Zeug zu konsumieren…). Möglicherweise hat man sich daraufhin auf die realistischere Menge von 20 Tonnen, oder 5 % der Schulden geeinigt und sucht nach einem adäquaten Tauschgut für die restlichen Schulden, wofür die tschechische Seite Zink vorgeschlagen haben soll (Die Berichte sind hier recht uneinheitlich, aber das ist der sinnvolle Reim, den ich mir darauf gemacht habe). Was den Schuldendienst im Falle Ungarns angeht, so wurde scheinbar eine Barzahlung von 10 % Prozent der Schulden, die noch in Transferrubel bestehen (29,6 Millionen), angeboten. Die Verhandlungen um die Rückzahlung seien weiterhin im Gange, allerdings stelle unter anderem die Umrechnung der (toten) Handelswährung der ehemaligen Ostblockstaaten, noch ein Problem dar.

Ob es sich in den Fällen Tschechiens und Ungarns tatsächlich um den Teil eines Trends handelt, oder ob die Rückzahlung der vergleichsweise geringen Schulden (im Verhältnis zur Gesamtverschuldung von etwa 12 Milliarden US-Dollar) aus anderen Gründen in Angriff genommen wird, ist natürlich nicht vollkommen klar. Allerdings tendiere ich zu ersterer Erklärung und könnte mir gut vorstellen, dass Nordkorea auch an andere „kleinere“ Gläubiger ähnliche „Angebote“ gemacht hat. Die Tilgung einiger weniger Schuldenposten dürften Nordkorea wenig einbringen, außer der Tatsache, dass man weniger Geld (oder Ginseng) zur Verfügung hat und mit dem guten Gewissen ins Bett gehen kann, eine alte Schuld beglichen zu haben. Da es aber mit dem Gewissen bei den Oberen in Pjöngjang vermutlich nicht sehr weit her ist, muss es da noch was Anderes geben. Und da fällt mir nur eins ein: Nordkorea hat Mitte der 1970er Jahre aufgehört, seine Schulden regelgerecht zurückzuzahlen und konnte damit auch keine Neuen mehr aufnehmen. Nach Marcus Noland leistete das Land seit 1990 zwar noch etwa 70 Millionen US-Dollar Schuldendienst im Jahr, bei Gesamtschulden von etwa 12 Milliarden US-Dollar, dürfte das aber noch nicht einmal für die Zinsen ausreichen. Nordkorea könnte jetzt versuchen, seinen Schuldenberg nach und nach abzutragen um so die Möglichkeit zu haben, vielleicht irgendwann wieder Kredite aufzunehmen. Dies könnte nicht zuletzt mit dem großen Jahr zusammenhängen das Nordkorea 2012 bevorsteht. Vielleicht gehört auch dieses Vorgehen zum Versuch der eigenen Wirtschaft wieder Schwung zu verleihen, ähnlich wie die Bemühungen ausländische Investoren an Land zu ziehen und einem möglichen Strategiewechsel hin zu einer „Wirtschaft-zuerst-Politik“.

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