Warnschüsse im Gelben Meer: Südkoreanische Marine geht gegen Grenzverletzungen nordkoreanischer Fischer vor — Hintergründe


Heute Morgen habe ich bei KBS einen interessanten kleinen Artikel darüber gelesen, dass das südkoreanische Militär seine Wachsamkeit im Gelben Meer wegen wiederholter Verletzungen der sogenannten Northern Limit Line (NLL) durch nordkoreanische Fischerboote erhöht habe. Tatsächlich waren in den vergangenen Tagen öfter mal Berichte darüber zu lesen gewesen, dass nordkoreanische Fischerboote die umstrittene Trennlinie verletzt hätten.

Vorfälle in den letzten Tagen

Ich hatte mich schon gefragt, was es mit diesen häufigeren Übertritten der NLL auf sich habe, konnte mir aber nicht so richtig einen Reim machen (kann ich immer noch nicht). Möglich, dass Pjöngjang ein bisschen provozieren oder einfach mal testen will, wie weit es mit der Wachsamkeit der südkoreanischen Streitkräfte her ist. Kann sogar sein, dass das Ganze nur das Vorspiel zu einer umfangreicheren Provokation ist. Genauso ist es aber auch möglich, dass es einfach damit zu tun hat, dass es momentan Krabbenfischsaison ist und ein paar Kapitäne bewusst oder unbewusst, auf der anderen Seite der NLL fischen wollen (bekanntlich sind die Krabben ja nirgends fetter, als in Nachbars Meer). Eine weitere Möglichkeit wäre, dass die nordkoreanischen Fischer in ihren eigenen Gewässern nicht mehr so viele Krabben finden. Schließlich ist es laut südkoreanischen Angaben so, dass sich 100 nordkoreanische Boote die nordkoreanischen Gewässer mit 300 chinesischen teilen müssen. (Warum erinnere ich mich dabei nur an den Fischerbootzwischenfall, bei dem chinesische Fischer früher im Jahr in nordkoreanische (Geisel-)Haft geraten waren…).

Warnschüsse an der NLL

Jedenfalls hat sich die erhöhte „Wachsamkeit“ die das südkoreanischen Militär heute Morgen verkündet hatte scheinbar ziemlich schnell zu Ergebnissen geführt, denn schon kurze Zeit nach der Meldung über die Erhöhung der Wachsamkeit, gab die südkoreanische Marine bekannt, dass Warnschüsse abgegeben worden seien, um nordkoreanische Boote zur Rückkehr auf die nordkoreanische Seite der NLL zu bewegen. Vielleicht wollte man nicht nur wachsamer, sondern auch „warnbereiter“ sein. Darauf deutet jedenfalls die Tatsache hin, dass die Warnschüsse so schnell nach der Bekanntgabe der neuen Linie gegenüber den nordkoreanischen Fischer kam.

Die NLL: Permanenter Brennpunkt und langfristiger Streitfall

Jetzt fragt ihr euch vielleicht, warum ich mich überhaupt mit so einem relativ unspektakulären Zwischenfall befasse und ob ich mich jetzt der Sensationsgier mancher Medien angeschlossen habe. Letzteres möchte ich verneinen, ersteres kurz erklären: Einerseits könnten die wiederholten Ereignisse an der NLL eine Entwicklung andeuten, die in näherer Zukunft noch eine weitere Tragweite erreichen könnte. An der NLL ist es seit 1999 häufiger zu Zwischenfällen zwischen den Marinen Nord- und Südkoreas gekommen, bei denen auf beiden Seiten Todesopfer zu beklagen waren. In jüngster Zeit sind uns sicherlich noch der Untergang der Cheonan (dessen Ursachen immernoch nicht hundertprozentig aufgeklärt sind, der allerdings von einer Untersuchungskommission einer nordkoreanische Torpedoattacke zugeschrieben wurde) sowie der Artilleriebeschuss der südkoreanischen Insel Yonpyong in Erinnerung, die sich beide in dem umstrittenen Seegebiet zutrugen. Daher bimmeln bei mir immer die Alarmglocken, wenn sich dort Ereignisse häufen. Andererseits ist die Tatsache, dass es dort immer wieder zu Problemen kam auf eine ungeklärte Frage aus der Vergangenheit zurückzuführen. Denn die NLL als „Seegrenze“ zu bezeichnen ist vielleicht ein bisschen viel gesagt. Anders als bei der Demarkationslinie, die die Landgrenze zwischen den Koreas darstellt, beruht die NLL nicht auf den Waffenstillstandsverhandlungen nach dem Koreakrieg, sondern eher auf einer Mischung aus „Gewohnheitsrecht“ und unilateraler Setzung durch den Süden (unter stillschweigender Unterstützung der USA). Die Entstehungsgeschichte der Linie ist sehr schwammig, aber wen Details interessieren, der findet die beste Zusammenfassung wohl in diesem kleinen Dossier zum Thema.

Nordkorea ist unzufrieden: Mit guten Gründen

Die Tatsache, dass es an der NLL immer wieder zu Zwischenfällen kommt, ist dem Umstand geschuldet, dass sich Nordkorea mit dem Status quo nicht wirklich zufrieden geben will und in regelmäßigen Abständen mit zweifelhaften Mitteln signalisiert, dass hier noch ein Problem zu lösen ist. Die Bedeutung der Sache für Pjöngjang ist wiederum mit handfesten wirtschaftlichen und Sicherheitsinteressen Nordkoreas zu erklären. Es geht nicht nur, wie bei so manchem Steinbrocken im Wasser, um den sich Staaten in der Region massiv und aggressiv streiten, um Ausbeutungsrechte, was allerdings auch hier nicht zu vernachlässigen ist, wie das heutige Ereignis ja zeigt. Es geht auch darum, dass nordkoreanische Frachtschiffe, wollen sie nicht durch südkoreanische Seegebiete fahren, teilweise ziemliche Umwege in Kauf nehmen müssen (und Zeit ist eben auch in Nordkorea irgendwie Geld). Vor allem aber geht es darum, dass die südkoreanische Marine durch die aktuelle „Grenzziehung“ durch die NLL ganz legal sehr nah an der nordkoreanischen Küste patrouillieren darf, während die nordkoreanische Marine ganz legal von einem sehr sensiblen Küstenabschnitt ferngehalten wird. Beides dürfte die Militärstrategen in Pjöngjang stören.

Eine Lösung der Frage würde ein Spannungsfeld entschärfen

Ob die aktuellen kleineren Zwischenfälle im Gelben Meer im direkten Kontext zur ungeklärten Frage der Seegrenze zu sehen sind oder ob hier andere Hintergründe eine Erklärung bieten wird sich möglicherweise in näherer Zukunft zeigen, wenn es entweder zu weiteren Ereignissen kommt oder der Norden in seinen Medien offensiv auf das Problem hinweist. Jedoch wird diese offene Frage unabhängig davon, wie die jüngsten Ereignisse einzuordenen sind, immer wieder zu Meinungsverschiedenheiten oder gar Konflikten führen. Daher wäre es beiden Seiten zu wünschen, dass dort ein Kompromiss zu finden wäre, mit dem beide Seiten ihre Sicherheitsbedürfnisse abdecken können. Die Chancen dafür sind jedoch relativ gering.

Feuergefecht? Nordkorea schießt ins Wasser, Südkorea in die Luft…


Im Gelben Meer ist es zu einem Zwischenfall gekommen bei dem nordkoreanische Artillerie bis zu 30 Schüsse in ein Gebiet nahe der nördlichen Grenzlinie (NLL) schoss. Allerdings gingen die Geschosse auf der nordkoreanischen Seite dieser De facto Seegrenze, die 1953 vom UN-Oberkommando gezogen und seitdem von Nordkorea kritisiert wird, nieder. Kurz darauf wurden von einer südkoreanischen Marinebasis mehrere Schüsse in die Luft abgefeuert. Also nichts passiert könnte man sagen, oder wie der Autor des Blogs Marmots Hole es ausdrückt: „Boys will be boys„.

Verschärfte Rhetorik zwischen Nord und Süd

Meiner Meinung nach ist das aber nur die halbe Wahrheit. Nachdem in den vergangenen Tagen die Rhetorik zwischen Süd- und Nordkorea immer schärfer wurde stellt dieser Vorfall eine weitere Steigerung auf der Eskalationsleiter dar. Jetzt fliegen als Träger von Provokationen nicht mehr nur noch Worte, sondern auch Artilleriegeschosse. Festzuhalten ist dabei jedoch auch, dass obwohl die Worte als auch die Geschosse in genau dosierter Form unterwegs sind. Man weiß wie weit man gehen kann und weiter geht man auch nicht.

Die Sechs-Parteien-Gespräche fest im Blick

Das scheinen mir mittlerweile alteingeübte Rituale zu sein. Und wozu dienen die Rituale? Genau, da kommt meiner Meinung nach wieder das große Ganze ins Blickfeld. Die Sechs-Parteien-Gespräche. Man hat aus Pjöngjang in den vergangenen Wochen ein erstaunliches „Wohlverhalten“ gegenüber den USA beobachten können. Man zeigte sich entgegenkommend und gesprächsbereit. Gleichzeitig waren die Beziehungen zu Südkorea geprägt von eher zwiespältigem Verhalten. Einerseits zeigte man sich in konkreten Punkten gesprächsbereit, andererseits verschärfte man auf der obersten politischen Ebene die Rhetorik. Vermutlich will man in Pjöngjang seine Charmeoffensive gegenüber den USA noch ein Zeitchen weiterführen. Da man aber gleichzeitig mit der Blockade der Sechs-Parteien-Gespräche unzufrieden ist und das Thema auf der internationalen Agenda hochhalten will, ärgert man eben Südkorea. Das ganze könnte möglicherweise auch noch den strategischen Vorteil mit sich bringen, dass man in den USA und Südkorea die Bedrohung durch Nordkorea unterschiedlich wahrnimmt. Dies könnte ein Bröckeln der gemeinsamen Front gegen Nordkorea bewirken. Aber am wichtigsten dürfte es für Nordkorea zurzeit sein, eine Situation aufrechtzuerhalten, die von der Weltgemeinschaft als bedrohlich empfunden wird, weil man zum Beispiel Kriegsgefahr wahrnimmt. Dadurch entsteht Druck auf die USA und Südkorea zur Lösung des Problems beizutragen, sich also bezüglich der Sechs-Parteien-Gespräche zu bewegen.

Den Boden für die Gespräche bereiten und vielleciht Konzessionen abgreifen

Das was sich in den letzten Wochen zwischen den USA und Nordkorea und Süd- und Nordkorea abspielte ist meiner Meinung nach vor allem ein Zeichen dafür, dass Nordkorea wieder an den Verhandlungstisch zurückwill. Allerdings wollen sie einerseits den Boden für die Verhandlungen bereiten, damit sie dort nicht auf eine gut abgestimmte und vollkommen einheitliche Front von Gegnern treffen. Außerdem versucht man für die Rückkehr an den Verhandlungstisch irgendwelche Konzessionen zu ergattern und bisher sah es ganz so aus, als würde das nicht gelingen. Wenn man allerdings weiter an der Eskalationsschraube drehen sollte, könnte vielleicht doch etwas dabei herauskommen. Wir werden sehen und bis dahin werden sich die Jungs in Nord und Süd wohl weiter gegenseitig ärgern…

%d Bloggern gefällt das: