Der Untergang der Cheonan: Was sagt eigentlich Nordkorea dazu?


Nachdem der Fokus meiner Berichte rund um den Untergang der Cheonan in den letzten Tagen ja eindeutig auf dem Vorgehen der anderen Parteien lag, dachte ich mir, dass es sinnvoll sei, auch mal genauer auf das zu schauen, das Nordkorea so zu dem Vorfall und den damit zusammenhängenden Maßnahmen zu sagen hat. Dazu habe ich die englischsprachige Berichterstattung von KCNA etwas näher beichtet und die Artikel rausgesucht, die für das Thema relevant sind (Also nicht die Artikel a la „Koreanischer Freundschaftsverein in Schweden verurteilt das Vorgehen Südkoreas“ oder so).

Generell ist erstmal auffällig, wie lange es dauerte, bis überhaupt eine Reaktion aus Nordkorea kam. Die Cheonan sank am 26. März und die erste Reaktion die direkt darauf Bezug nimmt war am 17. April auf KCNA zu lesen. Der Artikel, der von einem „Militär(ischen)-Kommentator“ verfasst wurde, also kein Statement einer Institution darstellt, sondern bestenfalls indirekt mit der nordkoreanischen Armee in Verbindung gebracht werden kann (will heißen: Vom „Bedeutungsstatus“ des Artikels her eher unwichtig), enthält vor allen Dingen eine Art Aufruf an Südkorea, keine Verbindung zwischen Nordkorea und dem Untergang der Cheonan herzustellen, da man solche Tendenzen in Nordkorea bemerkt habe. Als Gründe dafür werden die Kommunalwahlen am 2. Juni in Südkorea gesehen und eine Versuch der USA, durch ihr „Marionettenregime“ in Seoul mehr Druck auf Pjöngjang zu entwickeln um das Regime so zum Zusammenbruch zu bringen. Mit dieser Reaktion schien die nordkoreanische Seite dann erstmal zufrieden zu sein (oder wollte man nicht die Aufmerksamkeit auf sich lenken oder irgendwelche Hinweise geben, ehe die Untersuchung abgeschlossen war?), denn man äußerte sich auch in der Folge nicht weiter zu dem Vorfall bis die Untersuchungsergebnisse veröffentlicht waren.

Dann allerdings äußerte man sich noch am selben Tag. Das Committee for the Peaceful Reunification of Korea (CPRK), das man institutionell wohl der Arbeiterpartei zuschreiben kann veröffentlichte am 21. Mai als Reaktion auf den Untersuchungsbericht ein Statement. Auch hier wird wieder darauf verwiesen, dass es sich um eine gezielte Provokation handle, die Südkorea mit „blutunterlaufenen Augen“ im Auftrag seiner „Herren“ in den USA und Japan vorantreibe. Die Beweise werden als nicht stichhaltig abgetan und es wird verkündet, dass man die momentane Situation wie eine „Phase des Krieges behandeln wolle“ (war ja vielzitiert in unseren Medien) und mit solch „gnadenlosen Maßnahmen“ wie dem Abbruch der Beziehungen, der Außerkraftsetzung des Nicht-Aggressionsabkommens mit dem Süden und der Aussetzung der Kooperationsprojekte auf Strafmaßnahmen Seouls reagieren werde. Hier wurde der Fahrplan für das Vorgehen des Nordens eigentlich schon vorgegeben.

Das nächste wichtige Statement des Nordens kam als Reaktion auf die Ansprache Lee Myung-baks am 24.Mai, in deren Rahmen die geplanten Strafmaßnahmen Südkoreas gegen den Norden bekanntgegeben wurden. Diesmal äußerte sich mit der National Defence Commission (NDC) deren Vorsitzender Kim Jong Il ist und die vermutlich die politische Linie des Landes bestimmt, die zurzeit wohl mächtigste politische Institution Nordkoreas. Inhaltlich hat das Statement nicht viel zu bieten, außer das hier erstmals die Forderung nach einer nordkoreanischen Untersuchungsgruppe geäußert wird und eine Art Sprachregelung festgelegt wird, nämlich: „conspiratorial farce“ und „charade“, was sich seitdem wie ein roter Faden durch die Berichte zum Thema zieht. Am selben Tag gab es auch noch einen Aufruf eines Kommandeurs der Koreanischen Volksarmee, der sich auf die „Maßnahmen zu psychologischen Kriegsführung“, die die südkoreanische Seite wieder anlaufen ließe, bezieht. Er verlangt, dass ein an einer Wand angebrachter Slogan entfernt werden solle und keine weiteren Maßnahmen getroffen werden dürften. Sollten Lautsprecher in Betrieb genommen werden, würde man diese durch gezielte Schüsse ausschalten.

Am 25. kam dann wieder der „Militär Kommentatorzu Wort, hatte aber eigentlich nicht viel zu sagen, außer, dass die Beweise von „A bis Z“ gefälscht seien, um so die Spannung auf der Koreanischen Halbinsel zu steigern. Grob gesagt fasst er alles Gesagte nochmal zusammen und  machte deutlich, dass Nordkorea sich nicht unter Druck setzen lässt.

Das Propagandalautsprecherthema wurde dann am 26. vom Vorsitzenden der nordkoreanischen Delegation bei den Nord-Süd Militärgesprächen nochmal aufs Tapet gebracht. Der bekräftigte den Willen Nordkoreas, südkoreanische Propagandamittel in Zweifel durch physische Gewalt zu zerstören. Darüber hinaus erwähnt er auch „measures will be taken to totally ban the passage of personnel and vehicles of the south side in the zone under the north-south control in the western coastal area“, was für einige Aufregung sorgte, aber scheinbar bisher nicht umgesetzt wurde.

Am 27. gab es dann quasi das Pendant des Generalstabs der Koreanischen Volksarmee zu Lee Myung-baks Maßnahmenpaket, nämlich eigene Strafmaßnahmen:

  1. Militärgarantien gegenüber Südkorea werden aufgehoben und die Schließung der Verbindungsbüros in Kaesong und der Stopp der Überlandverbindung von Südkorea nach Kaesong werden geprüft.
  2. Die Bereits erwähnten Gegenmaßnahmen gegen Südkoreas „psychologische Kriegführung“ werden wie bereits angekündigt gnadenlos umgesetzt.
  3. Die Abkommen und Kommunikationsverbindungen die Zwischenfälle im Gelben Meer verhindern sollen werden eingestellt.
  4. Eindringen in Nordkoreanische Gewässer wird mit prompten militärischen Gegenmaßnahmen beantwortet.
  5. Schiffe, Flugzeuge und „andere Transportmittel“ dürfen Nordkoreas Gewässer, Luftraum und Boden nicht mehr benutzen.
  6. Südkoreanische Offizielle dürfen nicht mehr nach Nordkorea einreisen.
  7. Man wird die „Wahrheit über die Fabrikation und Charade“ weiter erforschen und weiter den Zugang einer nordkoreanischen Untersuchungsgruppe fordern.

Diese Maßnahmen seien die erste Phase dessen was die Koreanische Volksarmee gegen Südkorea unternehmen wolle.

Am 27. gab es ja dann die vielbeachtete Pressekonferenz bei der Pak Rim-su, der Direktor des Politik Departments der NDC für die NDC sprach. Er verwies auf die Gefahr, dass es in der angespannten Situation die zurzeit herrscht, zu neuen Zusammenstößen im Gelben Meer kommen könne. Dann setzt er sich einigermaßen detailliert mit den vorgelegten Beweisen auseinander und deckt Schwachstellen auf, die seiner Meinung nach bestehen. Dann geht er auf mögliche Motive ein, die es für den Untergang der Cheonan geben könnte und sieht keine Motive für ein solches Vorgehen auf der nordkoreanischen Seite, während Südkorea und die USA aufgrund von Erwägungen, wie den Wahlen am 2. Juni in Südkorea oder der Suche nach einem Grund um die amerikanische Truppenpräsenz in Südkorea zu rechtfertigen.

Auch am 27. begann scheinbar eine Artikelserie, in deren Rahmen sich (mal wieder) ein „Militärkommentator“ mit den Hintergründen des Untergangs der Cheonan auseinandersetzt. Im ersten Teil hat er sich darauf beschränkt, für alle vorgelegten Beweise mehr oder weniger hieb und stichfeste Erklärungen zu liefern. Wer gerade eine eigene Verschwörungstheorie dazu entwickelt oder seine schon bestehende verfeinern möchte, der kann hier hervorragendes Futter finde.

Was mir an der nordkoreanischen Berichterstattung zum Cheonan-Zwischenfall auffällt ist einerseits, dass es relativ lange dauerte, bis man sich des Themas überhaupt annahm, was einerseits für das verunsicherte Verhalten eines Unschuldigen (ich will nichts ausschließen) sprechen könnte, aber eben auch für das strategische Vorgehen oder das schlechte Gewissen eines Schuldigen. Allerdings haben sich scheinbar schon alle Institutionen auf die Stunde null vorbereitet, wenn man direkt konfrontiert wird. Naja und dementsprechend wurden die Statements in ihrer Aussage genauer und vom Status derjenigen her, die sie veröffentlichten, bedeutender. Auch die Verteidigung gegen die Anschuldigungen wird differenzierter. Einerseits versucht man, die vorgelegten Indizien zu diskreditieren und Beweise zu entschärfen, andererseits versucht man zu verdeutlichen, dass man selbst kaum Motive für ein solches Vorgehen habe, während für eine Charade der USA und Südkoreas viele Gründe sprechen. An der Medienberichterstattung in unseren Breiten fällt mir auf, dass eigentlich nur die Drohungen Eingang in die Berichte finden, während andere Inhalte annähernd ignoriert werden. Was die ganze Übung jetzt gebracht hat? Keine Ahnung, aber ich dachte man sollte sich eben mal auch anschauen, was einer der Hauptakteure dieses Falls selbst zu sagen hat und wenn man die Artikel liest kennt man eben auch die offizielle nordkoreanische Linie.

Das Ringen um eine multilaterale Antwort an Nordkorea in der heißen Phase


Das Gerangel um das weitere Vorgehen gegenüber Nordkorea geht auch heute weiter. Nachdem sich die unilateralen Maßnahmen und Positionen in den letzten Tagen recht deutlich gezeigt haben, rückt nun ein multilaterales Vorgehen ins Zentrum der Diskussionen. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf dem heutigen Treffen zwischen Chinas Premierminister Wen Jiabao und Südkoreas Präsidenten Lee Myung-bak, zu dem sich morgen auch noch Japans Regierungschef Yukio Hatoyama gesellen wird. Aber auch Russland hat sich nun deutlich zu dem Zwischenfall und den gewonnen Untersuchungsergebnissen geäußert.

Südkorea und die USA: Unnötige Kraftmeierei geplant

Südkoreas Maßnahmenpaket gegenüber dem nördlichen Bruder habe ich ja an anderer Stelle bereits ausgiebig besprochen und es sollte daher bekannt sein. Angeblich sind aber darüber hinaus gemeinsame Seemanöver mit den USA geplant (neben dem bisher laufenden, das in deutlicher Entfernung zur Seegrenze stattfindet). Diese sollen nahe der Northern Limit Line stattfinden und könnte damit von Nordkorea als Provokation gewertet werden. Weiterhin können durch die gekappten Kommunikationskanäle zwischen Süd- und Nordkorea sonst vorhandene Sicherungsmechanismen nicht greifen, was die Gefahr von ungewollten Zwischenfällen erhöhen könnte. Ich persönlich halte ein solches Manöver für ein unnötiges Vorgehen in der angespanten Situation. Während es verständlich ist, dass man gegenüber der eigenen Bevölkerung Stärke demonstrieren und die Vorgehensweise der Truppen im Kampf gegen U-Boote schulen will, ist der geplante Ort des Manövers eine unnötige Machtdemonstration gegenüber dem Norden.

Japan: Doch noch was zu sanktionieren

Japan hat unterdessen tatsächlich eine Möglichkeit gefunden, noch weitere Sanktionen zu erlassen, die Nordkorea treffen sollen. Die Menge des Geldes, das pro Person von Japan nach Nordkorea transferiert werden darf wurde (weiter) gesenkt und auch die auf Reisen nach Nordkorea dürfen weniger Mittel mitgenommen werden. Diese Maßnahme zielt auf die relativ große Gruppe von ethnischen Koreanern in Japan, die loyal zu Nordkorea stehen (auch wenn die Bedeutung dieser Gruppe im letzten Jahrzehnt stark zurückgegangen ist). Diese Gruppe war in früheren Jahren von einiger Wichtigkeit für die Versorgung Nordkoreas mit Fremdwährung.

Russland: Beleidigte Leberwurst mit Vetomacht

Erstmals hat nun auch Russland sich deutlich zur eigenen Position geäußert. Man werde keinerlei Maßnahmen zur Bestrafung Nordkoreas unterstützen, solange keine hundertprozentige Sicherheit über die Schuld des Landes vorliege, sagte ein Sprecher des russischen Außenministeriums. Russland hat eigene Experten nach Seoul entsandt, die die Beweise prüfen und von deren Urteil Russland seine künftige Haltung abhängig macht. Scheinbar ist Russland verstimmt darüber, von Seoul nicht zur Untersuchung der Umstände des Untergangs der Cheonan eingeladen worden zu sein. Dies legt jedenfalls diese Aussage eines nicht genannten Offiziellen der russischen Marine nahe: „With the participation of Russian specialists, the results of the investigation into the incident might have been more complete and objective“. Allerdings dürfte diese Verstimmung nicht zu einer Blockadehaltung Russlands im Sicherheitsrat führen, dort wird man vermutlich nicht viel eigenes Prestige für eine strategisch eher unbedeutende Sache aufs Spiel setzen. Eher ist zu erwarten, dass man sich hier im Windschatten Chinas bewegt, oder sich, sollte es zu einer Abstimmung im Sicherheitsrat kommen, enthält.

China: Goldene Brücke von Südkorea?

Und damit sind wir auch schon beim Kern der aktuellen Diskussion angekommen. Wird es ein Vorgehen des UN-Sicherheitsrates gegen Nordkorea geben oder nicht? Dies wird sich heute oder morgen in Seoul entscheiden, denke ich. Vermutlich werden Südkorea und die USA erst gar nicht versuchen, eine Entscheidung des Sicherheitsrates herbeizuführen, wenn sie China gegen sich wissen und somit davon ausgehen müssen, dass es ein Veto durch das permanente Mitglied des Rates geben wird. China selbst äußert sich immer noch nicht eindeutig, sondern verweist darauf, dass es sich hier um einen komplizierten Fall handle und dass man die Informationen von allen Seiten bewerten müsse. Unterdessen berichtet Bloomberg, dass Südkorea bereit sei, auf weitere Sanktionen im Rahmen der UN zu verzichten. Dies würde ein weitreichendes Zugeständnis Südkoreas bedeuten und es China gleichzeitig leichter machen, sich auf eine Diskussion des Falles vor dem Sicherheitsrat einzulassen. Als Ergebnis würde es dann wohl ein Gemeinsames Statement der Mitglieder des Sicherheitsrats geben, wie es nach dem Raketentests im Jahr 2009 der Fall war.

Ein Weg, mit dem alle Seiten leben können?

Nachdem die unilateralen Maßnahmen so langsam alle beschlossen sind und sich der Fallout abzuschwächen beginnt, geht es nun zum nächsten Schritt, einem multilateralen Vorgehen. In den letzten Tagen schien es zwar recht schwierig zu sein, hier eine gemeinsame Position zu finden, nun aber scheint es zur Annährung der Seiten zu kommen. China signalisiert (wenn auch schwach) ja schon seit einigen Tagen, dass man eventuell zu Maßnahmen bereit sei und nun hat auch Südkorea einen Schritt gemacht (wenn die Berichte stimmen), indem es sich mit einem gemeinsamen Statement des UN Sicherheitsrat zufrieden geben würde. Mit dieser Lösung könnten vermutlich alle Seiten leben, denn Nordkorea hätte keine weiteren Beschränkungen zu erwarten, womit China seine Schutzfunktion erfüllt hätte und sich die Lage in Chinas Nachbarschaft nicht weiter destabilisieren würde. Für Südkorea und die USA gäbe es eine gemeinsame Verurteilung Nordkoreas durch die Staatengemeinschaft zu vermelden und der worst case, nämlich garkeine Reaktion der UN als Vertreterin aller Staaten wäre abgewendet, während die eigentliche Strafe für Nordkorea auf unilateralem Weg geschehen wäre. Ein guter Kompromiss wie ich denke. Ob dieser jedoch auch tatsächlich am Ende der Diskussionen stehen wird, das dürfte sich dann in einigen Tagen zeigen.

Der Untergang der Cheonan – Keine neuen Fakten aber viele neue Artikel: Was dahinter stecken könnte


Es gibt weiterhin nicht viel Neues Rund um Nordkorea. Annähernd alle Meldungen beziehen sich auf den Untergang der Cheonan (Das südkoreanische Schiff war vor etwa drei Wochen nahe der Seegrenze zu Nordkorea gesunken und die Ursache ist bisher nicht geklärt, aber die Möglichkeit das Nordkorea dafür verantwortlich sein könnte, ist bisher noch nicht ausgeschlossen worden). Das finde ich nach wie vor erstaunlich, weil es noch immer keine neuen Fakten gibt. Die Untersuchungen des gehobenen Teils der Cheonan ergaben bisher nur, dass die Katastrophe die vermutlich 46 Todesopfer (Die Leichen von 38 Seeleuten wurden gefunden, acht werden weiterhin vermisst) gefordert hat, sehr wahrscheinlich von einer Explosion außerhalb des Schiffes verursacht wurde. Dieser Umstand war zuvor auch schon durch Aussagen der Schiffsbesatzung als am Wahrscheinlichsten angesehen worden. Allerdings wurde bisher nicht näher darauf eingegangen, was konkret die Ursache dieser Explosion gewesen sein könnte.

Während also die Möglichkeiten, dass das Schiff auf ein Riff gelaufen sein oder es durch menschliches oder technisches Versagen zu einer Explosion im Inneren des Schiffs gekommen sein könnte, nun fast ausgeschlossen werden können, sind weitergehende Aussagen bisher nicht möglich. Erstaunlicherweise hat sich trotz der Tatsache, dass sich an der Faktenlage kaum etwas geändert hat, der Ton – vor allem in den südkoreanischen Medien – verschärft. Dort ist viel die Rede von Torpedos und Mini-U-Booten und es werden erste Spekulationen laut, wie eine mögliche Vergeltung für den Angriff (der ja bisher nicht bewiesen ist) aussehen könnte. Als Belege dafür, dass ein Torpedoangriff die Wahrscheinlichste Ursache für den Zwischenfall darstellt, werden Gegebenheiten hinzugezogen, die auch schon vor zwei Wochen bekannt waren, damals aber weniger beachtet wurden. Die Regierung hält sich im Gegensatz zu den Medien weiterhin zurück. Südkoreas Präsident Lee Myung-bak erklärte in einer emotionalen Ansprach im südkoreanischen Fernsehen, er werde die Umstände des Untergangs bis ins letzte Detail untersuchen lassen und entschieden und standhaft auf die Ergebnisse reagieren (Wenn man will, kann man in diese Aussagen Hinweise auf und für Nordkorea herauslesen. Viele Medien wollen ofensichtlich).

Weshalb ich mich dieses Themas schon wieder annehme, bevor es nähere Ergebnisse gibt? Das hat damit zu tun, dass es mich überrascht, dass sich die Medien im Vorfeld der Bekanntgabe der Ergebnisse schon scheinbar weitestgehend darauf geeinigt haben, dass Nordkorea die Katastrophe durch einen Torpedoangriff  herbeigeführt hat. Vorreiter ist (mal wieder die Chosun Ilbo), die in den letzten Tagen gleich drei Fässer aufgemacht hat, die mehr oder weniger aussagekräftig als Beleg für die Verwicklung Nordkoreas in die Schiffskatastrophe gelten sollen (Das südkoreanische Militär sei zunehmend überzeugt von einem Angriff Nordkoreas; Es gebe Gerüchte, die auf eine Vergeltungsaktion für das verlorene Seegefecht im Gelben Meer im vergangenen Jahr hinwiesen und Nordkoreas Beteuerungen, nichts mit dem Zwischenfall zu tun zu haben seien unglaubwürdig, da Nordkorea dafür bekannt sei, nicht zu seinen Taten zu stehen). Aber auch die anderen Zeitungen fügen ihre eigenen Ideen hinzu. So sieht die Nation den Besuch einer Geheimdienstmitarbeiterin  kurz nach dem Zwischenfall, die Informationen über nordkoreanische Bewegungen in der fraglichen Zeit mit ihren südkoreanischen Kollegen ausgetauscht hat, als Beleg für eine Beteiligung Nordkoreas genommen. Garniert mit der Aussage, dass immer mehr Experten eine Explosion am Äußeren des Schiffes als Ursache annähmen ergibt das Ganze dann die Schlagzeile: „US Suspects North Korean Involvement in Ship Sinking„. Naja. Aber natürlich bleibt man nicht dabei stehen, nur Nordkoreas Angriff beweisen zu wollen. Da dieses Ziel durch die Vielzahl von „Informationen“ ja quasi schon erreicht ist, kann man ja direkt einen Schritt weitergehen und über die Konsequenzen des Handelns Nordkorea nachdenken. Hier kommt dann vom UN-Sicherheitsrat bis zum militärischen Vorgehen alles auf den Tisch und es werden schonmal Vor- und Nachteile der verschiedenen Vorgehensweisen durchgesprochen.

Und was soll das Alles? Ich habe keine Ahnung, allerdings gibt es verschiedene Möglichkeiten, aufgrund derer man sich in den Medien Südkoreas so auf das Torpedoszenario eingeschossen (Ach wie herrlich die Redewendung zum Kontext passt!) hat. Es könnte natürlich sein, dass intern etwas mehr verlautet, als dann letztlich nach außen dringen soll und darf. Das würde bedeuten die Medien wüssten schon was passiert und würden die Menschen sozusagen vorbereiten und schonmal die öffentliche Diskussion um die weitere Vorgehensweise gegenüber dem Norden anstoßen. Was dagegen spricht ist allerdings die Tatsache, dass Yonhap (deren Autoren normalerweise erst dann etwas schreiben, wenn sie es wissen) sich bei den Spekulationen sehr zurückhält. Eine andere Möglichkeit wäre ne kleine Kampagne um Druck auf Nordkorea zu entfalten. Allerdings ist hier der Sinn der Aktion schwer zu ergründen. Der dritte Hintergrund, den ich sehr interessant finde, hat mit den am zweiten Juni anstehenden Zwischenwahlen in Südkorea zu tun. Das Wall Street Journal weist zum Beispiel darauf hin, dass der Cheonan-Zwischenfall Einfluss auf die Ergebnisse der Zwischenwahlen haben könnte. Das kann ich mir auch sehr gut vorstellen und ich kann mir auch vorstellen, dass das Ergebnis der Untersuchungen je nach Ausgang verschiedenen Parteien nutzen kann. Wäre Nordkorea durch einen Torpedoangriff direkt für den Untergang der Cheonan verantwortlich, so würde das eher dem Präsidenten und seiner GNP nutzen. Lee ist für eine harte Politik gegenüber Nordkorea bekannt und ein solcher Zwischenfall würde ihn in seinem Vorgehen bestätigen, während die Opposition, die teilweise mit der Politik des Ausgleichs von Kim Dae-jung und seinen beiden Nachfolgern in Verbindung gebracht wird, durch eine solche Tatsache eher in Misskredit käme. Wäre das Schiff allerdings auf eine Mine gelaufen, hätte das weniger direkte Auswirkungen oder würde gar ein negatives Licht auf die Arbeit der Regierung werfen, die ihre Armee nicht so ausrüstet, dass eine solche Katastrophe verhindert werden kann. Das Ergebnis der Untersuchung könnte also nicht genau abzusehende Auswirkungen auf das Ergebnis der Wahlen haben. Am sichersten wäre es also, dass Ergebnis der Untersuchung bis nach den Wahlen hinauszuzögern, während es ganz im Sinne der Regierung wäre, wenn sich in der Bevölkerung der Eindruck durchsetzen würde, dass Nordkorea die Cheonan angegriffen hätte. Zu diesem Komplex passen auch Aussagen der für die Untersuchung verantwortlichen, dass es Monate dauern könnte, bis Ergebnisse vorlägen. Bis zu den Wahlen sind es noch sechs Wochen. Naja, ich bin jedenfalls mal gespannt wie schnell die Ermittlungen vorangehen werden und welche Beweise Südkoreas Presse bis dahin noch ausgräbt.

Südkoreanisches Kriegsschiff sinkt nahe der Seegrenze zu Nordkorea


Update II (28.03.2010): Der Grund für den Untergang der Cheonan ist noch immer nicht klar und dementsprechend wird weiterhin über mögliche Ursachen spekuliert. Als gesichert gilt, dass eine Explosion ein Loch ins Heck des Schiffs gerissen hat, so dass dieses innerhalb von drei Stunden sank. Es werden drei Szenarien beschrieben, die zu der Detonation geführt haben könnten. Erstens wird gemutmaßt, dass das Schiff auf ein Riff gelaufen sein, was die im Inneren des Schiffs gelagerten Waffen explodieren ließ, hier wird auch auf die Möglichkeit verwiesen, dass das Schiff eine der anti-U-Boot Minen getroffen haben könnte, die in der Vergangenheit sowohl von Süd- als auch von Nordkorea entlang der NLL ausgesetzt worden sind. Zweitens könnten menschliches Versagen oder ein Defekt Waffen an Bord zur Explosion gebracht haben. Drittens wird auch die Möglichkeit eines Angriffs von außen (Nordkorea) weiterhin nicht ausgeschlossen. Das deutschsprachige Blog gomdorinuri, dass von Seoul aus berichtet und daher einen besseren Blick auf die Berichterstattung der südkoreanischen Medien hat, verweist darüber hinaus auf einen möglichen Zusammenhang zu den nordkoreanischen Artillerieübungen, die Ende Januar nahe der NLL stattgefunden haben. So könnte ein Blindgänger aus diesem Beschuss in das Gebiet in dem es zu dem Unglück kam, abgetrieben worden sein. Ein Hinweis in diese Richtung könnten auch die Aussagen südkoreanischer Offizieller sein, die eine direkte Verwicklung Nordkoreas als unwahrscheinlich bezeichnen; nicht aber eine indirekte. Klarheit wirds wohl erst nach einer näheren Untersuchung des Wracks geben, was noch einige Wochen dauern könnte.

Update I (27.03.2010): Relativ (relativ, weil immernoch 46 Seeleute vermisst werden) gute Nachrichten gibts aus Südkorea. Es wird als zunehmend unwahrscheinlich angenommen, dass es eine nordkoreanische Verwicklung in den Untergang der Korvette Cheonan im Gelben Meer gebe.

Die gemeldeten Schüsse eines anderen südkoreanischen Kriegsschiffes, die unter anderem als Hinweis in diese Richtung gesehen wurden, galten scheinbar einem Vogelschwarm, der auf dem Radar wie ein nicht identifiziertes Schiff erschienen war. Weiterhin sei der Ort des Untergangs relativ weit von nordkoreanischem Gebiet entfernt. Zwischen der Stelle des Vorfalls und nordkoreanischem Gebiet liege die von Südkorea beherrschte Insel Baengnyeong, so dass für eine nordkoreanische Beteiligung ein riesiges Loch in der südkoreanischen Verteidigungslinie klaffen müsste. Auch US-amerikanische Offizielle gaben bekannt, dass keine Hinweise für nordkoreanische Aktivitäten in diesem Gebiet vorlägen. Also sieht es vorerst mal aus, als würde es zu keinen größeren Störungen des Friedens in der Region kommen, was für alle Beteiligten als die bessere Alternative zu werten ist. Allerdings wirft der Vorfall und vor allem die unmittelbaren Reaktionen darauf auch ein Schlaglicht auf die angespannte Stimmung, die derzeit auf der Koreanischen Halbinsel herrscht.

Ursprünglicher Beitrag (26.03.2010): Berichten zufolge ist vor einigen Stunden ein südkoreanisches Kriegsschiff nahe der umstrittenen Seegrenze zu Nordkorea gesunken. Das 1.200 Tonnen schwere Schiff soll 104 Seeleute an Bord gehabt haben, von denen mindestens 50 gerettet worden sein sollen. Nach unbestätigten Berichten soll eine Explosion am Heck des Schiffes für das Sinken verantwortlich sein, diese könnte von einem Torpedoangriff herrühren. Was auch mit der Meldung zusammenpassen würde, dass ein zur Hilfe geeiltes südkoreanisches Schiff das Feuer auf ein nicht identifiziertes nordkoreanisches Schiff eröffnet hätte. Bisher ist nichts Weiteres über den Vorfall bekannt und bis es genauere Infos gibt, werde ich mich mal mit Spekulationen zurückhalte.

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