Säuberung in Nordkorea? — Kim Jong Uns Onkel Jang Song-thaek soll entmachtet worden sein


Normalerweise springe ich ja selten auf Gerüchte auf, vor allem nicht, wenn sie aus den Reihen südkoreanischer Geheimdienste kommen. Allerdings hat dieses spezielle Gerücht auf der einen Seite eine so große Tragweite, dass ich noch nichtmal den südkoreanischen Geheimdiensten zutraue, dass leichtfertig zu streuen, weil sie ein bisschen Gegenpropaganda treiben wollen und auf der anderen Seite ist das ein Gerücht, das im Gegensatz zu dem Fragwürdigen Kram, der sonst häufig in die Welt gesetzt wird, von tatsächlicher politischer Relevanz ist.

Säuberung gegen Jang Song-thaek

So, jetzt will ich es aber auch nicht länger spannend machen und mich gleich auf das Thema stürzen, nicht ohne vorher nochmal gesagt zu haben: Das ist ein Gerücht, es ist noch nicht bestätigt und daher kann es auch sein, dass ich einer Ente hinterherjogge, ich werde das aber jetzt nicht mehr weiter thematisieren, weil das mit der Zeit auch nervt, jedesmal hinzuzufügen, dass noch nichts bewiesen ist.
So, jetzt aber: Der südkoreanische Geheimdienst NIS hat vor kurzem verlauten lassen, Kim Jong Un habe seinen Onkel Jang Song-thaek (hier alles was ich so zu ihm geschrieben habe) aus dem zentralen Machtzirkel des Regimes entfernt. Diese Einschätzung beruhe auf den Aussagen mehrerer verlässlicher Quellen, nach denen zwei von Jangs engsten Vertrauten, Ri Yong-Ha und Jang Soo-Kil, Ende November öffentlich hingerichtet worden seien. Ihnen sei Korruption und eine Haltung entgegen der der Arbeiterpartei vorgeworfen worden. Seit den Hinrichtungen sei Jang nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen worden.

Hm, erstmal zwei Lieder an die ich beim Schreiben denken musste: Also: Hit the road Jang?

Jang Song-thaek: Zentraler Pfeiler des Kim-Regimes

Die Tragweite dieses Berichts ergibt sich aus der Position, die Jang Song-thaek innerhalb des Regimes hat oder hatte. Der angeheiratete Onkel Kim Jong Uns, der mit Kims Tante Kim Kyong-hui verheiratet ist, die ebenfalls eine gewichtige Rolle im Regime spielt, hat in den vergangenen Jahren immer mehr Macht innerhalb der Führungszirkel in Pjöngjang angesammelt. Er war bereits bis 2004 eine wichtige Figur innerhalb des Regimes, bevor er und seine Frau sehr unvermittelt von der Bildfläche verschwanden. Damals wurde das im Zusammenhang mit gescheiterten Wirtschaftsexperimenten (Juli-Reformen) des Regimes gesehen, allerdings sind die konkreten Hintergründe seines Verschwindens nicht geklärt und auch was er in dieser Zeit gemacht hat ist nicht wirklich bekannt. Jedenfalls tauchten er und Kim Kyong-hui einige Jahre später wieder auf und erarbeiteten sich sehr schnell  hervorgehobene Positionen im Regime. Dabei bekam Jang vorerst wenig formale Stellungen in der ersten Reihe, jedoch war er sehr oft an der Seite Kim Jong Ils zu sehen, begleitete ihn auf Auslandsreisen und übernahm wichtige Aufgaben. So wird auch davon ausgegangen, dass Jang das Regime während des Ausfalls Kim Jong Ils infolge eines Schlaganfalls im Jahr 2008 steuerte und quasi als Stellvertreter Kims agierte. Spätestens danach war das Vertrauen Kims in ihn so sehr gefestigt, dass er immer weitere Kompetenzen bekam und auch nominell aufstieg.

Jangs Schnittstellenpositionierung

Aktuell hielt er mit dem Vize-Vorsitz der Nationalen Verteidigungskommission, sowie dem Direktorposten in einer zentralen Abteilung der Partei und einem Generalstitel Positionen an sogut wie allen entscheidenden Schnittstellen des Regimes.
Darüber hinaus war und ist Jang für sein persönliches Netzwerk bekannt. Dieses drückt sich nicht in formalen Verbindungen sondern durch persönliche und berufliche Kontakte, die er bzw. seine Frau an sich gebunden haben. Dadurch wurde den beiden ein sehr umfassender Einfluss zugeschrieben, der aber formal kaum festzumachen war. Jedoch war in den vergangenen Jahren zu beobachten, dass viele Leute in zentrale Ämter kamen, die dem Netzwerk Jangs zugeschrieben wurden (allerdings könnte auch sein, dass sich hier Analysten von ihren Wünschen nach Analysierbarem leiten ließen und einfach das gesehen haben, was sie wollte: „Jang ist mächtig und hat ein Netzwerk. Derda gehört bestimmt auch dazu…“).
Die Bedeutung dieses Netzwerkes erschließt sich ja auch schon daraus, dass der Fall Jangs nur aus der Tatsache gefolgert wird, dass wichtige Mitglieder des Netzwerkes hingerichtet wurden. Ein Vorgehen des Regimes gegen Jangs Netzwerk war bisher nicht zu beobachten gewesen, was viele Analysten zu der Annahme geführt hat, dass Jang Song-thaek als Manager des Übergangs für Kim Jong Un unersetzlich und durch seine vielfältigen Einflüsse auch unangreifbar sei. Sollte sich das Gerücht über seinen Fall bestätigen, dann ist ein weiteres Mal bewiesen, wie wenig man von außen über das Regime versteht und weiß.

Was bedeutet Jangs Sturz? – Was wir alles nicht wissen…

Was bedeutet der Fall Jangs nun genau? Grundsätzlich weiß man das erstmal nicht. Selbst wenn man davon ausgeht, dass er gestürzt wurde, weiß man nicht wie tief.
Man weiß nicht, ob in erster Linie gegen ihn oder gegen sein Netzwerk vorgegangen wird und man weiß auch nicht, ob er hingerichtet, ins Exil geschickt oder nur degradiert wird, oder ob er gar im Amt bleibt und nur seiner Kontakte entkleidet wird.
Außerdem ist nicht klar, was mit Kim Kyong-hui ist. Sie ist immerhin eine der engsten Blutsverwandten Kim Jong Uns und eventuell wird das sie schützen. Man weiß aber nicht wie sehr.
Weiterhin ist das, was mit Jang Song-thaek und seinen Leuten passiert ja nur ein Teil des Rätsels. Denn die andere Frage ist, wer dafür verantwortlich zeichnet. Kim Jong Un direkt? Oder eine Behörde oder eine Personengruppe, die ihn dazu drängte. Mischt er sich überhaupt direkt in die Machtkämpfe unterhalb seiner Person ein, oder lässt er den verschiedenen Interessengruppen relativ freie Hand, so dass sie sich mit sich selbst beschäftigen und sich gegenseitig schwächen und ihm damit nicht gefährlich werden könne.
Wer sind überhaupt die relevanten Gruppen und die Köpfe dahinter? In den vergangenen Monaten und Jahren sind so viele mächtige Personen von der Bildfläche verschwunden, dass es zumindest mir schwer fällt, die Konstellationen zu sortieren und zuzuordnen.
Ja nachdem welche Antworten man auf all diese Fragen geben wird (aktuell hat niemand außerhalb Nordkoreas gute Antworten darauf, deshalb bringt es nichts da zu spekulieren), dürfte das natürlich Auswirkungen auf die weitere Entwicklung und die Stabilität des Regimes bieten und eventuell auch nähere Informationen über die künftige Ausrichtung Nordkoreas enthalten. Aber all das werden wir wohl erst später erfahren.

Ist das Regime weiter stabil?

Die Frage die natürlich über allem steht ist, ob das Regime weiterhin stabil ist? Meines Erachtens ist ein Sturz Jangs schon so etwas wie eine Operation am offenen Herzen. Es gibt viele Risiken und ein kleiner Fehler kann zu einer unberechenbaren Entwicklung führen. Allerdings dürfte das den Akteuren die dafür verantwortlich sind durchaus bekannt sein. Sie scheinen die Entmachtung vorbereitet zu haben und die Tatsache, dass davon, wie auch schon von früheren wichtigen Ereignissen in Nordkorea (am Prominentesten wohl der Tod Kim Jong Ils), erst Tage später etwas durchsickert scheint die Wahrnehmung zu bestätigen, dass das alles relativ ruhig abgelaufen ist und kein offener Konflikt entbrannt ist. Das deutet auf ein geplantes und erfolgreiches Vorgehen hin.
Generell deutet diese jüngste Säuberung gegen einen der wichtigsten Unterstützer des Regimes darauf hin, dass Kim Jong Uns Regentschaft nicht weit weg ist von einer Terrorherrschaft stalinistischer Prägung, innerhalb derer im Führungszirkel sich niemand sicher sein kann. Eine solche Herrschaftsmethode sichert zwar die Führung relativ gut ab, führt jedoch auch zu einer gewissen Ineffizienz des Regimes bei der Verrichtung seiner Führungsaufgaben (wenn zentrale Köpfe permanent ausgetauscht werden, dann können sich die verschiedenen Gliederungen des Regimes nicht auf ihre eigentlichen Aufgaben konzentrieren, sondern müssen immer erstmal ihre Verwaltungseinheiten etc. auf Linie bringen, sich einarbeiten, sich möglichst gut gegen Angriffe durch Konkurrenten etc. absichern. Das fördert nicht unbedingt eine optimale Führungspraxis.
Instabilität dürfte kurzfristig nur dann zu erwarten sein, wenn es zwischen den Gruppierungen unterhalb Kim Jong Uns offene Konflikte gibt, die Kim Jong Un nicht eindämmen kann und die ausgetragen werden, ohne dass er Einfluss nehmen könnte. Allerdings scheint das nicht der Fall zu sein, da bei aller vermutlicher Feindschaft doch von allen Beteiligten immer das einheitliche Erscheinungsbild nach außen gewahrt wird. Die Konflikte und Konfliktlinien werden nicht sichtbar und damit gibt es für äußere Gegner keine Möglichkeit dort einzuhaken. Nichtsdestotrotz birgt die aktuelle Entwicklung ein gewisses Risiko von Instabilität. Wenn Kim Jong Un Jang Song-thaek gegen sich aufgebracht hätte und nicht von seinem Netzwerk trennen konnte und wenn er das Netzwerk nicht zerschlagen konnte, dann gibt es viele Personen an Schnittstellen die sich Sorgen um ihr Wohl machen und die gemeinsam eventuell eine Gegenmacht bilden könnten. Allerdings deutet aktuell jedenfalls nichts auf diese Entwicklung hin.

Worauf man in den nächsten Wochen ein Auge haben kann

Worauf sollte man also achten, um in den kommenden Tagen und Wochen einen Eindruck von der Situation zu bekommen?

  • Taucht Jang Song-thaek wieder auf und wenn ja, hat er weiter wichtige Ämter? Wenn das der Fall ist, dann waren die Meldungen und mein Artikel überstürzt und wir haben es wenn überhaupt mit einem Vorgehen gegen Einzelpersonen zu tun, das nicht direkt in Verbindung mit Jang steht.
  • Taucht Kim Kyong-hui wieder auf und wenn ja in welcher Rolle? Ist nur sie oder auch Jang sichtbar? Auch hier könnten sich eventuelle Rückschlüsse auf den Umfang der Säuberung ziehen lassen.
  • Wie steht es um wichtige Personen aus Jangs Netzwerk? Verschwinden weitere von der Bildfläche, werden andere nach oben gespült, die ihm zugeordnet werden? Auch das lässt Rückschlüsse auf den Umfang der Säuber zu.
  • Wie positioniert sich das Regime in wichtigen Fragen? Sind Verschiebungen im Verhalten erkennbar? Tut sich etwas im wirtschaftlichen Bereich, wird wieder aggressiv gedroht oder verhandelt, oder wird das Nuklearprogramm vorangetrieben? All das könnte man als Hinweise auffassen, welche Fraktion im Regime an Gewicht gewonnen hat.
  • Gibt es ungewöhnliche Meldungen der nordkoreanischen Medien oder Inkonsistenzen im Verhalten des Regimes? Das könnte auf einen weiterhin stattfindenden und nicht ganz zu überdeckenden Machtkampf hindeuten.
  • Fliehen wichtige Mitglieder des Regimes? Wenn ich zum Netzwerk Jangs gehören würde, würde ich drüber nachdenken mich vom Acker zu machen. Das muss nicht gleichbedeutend mit dem Anfang vom Ende des Regimes sein, kann aber als Hinweis dienen, dass eine bestimmte Gruppe die Oberhand gewinnt und eine andere komplett untergebuttert wird.

Was mich ärgern würde

Naja, das sind so ein paar Punkte, die man im Auge behalten kann. Es gibt sicher noch einige weitere, aber man kann ja nicht alles aufschreiben. Man merkt bestimmt, wenn was komisch ist. Erstmal bin ich gespannt, ob die Geschichte sich eher als richtig oder eher als falsch herausstellt. Ich bin eher von ersterem überzeugt, aber ich würde keine fünfzig Euro drauf setzen (vielleicht fünf). Ich würde mich allerdings sehr ärgern, wenn ich das Ganze hier umsonst geschrieben hätte, aber es wäre mir auch eine gute Lehre noch vorsichtiger mit Gerüchten zu sein…

Zum weiterlesen kann ich euch die schöne KINU-Studie empfehlen, auf die ich kürzlich hier hingewiesen habe. Die beschäftigt sich sehr ausführlich und kenntnisreich mit den Dynamiken innerhalb des Regimes und gibt viele Hinweise und Denkanlässe zu Fragen, die ich oben aufgeworfen habe.