Ein Strauß voll Buntes VI: Ernten wenn es reif ist — Papers zu Nordkorea aus sehr verschiedenen Perspektiven


Wie das im Sommer nun eben mal so ist, blüht und gedeiht momentan alles herrlich bunt und prächtig, dass es eine wahre Freude ist. Das ist nicht nur auf meinem Balkon der Fall, sondern auch bei dem, das ich hier im Blog immer gerne zu einem Strauß voll Buntem zusammenpacke.

So ist das eben im Sommer. Blumen allenthalben…

Eigentlich hatte ich garnicht vorgehabt schon wieder einen solchen Strauß zu binden, aber so ist das eben im Sommer: Man muss ernten, bevor die Feldfrüchte verblüht oder verdorben sind. Naja und mit dem, das ich hier verlinke, ist es eben ganz ähnlich: Wenn das Zeug erstmal über ein halbes Jahr alt ist (und das ist es jetzt zum Teil schon fast), dann ist es nurnoch halb so spannend. Also macht euch bereit, für einen farbenfrohen Sommerblumenstrauß…

Visuelle Repräsentation Nordkoreas: Satellitenbilder

Einsteigen möchte ich mit einem Paper aus Deutschland (mir fällt gerade auf, dass der heutige Strauß ohnehin recht „kontinental“ ist). Das GIGA in Hamburg setzt seine wirklich spannende Forschung zur visuellen Repräsentation Nordkoreas fort. Der Kopf hinter diesem Vorhaben, David Shim, hat vor ein paar Tagen ein gut 17 Textseiten langes (und mal wieder leider nicht in deutscher Sprache vorliegendes) Working Paper mit dem Titel „Seeing from Above: The Geopolitics of Satellite Vision and North Korea“ veröffentlicht.

Das Paper setzt sich aus kritisch politikwissenschaftlicher Perspektive mit der Rolle auseinander, die die visuelle Repräsentation Nordkoreas durch Satellitenbilder in der heutigen Geopolitik spielt und dekonstruiert dabei ein gutes Stück weit das Bild vom objektiven und nicht manipulierbaren Abbild der Realität durch Satellitenbilder. Dazu wirft der Autor zuerst einen kurzen Blick auf Nordkorea, als das schwarze Informationsloch, dass es für ausländische Regierungen häufig darstellt, um dann zum eigentlichen Thema des Aufsatzes, dem Satellitenbild als einer möglichen Lösung für dieses Problem zu kommen.

In der Folge beschreibt er die hohe Autorität, die Satellitenbilder als Erweiterungen des menschlichen Sichtfeldes und als Möglichkeiten des Zugangs zu Gebieten, die eigentlich versperrt sind, bieten. Satellitenbilder sind mehr als nur die bildliche Untermalung von Wissen und Informationen, sie sind selbst Wissen und Informationen und können so zu politischen Schlussfolgerungen führen, aus denen politisches Handeln folgt. Shim beschreibt dann zwei sehr interessante Fälle, in denen sich jedoch zeigt, dass Satellitenbilder keinesfalls rein objektiv sind, sondern erst einen Sinn zugeschrieben bekommen. Und im Laufe dieses Prozesses können die Bilder bestimmten Interessen dienstbar gemacht werden. Erstens zeigen die Bilder nur das, was sie eben zeigen. Hört sich erstmal blöd an, ist aber wichtig, denn diejenigen, die über die Bilder verfügen entscheiden eben auch, welches Bild und welcher Ausschnitt gezeigt wird. Als Beispiel führt er hier das sehr interessante Beispiel der Satellitenbilder von Arbeitslagern in Nordkorea an: Während südkoreanische und US Regierungen schon seit den 1990er Jahren über solche Bilder verfügen, wurden sie von Regierungsseite bisher nie veröffentlicht, sonder nur durch NGOs (z.B. hier). Das wurde damit erklärt, dass man die Fähigkeiten der Aufklärungssatelliten nicht preisgeben wolle. Gleichzeitig wurden jedoch immer wieder Satellitenbilder von Nuklear- und Raketenanlagen veröffentlicht. Das Argument für die Nichtveröffentlichung der Satellitenbilder war also nur vorgeschoben. Shim vermutet, dass sich dies damit erklären ließe, dass Satellitenbilder nur dann wichtig würden, wenn sie Relevanz in aktuellen internationalen Fragestellungen hätten. Da mit Bezug auf Nordkorea aber eine Fixierung auf die Nuklearfrage vorläge, sei es wenig verwunderlich, dass auch nur hier Satellitenbilder veröffentlicht würden. Zweitens ist es für Laien kaum möglich, den Bildern einen Sinn zuzuschreiben, dazu bedarf es erfahrener Experten. Und die können, wie das Beispiel des Auftritts Collin Powells im Vorfeld des Irakkriegs zeigt, im Endeffekt erzählen was sie wollen, Laien können das nicht wiederlegen (ich erinnere mich da auch an irgendeinen Schlaumeier einer großen deutschen Tageszeitung, der einen direkten Zusammenhang zwischen „blauen oder roten Dächern“ und Minen für Seltene Erden herstellte (weiß ich ob das so ist? Nein! Weiß er es? Nein! Ist er Fernaufklärungsexperte? Nein!)).

Darauf hin führt der Autor einen sehr interessanten Exkurs zur wohl berühmtesten Satellitenaufnahmen Nordkoreas, der Koreanischen Halbinsel bei Nacht (jetzt dürfte so ziemlich jeder wissen was gemeint ist). Er beschreibt, wie viel diese Aufnahme interpretiert hat, obwohl ihre eigentlich Aussage ziemlich dürftig ist (viel Licht gegen wenig) und zeigt so, dass gerade das berühmteste Satellitenbild nicht eine objektive Darstellung der Realität ist, sondern eine symbolische Repräsentation. Im abschließenden Kapitel versucht Shim anhand von mehreren Beispielen die These zu untermauern, dass im Fall von Satellitenbildern nicht das Glauben aus dem Sehen folgt, sondern man sieht was man glaubt. Das wohl spektakulärste Beispiel hierfür ist die Kumchangri Geschichte. Damals hatten US-Satelliten umfangreiche Baumaßnahmen in Nordkorea gesichtet und die US-Regierung vermutete in der Folge, dass Nordkorea eine unterirdische Nuklearanlage bauen wolle. Gegen die Lieferung von 600.000 Tonnen (!) Lebensmitteln, ließ die nordkoreanische Führung das Loch inspizieren und es stellte sich in der Folge heraus, dass es sich tatsächlich um ein Loch handelte (nicht mehr, nicht weniger). Später wurde bekannt, dass die nordkoreanische Führung, nachdem ihr bekannt wurde, dass das Loch beobachtet wurde, umfangreiche Baumaßnahmen angeordnet hatte, um daraus Kapital zu schlagen.

Im abschließenden Fazit mahnt der Autor, dass es wichtig sei, Satellitenfotos als Informationsquellen mit entsprechender Vorsicht gegenüberzustehen. Dem habe ich nur wenig hinzuzufügen. Außer vielleicht, dass die Lektüre des Artikels eine sehr lohnende Beschäftigung ist und dass ich sie nur wärmsten empfehlen kann.

Outsourcing nach Nordkorea?

Einen interessanten kleinen Artikel habe ich von Paul Tjia gefunden. Er befasst sich auf vier Seiten mit den Möglichkeiten des Outsourcings nach Nordkorea. Das macht er nicht ganz selbstlos, immerhin betreibt der Niederländer eine Consultingagentur, die sich mit dem Outsourcing von IT-Dienstleistungen beschäftigt. Uninteressant ist das Ganze trotzdem nicht, auch wenn der Autor natürlich etwas zu verkaufen hat und daher den Vorteilen einen etwas breiteren Raum gibt als den Risiken. So lernt man die nordkoreanische IT-Landschaft und ihr Portfolio etwas besser kennen und erfährt, dass in diesem Sektor mehr als 10.000 gut ausgebildete Arbeitskräfte teils für weniger als 10 US Dollar die Stunde bereitstehen und das die Gefahr des Job-hoppings wegen der Regulierungen der Regierung nicht so groß ist wie in anderen Ländern. Für alle die das Thema im engeren oder weiteren Sinne interessiert ist der Artikel lesenswert.

Anthropologische Perspektive auf die Nordkoreapolitik der EU

Eduardo Zachary Albrecht hat für das European Institute for Asian Studies den interessanten Artikel „North Korea in the East Asian Puzzle: Anthropological Perspectives for EU Policy Developments“ geschrieben. Ich muss sagen, dass ich den Artikel an sich nicht unbedingt gut finde, dass er aber einige Aspekte beinhaltet, die ich wirklich interessant finde so dass ich das Ganze trotz einiger Aspekte die ich schwierig finde verlinke. Albrecht beschreibt in seinem Artikel kurz und recht gelungen die Migrationsströme Ostasien, auch mit einem kleinen historischen Rückblick, wobei mir gerade der Bevölkerungsaustausch zwischen China und Nordkorea bisher so nicht bewusst war (ich dachte die chinesischen Kämpfer wären nach dem Koreakrieg alle wieder zurückgegangen). Darauf folgen zwei kurze Interviews mit nordkoreanischen Flüchtlinge, die zwar nicht uninteressant sind, die zum Inhalt des Papers aber nichts beitragen. Die hätte er sich sparen können, aber vermutlich wollte er sie irgendwie einarbeiten, wenn er sie schon durchgeführt hatte…

Im eigentlich zentralen Teil des Papers (so wirklich kann ich nicht nachvollziehen, wieso dafür das nötig war, das zuvor kam) folgt der Autor weitgehend der These die durch das Buch „The cleansest Race“ von Brian Myers in den letzten Jahren recht populär geworden ist: Nordkoreas Führung hat Rassismus und Xenophobie kultiviert und zu einem tragenden Bestandteil ihrer Legitimation gemacht. Albrecht folgert daraus, dass ein Ausgleich mit Nordkorea unmöglich sei, da das Regime die Gefahren für die rassische Reinheit, zu denen nicht nur die Amerikaner und Japan, sondern auch Russen und Europäer zählen, brauche um sich zu legitimieren und sich daher nicht nähern könne. Eine Lösung sieht der Autor in China, der einzigen Ausnahme in der nordkoreanischen Xenophobie. Die EU müsse, wenn sie Einfluss auf die nordkoreanische Politik nehmen wolle, den Umweg über China nehmen, indem sie Gemeinsamkeiten mit diesem auskundschaftet und dann die Politik koordiniert.

Interessante Nebenaspekte in diesem Teil betreffen die Analyse des Autors zur aktuellen Nordkoreapolitik der EU. Er sieht hier einen Wandel, weg von einer Agenda der ökonomischen Öffnung hin zu humanitären Fragen. Wahrscheinlich hat er recht. Eine andere interessante Anmerkung betrifft, ist die „schlechte Angewohnheit“ der EU (wie er schön schreibt) hinter den Kulissen andere Ziele zu verfolgen, als sie nach außen verfolgt. Im Fall Nordkorea habe dies dazu geführt (das schreibt er nicht, aber schlechte Angewohnheiten muss man ja erstmal praktizieren, damit sie als solche identifiziert werden können), dass die EU den Status quo aufrecht erhalten habe, indem sie unmöglich zu erfüllende Forderungen an Pjöngjang gerichtet habe. So sei die Öffentlichkeit zuhause zufrieden gewesen (man hat sich ja eingesetzt…) während man selbst sein Ziel erreicht hat (es war alles beim Alten geblieben). Der Autor geht davon aus, dass die EU dieser Angewohnheit nicht mehr folgt, aber irgendwie klingt das eher wie Zweckoptimismus (denn ansonsten wäre es ja eigentlich Quatsch gewesen, das Paper zu schreiben).

Nordkoreanische Perspektive: Vertrauensbildung zwischen den USA und Nordkorea und ein die Möglichkeit einer Wiedervereinigung Koreas als Föderation im Vergleich zur europäischen Integration

Vielleicht werdet ihr euch fragen, wo denn bitte ein nordkoreanischer Standpunkt herkommen soll, wenn nicht von den üblichen Propagandaorganen. Die Antwort ist ganz einfach: Aus Schweden. Das dort ansässige Institute for Security and Development Policy (ISDP) beherbergt nämlich seit einiger Zeit mindestens einmal pro Jahr jeweils zwei nordkoreanische Gastwissenschaftler, die dann jedesmal jeweils ein Paper schreiben. Ich wollte euch schon länger mal darauf aufmerksam machen, hatte es aber zwischenzeitlich vergessen. Ri Hyon-song, der Autor des ersten Papers forscht am Institute for Disarmament and Peace in Pjöngjang. Sein Aufsatz „Confidence Building Between the DPRK and the U.S.: The Foundation for Settling the Korean Issues“ sollte sich dem Namen nach mit Vertrauensbildung zwischen Nordkorea und den USA befassen. Aber eigentlich geht es in weiten Teilen darum, den USA die Schuld für die angespannte Situation auf der Koreanischen Halbinsel und der Nicht-Lösung des Konfliktes dort zuzuschreiben. Eigentlich nur das Kapitel zu den Prinzipien der Vertrauensbildung orientiert sich etwas anders. Dort werden als Prinzipien „Gegenseitiges Vertrauen und Respekt“ (mutual respect and equality) und „gleichzeitges Vorangehen“ (simultaneous action) genannt, auf deren Basis ein Friedensvertrag den Ausgangspunkt für Vertrauen zwischen beiden Staaten legen soll. So weit so wenig neu. Aber eben mal anders präsentiert.

Der zweite Aufsatz von Jong Chol-nam mit dem Titel „Federation: A Comparative Study of European Integration and Korean Reunification“ spielt da schon in einer anderen Liga. Der Autor stellt auf zwanzig Seiten die Geschichte der Europäischen Einigung und das nordkoreanische Modell einer Demokratischen Föderalen Republik Koryo vor, um dann einen Vergleich zwischen beiden zu ziehen. Dabei arbeitet er Parallelen und Unterschiede zwischen den Modellen heraus um im Endeffekt eine Föderation als ideales Modell für Korea darzustellen. Abschließend gibt er einen kleinen Ausblick auf die Effekte, die eine Föderation der Koreanischen Staaten auf die EU hätte. Auch wenn häufiger mal Standpunkte durchscheinen, die von einem Weltbild herrühren, dem der Autor folgen muss (was die Arbeit ein Stückweit normativ macht, nämlich immer da, wo es politisch kritisch wird, also die Interessen Nordkoreas einfließen), wird bei der Lektüre des Aufsatzes doch einiges sehr schnell deutlich: Der Autor kennt sich gut mit der europäischen Geschichte und auch Geistesgeschichte aus und hat sich auch mit politikwissenschaftlichen Theorien beschäftigt. Sein Ansatz ist kreativ und handwerklich gut durchgeführt. Wo er keine nordkoreanischen Propagandalinien vertreten muss, merkt man nicht unbedingt, dass der Autor Nordkoreaner ist, man merkt, dass er Wissenschaftler ist.

Damit hebt sich die zweite erfreulich von der ersten Arbeit ab (ganz ehrlich, den Kram hätte ich nach ein bisschen KCNA Lektüre auch zusammenkloppen können), die nur altbekannt nordkoreanische Positionen wiedergab und eigentlich kaum einen wissenschaftlichen Anspruch hatte. Wenn man sich das so anguckt und dazu weiß, dass nordkoreanische Gastforscher eigentlich nur im Zweierpack zu haben sind (damit sie gegenseitig aufeinander aufpassen können), stellt sich hier fast die Frage, ob das ISDP in diesem Fall nicht einen Gastforscher und einen Aufpasser zu Besuch hatte. Wenn ich mal ein bisschen mehr Zeit hab, lese ich mir auch die älteren Publikationen nordkoreanischer Gastwissenschaftler beim ISDP mal an und gucke, ob die qualitativen Unterschiede da ähnlich eklatant sind. Wenn ihr Lust habt, könnt ihr das natürlich auch machen. Hier gibt es die Asienpublikationen des Instituts und solche, deren Autoren koreanische Namen haben sind meistens von den Gastwissenschaftlern verfasst (was euch aber nicht davon abhalten soll, auch mal andere anzugucken, da gibt es nämlich viele interessante).

Hm, mir geht langsam die Puste aus, aber ich habe noch ein bisschen was. Werde mal was schneller machen:

Gute Daten, schlechte Daten: Rüdiger Frank zu den nordkoreanischen Budgetzahlen und was man daraus lernen kann

Rüdiger Frank folgt mal wieder seiner wirtschaftswissenschaftlichen Profession und mischt diese mit seinen Nordkoreaerfahrungen um eine kleine Lehrstunde zur Auswertung der offiziellen Erklärung der nordkoreanischen Regierung zum Staatsbudget zu geben. Dabei zeigt er zuerst die Schwächen auf, die die Zahlen externer Quellen so haben (z.B. die Bank of Korea, die ja jedes Jahr mit einer Zahl wie + 0,8 % die Wirtschaftsentwicklung beschreibt) um dann zu zeigen, was man aus dem, was der Premier alljährlich an konkreten Zahlen so rausrückt, rauslesen kann. Dazu benötigt man laut Frank vor allem die folgenden zwei Kunstfertigkeiten: Das Vergleichen und die kreative Interpretation. Er beschreibt recht einleuchtend, dass die Budgetzahlen vermutlich gute Kennzahlen für die Einschätzungen der Führung über die zivile Wirtschaft des Landes sind. Weiterhin macht er auf zwei bemerkenswerte Aspekte Aufmerksam, die das diesjährige Budget enthielten: Eine Transaktionssteuer und Zahlen für einen gross industrial output. Für Details lest ihr am besten selbst, ist alles was kompliziert zu erklären.

Ein deutscher Blickwinkel: Einschätzungen von Johannes Pflug

Ein kleiner Hinweis noch auf ein Redemanuskript des SPD Politikers Johannes Pflug, der in Bochum vor ein paar Monaten einen Vortrag über Nordkorea hielt (habs zwar schon auf der Freien Beitragsseite verlinkt, aber passt zu meinem bunten Strüssche). Innerhalb Nordkoreas existieren verschiedene Strömungen die um die politische Ausrichtung des Landes streiten (Diesen Punkt macht er sehr stark). Pflug gibt darin seine Einschätzung zur aktuellen Situation in Nordkorea ab und analysiert dabei teilweise recht scharf. Interessant auch, dass er immer mal wieder aus dem Nähkästchen plaudert und Aussagen verschiedener Gesprächspartner zitiert.

Besonders interessant fand ich dabei folgende Einschätzung: Nordkorea wird (oder vielmehr wurde) von einem Quartett geführt: Kim Jong Un, Jang Song-thaek, Kim Kyong-hui und Ri Yong-ho. Was mit Ri ist, wissen wir ja (zumindest, dass er nicht mehr zu einem Führungsquartett gehört) das für unterschiedliche Richtungen steht und nicht für eine kooperative Führung sozialisiert ist. Man könnte die Ereignisse um Ris Entlassung damit erklären, man könnte sie aber auch anders erklären.

Ein paar (zwei sind mir aufgefallen) schwer erklärbare inhaltliche Schnitzer gab es im Manuskript, ich glaube einmal war es eine Jahreszahl und einmal hat er Uran und Plutonium verwechselt (ich glaube 1994 war von Urananreicherung noch keine Rede. Aber sowas kommt vielleicht vor, wenn man viel zu tun hat und das Redenschreiben anderen überlässt, die vielleicht nicht so fit in Nuklearfragen sind. Außerdem finde ich es immer ein bisschen schwierig, wenn jemand nicht mal auf die Idee zu kommen scheint (sie jedenfalls nicht äußert), dass seine Gesprächspartner ihm vielleicht genau das erzählen, was er hören will. Das muss nicht so sein, aber mitunter scheinen das nordkoreanische Offizielle ja zu tun.
Und wenn man deren Aussagen dann kritiklos für seine eigene Argumentation übernimmt, dann handelt man ja auch irgendwie fahrlässig. Nichtsdestotrotz ist das durchaus lesenswert.

Die USA und Nordkorea: So einfach ist die Geschichte nicht

Leon V. Sigal beschäftigt sich in „In Deep Denial on North Korea and Prospects for US-North Korea Negotiations“ mit der Nordkoreapolitik der USA in den letzten zehn Jahren und lässt daran fast kein gutes Haar. Dabei nimmt er die Geschichtsinterpretation zweier ehemaliger US-Präsidentenberater für Ostasienfragen (Jeffrey Bader (Obama) und Victor Cha (Bush)) nach fast allen Regeln der Kunst auseinander und zeigt eine andere Lesart der Historie zwischen beiden Staaten auf.

Schade ist dabei nur, dass er überzieht und manche Sacherhalte eindeutig zugunsten Pjöngjangs auslegt (die Hinweise auf die Versenkung der Cheonan gehen garnicht, auch wenn er schreibt, dass Schiffeversenken natürlich kein Weg sei)…
Aber ansonsten, äußerst lesenswert, weil hier einige Zeitgeistthesen hervorragend zerpflückt werden und darauf hingewiesen wird, dass auch die USA einiges dazu beigetragen haben, dass vor allem in den letzten zehn Jahren getroffene Vereinbarungen immer wieder kollidiert sind.

Wer mag kann dann auch noch direkt den Artikel „Kim Jong Un Is No Reformer“ von Victor Cha in der Foreign Policy lesen und sich die Thesen angucken, die Cha (den Sigal ja hart angeht) so vertritt. Allerdings ist dazu zu sagen, dass sich Cha (der sonst besser schreibt) dieses Mal nicht mit Ruhm bekleckert hat (So verstehe ich nicht, warum an einer Stelle der Augenschein total wertlos sein soll (Kim Jong Un ist kein Reformer, weil er eine junge Frau hat, in der Schweiz war (wer weiß es?) und Mickey mag während er an anderer Stelle vollkommen legitim ist (Kim Jong Un sieht aus wie Kim Il Sung, deshalb ist er ein Fan einer Hardcore-Juche-Version). Die einzige Erklärung: Weil es dem Autor in den Kram passte.).

Ein Blick ins Innenleben des nordkoreanischen Sicherheitsapparates

Ken Gause, der sich einen Namen als Analyst der inneren Strukturen des nordkoreanischen Regimes gemacht hat, wirft in „Coercion, Control, Surveillance, and Punishment: An Examination of the North Korean Police State“ einen Blick in die Funktionsweise des nordkoreanischen Sicherheitsapparates. Das immerhin gut 180 Seiten fassende Buch beschreibt dabei umfassend die verschiedenen Sicherheitsapparate und ihren Aufbau, um dann zu beleuchten, welchen Tätigkeiten die Organisationen nachgehen. Daraufhin beleuchtet er die Entwicklung des ganzen Sicherheitsapparates als Beziehungsnetz zwischen diesen verschiedenen Organen und der Führung des Staates. Ich hab das noch nicht gelesen, aber Ken Gause als Autor und ein Blick auf das Inhaltsverzeichnis und die Einleitung sagen mir, dass ich in Zukunft öfter dort reinschauen werde.

Nordkorea und die digitale Welt. Ein Blick von innen.

Vor einiger Zeit wurden unsere Medien ja mal kurz mit Berichten über eine Organisation nordkoreanischer Untergrundreporter geflutet, aber irgendwie gab es aus dieser Quelle nicht wirklich viel Interessantes, außer ein paar Fotos. Jetzt hat Rimjin-gang aber was wirklich Spannendes veröffentlicht, das ich euch nicht vorenthalten möchte. Die Leute der Gruppe haben nämlich einen dreiteiligen Bericht zur Nutzung digitaler Medien in Nordkorea produziert.
Im ersten Teil geht es um Handys. Dabei wird beschrieben, wie der Prozess verläuft, in dessen Rahmen man in den Besitz eines Handys kommt (es ist etwas komplizierter als hier), welche Regeln es im Zusammenhang mit Handys gibt, welche Dienste und Modelle verfügbar sind und wie die Geräte genutzt werden. Der zweite Teil befasst sich mit Computern und ist ähnlich wie der erste strukturiert und abschließend werden mögliche Auswirkungen dieser neuen Entwicklungen auf die nordkoreanische Gesellschaft diskutiert. Hier gibt es wirklich einiges Neues zu erfahren, also schauts euch an.

So, dass war viel heute, aber wie gesagt, man muss die Ernte dann einfahren wenn sie reif ist. Also viel Spaß mit dem Strauß…

Update der Linklisten und neue Linkkategorie zu deutschsprachigen Quellen und Artikeln


Gestern Abend hatte ich etwas Zeit und wenig zu tun und habe mich deshalb einem kleinen Projekt gewidmet, das ich schon länger auf dem Schirm hatte. Ich dachte mir, dass es sinnvoll sei, die deutschsprachigen Quellen zu Nordkorea zentral auf einer Linkseite zu bündeln. Während man für englischsprachige Quellen an jeder Ecke ne Linkliste findet, ist das für deutschsprachiges Material ein bisschen schwieriger. Naja, lange Rede kurzer Sinn, ich habe gestern Abend einfach mal angefangen, im vollen Bewusstsein, dass man das eher als Prozess, denn als kleines Projekt sehen muss (will heißen, so richtig fertig wird es nie, ich werde da länger dran zu arbeiten haben). Jedenfalls habe ich auf der Seite Deutschsprachige Quellen und jüngere akademische Literatur schonmal einige Seiten im Netz verlinkt, auf denen man weiterführende Informationen zu verschiedenen Themen finden kann. Außerdem gibt es da Verweise auf mir bekannte frei zugängliche akademische Literatur seit 2010. Wie gesagt, es ist noch einiges zu tun, aber der Anfang ist gemacht. Sollte ich was übersehen haben, was eurer hochgeschätzten Meinung nach auf diese Seite gehört, dann schickt mir einen Hinweis.

Naja und weil ich schonmal dabei war, mich mit Unerfreulichem zu befassen, habe ich gleich auch noch die anderen Linkseiten geupdatet, so dass es Neueinträge in Links zur Selbstrecherche, Die Vereinten Nationen, Forschungsinstitute und Think Tanks mit regelmäßigen Newslettern und Analysen, Nachrichtenagenturen, Zeitungen, Radio, Fernsehen und sonstige Hilfsmittel und Online Zeitschriften gibt. Die Linklisten mögen zwar nicht jeden von euch interessieren, aber wenn ihr mal was Spezielles sucht, werdet ihr ihren Wert schätzen lernen…

„Die Partei sitzt fest im Sattel“ – Interview mit Walter Klitz zur Situation und Zukunft Nordkoreas


Walter Klitz, der zuständige Projektleiter der „Friedrich-Naumann-Stiftung Für die Freiheit“ in Korea hat sich die Zeit genommen, ein E-Mail-Interview mit mir zu führen. Dies ist eine der seltenen Gelegenheiten, zu denen man einen ausführlichen Blick auf das Land aus erster Hand geliefert bekommt. Dabei spricht (oder vielmehr schreibt) Klitz von seiner Arbeit in Nordkorea, seinen Reisen dorthin und seinen persönlichen Eindrücken, die er gewinnen konnte. Außerdem beschreibt er die Hintergründe und Dynamiken der Währungsreform vom vergangenen Dezember, in deren Zuge es zu einer Revaluierung des Won kam. Weitere Themen sind die Bedeutung der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes für Frieden und Stabilität nicht nur in Nordkorea selbst, sondern für die ganze Region sowie die Schwierigkeiten für Außenstehende, Vorgänge in Nordkorea zu verstehen und zu bewerten. Für diejenigen, die sich vorab etwas genauer über die Friedrich-Naumann-Stiftung Für den Frieden und ihre Arbeit in Nordkorea informieren möchten, habe ich hier einige Basisinformationen und weiterführende Links zusammengetragen. Jetzt aber genug der Vorrede, hier das Interview:

Sehr geehrter Herr Klitz, vorab schon einmal vielen Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen, mir einige Fragen zu beantworten. Im Rahmen Ihrer Arbeit für die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit waren Sie in den letzten Jahren mehrmals in Nordkorea. Für die meisten Menschen ist es eher unwahrscheinlich, dass Sie diese Erfahrung je machen werden. Vielleicht können Sie einmal schildern, welchen Eindruck Sie während Ihrer Aufenthalte vom Land, aber vor allem von den Menschen dort gewinnen konnten. Waren Sie ähnlich denjenigen, die das Land als Touristen bereisen, ständig in Begleitung von zwei eigens dafür abgestellten Personen, oder ist Ihre Bewegungsfreiheit dank des langen Kontaktes etwas größer geworden?

In den letzten drei Jahren war ich insgesamt 15mal in Nordkorea. Sicherlich haben sich in dieser Zeit recht gute Arbeitsbeziehungen entwickelt und man hat sich kennengelernt. Unsere Gesprächspartner wissen, dass wir uns an gewisse Spielregeln im Lande halten. Das hat dann doch auch dazu geführt, dass wir etwas mehr Bewegungsfreiheit erhalten haben und auch schon einmal alleine durch die Stadt schlendern dürfen.

War es möglich, persönliche Kontakte aufzubauen und über mehr zu sprechen, als Fachliches?

Anfangs waren unsere Gespräche schon recht unverbindlich. Aber im Laufe der Zeit entwickelte sich daraus ein reger und offener Meinungsaustausch, bei dem mittlerweile beide Seiten ihre Positionen ohne jegliche Einschränkungen darlegen können. Man darf eben nur nicht nach der Rückkehr das Vertrauen, das der Arbeit der Stiftung mittlerweile entgegengebracht wird an die große Glocke hängen. Nordkoreaner legen großen Wert auf Vertraulichkeit. Ich will Ihnen zwei Beispiele nennen: bei meinem letzten Besuch bat ich darum, einen Journalisten der FAZ mitnehmen zu dürfen. Das wurde mir erlaubt, weil meine Gesprächspartner mir vertrauten, dass fair über ihr Land berichtet wird (Anm. d. Red.: Auf den daraus resultierenden Artikel kann hier zugefriffen werden). Noch mehr war ich beeindruckt, als ich die Gelegenheit hatte in meinen politischen Gesprächen, mich nachdrücklich für die Freilassung der beiden amerikanischen Journalistinnen im vergangenen Jahr einzusetzen. Nach etwa einer halben Stunde Diskussion fuhr ich in der Gewissheit nach Hause, dass eine befriedigende Lösung gefunden wird.

Konnten Sie auch Gebiete besuchen, die für Touristen sonst nicht zugänglich sind, sind Ihnen auch Armut und Mangel begegnet und können Sie eine grobe Einschätzung der derzeitigen Situation im Land geben?

Die Versorgungslage ist nicht gut. Das ist allgemein bekannt. Nordkorea fehlt jedes Jahr ca. eine Million Tonnen Reis, mal mehr mal weniger, je nach Witterung und das Land ist dringend auf humanitäre Hilfe angewiesen. Die deutsche Welthungerhilfe und das World Food Program leisten dort exzellente Arbeit. In weiten Teilen des Landes kann das staatliche Verteilungssystem den Bedarf nicht mehr decken. Auch in der Hauptstadt selbst gibt es gelegentlich Engpässe. Nordkorea gehört zu den Armenhäusern der Welt und dieser Armut begegnet man natürlich auf Schritt und Tritt je mehr Einblicke man in das Land erhält und je weiter man sich von der Hauptstadt entfernt.

Wie erschienen Ihnen „normale Koreaner“, hatten Sie das Gefühl, dass die Menschen unglücklich und bedrückt wirken und sich der Besonderheit der Situation, in der Sie leben bewusst sind, oder ist das Alltagsleben dort ähnlich anderen Orten auf der Welt?

Nein, die Menschen sind zwar nicht zufrieden mit ihrer wirtschaftlichen Situation, aber sie schultern es weitgehend mit einer erstaunlichen Geduld und Zuversicht, dass es ihnen unter der weisen Führung des Landes bald besser gehen wird.

Ich habe auf der Homepage der Friedrich Naumann Stiftung gelesen, dass Ihre Arbeit in Nordkorea vor allem auf Wissenstransfer fokussiert ist. Dabei informieren Sie Nordkoreaner über Funktionsweisen der Marktwirtschaft, Strategien wirtschaftlicher Modernisierung und Währungssysteme. Können Sie vielleicht kurz schildern, wie eine solche Veranstaltung abläuft?

Die Veranstaltungen laufen mittlerweile nicht anders ab als in Deutschland. Wir laden Redner ein, die vortragen und anschließend haben wir Zeit für Fragen und auch Diskussion. Das war zu Beginn unserer Tätigkeit noch anders. Da mussten die Teilnehmer ihre Fragen schriftlich einreichen und der Fragende blieb anonym.

Wer sind die Teilnehmer und was sind konkrete Themen?

Es handelt sich insbesondere um Teilnehmer von Instituten, Universitäten, Ministerien, Handelskammer und Partei. Im Jahre 2004 haben wir mit Trainingsseminaren über die Rolle der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung und des betrieblichen Rechnungswesens in einer Marktwirtschaft angefangen. Heute behandeln wir Themen wie freier Welthandel, Modernisierung des Bankensystems,  Europäische Integration, Umweltschutz und Stadtentwicklung. Besonders erfolgreich waren die Veranstaltungen „Economic Reforms and the Development of Economic Relations between the European Union and the DPRK“ mit über 100 Teilnehmern und „Aspekte umweltverträglicher Stadtentwicklung“ mit über 60 Teilnehmern.

Sind die Teilnehmer immer die gleichen, oder unterschiedliche?

Unsere Arbeit ist immer zielgruppenorientiert, also haben wir je nach Thema immer unterschiedliche Teilnehmer.

Können Sie die Themen und konkreten Inhalte der Seminare frei wählen, oder sind die staatlichen Stellen Nordkoreas die letzte Instanz?

Die Themen werden mit unseren nordkoreanischen Ansprechpartnern eingehend besprochen, einvernehmlich vereinbart und richten sich nach dem Bedarf, der von nordkoreanischer Seite angemeldet wird. Je nach dem, mit wem wir die Veranstaltung durchführen, bedarf das Programm der Genehmigung des Kabinetts. Wenn Veranstaltungen direkt von der Arbeiterpartei angeregt werden geht das schneller, weil die Partei viel schneller entscheiden kann.

Es sind ja noch weitere deutsche oder deutschsprachige Organisationen in Korea aktiv. Mir fällt da erstmal die Hanns Seidel Stiftung ein, aber auch das Goethe Institut, das bis zum Ende des letzten Jahres einen Lesesaal in Pjöngjang unterhielt. Aber die Gruppe der Deutschen, die Projektarbeit in Nordkorea durchführen, ist ja trotzdem übersichtlich. Kennt man sich untereinander und arbeitet vielleicht sogar zusammen?

Es sind in der Tat nur sehr wenige internationale Organisationen in Nordkorea aktiv. Man wird sie an zwei Händen abzählen können. Wir sehen das als große Wertschätzung Deutschlands und unserer Arbeit, die wir dort leisten. Die deutschen Organisationen informieren sich regelmäßig über ihre jeweilige Arbeit, damit es zu keiner Konkurrenzsituation kommt.

Wenn es zu Ereignissen wie der Schließung des Lesesaals kommt, ist das für Sie dann auch ein größeres Thema, oder kriegt man das mehr am Rande mit?

Die Diskussion über den Lesesaal war ja nicht neu, insofern haben wir die Entwicklung schon verfolgt und sie kam nicht überraschend.

Die Schweiz hat ja beschlossen, ihre Entwicklungszusammenarbeit in Nordkorea zum 1.1.2012 einzustellen. Begründet wurde dies unter anderem mit den geringen Erfolgen der bisherigen Arbeit, die vor allem aus Capacity Building besteht. Ist Ihnen dieser Fall bekannt und machen Sie sich manchmal auch Sorgen, dass die Friedrich-Naumann-Stiftung ihr Engagement in Nordkorea mit einer ähnlichen Begründung beenden könnte?

In Nordkorea gilt es eigentlich immer im Lichte der politischen Ereignisse abzuwägen, ob eine Zusammenarbeit sinnvoll ist oder nicht.  Gerade als liberale Stiftung, die einer Partei nahesteht, die die Ostpolitik der Annäherung maßgeblich gestaltet hat, wissen wir um die Bedeutung des Dialoges, ohne den kein Vertrauen gebildet werden kann.

Für Menschen, die nie in Nordkorea waren, ist es schwer, sich ein Bild von diesem Land zu machen und dabei richtige von falschen Informationen zu unterschieden. Wie war es für Sie, bevor Sie zum ersten Mal nach Nordkorea gereist sind. Wie haben Sie sich vorbereitet?

Ich habe natürlich viel gelesen und habe dabei schon festgestellt, dass wir in der veröffentlichten Meinung seltsamerweise seit Jahren immer wieder die selben recycelten Fragen stellen. Gerade die Nordkorea Erfahrung zeigt mir aber, daß Reisen eben doch bildet. Ich kenne heute die Zusammenhänge viel besser und traue mir durch die Gespräche, die ich dort führe zu, Entscheidungen anders einordnen zu können. Die Diskussion über die Situation in Nordkorea ist allzuoft wishful thinking. Und basiert auf Erkenntnissen, die Jahre alt sind.  Es soll sich keiner was vormachen, die Partei sitzt fest im Sattel und keiner wird in Nordkorea den Führungsanspruch der Partei in Frage stellen.

War es ein komisches Gefühl, als Sie über die DMZ gefahren sind?

Ich muss von Seoul aus immer über Beijing nach Nordkorea fliegen. Die Fahrt über die DMZ ist nicht möglich obwohl Pjöngjang nur etwa 250 Kilometer entfernt ist. Aber mein erster Flug mit Koryo Air, vor allem die Ansage beim Überfliegen des Yalu Flusses, also der chinesisch-nordkoreanischen Grenze, dass dies die Stelle sei, wo Kim Il-sung das imperialistische Japan bezwang, hatte schon etwas Surreales. Da wurden schon Erinnerungen an die deutsch-deutsche Grenze und Bahnhof Friedrichstraße zu Zeiten des Ost-Westkonfliktes wach.

Glauben Sie, dass man sich als jemand, der nicht in Nordkorea war, ein realistisches Bild von dem Land machen kann?

Sicherlich kennt man die Geschichte,  man weiss daß Nordkorea an die Traditon des alten Choson anknüpft, aber die Motive, die hinter politischen Entscheidungen von heute stecken, können sich niemandem erschließen, der keine Möglichkeit hat, sich mit Entscheidungsträgern darüber zu unterhalten.  Neulich habe ich z.B. einen Beitrag gelesen, in dem doch ernsthaft behauptet wurde, dass Nordkorea seine Atomwaffen nur gebaut habe, um sie als Verhandlungsmasse in die Sechsparteiengespräche einbringen zu können. Aus Sicht der Machthaber in Nordkorea bilden sie aber die einzige Abschreckungsmöglichkeit, die sie gegen die amerikanischen Truppen in Südkorea haben, von denen sie sich subjektiv bedroht fühlen. Oder nehmen Sie das letzte Beispiel: vor einigen Tagen hat KCNA, die nordkoreanische Presseagentur mitgeteilt, dass das Land eine neue Bank, die „State Development Bank“ eingerichtet habe, deren Aufgabe es sein wird, mit internationalen Finanzorganisationen zusammenzuarbeiten und für Investitionen in Nordkorea zu werben. In vielen Zeitungen wurde spekuliert, ob dies Zeichen der Öffnung seien. Kein Zweifel, das diesjährige Neujahrseditorial konnte sehr zuversichtlich stimmen in diese Richtung, aber ein genauerer Blick auf die Erklärung hätte schon verraten, dass die Entscheidung zur Gründung dieser neuen Bank von der National Defense Commission getroffen wurde und von daher ganz andere Fragen aufwirft, nämlich die Frage nach der Konkurrenz mit der bestehenden Foreign Trade Bank, die am 2. November 1959 durch Beschluss des Kabinetts gegründet wurde und weitgehend selbe Aufgaben hat.

Ich habe manchmal das Gefühl, dass sich manche Medien und selbst wissenschaftliche Autoren, die zu Nordkorea publizieren, oft auf Halbwahres, auf Spekulationen und Gerüchte, stützen. Können Sie diese Wahrnehmung bestätigen?

Ja, leider ist das oft so, vor allem weil es sich oft weniger um wissenschaftlich fundierte Analysen handelt als viel mehr um poltische Bewertungen je nach dem, wo der Autor politisch steht.

Was glauben Sie ist die Ursache dieses Phänomens, das das begrenzte Wissen, das über Nordkorea existiert, noch zusätzlich unklar und schwammig werden lässt?

Es gibt ganz einfach zu wenig Informationen über Nordkorea.

Wie kann man als Mensch, der sich zu Nordkorea informieren möchte, Fehlinformationen entgehen?

Das wird sich wahrscheinlich nicht vermeiden lassen, aber man sollte sich deshalb immer bewusst sein, dass vieles spekulativ ist.

Wie ich gelesen habe, waren Sie erst kürzlich in Nordkorea und haben sich so in der ersten Zeit nach der überraschenden Währungsreform ein Bild von der Lage machen können. Was waren Ihre Wahrnehmungen hinsichtlich der Reaktionen der Nordkoreaner auf diese Reform?

Ich war das letztemal drei Tage vor der Währungsreform in Nordkorea. Insofern kann ich über die derzeitige Situation nichts sagen. Was ich sagen kann ist aber, dass ich auf dem Tongil-Markt, den ich besuchen dürfte schon drei Tage vor der Währungsrevaluierung mit zwei unterschiedlichen Preisen konfrontiert wurde. Ich glaube bei mir war die Irritation größer als bei den nordkoreanischen Händlern und Konsumenten, weil ich davon nichts wusste, sondern mir erst später einen Reim drauf machen konnte.

Haben Sie das Leben auf den geduldeten Märkten anders empfunden, als bei den vorherigen Besuchen?

Es war erst mein zweiter Besuch auf diesem Bauernmarkt. Der erste lag bereits drei Jahre zurück.  Nach wie vor haben die Marktfrauen das Sagen und es war, wahrscheinlich den besonderen Umständen geschuldet, viel mehr Betrieb.

Sehen Sie die Reform als Misserfolg bei einer möglichen wirtschaftlichen Liberalisierung Nordkoreas oder nur als kurzfristigen Rückschlag?

Ich sehe, dass durch die Revaluierung des Geldes das eigentliche Problem, nämlich die Bekämpfung der Inflation nicht gelöst wird. Solange die Preise staatlich festgesetzt werden und der Wert des nordkoreanischen WON sich ausschließlich am Konsum und nicht am Außenwert des WON orientieren, wird man sich nichts ändern, es sei denn, Nordkorea würde sich entscheiden, sich für den Weltmarkt zu öffnen. Es ist schon bemerkenswert, wenn Kim Jong-Il feststellt, dass zwischen der politischen und wirtschaftlichen Autarkiepolitik des Landes, also der Juche-Ideologie, und dem freien Welthandel kein Gegensatz besteht, sondern der Handel die Selbstständigkeit des Landes sogar noch fördern kann. Da gilt es drauf aufzubauen. Es bleibt also abzuwarten, was sich tut und ich werde das mit Sicherheit in meinen nächsten Gesprächen voraussichtlich im März ansprechen können.

Sehen Sie Zusammenhänge zwischen der Reform und nicht-wirtschaftlichen Aspekten, wie der vieldiskutierten Nachfolgeregelung für Kim Jong-il?

Eindeutig nein,  Versuche die Bauernmärkte zurückzudrängen und das staatliche Versorgungssystem zu stärken, gibt es schon länger und nicht erst seit vorletztem Jahr.

Kürzlich wurden ja die Baumaßnahmen am Ryugyong Hotel, die lange geruht hatten und so zum Symbol der wirtschaftlichen Schwäche Nordkoreas geworden waren, fortgesetzt und mittlerweile bietet das Hotel einen beeindruckenden Anblick. Sehen Sie das Hotel, dass ja mit Hilfe privater Investoren fertiggestellt wird, sozusagen als „Modell im Kleinen“ für die zukünftige Entwicklung Nordkoreas, nämlich eine Ausweitung von joint-ventures zwischen dem nordkoreanischen Staat und ausländischen Investoren?

Ich halte die wirtschaftliche Entwicklung von Nordkorea für eine Grundvoraussetzung für Frieden und Stabilität in dieser Region und für eine herausragende humanitäre Verpflichtung. Seitdem die internationale Staatengemeinschaft wegen der Raketenversuche und der Nukleartests Sanktionen verhängt hat, sind im Lande eben vermehrt Direktinvestitionen u.a. aus China und den arabischen Ländern festzustellen. Aus meiner Sicht ist die Sunshine Politik Südkoreas alternativlos. Sanktionen können und werden umgangen und führen zu Abhängigkeiten des Landes, die auch nicht unbedingt in unserem Interesse liegen können.

Kürzlich hat Nordkorea bekannt gegeben, die Sonderwirtschaftszone Rason neu zu beleben. Glauben Sie, dass nach dem relativen Erfolg der Zone in Kaesong, eine Entwicklung nach dem chinesischen Modell mit einer zunehmenden Zahl von solchen Sonderwirtschaftszonen einsetzen könnte?

Wichtig ist zunächst einmal, dass die südkoreanische Regierung die Ergebnisse der beiden Gipfel von 2000 und 2007 anerkennen sollte. Kaesong war kein relativer Erfolg, sondern ein uneingeschränkter. Immerhin haben südkoreanische Unternehmen dort über 40.000 Arbeitsplätze für Nordkoreaner geschaffen zu Arbeitsbedingungen, die ihresgleichen suchen in Nordkorea.

Ich habe einen Videoausschnitt vom Jeju Peace Forum gesehen, in dem Sie sich zu Ihren Wahrnehmungen bezüglich den politischen Verhältnissen im Land äußern. Sie sehen Kim Jong-il zurzeit fest im Sattel und nehmen an, dass sein dritter Sohn Kim Jong-un auf eine Nachfolge vorbereitet wird. Eine Übernahme der Regierungsverantwortung durch ein kollektives Führungsgremium nach dem Tod Kims halten Sie für unwahrscheinlich. Wurde während Ihrer Aufenthalte in Nordkorea, besonders während dem letzten, von Kim Jong-un gesprochen?

Ja

Haben Sie das Gefühl, dass man sich auch dort Gedanken über die Zeit nach Kim Jong-il macht?

Ja

Kims Sohn ist noch sehr jung und Kim selbst wurde 30 Jahre auf die Übernahme der Führung vorbereitet. In diesem Zusammenhang wurde oftmals Jang Song-thaek, der Schwager Kim Jong-ils ins Spiel gebracht. Es wird gemutmaßt, er würde die Macht, entweder in Vertretung für Kim Jong-un oder komplett, übernehmen, wenn Kim Jong-il sterben würde. Wie bewerten Sie das?

Sorry, an solchen Spekulationen beteilige ich mich nicht öffentlich. Ich gehe davon aus, dass es einen Übergang geben wird, der ohne große Verwerfungen ablaufen wird.

Kommen wir zum Schluss noch einmal zurück zur Arbeit Ihrer Stiftung. Wie sehen Sie die Arbeit der Stiftung in Nordkorea für die nähere Zukunft. Gibt es konkrete Pläne?

Unser Ziel ist es, in unser aller Interesse die Gesprächskanäle offenzuhalten. Mitte des Jahres werden wir eine Studienreise nach Deutschland zum Thema Stadtentwicklung durchführen, wie gesagt solange sich die politische Lage nicht weiter verschärft.

Gibt es konkrete Wünsche, die Sie für die Koreanischen Halbinsel und ihre Bewohner haben?

Ja, dass auch Nord- und Südkorea sich möglichst bald über eine Vereinigung in Frieden und Freiheit freuen können.

Vielen Dank für das informative und ausführliche Interview. Für Ihre wichtige Arbeit wünsche ich Ihnen auch weiterhin viel Erfolg.