Nordkoreas Wechselwut in der Führung des Sicherheitsapparates: Mögliche Hintergründe und Interpretationen


In der letzten Zeit, macht es keinen Spaß bzw. Sinn mehr, sich die Namen nordkoreanischer Verteidigungsminister oder — etwas allgemeiner gesagt — Spitzenmilitärs zu merken. Kaum ist einer im Amt installiert und man hat sich an seinen Namen und seine Nase gewöhnt, wird er auch schon wieder ausgetauscht und verschwindet entweder ganz von der Bildfläche, oder — was häufiger ist — tritt ins zweite Glied zurück.

Neuer Verteidigungsminister – schon wieder!

Das jüngste Beispiel hierfür ist  der (jetzt) Ex-Verteidigungsminister Kim Kyok-sik, der in den letzten Tagen durch Jang Jong-nam ersetzt wurde. Der General, dem unter anderem die Verantwortung für die Versenkung der südkoreanische Fregatte Cheonan zugeschrieben wird und der wohl den Beschuss der südkoreanischen Insel Yonpyong geleitet hat, war erst vor einem halben Jahr zum Verteidigungsminister ernannt worden. Auch sein Vorgänger Kim Jong-gak, der zuvor als aufsteigender Stern unter den nordkoreanischen Militärs gehandelt worden war, hatte nicht viel länger im Amt des Verteidigungsministers verbracht, nachdem er Kim Yong-chun abgelöst hatte. Dem war zwar eine etwas längere Zeit im Amt vergönnt, aber auch seine Ernennung im Jahr 2009 kann schon im Zusammenhang mit der Vorbereitung des Regimes auf die Nachfolge Kim Jong Uns auf Kim Jong Il gesehen werden.

Jang Jong-nam: Ein unbeschriebenes Blatt

Ich will mich jetzt gar nicht in Spekulationen über die politische Ausrichtung oder Meinung Jang Jong-nams ergehen, denn einerseits weiß man ja nicht, wie lange der relativ junge Mann im Amt sein wird, andererseits ist Jang, der vorher Kommandant des 1. Armeekorps war,  ein wirklich unbeschriebenes Blatt. Er hat für seine neue Position ziemlich wenige Sterne auf der Schulterklappe und ist auch für den Altersdurchschnitt der nordkoreanischen Führung relativ jung. Mehr weiß man nicht und daher ist es wirklich schwer, vielmehr über die Person Jangs zu sagen. Jedoch wirft die Personalie ein interessantes Licht auf die Personalpolitik des jungen Kim.

Militärische Spitzenämter sind Schleudersitze…

Verteidigungsminister sind nämlich, wie bereits angedeutet, nicht die einzigen Leute, die momentan keinen besonders sicheren Job haben. Die bestehende Unsicherheit betrifft vielmehr auch andere militärischen Führungspositionen. Viel Beachtung bekam ja die überraschende Entlassung von Generalstabschef Ri Yong-ho Mitte vergangenen Jahres, als er wegen Krankheit von allen Ämtern enthoben und durch das unbeschriebene Blatt Hyon Yong-chol ersetzt wurde. Ri Selbst war 2009 ebenfalls relativ überraschend in die Spitzenposition vorgerückt und zu diesem Zeitpunkt selbst wenig bekannt. Daher wurde auch diese Personalie im Zusammenhang mit der Nachfolge Kim Jong Uns gesehen.

…genau wir Spitzenämter im generellen Sicherheitsapparat

Schaut man sich den Sicherheitsapparat jenseits des Militärs an, zeigen sich auch hier ganz ähnliche personalpolitische Muster. In den Ministerien für Staatssicherheit und Volkssicherheit wurden in den vergangenen Jahren ähnlich wie die genuin militärischen Schlüsselpositionen die Spitzen jeweils mindestens einmal ausgetauscht, nachdem sie jeweils vor nicht allzu langer Zeit ins Amt gekommen waren, so dass auch ihre Berufung bereits im Zusammenhang mit der Nachfolgevorbereitung für Kim Jong Un gesehen werden kann.

Gezielte Strategie

Man kann also durchaus davon ausgehen, dass der Ämterwechsel an Schlüsselstellen der Sicherheitsarchitektur des Landes eine gezielte Strategie ist, die im Zusammenhang mit der Nachfolge Kim Jong Uns steht. Man könnte annehmen, dass das Kern-Team der nordkoreanischen Führung (wer auch immer außer Kim Jong Un und Jang Song-thaek, sowie Jangs Frau Kim Kyong-hui dazugehören mag) generell alte Zöpfe abschneidet und neues Personal an die Spitze bringt, um das Regime zur Loyalität gegenüber Kim Jong Un zu verpflichten.
Bei näherer Betrachtung lässt sich diese Überlegung jedoch nicht halten, denn außer an den sicherheitsrelevanten Positionen lässt sich eine ähnliche Rotation, die gleichzeitig mit einer Degradierung, bzw. einem Verschwinden der betroffenen Personen einhergeht, lassen sich ähnliche Entwicklungen nicht erkennen. Zwar wurde kürzlich der Premierminister Choe Yong-rim ausgetauscht, jedoch erhielt er eine Position, die vom Status her eher höher angesiedelt ist. In der Partei dagegen blieb die Spitze weitgehend unbeschadet, auch wenn seit der Parteikonferenz 2010 insofern eine Erneuerung anlief, dass vakante Position neu besetzt wurden, jedoch wurden hier, wie auch im Parlament kaum Verlierer produziert (wenn man eine vakante Position bekommt, dann tut es zumindest insofern keinem weh, dass niemand dafür gefeuert oder degradiert werden muss). Jedenfalls kann ich mich an kaum eine Position erinnern, in der ein erst kürzlich berufener Amtsinhaber gleich wieder ersetzt wurde. Das passiert eigentlich nur im Bereich des Sicherheitsapparates.

Mögliche Interpretationen der Wechselwut im Sicherheitsapparat

Diesen Sachverhalt kann man in verschiedene Richtung deuten:

  • Natürlich sind die Sicherheitsapparate insofern die relevantesten, als sie (bzw. ihre Spitzen) die Mittel in den Händen halten, mit denen sie die aktuelle Führung stürzen können. Daher ist es denkbar, dass man durch ein permanentes Durchwechseln des Führungspersonals verhindern will, dass sich zu enge Vertrauensverhältnisse zwischen Führung und Personal ergeben und damit Freiräume für potentielle Widerstandsgruppe innerhalb des Regimes entstehen. Diese Idee scheint schon bei Kim Jong Il eine Rolle gespielt zu haben, als er auf seinen Vater Kim Il Sung nachfolgte. Dadurch, dass man bestimmte Leute besser und andere schlechter stellt, hintertreibt man natürlich noch zusätzlich persönliche Beziehungen und etabliert damit den Führer als den zentralen Knotenpunkt der Kommunikation und Loyalität im Regime.
  • Man könnte aber auch, ebenfalls mit der Überlegung im Hintergrund, dass Sicherheitsorgane grundsätzlich gefährlich sind, davon ausgehen, dass hier ein Prozess im Gange ist, der dann später bei Partei und Parlament fortgesetzt wird. Die Führung versichert sich sozusagen zuerst der Waffen, um danach den Massenapparat der Partei umzukrempeln. Nach dieser Logik würden wir dann in den kommenden Jahren und Monaten weitere Personalwechsel im Politbüro und der Führung der Obersten Volksversammlung beobachten können.
  • Weiterhin könnte man die relative Ruhe im Parteiapparat gegenüber dem hektischen Kommen und Gehen bei den Sicherheitsorganen als so etwas wie ein Kräftemessen zwischen Partei und Militär sehen, bei dem die Partei die Oberhand behält. Es wird allerdings immer wieder angemerkt, dass man das Militär nicht als von der Partei losgelöste Organisation sehen könne, sondern dass das Militär sich selbst immer als das Militär der Partei sehe. Nichtsdestotrotz könnte sich die Partei sorgen darum machen, ob das auch weiterhin so wäre. Dann wären die Personalmaßnahmen ähnlich der ersten Lesart zur Herrschaftssicherung vorgenommen worden, jedoch nicht der Herrschaftssicherung eine kleinen Gruppe, sondern des gesamten Parteiapparates, der ein Umkippen zur Militärdiktatur verhindern will.

Anhaltspunkte durch kommende Entwicklungen

Was genau die Motive für das wilde Stühletauschen in den Führungsapparaten der Sicherheitsorgane sind, das werden wir nicht so schnell erfahren, allerdings können wir darauf achten, ob es zu weiteren personalpolitischen Entscheidungen kommt und wo die stattfinden, also innerhalb des Militärs oder außerhalb und an welchen Positionen. Daraus lassen sich dann glaube ich recht gute Schlüsse über das Kalkül der Personalpolitik der nordkoreanischen Führung ziehen.

Auswirkung von Neubesetzungen auf Operationsfähigkeit?

Einen Punkt möchte ich abschließend noch anmerken: In den vergangenen Monaten wurde ja viel Panik vonwegen einer bestehenden Kriegsgefahr geschoben. Dabei fand ich es kurios, dass niemand dieser Düsterseher sich dafür interessiert hat, dass Nordkoreas militärische Führung im letzten Jahr permanent ausgetauscht wurde. Ich meine, wenn ein Land tatsächlich vor hätte, einen Krieg vom Zaum zu brechen, dann wäre es vermutlich die absolut schlechteste Idee, davor die militärische Führung so handlungsunfähig wie möglich zu machen. Denn genau das dürfte so eine permanente Wechselei bewirken. Bestehende Kommunikationsstrukturen gehen zu Bruch, alte Vertrauensverhältnisse lösen sich auf und Befehlsketten müssen neu geschmiert werden. Bis man sich in so einem Amt eingearbeitet hat dürfte auch seine Zeit dauern und im Endeffekt reicht ein halbes Jahr vermutlich gerade so aus, dass man den ganzen Apparat im Blick und unter Kontrolle hat. Aber das hat wie gesagt scheinbar keinen der beobachtenden Strategen interessiert. Jetzt frage ich mich: Überschätze ich die disruptiven Auswirkungen von solchen Personalgeschichten oder wurde das nur ignoriert, weil es nicht zur allgemeinen Panikstimmung gepasst hat?

Zwei kostenlose englischsprachige E-Books für den „Alltagsgebrauch“: Länderstudie Nordkorea und Nordkoreas Militär


Kurz will ich euch noch auf zwei Bücher hinweisen, auf die man online zugreifen kann und die den einen oder anderen für seinen „Alltagsgebrauch“ vielleicht interessieren könnten.

Kürzlich bin ich über die Länderstudie „Nordkorea“ der Federal Research Division der Kongressbibliothek vom Jahr 2008 gestoßen. Ich wusste, dass es ältere Versionen davon im Netz gibt, aber diese hier ist ja relativ aktuell und daher durchaus nützlich. Im Endeffekt kann man davon ausgehen, dass da soweit alle Infos drinstehen, nach denen man vielleicht sonst bei Wikipedia sucht, nur besser. Das Buch umfasst ein relativ breites Spektrum an Themen von der Landesgeographie über Gesellschaft und die Wirtschaft bis zum Staatsaubau und den Sicherheitsbehörden. Wie meist in englischsprachigen Büchern gibt es die Möglichkeit sich (neben der Suchfunktion des Acrobat Reader) anhand des Indexes am Ende zu orientieren (ich verstehe wirklich nicht, warum diese großartige Erfindung sich in deutschsprachigen Fachbüchern nicht wirklich durchsetzt). Ein gutes und relativ aktuelles Standardwerk, in dem man immer gut nachschlagen kann.

Wenn man ein bisschen spezieller interessiert ist, nämlich an allem was mit Militär zu hat dann kann man auch im (leider nicht mehr ganz taufrischen) Country Handbook North Korea nachschlagen, dass 1997 datiert. Da gibt es vom institutionellen Aufbau über Strategien bis hin zur Ausrüstung (mit Bildern und Eigenschaften des jeweiligen Geräts) so ziemlich alles nachzulesen. Wenn man sich für das nordkoreanische Militär interessiert, ist das sicherlich eine kleine Fundgrube.

Joe Bermudezs KPA-Journal: Nummern 7, 8 und 9


Wie ich eben gemerkt habe, hab ich euch ganz schön lange nicht mehr auf die neuen Versionen von Joe Bermudezs KPA-Journal aufmerksam gemacht. Das möchte ich jetzt schnell nachholen, nachdem es mittlerweile drei Ausgaben gibt, auf die ich nicht verwiesen habe und bald wohl wieder eine Neue rauskommt (Ich hoffe mal, dass er seine Homepage bald mal fertig hat).

Wie immer gibt es Artikel, die ich spannender finde und solche die mich persönlich nicht so interessieren. Nicht so spannend fand ich in Nummer 7 den Hintergrundartikel über die mechanisierte Infanterie und einen über den gepanzerten Truppentransporter BTR-60.

In Nummer 8 interessierte mich den Artikel über die Flussüberquerungseinheiten (keine Ahnung wie man das militärisch korrekt nennt, irgendwelche Pioniere halt) mäßig, während ich der ausgiebigen Fotodokumentation und Beschreibung eines Infiltrationsschiffes (oder Mutterschiffes), dass 2001 von der japanischen Marine versenkt und später geborgen wurde, einiges abgewinnen konnte.

Nummer 9 konnte mich vor allem durch den Start einer neuen Serie „Lessons learned from foreign conflicts“ begeistern. Dort beschreibt Bermudez Lehren, die die Führung der Koreanischen Volksarmee aus verschiedenen Konflikten weltweit gezogen hat. In dieser Ausgabe werden die Lehren aus der Kuba-Krise, den Kriegen in Jemen, dem Vietnamkrieg und dem Arabisch-Israelischen Konflikt mit dem Schwergewicht auf dem Sechs-Tage-Krieg (1967) und dem Jom-Kippur-Krieg (1973) an dem auch, genau wie im Fall des Vietnamkriegs, nordkoreanische Soldaten teilnahmen. Weniger spannend finde ich in dieser Ausgabe den Artikel über den Helikopter Mi-2 HOPLITE. Zu dieser Ausgabe hat auch Michael Madden von North Korea Leadership Watch zwei seiner hervorragenden Biographien nordkoreanischer Führungspersonen beigesteuert.

Wie immer die Empfehlung: Wer sich für Militärhistorie und Ausrüstung interessiert ist bei Bermudezs KPA-Journal immer bestens aufgehoben. Wen das nicht so interessiert, der könnte vor allem im „Lessons learned“ Artikel eine spannende Lektüre finden. Zu den älteren Ausgaben könnt ihr euch hier entlang durchklicken.

Joseph Bermudezs KPA Journal Vol. 1 No. 5


Nur ganz kurz heute (weil erstens nicht viel passiert ist und ich mich zweitens gleich auf das Spiel vorbereiten muss (mental und so…)) der Hinweis auf die fünfte Ausgabe des KPA-Journals von Joseph Bermudez (download dauert wie  immer ein Bisschen). Die ist eigentlich schon seit zwei Wochen da, aber irgendwie fand ich es dieses Mal nicht besonders spannend und habs daher bis jetzt links liegen lassen. Es gibt nämlich nur zwei Artikel mit historischem Hintergrund: Einmal die Fortsetzung der Serie über die Geheimdienste Nordkoreas von 1967 – 71 und weiterhin eine Fotodokumentation (Luftbilder aus Militärarchiven) über die Zerstörung der Hangang Brücken  im Koreakrieg (1950). Hab mir die Bilder angeschaut und den Text überflogen, aber zurzeit hab ich daran wenig Interesse. Aber für historisch Interessierte definitiv ein Besuch wert.

Hier entlang wenn ihr euch die älteren Ausgaben des KPA Journals anschauen wollt.

Joseph Bermudezs KPA Journal Vol. 1 No. 4


Joseph Bermudez hat die Nummer vier seines kostenlosen KPA Journals veröffentlicht, wie ich auf North Korean Economy Watch gesehen habe. Dieses Mal gibt es auch für die Leute, die sich nicht unbedingt für militärtechnische Details interessieren einiges zu lesen. Er zeichnet recht ausführlich die Geschichte eines Zwischenfalls im Jahr 1999 nach, als zwei nordkoreanische Spionageschiffe bei einer Infiltrationsmission in japanischen Gewässern entdeckt und stundenlang von japanischen See- und  Luftstreitkräften verfolgt wurden. Hier gibt es interessante Einblicke in die Vorgänge die sich im Spannungsfeld zwischen Politik, Militär und Geheimdiensten in einer solchen Situation abspielen, aber auch viele Details über die nordkoreanische Infiltrationstätigkeit. Weiterhin ist ein Bericht über Nordkoreas jüngsten Panzer (er wurde in den 1990er Jahren entwickelt), den ich mir aber nicht ganz durchgelesen habe, weil ich technische Details von Waffen nicht so spannend finde und über die Historie nordkoreanische Sicherheitsdienste (von 1967 – 1971), was ich zurzeit auch nicht so spannend finde.

Wie immer (wenns ein neues KPA Journal gibt) gibts das Ganze mit dem Hinweis, dass man etwas Geduld braucht, hier zum Download. Und wie immer gibts den Hinweis, dass ihr die älteren Versionen hier finden könnt.

%d Bloggern gefällt das: