„quick & dirty #1“ Nordkoreas SWZ-Pläne — Tut sich was in NKs Wirtschaft oder nicht?


So meine Lieben, da ich irgendwie trotz allen Bemühungen nicht in der Lage scheine, meine Zeitbudgetrestriktionen in den Griff zu bekommen, muss ich vielleicht meine Art der Beitragsproduktion darauf anpassen. Heute ist ein guter Zeitpunkt das mal auszuprobieren, denn insgesamt habe ich nur ne dreiviertel Stunde und das soll reichen, was zu finden und zu produzieren, das sich für euch lohnt und meinen Ansprüchen entspricht. Dementsprechend werde ich es heute mal, wie es ein Kollege kürzlich in herrlich blödem Werbeagenturdeutsch formulierte, „quick and dirty“ versuchen…

Das heißt es gibt nicht superviele Links und auch kaum wörtliche Zitat, keine supergeschliffene Gedanken, sondern eine zentrale Info und dazu ein paar grob formulierte Ideen bzw. Gedanken. Werde versuchen ob ich das hinkriege und würde mich über Feedback freuen. So, also freut euch auf „quick & dirty #1“.

Info: Nordkoreas SWZ-Pläne

Und da hab ich direkt mal eine Info, die ich ziemlich heiß, aber auch irgendwie ziemlich fragwürdig finde:
Und zwar will Nordkorea seine wirtschaftliche Entwicklung über Sonderwirtschaftszonen ähnlich denen in Rason und Kaesong weiter vorantreiben (eine dritte, wird bisher wenig erfolgreich auf Flussinseln zwischen China und Nordkorea nahe Sinujiu entwickelt). Dazu wurde eine Konferenz abgehalten und eine Behörde (die jetzt als „Nichtregierungsorganisation bezeichnet wird) umbenannt. In einem Interview bei KCNA verkündete Ri Chol Sok, der Vize-Chef „Korea Economic Development Association“ unter anderem, dass Nordkorea verstärkte Bemühungen in die Entwicklung lokaler SWZs ähnlich der in Rason lege.

Meine Gedanken

Die Tatsache, dass Nordkorea verstärkte Hoffnung und auch mehr Engagement in die wirtschaftliche Entwicklung legt, ist nicht neu. Neu ist aber, dass man scheinbar SWZ offensiv vorantreiben will, was für mich nach einem Entwicklungsmodell nach chinesischem Vorbild aussieht.

Allerdings ist es wie so oft im Falle Nordkoreas. Das klingt erstmal gut, aber im Endeffekt kommt es auf die Substanz an, die hinter den Worten steht und auch auf den politischen Willen.

Weiterhin ist zu bedenken, dass das Beispiel Kaesong auf internationale Investoren eher abschreckend wirken könnte.

Den Terminus „Nichtregierungsorganisation“ finde ich sehr witzig. In Nordkorea ist momentan (noch) alles politisch und alles politische ist Sache der Führung. Es kann also keine Nichtregierungsorganisationen geben.

Ein positives Momentum für ein wirtschaftsorientierteres Entwicklungsmodell könnte sich aus den nicht ganz schlechten Rahmenbedingungen ergeben. Nordkorea hat sich aktiv um die Freundschaft anderer Staaten bemüht, beispielsweise kommen positive Signale aus der Mongolei. Außerdem ist die neue Präsidentin Südkoreas solchen Initiativen scheinbar deutlich weniger abgeneigt als ihr Vorgänger. Das sieht man beispielsweise daran, dass sie selbst gerade eine „verlängerte Seidenstraße“ vorgeschlagen hat, die von Europa aus durch Russland und Nordkorea nach Südkorea reichen soll. Das Projekt ist nicht neu, aber dass Park darüber spricht kann man als Chance sehen.

Ausblick

Wir werden sehen, was aus den Bemühungen Nordkoreas wird, aber ich glaube es ist dort eine Entscheidung zu Gunsten wirtschaftlicher Entwicklung gefallen, die man bald nicht mehr rückgängig machen kann, selbst wenn man will. Und dann ist das Land in einem Prozess drin, der auch zu politischen Veränderungen führen wird. Wie die allerdings aussehen, dass muss die Zukunft zeigen.

Weiterlesen

Weitere gute Analysen dazu von Voice of America und NKNews.

Wo ein Wille ist… Nordkorea und China planen weitere Schritte zur gemeinsamen Entwicklung von zwei Sonderwirtschaftszonen


Entschuldigt bitte meinen Sinozentrismus, aber ich komme nicht umhin, heute schon wieder über China zu schreiben. Um genauer zu sein über den Besuch Jang Song-thaeks zum dritten Treffen des gemeinsamen Lenkungsgremiums, über den ich ja gestern schon geschrieben habe, im Nachbarland. Das Treffen hat nämlich, so wie ich das einschätze wirklich etwas Wichtiges zum Vorschein gebracht. Es wird nämlich immer deutlicher, dass die chinesische Seite bereit ist, viel Geld in die Hand zu nehmen, um den Aufbau der nordkoreanische Wirtschaft und besonders der beiden Sonderwirtschaftszonen (Rason und Wihwa + Hwanggumphyong) zu fördern. So klingen jedenfalls die Verlautbarungen beider Seiten, die nach dem Treffen gemacht wurden.

Oben rechts hervorgehoben, die SWZ Rason, die an China und Russland grenzt. Oben Links die Hwanggumphyong and Wihwa Islands SWZ.

Was vom Treffen des Lenkungskomitees bekannt wurde

Ich will das jetzt alles garnicht im Einzelnen auseinandernehmen, sondern euch nur die m.E. wichtigsten bzw. bemerkenswertesten Punkte des Übereinkommens schildern. Das offizielle Statement des chinesischen Ministry of Commerce gibt es hier (manchmal läd es etwas langsam) und hier finden sich noch ein paar O-Töne von Vertretern des Ministeriums. Die Verlautbarung Nordkoreas wurde wie immer über KCNA veröffentlicht (und sobald sie auf der verlinkbaren Seite steht, setze ich den Verweis, bis dahin müsst ihr es hier selbst raussuchen). Ich versuche mal die wichtigsten Inhalte aus den Meldungen rauszufiltern und danach zu ordnen, was erreicht wurde, was vereinbart wurde und was geplant ist, um abschließend mögliche Streitpunkte aufzuzeigen.

Wo man steht

  • Im ersten Halbjahr 2013 trifft sich das Lenkungskomitee wieder.
  • Beide Seiten sind mit den Fortschritten der Zonen sehr zufrieden und sehr optimistisch hinsichtlich deren weiterer Entwicklung. (Ach!)
  • Für beide Zonen wurden Managementkomitees ins Leben gerufen. (Bei der Hwanggumphyong und Wihwa SWZ wurde dafür eine Vereinbarung zwischen den Provinzregierungen beider Seiten getroffen.)
  • Im letzten Jahr wurden aus China 300 Millionen US Dollar in Nordkorea investiert, umgekehrt immerhin 100 Millionen.
  • Der Mobilfunkanbieter (wenn ich das richtig verstehe) Panda International Information Technology Co., Ltd. bietet seit diesem Jahr seinen Service in Nordkorea an. (Das finde ich sehr interessant, denn ich dachte Orascom habe ein Monopol. Außerdem wird die staatliche Kontrolle der Mobilfunknetze immer schwieriger, je mehr Akteure mitmischen.)

Worauf man sich geeinigt hat

  • Ein positives Investitionsklima soll geschaffen werden, das internationalen Anforderungen entspricht. (Nordkoreas Job)
  • China will große Unternehmen animieren, in den SWZ zu investieren. (Chinas Job)
  • Beide Regierungen sollen das Engagement von Lokalregierungen und Unternehmen für die SWZ fördern. (Beide müssen hier mitwirken, aber besonders China ist in der Pflicht, da zentral gesteuerte nordkoreanische Unternehmen und auch Lokalregierungen leichter zu „motivieren“ sein dürften)
  • Beide wollen die Hwanggumphyong and Wihwa Islands Economic Zone positiv fördern. (Job beider Regierungen, aber wohl besonders China, s.o.)
  • Für die gleiche SWZ gab es eine Vereinbarung über die Erstellung von Prozessen für grundlegende Einrichtungen (Was auch immer das genau heißt, vermutlich Infrastruktur, Grenzverkehr, Versorgung). (Ebenfalls zwischen den Provinzregierungen.)
  • Für Rason wurde eine Vereinbarung über Investitionen im Hafen und Industriegebiet getroffen. (Chinas Job)
  • Es wurde eine Vereinbarung über die Lieferung von Strom aus China für die Zone in Rason getroffen, die Einrichtungen dafür scheinen bereits fertig zu sein. (Ich habe ja bereits darüber geschrieben. Das ist ein sehr wichtiger Punkt für den Erfolg Rasons).

Wo die Reise hingehen soll

  • Die Zone in Rason soll sich eher zu einer industriellen Basis mit den Bereichen Maschinenbau, Leichtindustrie und Hightech, zu einem touristischen Zentrum und einem Logistikknoten entwickeln. (Ob das alles zusammen so funktionieren kann?)
  • Die Wihwa und Hwanggumphyong Zone soll sich eher den Bereichen IT, Tourismus, Landwirtschaft und Kreativwirtschaft widmen und wohl eher zu einem Dienstleistungszentrum weiterentwickelt werden. Interessant finde ich, dass in der People’s Daily noch was von „finance“ steht, was in der offiziellen Regierungsverlautbarung fehlt. Ein Übersetzungsfehler? (Die Idee der unterschiedlichen strategischen Ausrichtung ist deutlich und es wird auch erkennbar, dass für beide Zonen eine eher „evolutionäre“ Entwicklung vorgesehen ist. Das klingt alles erstmal realistisch, aber es muss sich zeigen, ob nicht beide Zonen auf den ersten Evolutionsstufen verharren werden. Rason als Rohstoffverarbeitungs- und -verschiffungsort, wo das gemacht wird, was den Chinesen zu dreckig ist und Wihwa als Zockerparadies und Geldwäscheknoten. Wir werden sehen.)

Probleme und mögliche strittige Punkte

  • Sowohl in der chinesischen als auch in der nordkoreanischen Verlautbarungen sind Hinweise zu finden, dass man mit den Fortschritten der Wihwa und Hwanggumphyong SWZ nicht zufrieden ist und das dort noch viel zu tun ist. Auch an den beschlossenen Maßnahmen wird klar, dass man dort noch am Anfang steht, während man in Rason schon kräftig implementieren kann.
  • Die chinesische Seite erwartet weitere Fortschritte in den Bereichen: -Erarbeitung von Verfahrensmechanismen, -der Ausbildung von Personal -dem Entwerfen detaillierter Pläne, Gesetze und Regulierungen -der Vereinfachung von Zollregeln und -erstattung -dem Aufbau von Telekommunikationsverbindungen und der Zusammenarbeit im Bereich Landwirtschaft und im Bau von Anlagen dort. (Das alles wird nur im Statement der chinesischen Seite so beschrieben, als seien dort noch deuliche Fortschritte nötig. Man kann das also als Forderungen an Nordkorea lesen.)
  • Prinzip der Zusammenarbeit soll ein staatlich gelenktes, Unternehmenszentriertes, an gegenseitigen Vorteilen auf Basis von Marktmechanismen orientiertes System sein. (Jedenfalls wenn es nach der chinesischen Seite geht. In der nordkoreanischen Verlautbarung findet sich davon kein Wort.)

Der Wille ist da und die Aussichten sind gut (zumindest für Rason)

Jedenfalls wird bei Betrachtung dieses Kataloges und durch die Tatsache, dass man ihn überhaupt öffentlich gemacht hat deutlich, dass sich bereits einiges getan hat und das vor allem in der Zone in Rason möglicherweise schon bald weitere sichtbare Fortschritte vermeldet werden können. Weiterhin zeigt sich China willig, die Zonen aktiv zu fördern. Vielleich hat dazu auch Pjöngjangs sehr aktive Reisediplomatie der letzten Zeit in Südostasien beigetragen, wo man wohl versucht hatte, Investitionen für die SWZ zu gewinnen und damit vermutlich einigen Druck auf China ausgeübt hat (Konkurrenz belebt zwar das Geschäft, aber ob das dem Monopolisten gefällt, steht auf einem anderen Blatt). Gleichzeitig scheint man mit der Entwicklung der Wihwa und Hwanggumphyong SWZ nicht zufrieden zu sein. Hier muss scheinbar noch grundlegende Infrastruktur etc. errichtet werden. Allerdings scheint auch hier noch ein Wille zum Erfolg zu existieren. Es könnten latente Meinungsverschiedenheiten über die Grundprinzipien der Zusammenarbeit und der gegenseitig noch zu erbringende Arbeit bestehen, aber bisher scheint man das gut überdecken zu können.

Jang Song-thaeks Projekt und der positive Effekt aus Kim Jong Ils Tod

Grundsätzlich ist noch zu erwähnen, dass es den Zonen von nordkoreanischer Seite aus vermutlich sehr zugute kommt, dass sie schon vor dem Ableben Kim Jong Ils zu Jang Song-thaeks Projek wurden. Jang hat mit Kims Tod an Einfluss gewonnen und wird dieses in Waagschale werfen, um sein Projekt zu einem Erfolg zu machen. Kim Jong Un kann ihm dabei vermutlich nicht mit Einwänden oder Ideen so leicht dazwischenfunken, als sein Vater das konnte und wohl auch getan hat. Hier könnte Kim Jong Ils Tod einen positiven Effekt für Nordkoreas Wirtschaft nach sich ziehen.

Erster Schritt auf langem Weg: China beginnt Kohletransport via Rason im Regelbetrieb


Vor lauter Kim Jong Un verliert man ja mal leicht die anderen Themen aus den Augen. So hat China scheinbar von der Welt weitgehend unbemerkt, am 08. Januar die Transitstrecke für Kohle via Rason in Regelbetrieb genommen. Das meldete jedenfalls KBS World am Freitag. Im vergangenen Jahr hatte es zwar bereits Probetransporte von insgesamt 100.000 Tonnen gegeben, jedoch sei die erste Lieferung von 7.000 Tonnen Kohle, die in China gefördert wurden und via den Rason (oder vielmehr den Hafen von Rajin) nach Südchina verschifft würden, der Auftakt für Kohletransporte in vollem Umfang. Dies sei vor dem Hintergrund des Abschlusses des Straßenausbaus von der chinesischen Grenze nach Rason zu sehen.

Natürlich bedeutet allein die Nutzung Rasons als Transporthafen noch nicht, dass die Sonderwirtschaftszone Rason tatsächlich erfolgreich ist. Jedoch würden reibungslose und erfolgreiche Abläufe beim Transport eventuell einen gewissen Werbeeffekt auf andere Unternehmen zeitigen, die auch etwas zu transportieren haben. Und wenn Rason tatsächlich zu einem Logistikknoten würde, dann wäre auch die Ansiedlung von Unternehmen vor Ort nicht abwegig. Bis dahin ist es jedoch noch ein weiter Weg, der alles andere als vorgezeichnet ist. Hier gibt es beispielsweise eine eher pessimistische Bewertung von Marcus Noland, auch mit Blick auf die lange Geschichte Rasons (die Kommentare sind auch interessant).

Aber jede noch so weite Reise fängt eben mit dem ersten Schritt an. Und immerhin ist der schonmal getan. Ob weitere Folgen wird sich zeigen.

Die „Hwanggumphyong and Wihwa Islands Economic Zone“: Hintergründe und Chancen


In der vergangenen Zeit habe ich mich ja viel mit den beiden Sonderwirtschaftszonen befasst, die Nordkorea im Norden des Landes mit chinesischer Unterstützung neu aufgelegt hat. Dabei habe ich mich vor allen Dingen auf Rason konzentriert, ganz einfach, weil darüber mehr Input durch Pressemeldungen und ähnliches kam, aber auch weil mir die Möglichkeiten und Perspektiven klarer schienen, während ich mit der Zone auf den beiden Inseln zwischen dem südkoreanischen Sinuiju und dem chinesischen Dandong auf die Schnelle nicht so viel anfangen konnte. Daher dachte ich, ich schaue mir die Hintergründe zu dieser Zone mal etwas näher an und wenn man das tut, versteht man auch relativ schnell, warum sich dieser Standort für ein solches Vorhaben anbietet.

Oberhalb von Dandong und Sinuiju und Dandong liegt die Insel Wihwa, unterhalb Hwanggumphyong. Hervorhebung NK Economy Watch.

Dandongs geographische Lage

Die SWZ bei Sinuiju und Dandong liegt sowohl nahe dem gelben Meer als auch an der Haupthandelsroute zwischen Nordkore und China

Einerseits ist die Stadt strategisch günstig am der Mündung des Yalu ins Gelbe Meer gelegen und verfügt über einen Binnen- sowie einen Hochseehafen. Damit wäre der Umschlag der Waren relativ einfach.

Vor allen Dingen verläuft aber ein sehr bedeutender Anteil des sino-nordkoreanischen Handels ohnehin schon über Dandong. (Alle Angaben in Mio US-Dollar, generell sollte man die Zahlen eher als Richtlinie denn als genaues Abbild der Realität sehen. Trends kann man daran aber wohl trotzdem ganz gut ablesen.)

Handel von Nordkorea mit Dandong bzw. China 2000 bis 2011

Leider habe ich keine Zahlen für die letzten beiden Jahre gefunden, aber es sind einige Trends zu erkennen. Einerseits Wächst der Handel über Dandong im Gefolge des Handels von gesamt China mit Nordkorea und schwankt zwischen einem Viertel und einem Drittel des gesamten Warenaustauschs. Dabei scheint die Stadt einige Bedeutung für die Abnahme von Nordkoreas Waren zu haben. Gleichzeitig zeigt der Austausch zwischen China insgesamt und Nordkorea — mit einigen Einbrüchen — einen ziemlich dynamischen Zuwachs und für dieses Jahr ist nochmal ein deutlicher Zuwachs zu erwarten. Dabei fällt auf, dass vor allem in den letzten Jahren die Einfuhren aus China im Verhältnis zur entgegengesetzten Richtung deutlich langsamer gewachsen sind. Das könnte mit einer verstärkten Ausbeutung nordkoreanischer Rohstoffe durch China zusammenhängen. Jedenfalls scheint der Warenaustausch beider Staaten mehr die Form von Handel  anzunehmen und weniger auf Chinas Gnade zu beruhen.

Dandong spielt dabei eine nicht unbedeutende Rolle und so kann die SWZ dort auf schon bestehende Strukturen und Erfahrungen aufbauen. Auch der Ausbau der Infrastruktur von  chinesischer Seite wie der Bau einer weiteren Brücke über den Yalu wecken Hoffnungen in China. Ob dies tatsächlich zur Umsetzung der gesteckten Ziele (Dandong möchte dadurch zu dem Logistik Knotenpunkt der Region werden) reicht, muss sich zeigen. Die Voraussetzungen sind jedenfalls nicht die Schlechtesten und zumindest bei den lokalen Funktionären scheinen große Hoffnungen in das Projekt zu bestehen.

Choe Yong-rim besucht China — Und China spricht über „Öffnung“ und „Marktorientiertheit“


Choe Yong-rim, der Premierminister Nordkoreas, in dessen Verantwortung hauptsächlich die wirtschaftliche Entwicklung des Landes fällt, weilt zurzeit zu einem Staatsbesuch in China. Dort ist er bereits mit Präsidenten Hu Jintao, Premierminister Wen Jiabao und weiteren bedeutenden Vertretern der chinesischen Führung zusammengetroffen. Momentan besucht er in Wirtschaftsmetropolen wie Shanghai industrielle, aber auch konsumorientierte Einrichtungen.

Choe Yong-rim und Hu Jintao

Zentrales Thema: Wirtschaft

Worum es konkret bei den Treffen ging weiß man natürlich nicht, aber man kann es sich immerhin denken. Choe dürfte als einer der obersten Wirtschaftslenker des Regimes in Pjöngjang nicht zufällig kurz nach dem Neustart für die Sonderwirtschaftszonen (SWZ) in Rason und bei Sinuiju/Dandong einen Besuch in China machen und dabei mit der absoluten Staatsspitze zusammentreffen. Choe war zwar bereits im letzten Jahr in China zu Besuch, traf sich damals aber „nur“ mit Vizepremier Zhang Dejiang. Dagegen ist die Liste diesmal deutlich prominenter besetzt und in erster Linie dürfte es um die wirtschaftliche Entwicklung gegangen sein (zu anderen Themen wie dem Nuklearprogramm hat Choe auch einfach keine Entscheidungskompetenz/ -befugnis). Aus der Berichterstattung von KCNA ist das zwar nicht so deutlich zu erkennen:

The DPRK will in the future, too, make positive efforts with Chinese comrades to comprehensively expand and develop the DPRK-China friendly and cooperative relations on a higher level and give a steady continuity to the baton of the DPRK-China friendship, he stressed. […]

China will constantly further strengthen the economic and trade relations with the DPRK as its good neighbor, comrade and friend, he added.

[Nordkorea wird in Zukunft gemeinsam mit den chinesischen Genossen positive Anstrengungen unternehmen um die freundschaftlichen kooperativen Beziehungen auf eine höhere Ebene auszudehnen und zu entwickeln und den Staffelstab der Freundschaft beider Staaten mit einer stetigen Kontinuität weitergeben. (gegenüber Hu Jintao) […]

China wird weiterhin die wirtschaftlichen- und Handelsbeziehungen mit Nordkorea als seinem guten Nachbarn, Genossen und Freund, kontant verstärken. (Hu gegenüber Choe)]

Schaut man dann aber in chinesische Medien, dann wird das Bild wesentlich deutlicher. Da wird Wen Jiabao nämlich mit folgenden Worten zitiert:

China supports the DPRK in exploring development that fits its own situation and will continue providing help within our capability […]

Wen said economic cooperation should be „government-guided, enterprise-based and market-oriented“

[China unterstützt Nordkorea bei der Suche nach einem Entwicklungspfad, der am besten zu Nordkoreas eigener Situation passt und wird weiterhin Hilfen im Rahmen der Möglichkeiten gewähren. […]

Wen sagte wirtschaftliche Zusammenarbeit sollte „Regierungsgeleitet, auf Unternehmen basierend und marktorientiert ablaufen“]

Dass KCNA den O-Ton nicht gerne bringen wollte, überrascht wenig, aber die Marschrichtung ist klar. China will keine sozialistische Bruderhilfe leisten, sondern Handel treiben wie mit anderen Staaten auch. Hierfür könnten die SWZ ein Modell bieten.

China startet flankierende Maßnahmen für die Hwanggumphyong and Wihwa Islands Economic Zone

Daher wird es auch kein Zufall sein, dass China bekanntgab, zur Unterstützung der „Hwanggumphyong and Wihwa Islands Economic Zone“ (als englische Übersetzung schreiben die chinesischen Medien übrigens „Gold Flat and Granville islands“ (vll. sowas wie „goldene Ebene und großes Dorf“)) auf chinesischer Seite der SWZ ebenfalls eine Wirtschaftszone  ausgewiesen zu haben, die sich gut entwickle. Diese „State-level economic zone“ (das ist ein Fachbegriff der eine bestimmte Art chinesischer SWZ beschreibt, aber damit kenne ich mich wirklich nicht aus) sei 10 Quadratkilometer groß und solle Unternehmen von Handel bis Logistik beherbergen, die Unterstützung im Bereich Infrastruktur, Energie und anderen grundlegenden Dingen bieten sollten. Der Artikel setzt die Bekanntgabe der neuen Zone in direkten Zusammenhang mit Choes Besuch und enthält darüber hinaus noch ein interessantes Zitat eines chinesischen Parteisekretärs aus Dandong:

The opening up of the DPRK has provided an historic opportunity for Dandong

[Die Öffnung Nordkoreas bietet eine historische Chance für Dandog]

Auf unterer Ebene der Partei scheint man also schon offen über eine „Öffnung“ Nordkoreas zu sprechen. Soweit ist es natürlich noch lange nicht und es mag sein, dass der Sekretär einfach nur ein bisschen Wirtschaftswerbung für seine Stadt betreiben wollte. Nichtsdestotrotz hat es das Parteiorgan (genauer dass des ZK der Partei) abgedruckt. Es ist also klar was China will und wenn man sich die Aktionen Pjöngjangs in letzter Zeit anschaut, ist fraglich ob der Unterschied zu dem was Pjöngjang will groß ist. Man sagt es dort allerdings nicht, denn der Schritt wäre dann ideologisch wohl doch noch zu schwierig.

Choe im Konsumempel und KCNA bildet es ab

Apropos Ideologie: Ich fand es sehr interessant, dass KCNA Fotos von Choe Yong-rim in chinesischen Konsumtempeln abgedruckt hat.

Kulturschock: Choe Yong-rim besucht Konsumtempel und KCNA zeigt es

Lesern von KCNA dürfte der Unterschied zwischen den einheimischen Supermärkten und denen in China nicht entgehen:

Kim Jong Il besucht den Pothonggang Department Store. Der Unterschied ist augenscheinlich.

Kim Jong Il besucht den Pothonggang Department Store. Der Unterschied zu chinesischen Konsumtempeln ist augenscheinlich.

Ich glaube ich hätte mir diese Bilder als Redakteur gespart. Es sei denn die wären nicht ohne Grund abgebildet. Aber naja, vielleicht ist es ein Zufall.

Choes Reise als weitere Maßnahme an der SWZ-Front

Alles in Allem dürfte Choes Reise eine weitere Maßnahme sein, um die SWZs im Norden ans Laufen zu bringen. Was China dazu beitragen kann und wird ist einerseits bedeutsam für die Entwicklung der Zonen, andererseits muss sich das noch in den nächsten Jahren zeigen. Ein völliges Desinteresse oder so geringe Unterstützung wie möglich, wie es manche Analysten behaupteten, sehe ich allerdings nicht. Die Ausweisung der unterstützenden Zone in China ist hierfür ein weiteres Signal.

Macht man sich in Seoul Sorgen um Kaesong?

Auffällig finde ich es, wie sehr sich die südkoreanischen Medien über die Zonen ausschweigen. Fürchtet man da etwa, dass man mit möglichen wirtschaftlichen Verlockungen eines der letzten nutzbaren Mittel zu Beeinflussung Nordkoreas verlieren könnte, da man an den Zonen im Norden keinen Anteil hat? Oder macht man sich Sorgen um die Zukunft von Kaesong? Denn wäre es völlig abwegig zu denken, dass Nordkorea — sollte es im Norden klappen — die in Kaesong ausgebildeten Arbeiter abzieht (um im Norden geübte Kräfte einsetzen zu  können) und Kaesong an Bedeutung verliert und somit ein weiterer Punshingball für Pjöngjangs Machtspielchen wird? Ich denke es ist zumindest nicht unmöglich. Aber wir werden sehen…

Hindernis aus dem Weg geräumt: Rason soll aus China mit Elektrizität versorgt werden


Ich habe mich ja in der vergangenen Woche recht ausführlich mit der Sonderwirtschaftszone Rason befasst und dabei unter anderem kurz angemerkt, dass eine essentielle Voraussetzung für einen Erfolg der Zone eine funktionierende und vor allen Dingen zuverlässige Stromversorgung ist. Ich hatte kurz die Überlegung angestellt, dass die Stadt aus Russlands Fernem Osten beliefert werden könnte, wo es scheinbar Überkapazitäten an Elektrizität gibt. Der Gedanke, dass das Ausland die Versorgung sicherstellen sollte scheint schonmal nicht ganz falsch gewesen zu sein. Nur mit dem Land lag ich etwas daneben. Wie berichtet wird, sollen sich China und Nordkorea bereits im Rahmen eines Treffens des gemeinsamen Lenkungskomitees für die Rason und Hwanggumphyong und Wihwa SWZs während der Eröffnungsfeiern der beiden Zonen  (Sino-DPRK Joint Guidance Committee for the Joint Development and Management of the Rason Economic and Trade Zone and Hwanggumphyong and Wihwa Islands Economic Zone) darauf geeinigt haben, dass Rason von China aus mit Strom versorgt werden soll. Damit ist ein entscheidendes Hindernis für die Entwicklung der SWZ aus dem Weg geräumt, denn ohne eine sichere Energieversorgung hätten sich wohl kaum Investoren in großer Zahl von den Vorzügen Rasons überzeugen lassen.

Ich finde es sehr interessant, dass China und nicht Russland hier als Versorger einspringen wird, denn wie gesagt wird berichtet, dass Russland Überkapazitäten in der Region hätte (allerdings weiß ich nicht wie das mit China ist, dass ich mir aber bei der anhaltenden wirtschaftlichen Entwicklung als eher energiehungrig vorstelle). Aber wer weiß, vielleicht hat man sich nur mit China geeinigt, weil es von da aus schneller geht und man baut frei nach dem Motto „doppelt gemoppelt hält besser“ auch noch eine Verbindung zum russischen Stromnetz. So würde Pjöngjang auch nicht nur an einem Tropf hängen und wäre daher etwas unabhängiger.

Das Übereinkommen mit China über die Stromversorgung hat aber noch einen anderen interessanten, wenn auch nicht besonders überraschenden Aspekt. Scheinbar geht man in Nordkorea nicht davon aus, die Versorgungsengpässe im ganzen Land auf absehbare Zeit erfolgreich angehen zu können. Scheinbar ist man noch nicht mal sicher das Leuchtturmprojekt in Rason sicher versorgen zu können. Hier treten strukturelle Probleme mit der maroden Energieinfrastruktur eindeutig zutage. Will Nordkorea tatsächlich einen Pfad der wirtschaftlichen Entwicklung beschreiten, dann kann es kurzfristig vielleicht ausreichen, Rason sicher und permanent zu elektrifizieren. Mittelfristig ist das aber nicht genug. Dieses Problem muss angegangen werden und zwar im ganzen Land, sonst wird Pjöngjang nicht auf eine stetige positive Entwicklung hoffen können. Ich bin gespannt was man da tun wird.

Eben habe ich noch einen ganz interessanten Beitrag von CCTV gefunden, in dem es um die Maßnahmen zur Widerherstellung der Infrastruktur in Rason geht. Da kriegt man auch einen kleinen Eindruck wie es da aussieht.

Chinesischer Weg? Rason als erster Schritt zum ökonomischen Experimentieren


Wenn man das, was man über die Sonderwirtschaftszone Rason im nordöstlichen Zipfel Nordkoreas, in den letzten Wochen so zu lesen war, glauben kann, dann wird immer deutlicher, dass es der nordkoreanischen Regierung zumindest mit diesem Experiment wirklich ernst ist. Zwar sind viele der Entwicklungen, die zu verzeichnen sind auf Investitionen aus Russland und China zurückzuführen (beide Länder stellen vernünftige Straßen und Schienenverbindungen nach Rason her), aber erstens muss dazu der Wille Pjöngjangs vorliegen dafür förderliche Bedingungen zu ermöglichen und zweitens scheint Pjöngjang außerdem selbst Maßnahmen zu ergreifen, die für das bisherige Agieren des Regimes sehr weitgehend sind.

Oben rechts hervorgehoben, die SWZ Rason, die an China und Russland grenzt. Oben Links die zweite nördliche SWZ bei Sinuiju

Werben um Investoren und ungewöhnliche Freiheiten

Kürzlich fand dort die erste internationale Handelsmesse statt, auf der neben lokalen Wirtschaftsvertretern aus Nordkorea, China und Russland auch aktiv um Teilnehmer aus Europa und den USA geworben wurde. Scheinbar ist dieses Werben um Investoren nicht ohne Erfolg, denn es wird berichtet, dass es bereits eine Reihe von Interessenten aus der Region gäbe, die vor allem Textilien dort produzieren lassen möchten. Auch scheinen die Einwohnern der Region ungewöhnliche (nicht nur) ökonomische Freiheiten zu genießen. So seien die Märkte gut frequentiert und man könne dort aus einem wirklich beeindruckenden Warenangebot (ob das mit dem I-Pad wirklich stimmt, kann man natürlich nicht nachprüfen) wählen. Auch habe die Kaufkraft der Einwohner zugenommen, die „Kleiderordnung“ sei liberaler als sonstwo in Nordkorea und Nordkoreaner, die ihr Mobiltelefon nutzten seien nicht selten (Diese Berichte klingen zwar interessant, aber dabei muss bedacht werden, dass sie nur aus wenigen Händen stammen, die vielleicht auch eigene Interessen verfolgen könnten (Ich finde Choson Exchange zwar eine gute Sache, aber naja, aber für sie ist es wichtig zu berichten, dass sich was tut, sonst ist ihr Projekt für Geldgeber uninteressant)). Allerdings ist noch nicht alles blendend in Rason. Die Stromversorgung scheint nach wie vor alles andere als sicher zu sein und zumindest das müsste behoben werden, wenn ernsthaft Investoren gewonnen werden sollen, denn ohne Strom produziert sich so ziemlich alles schlecht. Aber vielleicht wäre das ja ein Job für die Russen. Kim hat ja auf seinem Trip ein Wasserkraftwerk besucht und vielleicht könnte man ja von dort aus die Stromversorgung Rasons absichern…

Die Regeln des Marktes…

Interessant fand ich auch einen Bericht über den Mindestlohn für Rason. Der soll nämlich mit 80 US-Dollar im Monat etwa 17 Dollar höher liegen, als der der Zone in Kaesong, wo an der innerkoreanischen Grenze, vor allem südkoreanische Unternehmen produzieren. Der Schluss den ich daraus ziehe ist, dass auch die verantwortlichen in Pjöngjang die Regeln des Marktes sehr gut kennen. In Rason nimmt man halt das, was man kriegen kann und scheinbar ist da ein Aufschlag für nicht vorhandene politische Spannungen mit der Regierung der Investoren und für die hervorragende geografische Lage drin. Man hat ja trotzdem noch einen beachtlichen Lohnabstand zu China.

Laboratorium zum ökonomischen Experimentieren

Natürlich kann ich nicht sagen, wie ernsthaft Pjöngjang bei früheren Anläufen versucht hat, seine Sonderwirtschaftszonen ans Laufen zu bringen, aber mir scheint es zumindest im Fall von Rason so zu sein, dass wir hier an einer wichtige Wegmarke für die wirtschaftliche Zukunft Nordkoreas stehen (zumindest wenn es nach dem Willen des Regimes geht). Man ist bereit, Kosten und Risiken einzugehen um die Wirtschaft ans Laufen zu bringen (wenn auch bis auf weiteres nur  regional begrenzt). Eben habe ich mir überlegt, dass in dieser Entwicklung auch Know-How eine wichtige Rolle spielen könnte, das man in Kaesong erworben hat. Man hat zugesehen wie die Zone dort entwickelt wurde und als man glaubte, dass man genug gelernt hat, hat man es dann selbst in Rason versucht (vermutlich hat man sich aber auch aus China den einen oder anderen Rat geholt, was SWZs angeht, dort gibt es ja hervorragende Erfahrungen). Jetzt hat man zwei Laboratorien des wirtschaftlichen Experimentierens, die relativ weit ab vom Schuss liegen und sich relativ gut abschirmen lassen. Wie gesagt: Ich glaube dieses Experiment hat seine Tücken für das Regime in Pjöngjang, aber gerade deshalb glaube ich, dass es ernst gemeint ist. Mir scheint es so, als würde sich Pjöngjang langsam am Vorbild Chinas orientieren. Ich werde deshalb auch versuchen im Auge zu behalten, ob und wie sich die andere SWZ entwickeln wird. Sollte es da andere Ideen und Methoden geben, dann spricht das ganz klar dafür, dass man tatsächlich das Experimentieren nach chinesischem Vorbild beginnt und das der chinesische Weg der ist, den das Regime gehen möchte.

Schlussbetrachtung

Es wurde ja schon seit über zehn Jahren darüber spekuliert, ob Pjöngjang den chinesischen Weg einschlagen würde und es wurde immer wieder Kritik geübt, weil Pjöngjang das nicht tat. Man könnte aber auch zurückfragen, ob das nicht vollkommen vernünftig war, erst einmal abzuwarten, ob Peking die Prozesse, die die eigene wirtschaftliche Entwicklung in Gang setzt im Griff behalten kann und das chinesische Modell wirklich ein erfolgreiches ist. Dessen kann sich Pjöngjang heute wesentlich sicherer sein als damals. Es sieht, dass es der chinesischen Bevölkerung ökonomisch besser geht und dass die Partei in Peking weiterhin die Macht fest im Griff hat. Außerdem kann Pjöngjang mit einem solch großen zeitlichen Abstand hervorragend von dem Wissen profitieren, dass China aus den eigenen Experimenten gezogen hat. Chancen und Risiken lassen sich besser abwägen und Pjöngjang senkt die Gefahren des Manövers für die Macht der Partei. Da dem Regime nach wie vor der Machterhalt das oberste Ziel ist, ist es folgerichtig, dass man die wirtschaftliche Entwicklung solange zurückstellt, bis die Gefahren die davon ausgehen so gering sind, dass der Machterhalt gesichert ist. Alternativ könnte es auch eine Kostenabwägung gewesen sein, die Pjöngjang in diese Richtung drängte. Was ist zu dem gegebenen Zeitpunkt riskanter? Im Stillstand zu verharren oder ein Experiment zu starten…

Neuer Anlauf an der SWZ Front: „Hwanggumphyong and Wihwa Islands Economic Zone“ startet


Update (08.06.2011): Offenbar hat die Eröffnungszeremonie für das Projekt tatsächlich heute stattgefunden. Um die tausend Menschen aus Nordkorea und China kamen zu diesem Ereignis zusammen, darunter Kim Jong Ils Schwager (und berühmt berüchtigter Strippenzieher) Jang Song-thaek und Chinas Handelsminister Chen Deming. Weitere Details wurden bisher nicht bekannt.

Ursprünglicher Beitrag (07.06.2011): Lange war schon erwartet worden, dass Pjöngjang seine Sonderwirtschaftszonen-Projekte an der chinesischen Grenze vorantreiben würde und gestern gab KCNA bekannt, dass nach einem Beschluss des Präsidiums der Obersten Volksversammlung die „Hwanggumphyong and Wihwa Islands Economic Zone“ geschaffen worden sei, um so die chinesisch-nordkoreanischen Beziehungen zu stärken und die wirtschaftlichen Außenbeziehungen auszudehnen und zu entwickeln. Die Zone soll unter nordkoreanische Souveränität fallen und ihre Entwicklung soll im Hwanggumphyong Distrikt beginnen. Zu der neuen Zone sollen „Hwanggumphyong-ri, Sindo County, Sangdan-ri, Hadan-ri and Taji-ri, Sinuiju City and Soho-ri, Uiju County of North Phyongan Province“ gehören. Leider habe ich keine Karte gefunden, auf der die Region so detailliert verzeichnet ist, aber es sind eben diese beiden Inseln, die im Grenzfluss Tumen zwischen den Städten Dandong in China und Sinuiju in Nordkorea liegen, wobei ich ehrlich gesagt nicht genau weiß, wo Wihwa liegt. Hwanggumphyong hat NK Economy Watch hier gut kartiert. In dem zugehörigen Artikel könnt ihr auch einen recht guten Überblick um die Bemühungen Nordkoreas um die Sinuiju SWZ seit 2002 gewinnen.

Das dieses Projekt genauso versanden wird wie der Versuch aus dem Jahr 2002, Sinuiju als Sonderwirtschaftszone zu etablieren ist meiner Meinung nach zu bezweifeln. Es scheint schon vorher Investitionen auch von chinesischer Seite gegeben zu haben, so dass China vermutlich dieses Mal mehr im Boot sitzt, als bei dem gescheiterten Versuch. Auf Kim Jong Ils China Reise vor zwei Wochen hat man wohl auch darüber gesprochen und wenn die Zahlen des Chosun Ilbo über eine Verdopplung des Handels zwischen China und Nordkorea gegenüber dem ersten Vorjahresquartal stimmen, dann steigen wohl auch die chinesischen Interessen in Nordkorea und für die ausgeführten Rohstoffe wird man wohl etwas als Gegenleistung bringen müssen.

Vermutlich wird es auch nicht mehr lange dauern (vermutlich sogar nur bis übermorgen), bis die Entwicklung der SWZ in Rason offiziell gemacht wird. Auch hier investiert China scheinbar groß in die Infrastruktur, denn langfristig könnte dieser Hafen als Seeanschuss für die nordöstlichen Binnenregionen und die in Nordkorea ausgebeuteten Rohstoffe dienen, die auf diesem Weg viel schneller auf die Weltmärkte oder in die boomenden chinesischen Küstenregionen gebracht werden können.

Wie sich diese Projekte weiterentwickeln muss die Zeit zeigen, aber es würde mich überraschen, wenn sie genauso versanden würden, wie ihre Vorgänger. Man kann mittlerweile auf langjährige Erfahrungen in Kaesong zurückgreifen und hat hier vermutlich noch Partner, die bereitwilliger auf Sicherheitsbedenken und ähnliches eingehen. Sollte es nicht zu größeren externen Brüchen kommen, wird zumindest das Projekt in Rason ein Teilerfolg werden, aber auch die Insel Hwanggumphyong dürfte sich gut für industrielle Expansion aus Dandog heraus eignen, da sie näher an dieser Stadt, als am nordkoreanischen Sinujiu liegt.

Wie China von der Öffnung Rasons profitiert


Auf der staatlichen chinesischen Internetseite china.org.cn habe ich eben einen interessanten Artikel darüber gelesen, wie die chinesische Stadt Hunchun von der Erschließung der nordkoreanische Sonderwirtschaftszone Rajin-Sonbong und besonders von der Nutzbarmachung des Hafens für chinesische Fracht profitiert. Die Stadt Hunchun (auf dieser Karte ziemlich rechts oben, Rajin heißt hier glaube ich Najin) verfügt über große Kohlevorkommen (hier sind 1,2 Milliarden Tonnen angegeben) und exportiert bereits Kohle in die umliegenden chinesischen Regionen. Der Transport über Land ins prosperierende Shanghai hat bisher aber zehn Tage gedauert. Eine erste Ladung von 20.000 Tonnen Kohle, die im Januar im Hafen von Rason eingeschifft wurde, hat Shanghai dagegen binnen drei Tagen erreicht. Aufgrund dieser verkürzten Frachtwege kann Hunchun seine Rohstoffe wesentlich günstiger anbieten und es ist daher geplant, den Weg über Rason häufiger zu nutzen. Weiterhin will man von Hunchun aus auch Strom aus dem neuen Kohlekraftwerk nach Nordkorea verkaufen.

Die wirtschaftliche Verflechtung in der Region scheint sich also so langsam über den kleinen Grenzverkehr hinaus zu entwickeln. Grundsätzlich ist das ganz nach den Vorstellungen des Regimes in Pjöngjang, aber um diese Entwicklung nachhaltig zu gestalten muss man sich auch als verlässlicher Geschäftspartner präsentieren. Dies ist wiederum eine Aufgabe, mit der das Regime in der Vergangenheit immer wieder so seine Schwierigkeiten hatte.

„Die Partei sitzt fest im Sattel“ – Interview mit Walter Klitz zur Situation und Zukunft Nordkoreas


Walter Klitz, der zuständige Projektleiter der „Friedrich-Naumann-Stiftung Für die Freiheit“ in Korea hat sich die Zeit genommen, ein E-Mail-Interview mit mir zu führen. Dies ist eine der seltenen Gelegenheiten, zu denen man einen ausführlichen Blick auf das Land aus erster Hand geliefert bekommt. Dabei spricht (oder vielmehr schreibt) Klitz von seiner Arbeit in Nordkorea, seinen Reisen dorthin und seinen persönlichen Eindrücken, die er gewinnen konnte. Außerdem beschreibt er die Hintergründe und Dynamiken der Währungsreform vom vergangenen Dezember, in deren Zuge es zu einer Revaluierung des Won kam. Weitere Themen sind die Bedeutung der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes für Frieden und Stabilität nicht nur in Nordkorea selbst, sondern für die ganze Region sowie die Schwierigkeiten für Außenstehende, Vorgänge in Nordkorea zu verstehen und zu bewerten. Für diejenigen, die sich vorab etwas genauer über die Friedrich-Naumann-Stiftung Für den Frieden und ihre Arbeit in Nordkorea informieren möchten, habe ich hier einige Basisinformationen und weiterführende Links zusammengetragen. Jetzt aber genug der Vorrede, hier das Interview:

Sehr geehrter Herr Klitz, vorab schon einmal vielen Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen, mir einige Fragen zu beantworten. Im Rahmen Ihrer Arbeit für die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit waren Sie in den letzten Jahren mehrmals in Nordkorea. Für die meisten Menschen ist es eher unwahrscheinlich, dass Sie diese Erfahrung je machen werden. Vielleicht können Sie einmal schildern, welchen Eindruck Sie während Ihrer Aufenthalte vom Land, aber vor allem von den Menschen dort gewinnen konnten. Waren Sie ähnlich denjenigen, die das Land als Touristen bereisen, ständig in Begleitung von zwei eigens dafür abgestellten Personen, oder ist Ihre Bewegungsfreiheit dank des langen Kontaktes etwas größer geworden?

In den letzten drei Jahren war ich insgesamt 15mal in Nordkorea. Sicherlich haben sich in dieser Zeit recht gute Arbeitsbeziehungen entwickelt und man hat sich kennengelernt. Unsere Gesprächspartner wissen, dass wir uns an gewisse Spielregeln im Lande halten. Das hat dann doch auch dazu geführt, dass wir etwas mehr Bewegungsfreiheit erhalten haben und auch schon einmal alleine durch die Stadt schlendern dürfen.

War es möglich, persönliche Kontakte aufzubauen und über mehr zu sprechen, als Fachliches?

Anfangs waren unsere Gespräche schon recht unverbindlich. Aber im Laufe der Zeit entwickelte sich daraus ein reger und offener Meinungsaustausch, bei dem mittlerweile beide Seiten ihre Positionen ohne jegliche Einschränkungen darlegen können. Man darf eben nur nicht nach der Rückkehr das Vertrauen, das der Arbeit der Stiftung mittlerweile entgegengebracht wird an die große Glocke hängen. Nordkoreaner legen großen Wert auf Vertraulichkeit. Ich will Ihnen zwei Beispiele nennen: bei meinem letzten Besuch bat ich darum, einen Journalisten der FAZ mitnehmen zu dürfen. Das wurde mir erlaubt, weil meine Gesprächspartner mir vertrauten, dass fair über ihr Land berichtet wird (Anm. d. Red.: Auf den daraus resultierenden Artikel kann hier zugefriffen werden). Noch mehr war ich beeindruckt, als ich die Gelegenheit hatte in meinen politischen Gesprächen, mich nachdrücklich für die Freilassung der beiden amerikanischen Journalistinnen im vergangenen Jahr einzusetzen. Nach etwa einer halben Stunde Diskussion fuhr ich in der Gewissheit nach Hause, dass eine befriedigende Lösung gefunden wird.

Konnten Sie auch Gebiete besuchen, die für Touristen sonst nicht zugänglich sind, sind Ihnen auch Armut und Mangel begegnet und können Sie eine grobe Einschätzung der derzeitigen Situation im Land geben?

Die Versorgungslage ist nicht gut. Das ist allgemein bekannt. Nordkorea fehlt jedes Jahr ca. eine Million Tonnen Reis, mal mehr mal weniger, je nach Witterung und das Land ist dringend auf humanitäre Hilfe angewiesen. Die deutsche Welthungerhilfe und das World Food Program leisten dort exzellente Arbeit. In weiten Teilen des Landes kann das staatliche Verteilungssystem den Bedarf nicht mehr decken. Auch in der Hauptstadt selbst gibt es gelegentlich Engpässe. Nordkorea gehört zu den Armenhäusern der Welt und dieser Armut begegnet man natürlich auf Schritt und Tritt je mehr Einblicke man in das Land erhält und je weiter man sich von der Hauptstadt entfernt.

Wie erschienen Ihnen „normale Koreaner“, hatten Sie das Gefühl, dass die Menschen unglücklich und bedrückt wirken und sich der Besonderheit der Situation, in der Sie leben bewusst sind, oder ist das Alltagsleben dort ähnlich anderen Orten auf der Welt?

Nein, die Menschen sind zwar nicht zufrieden mit ihrer wirtschaftlichen Situation, aber sie schultern es weitgehend mit einer erstaunlichen Geduld und Zuversicht, dass es ihnen unter der weisen Führung des Landes bald besser gehen wird.

Ich habe auf der Homepage der Friedrich Naumann Stiftung gelesen, dass Ihre Arbeit in Nordkorea vor allem auf Wissenstransfer fokussiert ist. Dabei informieren Sie Nordkoreaner über Funktionsweisen der Marktwirtschaft, Strategien wirtschaftlicher Modernisierung und Währungssysteme. Können Sie vielleicht kurz schildern, wie eine solche Veranstaltung abläuft?

Die Veranstaltungen laufen mittlerweile nicht anders ab als in Deutschland. Wir laden Redner ein, die vortragen und anschließend haben wir Zeit für Fragen und auch Diskussion. Das war zu Beginn unserer Tätigkeit noch anders. Da mussten die Teilnehmer ihre Fragen schriftlich einreichen und der Fragende blieb anonym.

Wer sind die Teilnehmer und was sind konkrete Themen?

Es handelt sich insbesondere um Teilnehmer von Instituten, Universitäten, Ministerien, Handelskammer und Partei. Im Jahre 2004 haben wir mit Trainingsseminaren über die Rolle der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung und des betrieblichen Rechnungswesens in einer Marktwirtschaft angefangen. Heute behandeln wir Themen wie freier Welthandel, Modernisierung des Bankensystems,  Europäische Integration, Umweltschutz und Stadtentwicklung. Besonders erfolgreich waren die Veranstaltungen „Economic Reforms and the Development of Economic Relations between the European Union and the DPRK“ mit über 100 Teilnehmern und „Aspekte umweltverträglicher Stadtentwicklung“ mit über 60 Teilnehmern.

Sind die Teilnehmer immer die gleichen, oder unterschiedliche?

Unsere Arbeit ist immer zielgruppenorientiert, also haben wir je nach Thema immer unterschiedliche Teilnehmer.

Können Sie die Themen und konkreten Inhalte der Seminare frei wählen, oder sind die staatlichen Stellen Nordkoreas die letzte Instanz?

Die Themen werden mit unseren nordkoreanischen Ansprechpartnern eingehend besprochen, einvernehmlich vereinbart und richten sich nach dem Bedarf, der von nordkoreanischer Seite angemeldet wird. Je nach dem, mit wem wir die Veranstaltung durchführen, bedarf das Programm der Genehmigung des Kabinetts. Wenn Veranstaltungen direkt von der Arbeiterpartei angeregt werden geht das schneller, weil die Partei viel schneller entscheiden kann.

Es sind ja noch weitere deutsche oder deutschsprachige Organisationen in Korea aktiv. Mir fällt da erstmal die Hanns Seidel Stiftung ein, aber auch das Goethe Institut, das bis zum Ende des letzten Jahres einen Lesesaal in Pjöngjang unterhielt. Aber die Gruppe der Deutschen, die Projektarbeit in Nordkorea durchführen, ist ja trotzdem übersichtlich. Kennt man sich untereinander und arbeitet vielleicht sogar zusammen?

Es sind in der Tat nur sehr wenige internationale Organisationen in Nordkorea aktiv. Man wird sie an zwei Händen abzählen können. Wir sehen das als große Wertschätzung Deutschlands und unserer Arbeit, die wir dort leisten. Die deutschen Organisationen informieren sich regelmäßig über ihre jeweilige Arbeit, damit es zu keiner Konkurrenzsituation kommt.

Wenn es zu Ereignissen wie der Schließung des Lesesaals kommt, ist das für Sie dann auch ein größeres Thema, oder kriegt man das mehr am Rande mit?

Die Diskussion über den Lesesaal war ja nicht neu, insofern haben wir die Entwicklung schon verfolgt und sie kam nicht überraschend.

Die Schweiz hat ja beschlossen, ihre Entwicklungszusammenarbeit in Nordkorea zum 1.1.2012 einzustellen. Begründet wurde dies unter anderem mit den geringen Erfolgen der bisherigen Arbeit, die vor allem aus Capacity Building besteht. Ist Ihnen dieser Fall bekannt und machen Sie sich manchmal auch Sorgen, dass die Friedrich-Naumann-Stiftung ihr Engagement in Nordkorea mit einer ähnlichen Begründung beenden könnte?

In Nordkorea gilt es eigentlich immer im Lichte der politischen Ereignisse abzuwägen, ob eine Zusammenarbeit sinnvoll ist oder nicht.  Gerade als liberale Stiftung, die einer Partei nahesteht, die die Ostpolitik der Annäherung maßgeblich gestaltet hat, wissen wir um die Bedeutung des Dialoges, ohne den kein Vertrauen gebildet werden kann.

Für Menschen, die nie in Nordkorea waren, ist es schwer, sich ein Bild von diesem Land zu machen und dabei richtige von falschen Informationen zu unterschieden. Wie war es für Sie, bevor Sie zum ersten Mal nach Nordkorea gereist sind. Wie haben Sie sich vorbereitet?

Ich habe natürlich viel gelesen und habe dabei schon festgestellt, dass wir in der veröffentlichten Meinung seltsamerweise seit Jahren immer wieder die selben recycelten Fragen stellen. Gerade die Nordkorea Erfahrung zeigt mir aber, daß Reisen eben doch bildet. Ich kenne heute die Zusammenhänge viel besser und traue mir durch die Gespräche, die ich dort führe zu, Entscheidungen anders einordnen zu können. Die Diskussion über die Situation in Nordkorea ist allzuoft wishful thinking. Und basiert auf Erkenntnissen, die Jahre alt sind.  Es soll sich keiner was vormachen, die Partei sitzt fest im Sattel und keiner wird in Nordkorea den Führungsanspruch der Partei in Frage stellen.

War es ein komisches Gefühl, als Sie über die DMZ gefahren sind?

Ich muss von Seoul aus immer über Beijing nach Nordkorea fliegen. Die Fahrt über die DMZ ist nicht möglich obwohl Pjöngjang nur etwa 250 Kilometer entfernt ist. Aber mein erster Flug mit Koryo Air, vor allem die Ansage beim Überfliegen des Yalu Flusses, also der chinesisch-nordkoreanischen Grenze, dass dies die Stelle sei, wo Kim Il-sung das imperialistische Japan bezwang, hatte schon etwas Surreales. Da wurden schon Erinnerungen an die deutsch-deutsche Grenze und Bahnhof Friedrichstraße zu Zeiten des Ost-Westkonfliktes wach.

Glauben Sie, dass man sich als jemand, der nicht in Nordkorea war, ein realistisches Bild von dem Land machen kann?

Sicherlich kennt man die Geschichte,  man weiss daß Nordkorea an die Traditon des alten Choson anknüpft, aber die Motive, die hinter politischen Entscheidungen von heute stecken, können sich niemandem erschließen, der keine Möglichkeit hat, sich mit Entscheidungsträgern darüber zu unterhalten.  Neulich habe ich z.B. einen Beitrag gelesen, in dem doch ernsthaft behauptet wurde, dass Nordkorea seine Atomwaffen nur gebaut habe, um sie als Verhandlungsmasse in die Sechsparteiengespräche einbringen zu können. Aus Sicht der Machthaber in Nordkorea bilden sie aber die einzige Abschreckungsmöglichkeit, die sie gegen die amerikanischen Truppen in Südkorea haben, von denen sie sich subjektiv bedroht fühlen. Oder nehmen Sie das letzte Beispiel: vor einigen Tagen hat KCNA, die nordkoreanische Presseagentur mitgeteilt, dass das Land eine neue Bank, die „State Development Bank“ eingerichtet habe, deren Aufgabe es sein wird, mit internationalen Finanzorganisationen zusammenzuarbeiten und für Investitionen in Nordkorea zu werben. In vielen Zeitungen wurde spekuliert, ob dies Zeichen der Öffnung seien. Kein Zweifel, das diesjährige Neujahrseditorial konnte sehr zuversichtlich stimmen in diese Richtung, aber ein genauerer Blick auf die Erklärung hätte schon verraten, dass die Entscheidung zur Gründung dieser neuen Bank von der National Defense Commission getroffen wurde und von daher ganz andere Fragen aufwirft, nämlich die Frage nach der Konkurrenz mit der bestehenden Foreign Trade Bank, die am 2. November 1959 durch Beschluss des Kabinetts gegründet wurde und weitgehend selbe Aufgaben hat.

Ich habe manchmal das Gefühl, dass sich manche Medien und selbst wissenschaftliche Autoren, die zu Nordkorea publizieren, oft auf Halbwahres, auf Spekulationen und Gerüchte, stützen. Können Sie diese Wahrnehmung bestätigen?

Ja, leider ist das oft so, vor allem weil es sich oft weniger um wissenschaftlich fundierte Analysen handelt als viel mehr um poltische Bewertungen je nach dem, wo der Autor politisch steht.

Was glauben Sie ist die Ursache dieses Phänomens, das das begrenzte Wissen, das über Nordkorea existiert, noch zusätzlich unklar und schwammig werden lässt?

Es gibt ganz einfach zu wenig Informationen über Nordkorea.

Wie kann man als Mensch, der sich zu Nordkorea informieren möchte, Fehlinformationen entgehen?

Das wird sich wahrscheinlich nicht vermeiden lassen, aber man sollte sich deshalb immer bewusst sein, dass vieles spekulativ ist.

Wie ich gelesen habe, waren Sie erst kürzlich in Nordkorea und haben sich so in der ersten Zeit nach der überraschenden Währungsreform ein Bild von der Lage machen können. Was waren Ihre Wahrnehmungen hinsichtlich der Reaktionen der Nordkoreaner auf diese Reform?

Ich war das letztemal drei Tage vor der Währungsreform in Nordkorea. Insofern kann ich über die derzeitige Situation nichts sagen. Was ich sagen kann ist aber, dass ich auf dem Tongil-Markt, den ich besuchen dürfte schon drei Tage vor der Währungsrevaluierung mit zwei unterschiedlichen Preisen konfrontiert wurde. Ich glaube bei mir war die Irritation größer als bei den nordkoreanischen Händlern und Konsumenten, weil ich davon nichts wusste, sondern mir erst später einen Reim drauf machen konnte.

Haben Sie das Leben auf den geduldeten Märkten anders empfunden, als bei den vorherigen Besuchen?

Es war erst mein zweiter Besuch auf diesem Bauernmarkt. Der erste lag bereits drei Jahre zurück.  Nach wie vor haben die Marktfrauen das Sagen und es war, wahrscheinlich den besonderen Umständen geschuldet, viel mehr Betrieb.

Sehen Sie die Reform als Misserfolg bei einer möglichen wirtschaftlichen Liberalisierung Nordkoreas oder nur als kurzfristigen Rückschlag?

Ich sehe, dass durch die Revaluierung des Geldes das eigentliche Problem, nämlich die Bekämpfung der Inflation nicht gelöst wird. Solange die Preise staatlich festgesetzt werden und der Wert des nordkoreanischen WON sich ausschließlich am Konsum und nicht am Außenwert des WON orientieren, wird man sich nichts ändern, es sei denn, Nordkorea würde sich entscheiden, sich für den Weltmarkt zu öffnen. Es ist schon bemerkenswert, wenn Kim Jong-Il feststellt, dass zwischen der politischen und wirtschaftlichen Autarkiepolitik des Landes, also der Juche-Ideologie, und dem freien Welthandel kein Gegensatz besteht, sondern der Handel die Selbstständigkeit des Landes sogar noch fördern kann. Da gilt es drauf aufzubauen. Es bleibt also abzuwarten, was sich tut und ich werde das mit Sicherheit in meinen nächsten Gesprächen voraussichtlich im März ansprechen können.

Sehen Sie Zusammenhänge zwischen der Reform und nicht-wirtschaftlichen Aspekten, wie der vieldiskutierten Nachfolgeregelung für Kim Jong-il?

Eindeutig nein,  Versuche die Bauernmärkte zurückzudrängen und das staatliche Versorgungssystem zu stärken, gibt es schon länger und nicht erst seit vorletztem Jahr.

Kürzlich wurden ja die Baumaßnahmen am Ryugyong Hotel, die lange geruht hatten und so zum Symbol der wirtschaftlichen Schwäche Nordkoreas geworden waren, fortgesetzt und mittlerweile bietet das Hotel einen beeindruckenden Anblick. Sehen Sie das Hotel, dass ja mit Hilfe privater Investoren fertiggestellt wird, sozusagen als „Modell im Kleinen“ für die zukünftige Entwicklung Nordkoreas, nämlich eine Ausweitung von joint-ventures zwischen dem nordkoreanischen Staat und ausländischen Investoren?

Ich halte die wirtschaftliche Entwicklung von Nordkorea für eine Grundvoraussetzung für Frieden und Stabilität in dieser Region und für eine herausragende humanitäre Verpflichtung. Seitdem die internationale Staatengemeinschaft wegen der Raketenversuche und der Nukleartests Sanktionen verhängt hat, sind im Lande eben vermehrt Direktinvestitionen u.a. aus China und den arabischen Ländern festzustellen. Aus meiner Sicht ist die Sunshine Politik Südkoreas alternativlos. Sanktionen können und werden umgangen und führen zu Abhängigkeiten des Landes, die auch nicht unbedingt in unserem Interesse liegen können.

Kürzlich hat Nordkorea bekannt gegeben, die Sonderwirtschaftszone Rason neu zu beleben. Glauben Sie, dass nach dem relativen Erfolg der Zone in Kaesong, eine Entwicklung nach dem chinesischen Modell mit einer zunehmenden Zahl von solchen Sonderwirtschaftszonen einsetzen könnte?

Wichtig ist zunächst einmal, dass die südkoreanische Regierung die Ergebnisse der beiden Gipfel von 2000 und 2007 anerkennen sollte. Kaesong war kein relativer Erfolg, sondern ein uneingeschränkter. Immerhin haben südkoreanische Unternehmen dort über 40.000 Arbeitsplätze für Nordkoreaner geschaffen zu Arbeitsbedingungen, die ihresgleichen suchen in Nordkorea.

Ich habe einen Videoausschnitt vom Jeju Peace Forum gesehen, in dem Sie sich zu Ihren Wahrnehmungen bezüglich den politischen Verhältnissen im Land äußern. Sie sehen Kim Jong-il zurzeit fest im Sattel und nehmen an, dass sein dritter Sohn Kim Jong-un auf eine Nachfolge vorbereitet wird. Eine Übernahme der Regierungsverantwortung durch ein kollektives Führungsgremium nach dem Tod Kims halten Sie für unwahrscheinlich. Wurde während Ihrer Aufenthalte in Nordkorea, besonders während dem letzten, von Kim Jong-un gesprochen?

Ja

Haben Sie das Gefühl, dass man sich auch dort Gedanken über die Zeit nach Kim Jong-il macht?

Ja

Kims Sohn ist noch sehr jung und Kim selbst wurde 30 Jahre auf die Übernahme der Führung vorbereitet. In diesem Zusammenhang wurde oftmals Jang Song-thaek, der Schwager Kim Jong-ils ins Spiel gebracht. Es wird gemutmaßt, er würde die Macht, entweder in Vertretung für Kim Jong-un oder komplett, übernehmen, wenn Kim Jong-il sterben würde. Wie bewerten Sie das?

Sorry, an solchen Spekulationen beteilige ich mich nicht öffentlich. Ich gehe davon aus, dass es einen Übergang geben wird, der ohne große Verwerfungen ablaufen wird.

Kommen wir zum Schluss noch einmal zurück zur Arbeit Ihrer Stiftung. Wie sehen Sie die Arbeit der Stiftung in Nordkorea für die nähere Zukunft. Gibt es konkrete Pläne?

Unser Ziel ist es, in unser aller Interesse die Gesprächskanäle offenzuhalten. Mitte des Jahres werden wir eine Studienreise nach Deutschland zum Thema Stadtentwicklung durchführen, wie gesagt solange sich die politische Lage nicht weiter verschärft.

Gibt es konkrete Wünsche, die Sie für die Koreanischen Halbinsel und ihre Bewohner haben?

Ja, dass auch Nord- und Südkorea sich möglichst bald über eine Vereinigung in Frieden und Freiheit freuen können.

Vielen Dank für das informative und ausführliche Interview. Für Ihre wichtige Arbeit wünsche ich Ihnen auch weiterhin viel Erfolg.