Leben und arbeiten in Nordkorea: Interview mit dem Entwicklungshelfer Gerhard Tauscher (II)


Ich hatte kürzlich die Gelegenheit mit Gerhard Tauscher zu sprechen, der von 2011 bis 2012 für die Internationale Föderation des Roten Kreuzes und der Rothalbmond Gesellschaften (IFRC) in Nordkorea Wasser und Sanitärprojekte betreute und der erst seit einigen Wochen aus Nordkorea zurück ist. Er hat sich viel Zeit für mich genommen und daher habe ich beschlossen, das Interview dreizuteilen. In diesem zweiten Teil wird es in erster Linie um den konkreten Arbeitsalltag von Herrn Tauscher und praktische Schwierigkeiten und Herausforderungen bei der Arbeit mit den nordkoreanischen Partnern gehen. Die anderen bisher erschienen Teile der Serie findet ihr hier.

Logo der IFRC (Foto von sbamueller unter CC Lizenz Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0 US-amerikanisch (nicht portiert) (CC BY-SA 2.0))

NK-Info: Wir hatten ja vorhin schonmal darüber gesprochen, wie Sie Kontakt mit den Menschen in Ihrer Heimat halten. Aber was haben diese Menschen denn gesagt als klar war, dass Sie nach Nordkorea gehen? Das war ja immerhin nach der Versenkung der Cheonan und dem Artilleriebeschuss der Insel Yonpyong, also als die Stimmung ziemlich aufgeheizt war…

Tauscher: Das wissen hier aber nicht so viele, glaube ich. Ich glaube im Allgemeinen geht das Wissen über Nordkorea hier eher in die Richtung: „Es ist extrem verschlossen, ganz wenige Ausländer da und komischer Führer“ und das war es aber dann auch. Zu mir hieß es eher: „Nordkorea, oh das ist ja witzig, viel Glück dann…“

Außerdem ist es natürlich so, dass das Rote Kreuz meistens in Ländern arbeitet, in denen die Lage schwierig ist. Es sind ja nie Länder, in denen alles blendend ist. Daher ist meine Umwelt das zumindest halbwegs gewohnt.

NK-Info: Stimmt. Auf Ihrem Blog habe ich auch gesehen, dass Sie schon ein paar Stationen vorher hatten…

Tauscher: Ich bin direkt aus Haiti gekommen, wo ich den Cholera-Einsatz der IFRC geleitet habe. Das war auf jeden Fall auch mit Blick auf das persönliche Risiko schwieriger. Hier hat Nordkorea ganz klare Vorteile. Ich glaube vor Kriminalität ist man dort absolut geschützt. Die wenigen Ausländer sind solche Leuchtbojen in der Masse, dass man sich da um Kriminalität keine Sorgen machen muss.

NK-Info: Das stimmt. Das persönliche Risiko ist vermutlich in den meisten Ländern in denen das Rote Kreuz Einsätze hat eher ein anderes.

Tauscher: Ja. Auch der Straßenverkehr. Ich glaube die höchste Bedrohung in unserer Statistik für Mitarbeiter des Roten Kreuzes in Auslandseinsätzen sind Verkehrsunfälle. Der Autoverkehr ist in Nordkorea zwar auch am boomen, aber es ist noch immer auf solch einem niedrigen Niveau, dass das Risiko sehr gering ist, wenn man selbst vernünftig fährt.

NK-Info: Es wird ja in letzter Zeit viel über Mobilfunk gesprochen, also dass Handys plötzlich zum Straßenbild gehören etc. Orascom, der Netzbetreiber dort, ist schon weit über die Million an Nutzern.

Dazu zwei Fragen: Einerseits: Ist Ihnen auch aufgefallen, dass das in der Zeit, in der Sie dort waren, zugenommen hat? Andererseits: Wie haben Sie mit Ihren Projektpartnern kommuniziert?

Tauscher: Die ägyptische Firma, die den Mobilfunk in Nordkorea betreibt, veröffentlicht ja regelmäßig stolz ihre Zugewinne. Und das sieht man auch auf der Straße: In der Stadt hat jeder ein Mobiltelefon. Auf dem Land sind es aber weniger. Da sind es eher nur die Funktionsträger.

Wir hatten auch Mobiltelefone. Aber die laufen in einem komplett anderen Netz als die von den Koreanern. Das taugt nur zur internen Kommunikation mit den internationalen Kollegen. Ich kann damit keinen Koreaner anrufen und andersherum.

Mobiltelefone sind im Straßenbild mittlerweile vollkommen normal. (Foto von Joseph A. Ferris III unter CC Lizenz Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 2.0 US-amerikanisch (nicht portiert) (CC BY-NC-ND 2.0))

NK-Info: Und wenn Sie einen Koreaner erreichen wollten?

Tauscher: Dann musste ich über das Büro gehen. Zu Bürozeiten konnte ich dort jemanden erreichen und der holte dann bei Bedarf jemanden ans Telefon. Außerhalb der Bürozeiten gibt es eine Art Notrufsystem. Wir hatten die Festnetznummer von drei Personen aus dem nordkoreanischen Roten Kreuz. Die konnte ich aber auch nur vom Büro aus anrufen. Das erschwert es und es ist ganz klar: Wenn ich dieses Telefon benutze, dann hört auch einer mit. Aber eine individuelle Kommunikation, also dass ich schnell mal meine Counterparts auf dem Mobiltelefon anrufe: das geht nicht.

NK-Info: Da wir jetzt ja schon bei Ihrem Arbeitsalltag angekommen sind, würde mich mal interessieren: Wie sieht so ein typischer Tag oder besser eine Woche aus? Also sitzt man da zum Beispiel mehr im Büro oder ist an Projektstellen?

Tauscher: Das ist halbe-halbe: Also die halbe Zeit im Büro und den Rest in der Provinz. Alle unsere Projekte sind im ländlichen Bereich und Projektbesuche muss man eine Woche vorher anmelden. Also ich würde vielleicht drei Tage im Feld haben, in denen ich zu einem Projekt reise. Montags noch im Büro, dann abends weg, damit ich vielleicht an dem Tag noch wo ankomme und Donnerstag abends wieder zurück, freitags dann nochmal ins Büro. So war das oft.

Im Winter ist es allerdings extrem schwierig. Bis Ende Februar ist Reisen im Land eher sinnlos. Auch unsere ganzen Baustellen und Projekte ruhen. Es ist so kalt und alle sitzen zuhause. Wir liefern dann auch kein kritisches Material, zum Beispiel Zement. Die Koreaner würden das eventuell auch bei zehn Grad Minus verarbeiten, aber das ist natürlich keine gute Idee. Daher herrscht im Winter ein etwas anderer Alltag. Da ist man dann eher mit Vorbereitung und administrativen Fragen beschäftigt.

Außerdem hatten wir sehr viele Besucher bekommen: Alle Geldgeber schicken Besucher, alle Botschaften und alle Rotkreuzgesellschaften, die Geld geben. Diese Gäste mussten dann begleitet werden. Die sind dann eher am Wochenende gekommen und dann etwa für fünf Tage geblieben. Mit denen bin ich dann auch zu den Projekten gefahren, die eventuell speziell von ihnen finanziert wurden.

NK-Info: Haben die dann auch so ein „Pflichtprogramm“ mit Kim Il Sung Statue und so?

Tauscher: Konnten sie auch. Wenn sie Zeit hatten, haben sie einen Tag Touriprogramm gekriegt. Einmal Juche-Tower und dann abends noch irgendein Konzert. Je länger sie da waren, desto eher war das so. Wenn die Saison ist, gehört dann natürlich auch Arirang dazu.

NK-Info: Das würde ich mir auch mal gerne angucken. Haben Sie sich das angeschaut?

Tauscher: Ja, das haben wir auch gesehen. 80 Euro Eintritt für Ausländer! Man weiß dort auch ganz gut, was so eine Veranstaltung uns gerade noch wert ist.

NK-Info: Wie viele Projektorte hatten Sie denn ungefähr parallel laufen?

Tauscher: Ich hatte 15. Davon konnte ich zwar am Schluss nicht alle finanzieren, aber nichtsdestotrotz, die Vorbereitung für alle 15 läuft und die Pläne für die, die ich nicht umsetzen konnte, sind fertig ausgearbeitet. Die müssen dann dieses Jahr nachgeholt werden. Also hatte ich am Schluss 13 Baustellen.

NK-Info: Wenn Sie dann vor Ort die Baustellen begutachten, dann spielt die direkte Kommunikation ja auch eine große Rolle. Aber ich vermute mal, weil sie das Projektland in der Regel nach einiger Zeit ja wieder verlassen, dass Sie kein koreanisch sprechen?

Tauscher: Genau so ist das.

NK-Info: Also ich kann mir vorstellen, dass das schwierig ist. Ich kenne das ja auch aus eigener Erfahrung: Wenn ich irgendwo bin, wo ich die Sprache nicht spreche, es dolmetscht jemand und dann wird gelacht oder sowas, dann denkt man ja immer gleich: „Was wird da denn jetzt gesagt?“. Wie läuft das mit der Kommunikation mit den Koreanern? Sind da die beiden englischsprechenden Kollegen die Schnittstelle?

Tauscher: Die sind die Schnittstelle. Die bügeln auch ganz klar glatt.

Vor allem sind aber alle Menschen vorsortiert auf die ich treffe, auch wenn ich irgendwo in der dicksten Provinz bin. Da ist kaum einer dabei, der zufällig gerade dazugekommen ist und jetzt mit mir sprechen darf. Die wissen alle, dass ich komme und die haben alle grob gesagt bekomme, was sie sagen sollen. Wir würden es „Talking-Points“ nennen. Das ist sozusagen die Marschrichtung und wenn dann doch mal einer was „Falsches“ sagen würde, dann würde es vom Dolmetscher glattgebügelt. Da mache ich mir keine Illusionen.

Am Schluss habe ich dann nur noch versucht, hinter die Fassade zu gucken und mich auf das verlassen, was ich selbst sehe. Auf das, was da vorne gesagt wurde, habe ich kaum mehr gehört.

NK-Info: Also würden Sie sagen, die Gespräche, die Sie geführt haben, waren wenn oft nicht besonders wertvoll, was den Informationsgehalt anging?

Tauscher: Das gehört wohl auch zu dem dortigen System. Das ist ein bisschen „ostasiatisch“, aber vielleicht noch ein bisschen mehr spezifisch „nordkoreanisch“. Wenn es dort einen Plan gibt – und den gibt es eigentlich immer – dann wird der auch umgesetzt. Probleme gibt es in diesem System eigentlich nicht.

Aber das liegt eben nicht in der Natur der Sache: Wenn man Großprojekte in dem Rahmen umsetzt, dann gibt es immer Änderungen und es gibt immer irgendwelche Aspekte, die man nicht vorhersehen kann. Für mich ist es ein Qualitätsmerkmal, wenn man auf Schwierigkeiten richtig reagiert und die Pläne richtig abändert. Aber das ist dort eben wenig kultiviert. Wenn einer also eine Aufgabe kriegt, dann wird die umgesetzt.

Der 15. April [Anmerkung der Redaktion: Der 15. April ist Kim Il Sungs Geburtstag], das ist immer ein Stichtag, dann wird alles fertig. Und wenn Anfang April von einem Haus erst das Fundament gebaut ist und ich frage: „Was ist der Zeitplan?“ dann ist die Antwort: „15. April!“

Wenn dieser Stichtag vorbei ist, dann gibt es eben andere Tage, die irgendwie wichtig und toll sind, aber das macht das Arbeiten natürlich nicht leichter.

NK-Info: Das klingt ziemlich schwierig. Wenn von oben immer nur die Pläne reinkommen und unten dann alles auf Teufel komm raus umgesetzt wird. Oder glauben Sie, dass auch von unten Impulse an die Führung gehen?

Tauscher: Zu den Wirtschaftsreformen habe ich mal gefragt. Da gab es ja vor der letzten Parlamentssitzung im Herbst große Hoffnungen, dass etwas gemacht wird, aber am Ende ist nichts in diese Richtung passiert.

Also in der Provinz arbeite ich ja immer mit den Vorsitzenden des jeweiligen People’s Committee, denn die sind auch die Vertreter des Roten Kreuzes vor Ort…

NK-Info: …ist das sowas wie Bürgermeister?

Tauscher: Eher wie Landrat, also eins höher. Da habe ich mal gezielt gefragt: „Was ist denn jetzt mit Wirtschaftsreformen?“ Da bekam man schon gesagt, dass das intensiv diskutiert würde. Man hat schon mitgekriegt, dass intern eine Auseinandersetzung mit dem Thema stattfindet und dass auf diesen Levels oder auf der Provinzebene durchaus eine Beteiligung der unteren Ebenen stattfindet. Solche Entscheidungen fallen also nicht gottgegeben vom Himmel, sondern es gibt im Land durchaus eine Diskussion und Impulse von unten.

NK-Info: Nochmal zurück zu der Sache mit den Plänen und dieser unbedingten Umsetzungskultur: Ist es nicht ungeheuer frustrierend, wenn man ein Projekt entwirft und dann von den Mitarbeitern vor Ort eher eine Geschichte aufgetischt bekommt als das jemand zugeben würde, dass es irgendwo nicht richtig hingehauen hat?

Wie geht man damit um, wenn man an eine Baustelle kommt und es offensichtlich ist: „Hier ist irgendwas schief gelaufen“ und dann kriegt man aber gesagt: „Läuft alles nach Plan, alles in Ordnung“?

Tauscher: Das ist ein sehr schwieriges Thema. Ich erzähle dazu mal eine Anekdote, die ich in einem Projekt erlebt habe: Das Projekt hatte mein Vorgänger oder Vorvorgänger gestartet und ich sollte relativ am Anfang nur noch die Endabnahme machen. Aber dieses Projekt hatte ein technisches Problem und mir wurde deshalb gesagt: „Nein, wir können die Abnahme noch nicht machen, wir brauchen noch ein bisschen länger.“ Ich bin dann mal dort hingereist und es hing immer an seltsamen Sachen und irgendwie war nicht ganz nachzuvollziehen, wo das Problem lag. Ein paar Monate später hieß es dann: „Jetzt ist alles fertig, jetzt ist alles ok!“ Aber als ich dann hinkam war eben nicht alles ok! Es hat mich schon ziemlich geärgert, dass man dann immer versucht hat mir zu erklären, es wäre alles ok obwohl klar war das nichts ok war. Ich meine, wenn aus der Anlage hinten kein Trinkwasser rauskommt, dann ist mir vollkommen egal, ob der Tank jetzt zehn Meter weiter links oder rechts steht. Wichtig ist, dass da Trinkwasser rauskommt. Kam es aber nicht.

Deshalb habe ich dann wieder zur Nachbesserung gemahnt und unser Team nochmal dorthin geschickt. Es gab dann noch eine hitzige Diskussion darum, was da genau falsch gelaufen ist. Warum es falsch gelaufen ist, war nicht genau nachzuvollziehen, auf jeden Fall hat es nochmal drei Monate gebraucht. In dieser Zeit gab es auch noch eine hitzige Diskussion mit der Provinzchefin, also mit einem ziemlich hohen Level, die sauer drüber war, dass das nicht fertig war wie geplant. Als ich dann drei Monate später nochmal zur Endabnahme hingekommen bin, war dann die gesamte Führungsriege dieses Dorfes ausgetauscht.

Und dann macht es halt nicht so wirklich Spaß. Das ist dann auch eine Art Risiko, das ich trage, wenn ich sozusagen unsere Kultur auf einer Baustelle oder in den Projekten durchsetze. Während es bei uns relativ flache Hierarchien gibt, ist das dort nicht so. Irgendwer muss am Ende den Kopf dafür hinhalten. Ich habe zwar nachgefragt, was mit den Leuten ist, bekam aber nur die Antwort, das sei Routinerotation und ganz normal. Aber ein fader Beigeschmack bleibt. Das sind dann auch Grenzen, was mein „Pushen“ zu einem optimalen Projekt angeht.

NK-Info: Aber woran liegt das denn, das etwas so schiefläuft. Sind die Bauarbeiter unmotiviert?

Tauscher: Letztendlich sind das ja keine Baufirmen, die für die Umsetzung zuständig sind. Die Projektimplementierung – also die Bauarbeiten – werden von den Dorfbewohnern selbst getragen. Und die bauen ja auch für sich selbst und je besser und nachhaltiger sie das machen desto mehr haben sie am Ende dann davon. Die bauen das ja auch nicht für mich. Aber das ist ein endloses Thema und es geht immer so weiter. Am Ende ist es eben immer so: Der Plan wird umgesetzt, koste es was es wolle!

NK-Info: Sowas kann natürlich nicht gut für ein Land sein und dass es der Wirtschaft dort nicht blendend geht, das ist ja klar. Sonst wären Sie ja auch nicht dort gewesen. Aber Sie waren ja schon in vielen Entwicklungsländern und auf Basis dieser Erfahrungen würde es mich interessieren: Wie schätzen Sie den Status des Landes ein?

Ich meine, eigentlich war Nordkorea mal irgendwann relativ weit entwickelt, aber klar: Es geht vieles kaputt, aber manche Strukturen bestehen ja noch. Würde man sagen „das ist ein Entwicklungsland“ oder ein „‘degeneriertes‘ entwickeltes Land“ oder wie könnte man das ausdrücken? 

Tauscher: „Degeneriertes entwickeltes Land“ ist gut. Das gefällt mir. Da ist bestimmt eine Komponente. Eine große Rolle spielt aber auch das Verhindern natürlicher Entwicklung. Das ist eben dieses Geplante, von dem wir gerade gesprochen haben. Wenn der Plan falsche oder komische Prioritäten setzt, dann entwickelt sich das Land eben in eine komische Richtung. Und das spielt, glaube ich, eine starke Rolle.

Man unternimmt zum Beispiel den Versuch Fahrräder zurückzudrängen. In China gab es eine Art natürliche Entwicklung vom Fußgänger über den Fahrradfahrer und das Motorrad zum Auto. In Nordkorea versucht man dagegen Fahrräder zu verbannen und direkt auf einen modernen öffentlichen Verkehr und Autos zu kommen, aber das klappt so nicht.

Anderswo wird Fahrradfahren vereinfacht, aber dort wird es absichtlich erschwert: Man darf zum Beispiel nicht auf der Straße fahren, sondern muss auf dem Bürgersteig fahren. Man muss jeden Tunnel nutzen und muss an jeder Ecke absteigen. Frauen waren ja auch bis vor kurzem „not encouraged“ Fahrrad zu fahren [Anmerkung der Redaktion: Im vergangenen Monat scheint diese Politik Medienberichten zufolge wieder eingeführt worden zu sein], zumindest in der Stadt.

Nicht immer ein Vergnügen: Fahrradfahren in Nordkorea. Das Land will zum Auto… (Foto von Joseph A. Ferris III unter CC Lizenz Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 2.0 US-amerikanisch (nicht portiert) (CC BY-NC-ND 2.0))

Das ist so ein Beispiel für die Stilblüten, zu der diese Planwirtschaft führt, wenn sie nicht optimal geplant ist. Das charakterisiert das Land in Teilen gut. Es ist schwer, alles in einem Land zu planen und eigentlich gibt es auch kein Land mehr auf der Welt, das wirklich versucht das zu tun. Die meisten Länder haben ja gewisse Freiheiten geschaffen, indem sie Rahmenbedingungen gesteckt haben, ohne bis ins Detail zu planen. Das ist in Nordkorea eben nach wie vor nicht so. Es ist alles reglementiert und alles ist hundert prozentig kontrolliert und entsprechend entwickelt es sich manchmal nicht ganz so wie es könnte.

NK-Info: Klar, wenn nur einer plant und der hat eine dumme Idee, dann kann nichts Gutes bei rauskommen…

 

In den nächsten Wochen wird der dritte und leider schon letzte Teil des Interviews erscheinen. Leider kann ich auch dieses Mal nicht genau sagen, wann, aber das Transkribieren etc. braucht eben seine Zeit und daher bitte ich nochmal um etwas Geduld...

Mobilfunk in Nordkorea: Statusupdate (I)


Es ist ja schon ein ziemliches Zeitchen her, das ich mich intensiver mit dem Mobilfunk in Nordkorea auseinandergesetzt habe. Dem will ich heute abhelfen, weil mir in letzter Zeit zwei ganz gute Quellen aufgefallen sind, die zusammengenommen ein ganz gutes Bild ergeben. Dazu werde ich erstmal auf Basis eines Geschäftsberichtes der Orascom Telecom Media and Technology Holding S.A.E. (OTMT) (heißt heute ein bisschen anders, weil der Orascom Konzern umstrukturiert wurde, aber das soll uns nicht interessieren) ein paar Fakten zum Betrieb der dortigen Tochter Koryolink, die zu 75 % in der Hand des ägyptischen Konzerns ist und gemeinsam mit der staatlichen Korean Post and Telecom. Corp (KPTC)  betrieben wird, liefern. Dann werde ich auf die praktische Nutzung der Mobiltelefone eingehen, wobei ich mich in erster Linie auf einen Bericht des Rimjin-gang Report berufe (den hatte ich zwar schonmal verlinkt, aber ich finde das Thema so spannend, das ich das trotzdem nochmal aufbereiten möchte).

Kurzer Überblick über die Entwicklung des Mobilfunks

Zuerst also mal zu den Fakten des Mobilfunks in Nordkorea. Das aktuelle 3G Netz von Koryolink stellt nicht den ersten Gehversuch Nordkoreas in diesem Bereich dar. Bereits Anfang des vergangenen Jahrzehnts war ein Netz aufgebaut worden. Allerdings wurde Sun Net 2004 (das zumindest in der SWZ Rason betrieben wurde) vermutlich im Zusammenhang einer Zugexplosion, hinter der einige einen Anschlag auf Kim Jong Il vermuteten, wieder abgeschaltet und die meisten Handys wieder eingesammelt. Das Netz wurde danach noch bis 2010 weiter betrieben, allerdings weiß keiner so genau, für wen und in welchem Ausmaß. Interessanter Aspekt am Rande: Der Betreiber von Sun Net war Loxley Pacific, dieselbe Firma, die sich in den letzten Jahren daran gemacht hat, Nordkorea ans Internet anzuschließen. Die Geschäftspartnerschaft hinsichtlich Sun Net scheint also im Guten zuende gegangen sein. Jedoch dauerte es nach der weitgehenden Abschaltung des Netzes wieder bis 2008, bis man einen Neustart in die Welt des Mobilfunks versuchte.

Eckdaten zu Koryolink

Ende 2008 ging dann Koryolink an den Start und bisher kann man die Unternehmung durchaus als Erfolgsgeschichte bezeichnen. Innerhalb von wenig mehr als drei Jahren, gewann das Joint Venture über eine Million Kunden in Nordkorea. Nach Unternehmensangaben werden 94 % der Bevölkerung mit dem Mobilfunknetz erreicht (bei einer Abdeckung von nur 14 % der Landesfläche). Das Netz ist neben Pjöngjang in 14 Großstädten und 86 kleineren Städten vorzufinden. Der Vertrieb läuft (Stand September 2011) über 24 unternehmenseigene Verkaufsstellen in Pjöngjang und 9 weitere in anderen Städten. Weiterhin wird auch die Infrastruktur des KPTC für den Vertrieb genutzt. Koryolink hat ein Kontrakt über 25 Jahre, in dem auch ein Monopol Exklusivrechte  für vier Jahre beinhaltet sind. Nach eigener Aussage strebt man an, diese Rechte, die Ende diesen Jahres auslaufen, zu verlängern. Bisher wurde aber in diese Richtung kein Vollzug gemeldet. 2011 arbeiteten für das Unternehmen 276 Mitarbeiter, wobei nicht klar wird, ob das nur Nordkoreaner sind, oder ob auch Ägypter abgeordnet sind. Interessant fand ich hinsichtlich der Mitarbeiter noch den Hinweis, dass kein Arbeitnehmer von OTMT in einer Gewerkschaft organisiert sei und dass keine Tarifverträge (collective bargaining agreement) existieren würden. Ich dachte, wenn in einem sozialistischen Staat irgendwo Gewerkschaften nötig sind, dann doch wohl da, wo sie sich für die Rechte von Arbeitnehmern, die privatem Kapital gegenüberstehen, einsetzen können. Das scheint man in Nordkorea jedoch anders zu sehen.

Was in Nordkorea ebenfalls anders ist, ist die Tatsache, dass es dort laut der Aussage des Unternehmens nicht so etwas wie eine Werbeindustrie gebe und man daher in diesem Bereich absolutes Neuland betreten habe. Zwei der Ergebnisse davon kann man hier betrachten. Außerdem war Koryolink im vergangenen Jahr die Taekwondo Weltmeisterschaft in Nordkorea und sorgte auch damit für eine Neuerung.

Andere Engagements von Orascom in Nordkorea

Neben dem Betrieb des Netzes betreibt Orsacom in Nordkorea noch eine Bank, die bisher aber scheinbar keine nennenswerten Geschäfte getätigt hat. Die Orabank ist ebenfalls ein Joint Venture mit einem nordkoreanischen Partner, aber zu 95 % in der Hand von Orascom. Das Unternehmen hofft, die Bank in Zukunft mit dem Mobilfunkgeschäft verknüpfen zu können, um den Kunden mobile Bankgeschäfte ermöglichen zu können (die Frage ist allerdings, ob es dafür aktuell überhaupt einen Markt gibt, denn das würde ja eine nennenswerte Kundschaft voraussetzen, die überhaupt Bankgeschäfte tätigt). Weiterhin zeichnet Orascom für den Weiterbau des berühmtesten Hochhauses Nordkoreas verantwortlich. Das Ruyong Hotel (hier ein paar feine Fotos) stellte seit den 1990er Jahren ein perfektes Sinnbild für den Zustand der nordkoreanischen Wirtschaft dar. Eine Ruine eben. Und wer weiß, vielleicht tut es das immernoch: Nach außen hui, nach innen…noch nicht ganz fertig (und irgendwie klingt es auch in dem OTMT-Bericht nicht so, als sollte es nach innen je ganz fertig gebaut werden). Auf jeden Fall hat das Unternehmen bisher (bzw. bis zum September 2011) 30 Mio.US-Dollar in den Ausbau investiert und im Bericht wurden weitere 15 Mio. veranschlagt. Nach eigenen Angaben erwartet das Unternehmen die Rückzahllung der Auslagen, wenn das Gebäude in Betrieb geht. Auch erwartet man, dass man dann Nutzungsrechte für das Gebäude zugesprochen bekommt. Warum ich das „erwarte“ unterstreiche? Die Formulierung wurde in dem Bericht genauso benutzt und klingt irgendwie danach, als habe man nichts Schriftliches. Hm, und für manche Vertragspartner hat sich Nordkorea in der Vergangenheit ja schon als Land der enttäuschten Erwartungen erwiesen. Wenn ich Geschäfte dort machen würde, würde ich jedenfalls sicher gehen, dass ich mich am Ende nicht auf Erwartungen verlassen müsste…

Risikofaktoren für das Geschäft in Nordkorea

Aus dem Bericht gehen zwei andere Aspekte hervor, die dem Unternehmen in der geschäftlichen Zusammenarbeit mit Nordkorea Sorgen bereiten zu scheinen, neben den üblichen Geostrategischen- und Sanktionsrisiken).

Erstens wird da auf die Schwierigkeit hingewiesen, den nordkoreanischen Won in andere Währungen zu konvertieren. Das ist deshalb ein Problem, weil etwa 55 % der Erträge in koreanischen Won erzielt werden und die OTMT ihren Anteil aufgrund der Schwierigkeit das Geld (zumindest zum veranschlagten Kurs) zu tauschen, dann entweder in Won oder garnicht bekäme (was ungefähr aufs Gleiche rauskommt). Daher bemüht man sich im Unternehmen scheinbar auch Fremdwährung in Nordkorea einzusammeln. Und das scheint auch zu funktionieren, wie der Hinweis auf ein „Euro Pack“ Angebot nahelegt. Dabei werden Kunden, die die Aufladung der Karte mit Euro bezahlen, besondere Konditionen eingeräumt. Zumindest unter den Kunden von Koryolink scheint es also eine substantielle Gruppe von Personen zu geben, die Euros nutzen. Für das „Luxussegment“ der nordkoreanischen Wirtschaft scheint zumindest in Teilen so etwas wie eine Parallelwährung zu existieren.

Zweitens wird an verschiedenen Stellen erwähnt, dass es in Nordkorea keine Regulierungen hinsichtlich des Mobilfunkmarktes gebe. Das klingt ja erstmal super, denn wo es keine Gesetze gibt, da kann man dann ja irgendwie machen was man will. Aber in Nordkorea ist das natürlich nicht ganz so. Denn mitnichten kann irgendwer in Nordkorea machen was er will. Die Problematik ist auch dem Unternehmen bewusst, allerdings weiß es eben nicht genau, was man darf und was nicht und hat daher Angst, „falsch“ zu handeln. Ich bin kein Betriebs-/Volkswirt, aber Rechtsunsicherheit ist vermutlich für eine wirtschaftliche Entwicklung  mindestens so schädlich wie Überregulierung. Umso interessanter, dass sich in Nordkorea scheinbar noch niemand daran gesetzt hat, eine Regulierung zu erarbeiten. Wenn ich dem Regime böses unterstellen wollte, würde ich vermuten, das hätte System, um sich eine maximale Flexibilität gegenüber dem Geschäftspartner zu bewahren (denn Gesetze binden ja nicht nur die Unternehmen, sondern auch den Staat).

To be continued…

Hm, ist doch mehr als gedacht und ich muss gleich weg. Ich glaube ich liefere den Teil, bei dem es eher um die praktischen Aspekte des Mobilfunks in Nordkorea geht, in Kürze nach. Also ist dashier ab jetzt Teil I und Teil II folgt in Kürze…

Das Regime hofiert internationales Kapital: Kim Jong Il empfängt ägyptischen Geschäftsmann


Der Vorstandsvorsitzende des ägyptischen Unternehmens Orascom Telecom, Naguib Sawiris, hat Nordkorea einen Besuch abgestattet. Dort traf er unter anderem zu Gesprächen mit Kim Jong Il und Jang Song-thaek zusammen. Ein Foto auf der Startseite von KCNA zeigt Sawiris eingehakt bei Jang und händchenhaltend mit Kim. Da scheint sich ein echtes Vertrauensverhältnis entwickelt zu haben, was auch die Häufigkeit der Besuche Sawiris – es ist jetzt sein Vierter von dem KCNA berichtet – verdeutlicht. Vertrauen ist aber auch nötig, denn immerhin hat Orascom die in den Augen des Regimes in Pjöngjang wohl höchst sensible Aufgabe übernommen, ein Mobilfunknetz in Nordkorea aufzubauen. Das läuft über das Joint Venture Koryolink, das zu drei Vierteln den Ägyptern gehört und zu einem Viertel dem nordkoreanischen Post und Telekommunikationsministerium. Mittlerweile hat Koryolink schon etwa 300.000 Kunden für sein 3G Netz in Nordkorea. Außerdem baut ein anderer Firmenzweig von Orascom zurzeit das gerne als Sinnbild für den wirtschaftlichen Niedergang Nordkoreas  genommene Ryugyong Hotel weiter.

Zwischen dem ägyptischen Unternehmen und dem Regime scheint wirklich ein gutes Verhältnis zu bestehen. Orascom ist einer der wenigen Großinvestoren in Nordkorea die nicht aus China kommen (oder etwas mit dem Kaesong Industriepark zu tun haben). Dies wird scheinbar auch vom Regime gewürdigt, denn es ist nicht gerade selbstverständlich, dass sich Kim Jong Il mit einem Unternehmer zusammensetzt, der nicht durch politische Bedeutung glänzen kann. Selbst Jang Song-thaek zu treffen wäre schon eine hohe Ehre für Sawiris gewesen. (Vielleicht hat sich Jang in den letzten Wochen intensiv auf das Treffen mit dem Ägypter vorbereitet, denn ich habe ihn bei den letzten Besichtigungen Kim Jong Ils schon vermisst, wo oft seine Frau Kim Kyong-hui dabei war, er aber nicht. Naja, vielleicht hatte er einfach wichtigeres zu tun.) Das Treffen zwischen Kim Jong Il und Sawiris dürfte auch als eine Art Signal an andere potentielle Investoren dienen: Seht her, mit Nordkorea kann man ganz normale Geschäfte machen und gutes Geld verdienen. Daher kann das Zusammentreffen als weiterer Baustein in der Strategie gesehen werden, ausländisches Kapital nach Nordkorea zu holen. Ob diese Strategie Erfolg haben wird werden wir in den nächsten Monaten vielleicht beobachten können.

Nordkoreas Weg ins 21te Jahrhundert: PDAs und wachsendes Mobilfunknetz


Nachdem ich kürzlich über wenig eindrucksvolle Fortschritte in der technischen Entwicklung nordkoreanischer Ingenieurskunst geschrieben habe, möchte ich mich jetzt mal kurz einem Feld widmen, auf dem die Technik auch vor Nordkorea nicht halt macht.

Vor ein paar Tagen veröffentlichte ein russischer Blogger, der auch schon über die nordkoreanische Weiterentwicklung von Linux geschrieben hat, einen Artikel über ein PDA (Personal Digital Assistant) der seit neuestem in Nordkorea vertrieben wird (da gibts auch interessante Bilder). Das Gerät soll im Land entwickelt worden und vor allen Dingen wegen seiner Übersetzungsprogramme (u.a. auch Koreanisch-Deutsch) recht hilfreich sein. Außerdem gibt es noch Kartenmaterial, dass aber ohne GPS natürlich nur die Hälfte wert ist (hätte man die beiden „Satelliten“ die man ins All geschossen haben will doch mit mehr als nur patriotischen Liedern ausgerüstet). (via North Korean Economy Watch)

Auch wenn PDA hier nicht gerade neu oder modern sind – schließlich sind die Funktionen heutzutage in vielen handelsüblichen Telefonen enthalten – ist es doch eine beachtliche Leistung der nordkoreanischen Techniker, solche Geräte selbstständig zu entwickeln. Schließlich ist es für das Land nicht einfach ist, an know how und Technik heranzukommen (nicht zuletzt aufgrund der Sanktionen, dem es unterliegt). Für wen die Geräte, die bis zu 140 US-Dollar kosten sollen allerdings produziert werden kann ich nicht genau nachvollziehen. Es scheint so zu sein, als würde nicht zuletzt die sich entwickelnde „Mittelschicht“ aus Händlern zur Gruppe der Käufer gehören. Ob das im Sinne des Regimes ist, das die Dinger ja produziert?

Auch der Markt für Mobiltelefone scheint weiter zu wachsen. Berichten zufolge soll das 3G Netz von Koryolink, dass zu  drei Vierteln von der ägyptischen Firma Orascom betrieben wird (hier ein umfangreicher Artikel von mir zum Thema Mobilfunk und auch Orsacom) mittlerweile über 300.000 Kunden zählen und vor allem in Gebieten außerhalb Pjöngjangs expandieren. Damit scheint das Unternehmen tatsächlich die Vorstellungen in die Tat umzusetzen, die es hinsichtlich seiner Tätigkeit in Nordkorea äußerte.

Ob das Wachstum des Mobilfunkmarktes bis zu einem immer schwerer zu kontrollierenden Maß, dem Regime jedoch nicht irgendwann unheimlich wird, darf bezweifelt werden. Denn Leute die unkontrolliert telefonieren können, können auch unkontrolliert Vereinbarungen treffen und unkontrolliert Gedanke austauschen. Das ist gefährlich für das Regime und das weiß man in Pjöngjang. Daher bin ich gespannt, ob Orascom auch in den kommenden Jahren noch Erfolge vermelden kann.

Nordkorea im mobilen Zeitalter: Das Handy als Gefahr oder Chance für Pjöngjang


Update II (22.10.2010): Eben habe ich durch zufall einen „Werbespot“ (oder was auch immer) gefunden, der über Nordkoreas Mobilfunknetz berichtet. Ich verstehe zwar nichts aber die Bilder sprechen für sich und das Ganze ist trotzdem interessant anzuschauen.

Update I (04.03): Yonhap berichtet über die öffentliche Erschießung eines Nordkoreaners nachdem ein Mobiltelefon mit chinesischer Sim Karte in seinem Haus entdeckt wurde. Dieses Vorgehen der Behörden belegt, dass die Handynutzung im Grenzgebiet zu China als Bedrohung gesehen und weiterhin radikal bekämpft wird.

Urspünglicher Beitrag (22.02): In unserer heutigen Welt spielen moderne Telekommunikationsmittel eine zunehmend prominente Rolle. Das Mobiltelefon ist aus unserem Alltag kaum mehr wegzudenken. Doch während es für uns eher eine Erleichterung im Alltag darstellt, die es uns ermöglicht, Tagesabläufe schneller zu planen und „freie“ Zeiten, z.B. in der Bahn, im Wartezimmer oder wo auch immer effizienter zu nutzen oder noch auf die Schnelle irgendwelche (mehr oder weniger wichtigen) Informationen einzuziehen (ob das begrüßenswert ist oder nicht, sei mal dahingestellt, Fakt ist, dass bei nicht gerade Wenigen ein gewisser Grad von Abhängigkeit zu ihrem Handy besteht), ist seine Bedeutung in anderen Regionen der Welt ganz anders einzuschätzen. Als Beispiel kann man hier den Iran nennen, in dem Handys für die Planung und Dokumentation der Protestveranstaltungen gegen die Regierung eine bedeutende Rolle gespielt haben, aber auch Länder Südostasiens, in denen Mobiltelefone wichtige Träger von SMS-Wahlkampagnen darstellen. Die Nutzung von Mobiltelefonen stellt gerade für solche Regierungen, die ihr Land autoritär regieren ein zweischneidiges Schwert dar. Den wirtschaftlichen Möglichkeiten und den Chancen durch die Nutzung für die eigenen politischen Zwecke stehen Gefahren gegenüber, die aus der unerwünschten Nutzung von Mobiltelefonen durch Oppositionelle oder zumindest nicht linientreue Individuen oder Gruppen entstehen kann.

Auch in Nordkorea werden beide Seiten dieser Medaille deutlich. Einerseits scheint das Regime die Chancen der mobilen Telefonie für sich selbst und die wirtschaftlichen Entwicklung des Landes erkannt zu haben und versucht diese Potentiale nutzbar zu machen. Andererseits scheinen auch die Risiken nicht verborgen geblieben zu sein, so dass immer wieder scharf gegen die nicht der staatlichen Kontrolle unterliegende Handynutzung vorgegangen wird. Aufgrund dieser Tatsachen habe ich mich heute mal entschlossen, die Fakten über Handynutzung in Nordkorea zusammenzutragen und mich auch ein bisschen mit den Risiken und Perspektiven derselben auseinanderzusetzen.

Entwicklung des Mobilfunks in Nordkorea

Das bestehende Festnetzsystem in Nordkorea ist unter der strikten Kontrolle der Regierung (nicht autorisierte Telefonate werden zum Teil mit drakonischen Strafen belegt, die von Geldstrafen bis zur Einweisung in Arbeitslager reichen können), in großen Teilen veraltet (Verbindungen werden Teilweise noch manuell geschaltet, wie man es in Deutschland höchstens noch aus alten Filmen kennt) und Verbindungen ins Ausland bestehen nur sehr sporadisch (es bestehen direkte Verbindungen in 10 Länder). Für die Möglichkeit zu telefonieren, ohne dass der große Bruder über die Schulter schaut, scheint daher Zugang zur mobilen Telefonie notwendig zu sein. Schon Ende der 1990er Jahre begannen Pläne für die Einführung von Mobiltelefonen in Nordkorea. Jedoch führten die ersten Versuche unter südkoreanischer Beteiligung nicht zuletzt wegen einer Blockadehaltung der USA nicht zum Erfolg (Ein Patent der US Amerikanischen Firma Qualcomm auf CDMA Technologie in Verbindung mit Exportrestriktionen nach Nordkorea diente hier als Grund). Allerdings konnten die USA die Errichtung eines GSM-Netzes  nicht verhindern, da es hier keine hilfreichen Patente gab. Daher wurden seit 2002 Mobiltelefone in der SWZ Rajin-Songbon und der Tourismus Region im Kumgangsan eingeführt. Ab 2003 war Mobilfunk auch in Pjöngjang erhältlich, während zeitgleich an der chinesischen Grenze zunehmend Mobilfunkmasten aufgestellt wurden, die mobiles Telefonieren auch auf nordkoreanischem Gebiet ermöglichten (was offiziell allerdings nicht erlaubt war und ist). Im Jahr 2004 erreichte die Zahl offiziell registrierter Mobilfunknutzer 20.000. Mobiltelefone waren zu dieser Zeit für einen Preis zwischen 1.050 und 1.250 US Dollar zu erwerben, also für das gemeine Volk kaum erschwinglich. Dieses erste Aufblühen des Mobilfunkmarktes fand jedoch im Jahr 2004 ein jähes Ende, als die Nutzung von Handys untersagt und alle registrierten Mobiltelefone konfisziert wurden. Die genauen Hintergründe sind nicht bekannt, doch konstruieren Gerüchte einen Zusammenhang mit der schweren Explosion eines Zuges in Ryongchon (die wiederum von Gerüchten als versuchter Anschlag auf Kim Jong Il bewertet wird (wobei ich das Wort Gerüchte in diesem Fall eher so schreiben würde GERÜCHTE)), weiterhin wird darauf verwiesen, das Regime habe den Verlust der nahezu totalen Informationskontrolle gefürchtet. Die Nutzung des nach Nordkorea reichenden chinesischen Netzes ging allerdings trotz Gegenmaßnahmen der Regierung weiter.

Gute Zeiten für Vieltelefonierer gab es dann erst wieder im Jahr 2008. Nordkorea startete ein Joint Venture mit der ägyptischen Firma Orascom Telecommunications (Es gibt auch noch einen Orascom Hotel und einen Orascom Bau Zweig. Interessant dabei. Vor diesem Geschäft wurden im Rahmen eines anderen Deals nordkoreanische Arbeiter für Projekte des Orascom Bau Zweigs in den Mittleren Osten „verliehen“) bei dem 75 Prozent von Orascom gehalten werden und 25 Prozent die staatliche nordkoreanische Post- und Telekommunikationsgesellschaft. Orascom hat eine 25 Jahre Lizenz für ein GSM-Netz in Nordkorea und Exklusivrechte für vier Jahre. Das Unternehmen wollte bis zu 400 Millionen Dollar (über vier Jahre verteilt) in das Joint Venture investieren und strebte an, in den drei Pilotregionen 100.000 Kunden zu gewinnen. Ab Mai 2008 ging Orascom ans Netz, wozu unter anderem Antennen in den oberen Etagen der jahrelang als Wahrzeichen des ökonomischen Niedergangs Nordkoreas gesehenen Bauruine des Ryugyong Hotels aufgestellt wurden (Wiederum interessant: Mittlerweile wird das Hotel weitergebaut und ratet mal von wem. Genau, Orsacom Construction). (Diese ganzen Fakten hab ich aus einem Paper von Marcus Noland genommen, das ich jedem, der sich für Telekommunikation in Nordkorea interessiert nur empfehlen kann. Runterladen könnt ihr es hier.)

Vor kurzer Zeit kam dann die Meldung, Koryolink (so heißt das Joint Venture zwischen Orascom und Nordkorea) habe 100.000 Kunden gewonnen, wolle weiter expandieren und in den nächsten fünf Jahren „Millionen weiterer“ Kunden gewinnen. Man erwarte eine positive wirtschaftliche Entwicklung in Nordkorea und wolle davon profitieren. Zurzeit biete das Unternehmen nur Text- und Stimmdienste an, doch sei eine Ausweitung des Angebots zum Beispiel durch Auslandsgespräche und Roaming  denkbar. Die Preise für den Zugang sind mit um 200 Dollar zwar niedriger als beim vorherigen Anlauf, doch für Durchschnittsbürger noch immer nahezu unerschwinglich.

Risiken des Mobilfunks und Reaktionen aus Pjöngjang

An der chinesischen Grenze wird die Nutzung von Mobiltelefonen unterdessen mehr und mehr zur Normalität. Die Menschen wickeln Geschäfte über das Handy ab, bleiben miteinander in Kontakt oder informieren Aktivistengruppen wie die Betreiber von Daily NK oder die Good Friends über neueste Entwicklungen. Mittlerweile dringen zunehmende Mengen detaillierter Informationen über solche Kanäle nach außen, was dem Regime in Pjöngjang natürlich ein Dorn im Auge ist, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass der Informationsfluss nicht auf einer Einbahnstraße verläuft und so auch immer mehr Informationen von Außen nach Nordkorea dringt. Weiterhin bestehen über diese Handys auch Möglichkeiten in der Bevölkerung, untereinander Informationen auszutauschen. Diese unkontrollierte Mobilfunknutzung entzieht die Bevölkerung mehr und mehr dem festen Griff des Regimes und ermöglicht zunehmende Eigenständigkeit. All dies führt dazu, dass Pjöngjang verstärkte Gegenmaßnahmen ergreift. So wurden Arbeiter mit dem Angebot eines Straferlasses aufgefordert, ihre Mobiltelefone abzugeben, ansonsten drohten schwere Strafen. In den Grenzgebieten werden Störsender installiert und Sicherheitskräften mit Peilsendern sind unterwegs, um Telefonnutzer zu ertappen. Weiterhin versuchte Pjöngjang (offensichtlich erfolglos) die chinesische Regierung dazu zu bewegen, die Aufstellung von Sendemasten nahe der nordkoreanischen Grenze zu unterbinden.

Während also das offizielle Koryolink Netz zurzeit nicht als Bedrohung gesehen wird, versucht das Regime, die Nutzung chinesischer Mobilfunknetze in der Grenzregion zu unterbinden. Scheinbar wird gerade in der Folge der Währungsreform hier eine Bedrohung gesehen. Auch könnte die Tatsache, dass immer mehr Informationen nach außen dringen, als es dem Regime lieb sein kann, die verstärkte Aufmerksamkeit des Regimes geweckt haben. Hier sind die Vorgänge rund um die Währungsreform sowie die Schweinegrippe als Beispiele zu nennen. Allerdings könnten diese Fakten auch Auswirkungen auf das Koryolink Netz haben, denn hier wird deutlich, wie schnell der Mobilfunk zu einem Verlust der totalen Informationshoheit des Regimes führen kann, was langfristig einen entscheidenden Kontrollverlust bewirken könnte. Da ich natürlich nicht über die konkrete Kontrolle informiert bin, die das Regime über das Koryolink Netz hat, ist es schwer hier Aussagen zu treffen. Jedoch scheinen mir sowohl unkontrollierte und -bare Kontakte ins Ausland wie auch ein unbegrenzter Zugang von Millionen Nutzern nahezu unmöglich. Das Regime in Pjöngjang schaut auch Nachrichten und wird über die jüngsten Vorgänge im Iran informiert sein. Da für das Regime, um mit Marcus Noland zu sprechen „prioritizing political over economic objectives“ ein entscheidendes Leitmotiv der Politik ist, dürfte auch in Zukunft beim offiziellen Mobilfunknetz ökonomische den Sicherheitsinteressen untergeordnet werden. Die Nutzer des chinesischen Netzes werden sich in Zukunft vermutlich noch stärkeren Repressionen und Drohungen ausgesetzt sehen. Und sollte die Stabilität des Regimes ernsthaft bedroht sein, habe ich keine großen Zweifel, dass man in Peking eine Abschaltung des Netzes nahe Nordkorea veranlassen wird. Als Träger von Veränderungen ist der Mobilfunk in Nordkorea zurzeit noch nicht etabliert genug. Bei einer Zunahme der Nutzer können sich hier jedoch durchaus Potentiale entwickeln. Ob die Moderne (in Form des Handys) letztendlich zu Wandel oder Umbruch in Nordkoreabeitragen kann, wird die Zukunft zeigen.