Nordkorea braucht das Ausland nicht mehr für sein Nuklearprogramm — Hintergrund und strategische Konsequenzen


So, nachdem die Bundestags- und Landtagswahlen zumindest teilweise zu meiner Zufriedenheit abgelaufen ist (es war wirklich einer meiner größten Träume, dass die extremsten Verfechter des Marktes auch mal nach diesen Maßstäben beurteilt werden und als Anbieter eines nicht marktfähigen Produkts, dementsprechend behandelt werden (da bin ich ganz bei Gernot Hassknecht…)), kann ich wieder zum Alltagsgeschäft zurückkehren. Ich kam in der letzten Woche wirklich wenig dazu, die Nachrichten im Auge zu behalten, aber gestern gab es etwas, das ich höchst interessant fand.

Nordkorea ist autark – Zumindest mit Blick auf Nukleare Produktionskapazitäten

Da wurde berichtet, dass Nordkorea nach Einschätzung von Experten dazu in der Lage ist, die Komponenten für die Produktion von auf Uran basierenden Atombomben im eigenen Land zu produzieren. Dabei geht es wohl vor allem um die recht komplexen Gaszentrifugen. Laut Joshua Pollack (den ich als Autor von Arms Control Wonk sehr schätze schon zuvor sehr schätzte) und Scott Kemp verfügt Pjöngjang bereits seit spätestens 2009 über diese Fähigkeit. Die Erkenntnisse haben die beiden Autoren aus Fotografien nordkoreanischer Medien, aus Publikationen in nordkoreanischen Fachzeitschriften und nordkoreanischen Patentanmeldungen gewonnen.
Wirklich interessant ist dabei nicht unbedingt die Tatsache, dass Nordkorea ganz beachtliche technologische Fähigkeiten besitzt und die Gerätschaften zur Anreicherung von Uran selbst bauen kann, sondern vielmehr, was daraus folgt. Denn mal ganz ehrlich, ob die Führung aus Pjöngjang die Geräte nun auf irgendwelchen verworrenen Wegen aus dem Ausland herbeischaffen kann oder ob die Zentrifugen im eigenen Land gebaut werden, das ist jetzt mehr eine Detailfrage, jedoch ergeben sich wie gesagt aus dieser inländischen Produktion einige strategische Konsequenzen.

Nordkoreas zweigleisiges Nuklearprogramm

Um die näher zu erläutern muss ich nochmal kurz auf Nordkoreas Nuklearprogramm im Allgemeinen eingehen. Denn wie einige, aber vielleicht nicht alle von euch wissen, verfolgt Pjöngjang  sozusagen ein zweigleisiges Programm. Das ältere und bekanntere ist das auf Plutonium basierende Programm, für das der Reaktor und die Anreicherungsanlagen in Yongbyon eine große Rolle spielen. Dass dieses keineswegs beendet ist, zeigt nicht zuletzt die Tatsache, dass man den zwischenzeitlich nach einer Vereinbarung im Rahmen der Sechs-Parteien-Gespräche um die Denuklearisierung der Koreanischen Halbinsel stillgelegten 5 MW Reaktor in Yongbyon wieder fit gemacht und vermutlich am wieder anfahren ist. Dass wir so viel über diesen Strang des Nuklearprogramms wissen, hat vor allen Dingen damit zu tun, dass man Reaktoren und Anreicherungsanlagen so schlecht vor Satelliten verstecken kann. Das heißt, über dieses Programm ist sehr viel bekannt und man kann sich relativ gut ausrechnen, was da an waffenfähigem Material maximal und minimal produziert worden sein könnte. Ganz anders sieht das mit dem Uran-basierten Strang des nordkoreanischen Nuklearprogramms aus. Über diesen Strang wissen wir im Endeffekt fast nichts. Ein bisschen was aus den Anfangsjahren des Jahrtausends, als Importe von Zentrifugen bekannt wurden und ein bisschen was aus den letzten Jahren, als Nordkorea das Programm, bzw. den Teil, den es eben zeigen wollte, ausländischen Experten vorführte. Anders als im Fall des Plutonium-basierten Programms können die Zentrifugen zur Anreicherung von Uran sehr gut versteckt werden. Beispielsweise kann man einfach einen sehr tiefen und großen Bunker bauen und die da reinstellen, oder man packt sie in einen oder mehreren bestehende Bunker (es gibt nur gewisse Mindestmengen an Zentrifugen, die zusammengeschaltet sein sollte und den Bedarf an sicherer Stromversorgung). Naja und in Anbetracht der Tatsache, dass das nordkoreanische Militär im Bunkerbauen und sich eingraben ganz groß ist, sollte man sich keine Illusionen darüber machen, dass nicht genug Platz für die Anlage da sein könnte. Wir haben also nur gesehen, was wir sehen sollten, der Rest sind mehr oder weniger begründete Spekulationen (wobei die bestbegründeten Spekulationen vermutlich von David Albright kommen).

Strategische Folgen aus eigenständigen Produktionskapazitäten

Und hier kommt dann die Fähigkeit zur selbstständigen Produktion der Zentrifugen ins Spiel. Denn wenn wir schon nicht sehen bzw. kontrollieren können, was mit den Zentrifugen im Land passiert, so haben wir doch immernoch die Möglichkeit, mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit rauszubekommen, was ins Land hereinkommt. Das sich immer weiter verschärfende Sanktionsregime gegen Nordkorea stellt hierfür das ideale Werkzeug dar. Einerseits kann man so ungefähr hochrechnen, was so ins Land reingeschafft wird, andererseits kann man so das Programm verlangsamen, indem man kritische Komponenten nicht ins Land reinlässt.
Theoretisch jedenfalls, denn wenn Pjöngjang in der Lage ist, alle Komponenten selber zu produzieren, dann kann man weder was aufhalten, noch kann man was abschätzen. Man ist vollkommen hilflos und hat keinerlei (nicht kriegerische) Mittel in der Hand, das Regime an der Produktion nuklearwaffenfähigen Urans zu hindern und gleichzeitig hat man auch kaum sinnvolle Möglichkeiten, abzuschätzen wieviel Uran welchen Anreicherungsgrades jetzt schon produziert wurde.
Wenn man also das Ziel verfolgt, Nordkorea an der Produktion nuklearwaffenfähigen Materials oder von Nuklearwaffen zu hindern, dann ist man in einer strategisch sehr ungünstigen Lage, denn eigentlich kann man das nur schaffen, indem man entweder Krieg führt, oder einen Verzicht Pjöngjangs aushandelt. Da man aber so wenig Vertrauen in die Führung dort hat (vollkommen zurecht, ich würde einem  Verhandlungsergebnis mit Nordkorea auch sehr vorsichtig gegenüberstehen, wenn man auf all das zurückblickt, was in den letzten 20 Jahren schon vereinbart wurde (das soll aber nicht heißen, das die Führung in Pjöngjang dafür die Alleinschuld trägt)), ist im Endeffekt verhandeln wohl kaum ein gangbarer Weg. Gleichzeitig ist Kriegführen aber aktuell wohl auch keine Option.

Das Sanktionsregime gegen Nordkorea: Neu überdenken?

Hm, schwierig das alles. Vielleicht müssten sich da einige Parteien mal Gedanken darüber machen, ob ihre Zielsetzungen noch realistisch sind. Gleichzeitig wird hierdurch aber auch das Sanktionsregime in Frage gestellt. Denn 1. hat es offensichtlich nichts dazu beigetragen, Nordkorea daran zu hindern, das Nuklearprogramm voranzutreiben, 2. ist es jetzt nur noch bedingt ein adäquates Werkzeug, Nordkorea künftig daran zu hindern.
Nordkorea muss keine Materialien mehr für das Uran-basierte Programm einführen, also können Sanktionen den Fortschritt des Programms maximal indirekt verhindern. Und das zu hohen Kosten, denn wenn man die Sanktionen als Methode einsetzt, dem nordkoreanischen Regime durch die Schwächung der Wirtschaft Mittel für das Nuklearprogramm zu entziehen, dann ist das ein sehr schwieriger Weg. Denn man entzieht dem Land gleichzeitig auch Mittel zur Umsetzung anderer Ziele. Zum Beispiel der Ernährung der Bevölkerung. Klar, wenn Pjöngjang nichts in das Nuklearprogramm investieren, sondern die Menschen ernähren würde, gäbe es hier kein Problem. Nur sind Diktaturen nicht unbedingt für ihre Menschenliebe bekannt und die in Pjöngjang besonders wenig. Also ist dieser Weg, das Nuklearprogramm zu bremsen gleichzeitig ein Weg, der die Bevölkerung aushungert. Natürlich kann man die moralische Verantwortung an die Führung in Pjöngjang abschieben, nichtsdestotrotz trägt man, wenn man diesen Weg weiter verfolgt, eine reale Mitverantwortung für jeden Menschen der in Nordkorea hungert.

Aber versteht das jetzt nicht falsch, ich plädiere nicht dafür, alle Sanktionen gegen Nordkorea aufzuheben oder sowas. Natürlich soll die Führung in Pjöngjang sich nicht auf dem Weltmarkt mit den neuesten Maschinen zur Produktion von Nuklearanlagen oder so eindecken können. Aber man muss wohl oder übel jedes Produkt, das sanktioniert ist und auch die Sanktionen, die auf die Finanzströme zielen, einer genauen Prüfung unterziehen, inwiefern sie direkt auf die nordkoreanischen Waffenprogramme zielen und inwiefern sie auch „Kollateralschäden“ in anderen wirtschaftlichen Bereichen nach sich ziehen. Und wenn man das schon tut, dann  muss man wohl oder übel auch fragen, inwiefern die gegenwärtige Strategie gegenüber Nordkorea vollkommen in der Sackgasse steckt. Denn aktuell fällt den westlichen Staaten ja eigentlich nichts mehr ein, als Sanktionen zu verschärfen, wenn sich Nordkorea „missverhält“ und auf eine Politikänderung Pjöngjangs zu  warten, wenn alles in „normalen Bahnen“ läuft. Da aber eigentlich keine Sanktionen mehr denkbar sind, die nicht auch große wirtschaftliche und menschliche Kollateralschäden erwarten lassen, ist diese Strategie eigentlich am Ende.

Neue Strategie ist nötig: Vertrauen muss wieder hergestellt werden

Es ist an der Zeit das verloren Vertrauen wieder herzustellen. Das ist ein unangenehmer, anstrengender und vor allem langwieriger Prozess, aber solange man das aktuelle Vorgehen weiter treibt, wird Nordkorea sein Uranprogramm weitertreiben und das hilft im Endeffekt weder den westlichen Staaten noch Pjöngjang. Man muss sich so bald wie möglich auf den Weg zum Ausgleich und in einem ersten Schritt zum direkten Austausch machen, denn Vertrauen entsteht nicht durch Bedrohung und Erpressung. Ich würde mir wünschen, dass Barack Obama sich eingestehen würde, dass seine Strategie der letzten Jahre ine vollständiger Fehlschlag war und dass er jetzt umkehren muss. In Präsidentin Park hat er hierfür eine Partnerin, die dem wohl offen gegenüberstehen würde (zumindest offener als ihr verbohrter Vorgänger) und auch die meisten anderen Involvierten Staaten wären vermutlich erleichtert, denn der Weg, den die Dinge auf der Koreanischen Halbinsel aktuell gehen, kann eigentlich in niemands Interesse sein.

Wird Nordkorea eine Atombombe Testen? Einflussfaktoren und Implikationen


Spätestens seit die nordkoreanische Rakete, die einen Wetterbeobachtungssatelliten ins All transportieren sollte, kurze Zeit nach dem Start auseinanderbrach und ins Meer stürzte, begannen man in Wissenschaft und kurz darauf auch Politik darüber nachzudenken, ob nun bald ein Nukleartest Nordkoreas zu erwarten sei. Daher dachte ich mir, dass ich mal ein bisschen beleuchte, welche Faktoren aktuell in Nordkoreas Kalkulation für oder gegen einen Test eingehen könnten.

Was auf einen Test hindeutet

Diese Überlegung ist bei einer näheren Betrachtung der Historie des nordkoreanischen Nuklearwaffenprogramms, aber auch der aktuellen Rahmenbedingungen nicht besonders abwegig.

Historisches Muster

Erstmal würde ein solcher Test einem bisher zweimal gesehenen Muster folgen. Danach gibt es einige Monate nach dem Test einer Langstreckenrakete (bzw. „Satellitenstart“ 2009) einen Nukleartest. Das war 2006 so und 2009 auch. Wieso das genau so war, darüber kann man nur spekulieren. Vielleicht denkt man in Pjöngjang nach dem Motto „Ist der Ruf erst ruiniert…“ denn unabhängig davon, ob man „nur“ eine Rakete startet oder auch noch gleich eine Atombombe dazu testet; Die außenpolitische ist so oder so sehr angespannt und wenn man die „Paketlösung“ wählt, muss man nur einmal die Mühen auf sich nehmen, die die Reparatur des zerschlagenen Porzellans nach sich zieht. Da dieses Mal besonders viel Porzellan zu Bruch ging, gibt es jetzt nicht mehr so viel zu zerdebbern, so könnte man in Pjöngjang  denken.

Innenpolitische Erwägungen

Aber auch mit internen Bedürfnissen könnte ein solcher Test erklärt werden. Kim Jong Un ist neu im Amt und egal wie gut er reden kann und wie schnell er die Schlüsselpositionen im Staat besetzt, er wird irgendwann auch mal beweisen müssen, dass er eine Führungsperson ist. Und wie könnte er diesen Beweis besser antreten, als durch einen kräftigen Bums.

Gerade vor dem Hintergrund der Tatsache, dass der jüngste Satellitenstart in die Hose ging und man dies auch noch öffentlich vor der Bevölkerung eingestanden hat, könnte man in der Führungsspitze in Pjöngjang das Bedürfnis verspüren, Stärke zu beweisen. Ein ordentlicher Rums würde wohl auch helfen, mögliche Zweifel, die nach dem Raketenabsturz dem Einen oder Anderem gekommen sein könnten, zu zerstreuen.

Jedoch kann Kim Jong Un auf diesem Wege auch den Worten, die er an Opas Geburtstag sprach, nun auch Taten folgen lassen. Seine Ansage war unter Anderem, dass die Songun-Politik seines Vaters (dem Militär kommt eine Sonderstellung im Staat zu) weiterhin Leitlinie der nordkoreanischen Politik sei. Und das kann man zum Beispiel bestens demonstrieren, indem man dem Militärischen offensichtlich vor allem Anderen — vor allem aber vor dem Außenpolitischen — Priorität einräumt.

Damit eng verbunden wäre auch die Demonstration von Unabhängigkeit gegenüber allen äußeren Mächten, was einem Anspruch der Juche-Ideologie nachkäme, die einen starken Fokus auf diese Unabhängigkeit (manche sagen Autarkie) des Landes legt. Denn ein Nukleartest würde nicht nur die Gegner verärgern, sondern auch die Freunde. China hat schon geäußert, dass man keinen Nukleartest wünsche und vermutlich hat man das auch bei den hochrangigen Treffen der letzten Wochen so kommuniziert. Ein Nukleartest würde also zum wiederholten Male demonstrieren: „Niemand kann unsere Politik beeinflussen. Auch China nicht. Wenn wir einen Nukleartest für nötig halten, dann kann uns keiner davon abhalten.“

Technische Notwendigkeit

Weiterhin darf man natürlich nicht vergessen, dass die Tests nicht aus reinem Spaß aus der Freude bzw. nur aus politischer Motivation durchgeführt werden.  Nordkoreas „Bombe“ ist noch nicht wirklich fertiggebaut. Um das zu tun braucht man weitere Daten und um die zu bekommen brauch man Tests. Immerhin verbläst man mit jedem Test über 10 Prozent der Menge an Plutonium, die zur Verfügung stehen. Nach Expertenschätzungen verfügt Pjöngjang zurzeit über Plutonium für 8 Bomben. Das ist nicht wirklich viel. Daher wird man die Tests nicht allein am politischen, sondern auch am technischen Bedarf ausrichten (denn was würde es Pjöngjang bringen, wenn man irgendwann das perfekte Know How zum Bau einer Bombe hat, aber kein Material mehr, um das umzusetzen).

Ihr seht, es gibt gute Gründe einen Nukleartest zu erwarten und dementsprechend tun das auch viele. Am witzigsten haben Noland und Haggard diese Erwartung kommuniziert. Sie hatten scheinbar keine Lust viel darüber zu schreiben und starteten stattdessen den „We begin bombing in five minutes”-contest. Gewinner in dem Wettbewerb ist derjenige, der am besten tippt, wann Nordkorea seinen nächsten Nukleartest durchführt. Ein bisschen ernsthafter sind naturgemäß die Aussagen aus der Politik, die sich unter den Sammelbegriff „Warnung“ fassen lassen und die eigentlich allenthalben, auch zum Beispiel von Ban Ki-moon, zu hören sind.

Satellitenbilder

Dass alldas keine Spekuliererei im luftleeren Raum ist, zeigte sich spätestens am vergangenen Freitag, als die Fernaufklärer von 38 North mal wieder ein paar Ergebnisse ihrer Arbeit vorlegten. Danach konnte man auf dem Nukleartestgelände in Punggye-ri zwischen dem 08.März und dem 18. April auf rege Aktivitäten schließen und es gibt eindeutige Zeichen für die Lieferung von Material und Aushubarbeiten. Nach Aussage der Analysten von 38 North deutet dies darauf hin, dass die Vorbereitungen für einen Nukleartest so vorangetrieben würden, als sei der Test schon beschlossene Sache.

Was gegen einen Test spricht

Ich bin zwar immer wieder beeindruckt, was man alles so aus Satellitenbildern rauslesen kann, aber ich glaube man kann heutzutage noch nicht in die Köpfe der Akteure gucken. Dementsprechend kann man auch noch nicht wissen, ob der Test beschlossene Sache ist oder nicht, denn immerhin hat so ein Test auch einige Nachteile.

Außenpolitische Erwägungen, v.a. China

Neben einer zu erwartenden neuen Resolution des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen, die neue schärfere Sanktionen erhalten würde, die aber wohl zu verschmerzen wäre, würden vor allem die Beziehungen zu China ein weiteres Mal schwer belastet werden. China hält einige Lebensfäden Pjöngjangs in der Hand und weiß das auch, traut sich aber nicht so recht, sich mit der Schere an dem Einen oder Anderem dieser Fäden zu schaffen zu machen. Dafür muss es international viel Druck aushalten und diese Rücksichtnahme auf Pjöngjang stellt wiederum eine Belastung der Beziehungen zu anderen Schlüsselakteuren der Region dar. Die Andeutung einer Änderung der Flüchtlingspolitik hinsichtlich nordkoreanischer Flüchtlinge, stellte meiner Meinung nach eine erste Botschaft dar, dass man Pjöngjang nicht alles durchgehen lassen wird. Dem könnten weitere Botschaften folgen, die irgendwann auch wirklich schmerzhaft für Pjöngjang werden könnten.

Strategische Erwägungen: Die Abschreckungskraft des Nichtwissens

Ein weiterer Faktor der nicht zu vernachlässigen ist, ist die strategische Abschreckungskraft der Bombe. Denn die Abschreckungswirkung über die das Gerät zurzeit verfügt, dürfte nicht nur daraus erwachsen, was man über Nordkoreas Fähigkeiten weiß, sondern zu einem genauso großen Teil daraus, was man nicht weiß. Mit jedem Test gibt man zumindest ein Stück weit diesen strategischen Vorteil auf. Mit jedem Test sammeln nicht nur nordkoreanische Techniker weiteres Wissen, sondern auch amerikanische und südkoreanische Militärs. Man kann auch davon ausgehen, dass neben den wissenschaftlichen Fernaufklärern eine Menge militärischer Kollegen Matrial über die Vorbereitungen auswertet und wer weiß, was die daraus so alles erfahren können. Ein fehlgeschlagener Test kann daher aus strategischer Perspektive mehr Vor- als Nachteile mit sich bringen.

Wild Cards

Pjöngjang dürfte aus den dargestellten Gründen sehr vorsichtig sein und Vor- und Nachteile sehr genau gegeneinander abwägen. Natürlich kann ich das strategische Kalkül nicht wirklich nachvollziehen, weil die Datenbasis dafür viel zu dünn ist, aber die Kalkulation dürfte nicht super eindeutig sein. Vor allem weil noch einige weitere, nicht berechenbare Dinge zu bedenken bleiben.

Verhandlungsmasse?

Einerseits weiß Pjöngjang, dass die ganze Welt genau bei den aktuellen Erdarbeiten zusieht. Ich halte es nach wie vor nicht für unmöglich, dass der Test noch nicht beschlossen ist, sondern dass sich darüber verhandeln ließe. Es gab noch keine Ankündigung und wenn sich die anderen Parteien dazu durchringen würden, außer Warnungen auch Angebote auszusprechen, zum Beispiel für Verhandlungen, dann wäre der Test möglicherweise Teil der Verhandlungsmasse. Vielleicht sind die Vorbereitungen von Pjöngjang sogar so gedacht. Also quasi ein Lockmittel, der die anderen Parteien verhandlungsbereiter machen soll. Allerdings sieht es zurzeit nicht so aus, als habe jemand Lust zu verhandeln und daher werden wir das vermutlich nicht erfahren.

Besonderer Test?

Andererseits könnte es sein, dass Pjöngjang besondere Hoffnungen in diesen Test setzt, weil es ein besonderer Test werden soll. Wenn es einen Test gäbe, bei dem eine auf Uran basierende Bombe zur Explosion käme, dürfte dies das strategische Kalkül der Gegner durcheinanderwürfeln, denn damit wäre klar, dass Pjöngjang einen zweiten Weg zur Bombe kennt und momentan täglich neues Material für neue Bomben dazukommt, damit wäre die Materialbegrenzung Pjöngjangs aufgehoben, es gäbe keine auch nur annähernd zuverlässigen Schätzungen mehr, über wieviel Bombenfähiges Material Pjöngjang verfügt und die strategische Ungewissheit der Gegner würde sich damit wieder deutlich erhöhen (vor allem, weil Uran scheinbar für den Bau und die Miniaturisierung von Bomben wesentlich besser zu handhaben ist). Außerdem wäre ein solcher Test aber eine große Überraschung für westliche Beobachter und Geheimdienste, denn die vermuten, dass Pjöngjang noch einige Zeit brauchen wird, bis das Uranprogramm einen Anreicherungsgrad erreicht, der für den Bau einer Bombe ausreicht und würde dem Selbstbewusstsein der Schlapphüte wohl wieder einen empfindlichen Schlag versetzen. Aber dass Nordkorea in diesem Feld immer wieder für Überraschungen gut ist, wurde ja schon öfter bewiesen.

Blankoscheck

Weiterhin kann es natürlich noch sein, dass der China-Faktor garnicht eine so große Rolle spielt wie das gemeinhin angenommen wird (so glaubt Jonathan Pollack vom Brookings Institute zum Beispiel, dass sich Pjöngjang wegen China gegen einen Nukleartest entscheiden würde). Man spricht ja viel und auch hochrangig zwischen Pjöngjang und Peking und vermutlich wird da auch die Möglichkeit eines Tests eine Rolle spielen. Für das Kalkül Pjöngjangs dürfte es nicht zuletzt wichtig sein, welche Signale zu diesen Anlässen (beispielsweise dem Treffen zwischen Kim Yong-nam und Hu Jintao sowie anderen hochrangigen Vertretern Pekings vor ein paar Tagen) aus China kamen. Man kann sich da ja allerhand vorstellen (Die Spanne reicht von „Wenns notwenig ist, dann gut.“ über „Es gefällt uns nicht, aber wenns garnicht anders geht! Macht was ihr nicht lassen könnt aber ihr müsst euch auf einige kleinere Reaktionen gefasst machen“ bis zu „Das ist inakzeptabel und wir werden euch danach so richtig Ärger machen“) und was genau China von der Möglichkeit eines Nukleartests hält, werden wir wenn überhaupt erst im Nachgang an den Reaktionen Chinas oder deren Ausbleiben ablesen können.

Abwarten und nach Signalen Ausschau halten

Ob Nordkorea tatsächlich eine Bombe testen wird, werden wir wahrscheinlich in den nächsten Wochen erfahren. Im Moment ist es vor allem spannend zu beobachten, ob es von irgendeiner Seite Signale gibt, die eine ernsthafte Initiative hin zur Vermeidung eines solchen Tests andeuten könnte. Jedoch stehen die Zeichen im Moment eher auf Test.

Achja. Das Thema ist ja ein höchst komplexes und gleichzeitig liegt vieles im Dunkeln. Daher meine Fragen an euch: Was denkt ihr. Wird es in den nächsten Monaten einen Test geben und wenn ja, wann? Habe ich vielleicht irgendwelche Faktoren vergessen oder falsch bewertet? Was denkt ihr zu dem Themenkomplex?

Meine allgemeine Ansicht habe ich ja schon oben kundgetan und weil es ja gemein ist, von euch einen Termin zu erfragen, ohne selbst einen zu nennen, gehe ich einfach mal vorweg. Ich glaube, dass es einen Test geben wird und ich glaube es wird noch so zwei Wochen dauern (wenn alle möglichen Politiker warnen, dann gibt es bestimmt Erkenntnisse, die auf ein unmittelbares Bevorstehen hindeuten). Ich glaube es wird montags sein (Tradition und aus Medienökonomischen Gründen). 7. Mai. Würde mich übrigens freuen, wenn ich total danebenläge und Pjöngjang den „dagegens“ ein größeres Gewicht einräumen würde, als den „dafürs“.

Achja, da ich hier so viel vom Testen etc. geschrieben habe, möchte ich euch noch dieses eindrucksvolle Filmchen zeigen. Man sieht: Nordkorea folgt mit den Tests einer „guten alten Tradition…“

Signal aus Pjöngjang: Man will über Urananreicherung sprechen — Nur: Wie lange noch?


Heute hat das nordkoreanische Außenministerium durch einen Sprecher mittels KCNA verlauten lassen, dass der Bau des experimentellen Leichtwasserreaktors (LWR) und die Anreicherung von Uran (bis zu niedrigem Grad, was ausreichen würde, um den LWR zu betreiben, nicht aber um eine Atombombe zu bauen) planmäßig voranschreite. Der Sprecher hob hervor, dass das Uranprogramm einzig friedlichen Zwecken diene und das Nordkorea das legitime Recht habe, ein solches Programm zu betreiben. Außerdem würde man bestehende Sorgen und Unsicherheiten gerne im Rahmen der Sechs-Parteien-Gespräche um die Denuklearisierung der Koreanischen Halbinsel und durch die IAEA ausräumen lassen.

The construction of experimental LWR and the low enriched uranium for the provision of raw materials are progressing apace in reliance on solid foundation of the self-supporting national economy and the country’s latest science and technologies making leaping progress.

The DPRK announced at home and abroad the every phase of its nuclear activities for peaceful purposes geared to the production of electricity because it had nothing to afraid of nor hide. It also clarified its flexible stand that any concerns that may arise may be discussed at the six-party talks and it can convince the world of the peaceful nature of those activities through the International Atomic Energy Agency.

Ansonsten wurde das Uranprogramm als einziger Weg beschrieben den ungedeckten Energiebedarf Nordkoreas zu stillen und als Verantwortliche für die gegenwärtige unsichere Situation wurden die USA und Südkorea ausgemacht, die nicht bereit seien, auf Nordkoreas Angebot einzugehen, die Sechs-Parteien-Gespräche ohne Vorbedingungen wieder aufzunehmen. Vielmehr würden von dieser Seite unilaterale Forderungen gestellt.

Weiteres Signal: Man will verhandeln

Grundsätzlich enthält die Wortmeldung des Außenministeriums nicht viel Neues, außer dass man über sein Uranprogramm spricht, was recht selten vorkommt. Unwichtig ist sie aber meiner Meinung nach wohl trotzdem nicht. Interessant daran ist einerseits, dass das Außenministerium für die Stellungnahme verantwortlich zeichnet. Das ist ein deutlicher Hinweis auf den Zweck der ganzen Übung. Man will nochmal verdeutlichen, dass man sprechen will und dass man zumindest bereit ist, die neuen Anlagen (ob alle weiß man natürlich nicht, das wäre dann wieder das alte Katz und Maus spiel) unter Überwachung der IAEA zu stellen. Nicht bereit ist man allerdings, auf die Forderungen der USA und Südkoreas einzugehen. Aber es ist eben auch etwas mehr, als „nur“ ein weiterer Appell, die Verhandlungen fortzusetzen. Die Rhetorik der nordkoreanischen Propaganda ist in der letzten Zeit wieder etwas schärfer geworden und ich habe mich schon seit einiger Zeit gefragt, wie lange man sich in Pjöngjang wohl damit zufrieden geben wird, sich alle paar Monate mit einem Vertreter der USA und Südkorea zu treffen, um sich ergebnislos zu vertagen.

Wie lange lässt sich Pjöngjang hinhalten?

Die Situation stellt sich nach wie vor so dar, dass keine der beiden Seiten zu substantiellen Zugeständnissen bereit zu sein scheint. Allerdings sieht es für mich so aus, als hätten die USA und Südkorea die Denuklearisierung Nordkoreas als strategisches Ziel zurückgestellt und könnten mit einer festgefahren, aber relativ stabilen Situation, wie sie seit einem Jahr herrscht, gut leben. Vielleicht weil sie durch diese nicht-Veränderung hoffen ihrem langfristigen Ziel, der Veränderung des Systems in Nordkorea näher zu kommen. Kim Jong Ils Regime kommt unter der gegebenen Situation allerdings keinem Ziel näher. Weder kann es hoffen, substantielle Schritte zur langfristigen Bestandssicherung zu machen, noch können kurzfristige Gewinne realisiert werden. Daher dürfte das Regime die Zeit die verstreicht als verloren ansehen und wenn sich der Eindruck verfestigt, dass die USA und Südkorea mit Stillstand ganz zufrieden sind, dann könnte das zu einer Strategieänderung in Pjöngjang führen (ein Thema über das man dort wahrscheinlich schon länger nachdenkt).  Zu vermuten ist, dass man nicht mehr ewig in dieser relativ passiven Wartehaltung verharren wird und sich von den Anderen vertrösten lässt. Ein aus nordkoreanischer Sicht strategisch passender Moment wäre wohl, wenn sowohl in den USA als auch in Südkorea der Präsidentschaftswahlkampf so richtig angelaufen ist. Dann könnte man in beiden Ländern „Signale“ setzen. Was genau Pjöngjang dieses Mal tun würde, um zu provozieren und hinter dem Ofen vorzulocken kann ich mir nicht so genau vorstellen, aber es wäre wohl keine direkte militärische Provokation, weil die mit Lee auf der Gegenseite schlicht zu riskant wäre. Also vielleicht wieder ein Nukleartest oder eine neue asymmetrische Hinterhältigkeit, mit der keiner rechnet.

Neuer Zyklus von Provoklationen?

Ich habe das Gefühl, dass die Zeit für eine wirkliche Annäherung langsam abläuft, dass die Stellungnahme des nordkoreanischen Außenministeriums genau das signalisieren sollte und dass man sich in Washington und Seoul langsam Gedanken machen muss, ob man das wirklich will oder nicht. Ich bin da relativ indifferent, denn die Haltung der USA und Südkoreas ist durchaus nachvollziehbar. Man ist es eben leid, sich immer aufs Neue von Pjöngjang vorführen zu lassen. Allerdings ist die andere Alternative nicht ungefährlich, denn ein neuer Zyklus der Provokationen birgt immer auch das Risiko, dass jemand etwas falsch einschätzt und die Dinge außer Kontrolle geraten. Es liegt bei Seoul und Washington, welcher Weg für die nächsten Monate und vielleicht Jahre eingeschlagen wird, nur sollte man vorbereitet sein, wenn man Pjöngjang zu weiteren Provokationen drängt.

Nordkoreas Nuklearprogramm. CRS-Bericht bietet einen Überblick


Vom Congressional Research Service, dem wissenschaftlichen Dienst der beiden parlamentarischen Kammern der USA, gibt es einen geupdateten Bericht zum Nuklearprogramm Nordkoreas. Auf knapp 30 Seiten bietet der Bericht „North Korea’s Nuclear Weapons: Technical Issues“ einen sehr schönen Überblick über Geschichte, Entwicklungsstand, Verhandlungen und Maßnahmen bezüglich des nordkoreanischen Nuklearprogramms. Mit eingearbeitet sind auch die jüngsten Erkenntnisse, die sich aus den privaten Besuchen einiger wissenschaftlicher Delegationen im Land. Wer sich einen Überblick über das verschaffen will, was man über das Programm sicher weiß oder wer sich über die Geschichte des Programms und der Verhandlungen um selbiges informieren möchte, ohne Gerüchte und Halbwahrheiten von Realem trennen zu müssen, dem sei das Paper wärmstens empfohlen.

Karten auf dem Tisch: Nordkorea zeigt sein Uranprogramm vor


Am besten hätte ich mit meinem Beitrag über den Leichtwasserreaktor (LWR) den Nordkorea in Yongbyon zu errichten begonnen hat, einfach eine ganze Woche gewartet, dann hätte ich die ganzen Infos, die damit zusammenhängen und nach und nach in die Öffentlichkeit tröpfeln, in Einem verarbeiten können. Habe ich aber nicht. Und so muss ich Wohl oder Übel schon wieder über nukleare Fortschritte Nordkoreas berichten. Nur dass es diesmal ein sehr explosiver Informationstropfen war, den Siegfried Hecker (vermutlich nachdem er den Geheimdiensten und Außenamtsleuten Zeit zum Nachdenken gegeben hat geben musste) da in die Freiheit entließ. Dieses Mal ging es nämlich nicht nur um einen erst im Anfangsstadium seines Baus befindlichen LWR, der grundsätzlich auch nicht gefährlich ist. Dieses Mal ging es um eine komplette Anlage zur Anreicherung von Uran (und mit der Anlage kann man das Uran entweder so viel anreichern, dass man damit den LWR betreibt (niedrig) oder man macht noch ein bisschen weiter und kann damit Bomben bauen (ganz so einfach ist das mit dem Anreichern zwar nicht, aber von der Grundidee her schon)).

Aber erstmal zu den Fakten: Auf seiner Reise nach Nordkorea, die er auf Einladung des Regimes in Pjöngjang machte, wurden Siegfried Hecker und seine Begleiter nicht nur zum Gelände des neu entstehenden LWR geführt, sondern auch zu einem Gebäude das sie schon kannten. Allerdings sah es vor zwei Jahren ganz anders aus als heute. Damals war es nämlich leer und es standen keine 2.000 Gaszentrifugen mit moderner Steuerungseinheit dort, mit denen man bei richtiger Konfiguration hoch angereichertes Uran produzieren kann. Inwieweit die Einheit in Betrieb ist und wo genau sie herkommt, sagte man Hecker allerdings nicht. Da hörte es dann doch auf mit der Offenherzigkeit. Was allerdings aus dem was man über das Gebäude weiß klar wird ist, dass das Regime binnen etwas mehr als eines Jahres, eine komplette funktionsfähige Anreicherungsanlage aufbauen konnte. Daraus wird deutlich, dass man damit schon einige Erfahrung zu haben scheint, es ist also nicht die Erste (aber die Erste könnte eine kleine Versuchsanlage gewesen sein). Außerdem scheint die Anlage nach Angaben Heckers ein anderes Design zu haben, als diejenigen, die bisher nach den Plänen des notorischen Proliferators Abdul Kadir Khan, der gegen eine gewisse Gegenleitsung wohl jeden Interessierten an Pakistans Nuklearwissen teilhaben ließ. Was genau das bedeutet wissen die Beobachter noch nicht, allerdings würde ich daraus schließen, dass das Regime ganz „Juche-mäßig“ eigenes Know-How in diesem Feld entwickelt hat. Was Beobachter außerdem noch überrascht zu haben scheint, ist der offenherzige Umgang Nordkoreas mit seiner neuesten Trumpfkarte. Während man Reaktoren wie den in Yongbyon nur schlecht irgendwo  in einem Berg einbuddeln kann, wäre das mit den Zentrifugen durchaus möglich gewesen. Ein paar Fotos oder ähnliches hätten eine ähnliche Überzeugungskraft gehabt, wie der Augenzeugenbericht Heckers. Stattdessen steht die Produktionseinheit in einem Gebäude, das aufgrund seines schönen blauen Daches, bestens zu identifizieren ist. Die Angst vor US-Angriffen scheint da wohl sehr begrenzt zu sein.

Nachdem die Fakten  geklärt sind, kann man sich jetzt über das Gedanken machen, was aus den neuen Erkenntnissen politisch folgt. Erstmal: Kann davon irgendjemand überrascht sein und sich provoziert fühlen? Die Überraschung darüber, dass Nordkorea im Besitz von Gaszentrifugen ist dürfte sich in Grenzen halten. Die USA vermuten das ja schon seit acht Jahren und vor 14 Monaten schrieb der nordkoreanische Botschafter bei den Vereinten Nationen einen Brief, dass Nordkorea die experimentelle Phase der Urananreicherung abgeschlossen habe. Überraschung über die Existenz eines Nuklearprogramms dürfte höchstens bei denen herrschen, die immer alle Aussagen die aus Nordkorea kommen, grundsätzlich für Lügen halten. In dem ISIS-Bericht, auf den ich euch vor ein paar Tagen hingewiesen habe, stand ja auch drin, dass es sein könnte, dass eine Anlage mit bis zu 1.000 Zentrifugen in Betrieb ist. Was höchsten überraschend sein könnte ist die Sicherheit, mit der die nordkoreanischen Techniker die notwendige Technologie zu beherrschen scheinen und die Anlage so in sehr kurzer Zeit errichten konnten. Auch überraschend ist wie gesagt die exponierte Position der Anlage. Man hätte genausogut eine Zielescheibe aufs Dach malen können „Hier fotografieren liebe Satelliten: Unter dem Dach steht unsere Urananreicherungsanlage.“ Und damit sind wir auch schon bei der Frage nach der Provokation: Dass Nordkorea die Anlage hat kann man heute wohl schwerlich als Provokation sehen. Immerhin hat das Regime das vor 14 Monaten schon freimütig bekannt. Schon eher provokativ ist eben jene Offenherzigkeit. „In the face“ würde ich das mal neudeutsch nennen. Man führt den USA vor, dass man absolut keine Angst vor irgendwelchen militärischen Drohungen hat, dass man die roten Linien, die früher mal gezogen wurden nach Belieben übertanzt und das Washington nichts dagegen tun kann. Weiter führt man vor, mit was für einer Leichtigkeit man die Technologie beherrscht. Man baut die Anlage nicht irgendwo auf, sondern genau dort, wo die USA wussten, das vorher nichts war. Damit trifft man gleichzeitig noch eine recht niederschmetternde Aussage über die Arbeit der amerikanischen und südkoreanischen Geheimdienste: „Ihr seht nicht, was vor eurer Nase passiert. Eure Satelliten sind höchstens gut, um im Nachhinein aufzuklären“. Diejenigen die beim CIA für Nordkorea zuständig sind, dürften mittlerweile mehr als leicht traumatisiert sein. Außerdem sagt man natürlich auch noch was über die Sanktionen gegen das Regime. Kurz zusammengefasst „Die stören uns nicht. Ihr habt die Schraube fast bis zum Anschlag angezogen und wir bauen in anderthalb Jahren eine Urananreicherungsanlage aufbauen. Mit Sanktionen beißt ihr bei uns auf Granit!“. Diese impliziten Aussagen, die fast schon einer Verhöhnung nahekommen, sind natürlich sehr provokant. Allerdings nicht auf die Art, die man sich in den USA wünschen würde. Sie kratzen nämlich am Selbstbewusstsein der Supermacht. Pjöngjang führt eine weitere US-Regierung am Nasenring durch die Manege. Ähnliches gilt übrigens auch für Lee Myung-bak und seine Politik gegenüber Pjöngjang. Denn das Timing sagt uns, dass Nordkorea das Uranprogramm erst dann fertig und ernsthaft ausgebaut hat, als Lee an die Macht kam und seine Politik der harten Hand begann. Auch hier ist die Botschaft klar: „Lee hat alles nur schlimmer gemacht.“ Die Drohung, dass es nicht besser wird, wenn er so fortfährt kann man sich dazudenken.

Aber auch damit ist die ganze Sache noch nicht erschöpfend betrachtet. Denn was bitte hat Nordkorea davon, die USA  zu reizen? Das kann ja nicht das alleinige Ziel gewesen sein. Nur zu demonstrieren, dass man sich von Sanktionen, politischem Druck und vermeintlicher Isolation nicht im Geringsten beeindrucken lässt, dürfte nicht das Ziel Pjöngjangs gewesen sein. Man hat sich die Mühe gemacht, jede Menge Wissenschaftler einfliegen zu lassen und sie (vermutlich) nett zu empfangen. Man war den Wissenschaftlern gegenüber ungewöhnlich transparent und zeigt zumindest viel von dem was man hat. Das alles hätte man nicht tun müssen. Man hätte die Welt noch weiter im Unklaren lassen und versuchen können, aus dieser Unklarheit Profite zu schlagen (nach dem Motto: „Ok, wir zeigen es euch, aber wir müssen dafür dies und das und so und soviel in bar kriegen“). Und da muss man vielleicht nochmal ans Jahr 2008 zurückdenken, als die letzte Runde der Sechs-Parteien-Gespräche stattgefunden hatte, als Nordkorea nach langer Verzögerung die Unterlagen zur Offenlegung des Nuklearprogramms übergaben. Zuerst wurden die Dokumente von Südkorea und den USA als vollständig anerkannt, allerdings ging es bald darauf mit den Beziehungen bergab. Das Vorgehen Nordkoreas kann man durchaus als Fortsetzung dieser Offenlegung interpretieren. Man legt damit seine neue Verhandlungsmasse auf den Tisch, denn wenn alle wissen, dass da etwas ist und was es genau ist, ist ja auch klar, dass sie darüber werden reden wollen. Das Vorgehen Nordkoreas sagt: „Wir sind bereit darüber zu reden. Unser komplettes Nuklearprogramm liegt auf dem Verhandlungstisch.“ Es dürfte sich hierbei wohl wieder mal um ein verklausuliertes nordkoreanisches Gesprächsangebot handeln und wenn man in Washington und Seoul auch nur im Geringsten Interesse an Gesprächen hat, dann sollte man schnell aufhören von Provokationen zu fabulieren, „strategic patience“ begraben und ernsthaft versuchen, zu Verhandlungen zurückzukehren. Schließlich dürfte jedem klar sein, dass Pjöngjang sonst bald auch noch über einen beträchtlichen Haufen Uran verfügt und damit einfacher kleinere Bomben bauen kann. Und das will niemand.

Bitter für die USA aber wahr. Sie wurden mal wieder mit ihrer eigenen Strategie geschlagen. Während US-Präsidenten und Außenminister gerne über „Carrots and Sticks“ reden, benutzt Pjöngjang die Methode. Während die USA eine eklig gammelige Karotte anbieten und gleichzeitig mit einem Stöckchen drohen, über das Pjöngjang nur lacht (in der Ecke steht noch eine Keule, aber die bekommen die Verantwortlichen wohl nicht gehoben), piesackt Kim’s Regime die USA permanent mit wohldosierten Schlägen, die oft überraschend treffen, während die Karotte: „Endlich Ruhe auf der Koreanischen Halbinsel und kein permanenter nuklearer Unruheherd“ zunehmend gezuckert erscheint. Daher möchte ich mich (erstaunlicherweise dieses eine Mal) dem Fazit der Autoren der Washington Post anschließen (die scheinbar mit Hecker in Nordkorea waren):

Being realistic about the North makes no moral judgment about its system or policies, nor does it cede anything in terms of our values or goals. U.S. policymakers need to go back to square one. A realistic place to start fresh may be quite simple: accepting the existence of North Korea as it is, a sovereign state with its own interests.

Eine andere Möglichkeit bleibt Washington wohl nicht.

P.S. Was noch fehlen würde wäre ein KCNA-Artikel „Kim Jong Il provides field guidance to … Uranium enrichment facility“ samt ein paar nichtssagender Fotos. Wenn ich Stratege in Pjöngjang wäre, würde das dazu gehören. Mit dabei wäre dann auch Kim Jong Un, der wahrscheinlich die Urananreicherung alleine erfunden und aufgebaut hat…

Leichtwasserreaktoren, ihr Brennstoff und was wir alles nicht wissen


Update (19.11.2010): Da hätte ich mal einen Tag warten sollen mit diesem Artikel. Dann hätte ich nämlich noch die Auswertungen aktueller Satellitenbilder von ISIS hinzufügen können. Die neuen Infos wurden nämlich gestern veröffentlicht. Auf Bildern vom 04.11. ist dabei deutlich zu sehen, dass es rege Bautätigkeiten auf dem Gelände des Yongbyon-Reaktors gibt. Natürlich ist das Ding alles andere als fertig, aber das Fundament ist gelegt (im wahrsten Sinne).

Ursprünglicher Beitrag (18.11.2010): Kürzlich gab es ja einigen Wirbel um den Bau eines Leichtwasserreaktors, der nordkoreanischen Angaben (übermittelt vom US-Experten Siegfried Hecker, der sich das Ganze kürzlich anschauen durfte) zufolge auf dem Gelände des Yongbyon-Reaktors begonnen habe. Wenn ich das richtig verstanden habe ist das die Erklärung, für die (bis dahin mysteriösen) Bautätigkeiten auf dem Gelände des gesprengten Kühlturmes dort. Der Reaktor soll eine Leistung von zwischen 25 und 30 Megawatt haben, also genau wie der alte Reaktor in Yongbyon, nicht wirklich zur Stromproduktion dienen, sondern zu Versuchszwecken. Grundsätzlich ist der Bau eines Leichtwasserreaktors auch nicht so problematisch wie der eines graphitmoderierten Reaktors ähnlich dem Alten, mit einer Leistung von 5 MW. Denn anders als dieser, würde sich ein Leichtwasserreaktor nicht zur Produktion waffenfähigen Plutoniums eignen.

Wer einen Leichtwasserreaktor hat, braucht auch Treibstoff…

Hier ist das Problem etwas anders gelagert, denn man benötigt angereichertes Uran um einen Leichtwasserreaktor zu betreiben (wer ab und zu den Nachrichten über den Iran lauscht, der dürfte mit ein paar Hintergründen versorgt sein). Und wenn ein Leichtwasserreaktor gebaut wird, dann ist wohl auch zu erwarten, dass man sich die Fähigkeit zur Produktion des Treibstoffs für diesen Reaktor zulegt. Und damit sind wir mal wieder bei dem geheimnisvollen Urananreicherungsprogramm Nordkoreas, über das eigentlich niemand so recht was weiß.

…das vielseitig verwendbare Uran

Glücklicherweise haben David Albright und Paul Brannan vom Institute for Science and International Security (ISIS) das gesammelte Unwissen über den Stand des Programmes erst  vor gut einem Monat in einem umfangreichen Bericht (30 Seiten) zusammengefasst. Ich habe den nur in Auszügen gelesen, also eine spannende Stelle, das Fazit und die Zusammenfassung der Ergebnisse, aber das reicht mir vorerst. Wenn ihr mehr wissen wollt könnt ihr hier selbst nachlesen. Aus den Mengen der nach Nordkorea geschmuggelten Materialien zum Bau von Gaszentrifugen zur Anreicherung von Uran geht hervor, dass das Land eine Fabrik mit bis zu 3.000 Gaszentrifugen betreiben, oder innerhalb des nächsten Jahrzehnts aufbauen könnte. Damit könnte man waffenfähiges Uran für 1 bis 2 Atombomben im Jahr produzieren (Atombomben mit Uran als Spaltmaterial sind einfacher zu handhaben und vor allen Dingen zu miniaturisieren). Allerdings gibt es nur sehr grobe könnte und vielleicht Angaben und soweit ich das verstanden habe, beruht die Schätzung auf der Menge nach Nordkorea geschmuggelter Aluminiumrohre. Allerdings weiß man nicht, ob auch alle anderen Materialien, die auf dem Einkaufszettel standen, besorgt werden konnten. Was das Programm angeht, bewegt man sich also weiter im Ungewissen.

Deutschland die Exportnation. Auch Nordkorea profitierte (fast)

Gewiss und für mich interessant ist allerdings, dass zur Errichtung des Programms auch (mal wieder) deutsche Ingenieurskunst (das ist übertrieben, eigentlich war die deutsche Firma nur Zwischenhändler) gefragt war. Allem Anschein nach besorgte die Optronic GmbH aus Königsbronn nämlich, für ein undurchsichtiges Firmennetzwerk unter der Leitung des Chefeinkäufers Yun Ho-jin, das scheinbar zum Einkauf schwierig zu besorgender Waren aufgebaut worden war, ebensolche Aluminiumrohre zum Bau von Gaszentrifugen. Zwar bekam Optronic den Export der Rohre nach Nordkorea von den deutschen Behörden verboten, allerdings schien das die Firmenführung nicht weiter zu interessieren, so dass die Rohre verschifft wurden. Allerdings bekamen die Behörden Wind davon und die Ladung wurde in Ägypten entladen. Insgesamt hätte Optronic Rohre für 4.000 Zentrifugen liefern sollen/wollen (Geld stinkt halt nicht und strahlen tut es erst recht nicht). Aber es wäre ja auch eine Schande, wenn irgendwo auf der Welt Waffenfabriken oder ähnliches gebaut werden und keine Deutsche Firma mitmischt. Als Exportnation Nummer zwei ist das wohl eine Frage der Ehre!

Die Lösung: Verhandlungen. Das kann teuer werden

Die Autoren des Berichts sprechen sich dafür aus, dass die Sache mit der Urananreicherung auf dem Verhandlungsweg, also im Rahmen der Sechs-Parteien-Gespräche geklärt wird. Grundsätzlich kein schlechter Plan. Aber das dürfte mal wieder ganzschön teuer werden. Vermutlich kostet es erstmal was, überhaupt über das Thema zu sprechen. Dann, die Anlage anzusehen und wenn sie dann tatsächlich abgebaut werden soll: Ohohoh…

Solltet ihr euch generell für das Nuklearprogramm Nordkoreas interessieren dann schaut euch die Seite von ISIS mal genauer an. Da gibt es nämlich schon seit 1992 öfter mal Berichte (ich glaub insgesamt über 50) über das Programm und wenn man das alles liest, dann ist man wohl auf einem relativ umfassenden Stand…

Nordkoreas innenpolitische Strategie: Steht eine Abkehr von Songun an?


Eben hab ich bei KCNA einen sehr interessanten Artikel gelesen. Also ich war nicht der Einzige der sich den angeschaut hat; Yonhap und Monsters and Critics scheinen auch einen Blick drauf geworfen zu haben. Allerdings springen mir beide Analysen des Beitrages von KCNA etwas zu kurz, weshalb ich mich wohl oder übel (ja stimmt schon, KCNA Nachrichten zu analysieren ist so ähnlich wie eine tiefenpsychologische Interpretation von Heinos Liedtexten, aber da steckt ja auch immer was wahres im Kern (Haselnüsse sind braun, Enzian blau)) auch ein bisschen damit befassen werde.

Was im Artikel steht…

Der Artikel beschäftigt sich anfänglich mit ausländischen Medienberichten, die ein durchweg düsteres Bild von der aktuellen Lage in Nordkorea zeichnen. Hier werden die in letzter Zeit wieder häufiger aufkeimenden Gerüchte über Kims Gesundheitszustand (finde ich auch erstaunlich, da es eigentlich keine neuen Infos darüber zu geben scheint), die Berichte über eine baldige Destabilisierung des Regimes (die momentan ja ungefähr im Dreitagesrhythmus lanciert werden, ebenfalls  ohne wirklich handfestes zu nennen und wahrscheinlich auf die Wirkungen der gescheiterten Währungsreform hoffen), Warnungen vor Waffenschmuggel und nuklearer Aufrüstung (die mit gutem Grund geäußert werden) und Proliferation (wohl eher in die Kategorie Panikmache einzuordnen), nordkoreanische Arbeiter, die im Ausland sind um Devisen für Nordkorea zu erwirtschaften (sind sie) und die Verpachtung von Teilen des Hafens in Rajin (wie ausländische Medien das zu „Propagandazwecken“ missbrauchen sollen versteh ich nicht ganz).

Various kinds of „reports“ are pouring in to give impression that „contingency“ is imminent in the DPRK and wild rumors about even the health of the supreme leader are afloat. There are „analysis and comment“ that shortage of food and economic difficulties are more serious than those in the 1990s due to the „failure of monetary reform“.

There is also misinformation that the DPRK continues missile and other arms smuggling, its nuclear capacity is being steadily bolstered up, there is concern about its possible proliferation of nuclear weapons and it is opening Rajin Port and sending workers to foreign countries en masse in a bid to earn foreign currency due to financial difficulties. The scenario for vituperation seems to know no bound.

KCNA sieht diese Maßnahmen als „schwarze Propaganda“ die der Wiederbelebung von Nordkoreas Wirtschaft entgegenwirken soll. Potentielle Investoren sollen durch dieses negative Bild abgeschreckt werden. Und dann wird es meiner Meinung nach wirklich interessant. Da schreibt KCNA nämlich:

After bolstering up its nuclear deterrent strong enough to check the outbreak of a war in the Korean Peninsula, the government of the DPRK has been concentrating its efforts on the economic construction and the improvement of people’s standard of living since last year.

Warum ich das für bedeutend halte, werde ich später näher ausführen (aber vermutlich kommt da dem Einen oder Anderen schon ne Idee). Darauf folgend wird (nicht ganz unbegründet) auf die Erfolge bei der Gewinnung ausländischer Investments in der jüngsten Vergangenheit verwiesen.

Dann kommt KCNA wieder zurück zu der Strategie der USA und Südkoreas. Man beschreibt die innenpolitische Position der US-Regierung als von Schwäche und Angst gekennzeichnet. Die Zwischenwahlen Ende diesen Jahres würden Washington davor zurückschrecken lassen, eine Verhandlungslösung mit Nordkorea konsequent weiterzuverfolgen, da dies von den Gegnern als weiteres Zeichen der Schwäche gewertet und im Wahlkampf ausgenutzt werden würde. Und folglich,

the Obama administration advocated „strategic patience.“ In other words, it contends this attitude is not prompted by its incompetence and it does not make haste but waits for something as the DPRK government seems not to last long.

Eine ähnliche Wartestrategie würde auch Lee Myung-bak verfolgen. Allerdings, so KCNA, würde eine solche Strategie nicht weit führen, wie die Vergangenheit gezeigt habe. Als die Clinton Administration während der großen Hungersnot in den 1990ern nur auf das Ende des Regimes gewartet hat, habe man den „arduous march“ triumphal beendet und den ersten Test einer Taepodong II (KCNA schreibt natürlich, man habe den Satelliten Kwangmyongsong-I in die Umlaufbahn geschossen, aber wir wissen ja was gemeint ist und sie wissen ja auch, dass wir wissen was gemeint ist) durchgeführt. Als dann die Bush Administration mit ihrem Achsen-Gefasel (Das steht so nicht da, sondern ist meine Meinung) wieder zu einer Abwarte- und Verzögerungstaktik überging, habe man mit zwei Nukleartest und dem Start des Satelliten Kwangmyongsong-II (ihr wisst ja…) geantwortet. Das ist dann wohl als eine Art Drohung zu lesen, was passieren wird wenn man weiterhin nach dem Motto „waiting is a strategy“ verfährt. Also ist den Führern in Pjöngjang tatsächlich noch keine Alternative Vorgehensweise zu der „ich-verhalte-mich-wie-ein-ungezogenes-Kind-und-mache-Stress-bis-ich-bekomme-was-ich-will Strategie“ eingefallen zu sein.

Hier die Verbildlichung der Strategie:

Und dann wird es im letzten Absatz nochmal interessant.

The DPRK will witness the appearance of a light water reactor power plant relying on its own nuclear fuel in the near future in the 2010s in the wake of mass-production of Juche iron and Juche-based vinalon cotton, its reply to them.

Vom selbstständigen Bau eines Leichtwasserreaktors (LWR) war bisher nie die Rede, aber die Erwähnung ist schon ein interessanter Hinweis. Einerseits scheint man tatsächlich das für den Betrieb eines solchen Reaktors notwendige Uran anzureichern (Aber davon sprach man ja schon länger bei KCNA), andererseits kann das als Hinweis auf eigene Stärke verstanden werden, denn ein solches Projekt gegen UN-Sanktionen auf die Beine zu stellen dürfte nicht besonders einfach sein (vielleicht, aber ich schaue gerade tief in den Kaffeesatz, kann man hier auch einen Verweis auf den Iran sehen, in dem Zusammenhang spricht man ja in letzter Zeit recht viel von LWRs).

…und was es bedeutet: 1. Wir wissen was ihr vorhabt

Nun aber zu dem was ich eigentlich interessant an diesem Artikel finde. Also zuerst mal finde ich, dass im Beitrag die aktuelle Situation recht scharf analysiert wird. Es ist ja selten, dass man in den nordkoreanischen Medien auf die westliche Medienberichterstattung eingeht und hier werden gleich einige interessante Punkte angesprochen. Nicht nur den Nordkoreanern, sondern auch unabhängigen Beobachtern (zumindest einem) könnte die Intensität, mit der zurzeit Gerüchte über den Gesundheitszustand Kims, einem Auseinanderbrechen des Regimes oder nukleare Proliferation (zumindest das Erste und das Dritte sind nichts mehr, schaut man sich die Substanz der Berichte mal genauer an) gestreut werden, wie eine Kampagne erscheinen die die öffentliche Meinung in die Richtung wenden soll, dass ein Handeln unter den gegebenen Umständen nicht notwendig ist, da es mit dem Regime in Pjöngjang ja ohnehin zuende geht. Weiterhin hält der Artikel vor allen Dingen den USA in gewisser Weise den Spiegel vor. Die Beschuldigungen, das außenpolitische Handeln der Obama-Administration sei von der Angst vor innenpolitischen Konsequenzen motiviert kann man wohl nicht ganz zur Seite schieben. Das man eine Hinhaltestrategie fährt auch nicht vollkommen (obwohl man den USA hier zugutehalten muss, dass die Reise von Stephen Bosworth schon ein Schritt war. Aber was Bosworth in  Pjöngjang zu sagen hatte, das weiß man nicht, daher ist es schwer festzustellen, ob es ein Mediencoup („seht her unter Obama spricht man mit den Bösewichten) oder ein tatsächliches Zugeständnis war).

2. Ratet was wir vorhaben

Und damit komme ich schon zum ersten Knackpunkt des Artikels. Der Verweis auf die Vergangenheit und die Strategie der Provokation, die Pjöngjang schon seit langem zu einer der Hauptstrategien seiner Außenpolitik gemacht hat ist natürlich nicht falsch. Man hat provoziert und man hat damit Erfolge erzielt. Gleichzeitig entblößt es aber auch die große Schwäche der Strategie worüber ich ja schon vorgestern geschrieben habe. Man ist damit so ziemlich am Ende der Fahnenstange angekommen. Die (implizite) Drohung mit neuen Provokationen ist also nur ein weiterer hilfloser Versuch, die Selbstsicherheit mit der die USA und Südkorea agieren, zu erschüttern. Aber das ist ja alles nichts wirklich Neues.

3. Genug „military first“? Kommt jetzt „economy first“?

Als Punkt von wirklicher Tragweite sehe ich etwas Anderes. Man schreibt, dass man die nukleare Abschreckung nun in einem solchen Maß ausgebaut habe, dass ein Krieg auf der koreanischen Halbinsel nun unwahrscheinlich sei, sodass man nun zum ökonomischen Aufbau übergehen könne. Das hört sich für mich ja fast so an, als sei man mit seiner militärischen Abschreckung weitgehend zufrieden und würde nun seine Prioritäten zugunsten der Wirtschaft ändern. Wichtig finde ich das, weil ich es im Zusammenhang mit dem Schlagwort „Songun Chongch’i„, der „Militär-zuerst-Politik“ Nordkoreas, sehe. Diese Politik stellt das Militär ins Zentrum der sozialistischen Entwicklung des Landes, das heißt, nicht nur der Versorgung des Militärs wird Priorität gewährt, sondern das Militär wird auch als treibende Kraft hinter der Entwicklung gesehen. Grundlegend unter anderem dadurch, dass das Militär für Frieden sorgt, ohne den die Entwicklung nicht voranschreiten kann. Die Songun Politik ist eng verbunden mit den politischen Entwicklungen in Nordkorea, seit Kim Jong Il das Ruder übernommen hat. Er hat diese entwickelt und bereits 1995 erstmals erwähn. Teilweise nahmen Beobachter an, dass Songun Juche als Ideologie ersetzen würde, oder dass sich Nordkorea  im Gefolge dieser Politik zu einer (verdeckten) Militärdiktatur gewandelt habe. Jedoch beruft Nordkorea selbst sich immer wieder auf Juche und sieht Songun eher als Kim Jong Ils Ergänzung zu Kim Il Sungs Juche. Von Analysten wird der Entwicklung von Songun eine große Bedeutung für Kim Jong Ils Legitimation innerhalb des nordkoreanischen Regimes zugesprochen. Einerseits hat er damit das Militär ins Boot geholt, andererseits hat er der Ideologie des Landes damit bedeutende eigene Elemente hinzugefügt und sich somit sozusagen in die DNA Nordkoreas eingeschrieben. Tja, und nun sagt man: Wir sind zufrieden mit unserer militärischen Abschreckung und können uns deshalb der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes zuwenden. Für mich hört sich das so an wie: „Kim Jong Ils Songun Politik hat funktioniert jetzt ist Platz für eine neue Ergänzung von Juche“ (die dann möglicherweise Kim Jong-un entwickeln kann), würde doch hervorragend passen. Achja und das wäre natürlich auch ein glänzender Beleg dafür, dass das Militär trotz Songun nicht mehr ist, als ein Werkzeug der Partei/Führung, das unter deren vollen Kontrolle steht. Geht man von diesen Annahmen aus, haben sich auch Spekulationen um die Stabilität des Regimes vorerst erübrigt, denn würde man, wenn man seine Macht bröckeln sieht, sein wichtigstes Schild in inneren wie äußeren Konflikten vor den Kopf stoßen indem man sagt: „Guter Job, danke dafür aber ihr habt jetzt nicht mehr erste Priorität.“? Wohl nicht.

Naja und deswegen kann man aus diesem Artikel eine graduelle Abwendung vom Militär und eine Hinwendung zur Wirtschaft lesen, was eine grundlegende Änderung der innenpolitischen Linie darstellen würde. In diesem Zusammenhang ist vielleicht auch noch der Hinweis darauf interessant, dass im letzten Abschnitt Juche nochmal stark gemacht wird, es also zur Berufung auf Kim Il Sung (Die Familie…) und wieder zu stärkerer Hinwendung zur alten Politik kommt. Mit diesem Thema könnte man auch die jüngsten Erfolge und Maßnahmen Nordkoreas bei der wirtschaftlichen Entwicklung verknüpfen. Es wurden bedeutende Investments gewonnen und man hat Maßnahmen eingeleitet, die zur Gewinnung weiterer Investitionen genutzt werden könnten. In dieses Bild passt auch der Bericht, dass der jüngere Bruder von Lakshim Mittal, dem Chef von Arcelor-Mittal, dem größten Stahlkonzern der Welt, gestern mit einer Delegation des Konzerns in Pjöngjang eingetroffen ist.

War da noch was? Achja, das Uran…

Deshalb erachte ich den Artikel als wichtig. Ok, das man für LWRs Uran braucht stimmt schon, kommt mir aber eher unwichtig vor. Ganz einfach: Hat Nordkorea nicht vor einem halben Jahr in einer Pressemeldung bekanntgegeben, man würde nun Uran in großem Maßstab anzureichern beginnen. Ja hat es. Aber da hat dann wohl mal wieder der gute alte Medienreflex zugeschlagen: Alles was von da kommt ist Propaganda und daher gelogen. Als Nordkorea bis vor einem halben Jahr behauptete, man reichere kein Uran an, waren sich alle Sicher, dass das nicht stimmen könne. Als man dann bekanntgab man reichere Uran an, kam das dann vielen komisch vor. Aber jetzt, weil es nicht direkt geschrieben wird, sondern nur als „hint“ durch die Hintertür, da kann man dann wieder wild drauflos schreiben. Aber die Medien wollen ja auch ihr Geld verdienen, und Schlüsselwörter wie „URAN“ ziehen da halt besser, als abstrakte und langweilige innenpolitische Veränderungen die mit komplizierten Theorien wie „Songun“ zusammenhängen.

Abschließende Relativierung

Achja, natürlich ist das ganze mal wieder nur ein Interpretationsversuch meinerseits und was da dran ist und was nicht…Tja, da hilft nur abwarten und Kaffesatz lesen…

Reichert Nordkorea bereits seit 1996 Uran zum Bau von Nuklearwaffen an? Und wenn ja: Na und?


Einem Bericht der südkoreanischen Nachrichtenagentur Yonhap zufolge, der auf einem Exklusivinterview mit dem südkoreanischen Außenminister Yu Myung-hwan beruht, begann Nordkorea bereits 1996 mit dem Aufbau eines auf Uran basierenden Nuklearprogramms. Gerüchte und Streitigkeiten bezüglich dieses Programms führten zu einem Zusammenbruch der Sechs-Parteien-Gespräche im Jahr 2002 und sorgten auch in der Folge immer wieder für Konflikte, die einer möglichen Annäherung zwischen den USA und Nordkorea im Wege standen. Im September 2009 gab Nordkorea offiziell bekannt, die abschließende Phase der Urananreicherung erreicht zu haben und gestand damit erstmals die Existenz eines solchen Programms ein.

Die Frage nach der Existenz oder nicht-Existenz eines auf Uran basierenden Nuklearprogramms ist vor allem deswegen kritisch, weil eine erfolgreiche Urananreicherung einen zweiten (und dazu einfacheren) Weg zum Bau von Nuklearwaffen eröffnen würde (neben dem bekannten auf Plutonium basierenden Programm, dass immer wieder im Zusammenhang mit den Anlagen rund um Yongbyon im Gespräch ist). Außerdem würde die jahrelange Leugnung dieses Programms Nordkoreas auftreten im Rahmen der Verhandlungen mit den anderen Parteien seit 1996 in einem noch kritischeren Licht erscheinen lassen und damit möglicherweise auch ein Hindernis für weitere Gespräche zur Denuklearisierung Nordkoreas darstellen. Nordkorea wiederum würde ein weiteres Pfund besitzen, mit dem es in möglichen Verhandlungen wuchern könnte (und dass es wuchern wird, daran besteht wohl kaum ein Zweifel, den Nordkorea tu nichts lieber als wuchern…).

Nun aber mal zurück zu den Aussagen von Außenminister Yu Myung-hwan: Er sagte, dass Nordkorea möglicherweise seit 1994, aber sicher seit 1996 ein auf Uran basierendes Nuklearprogramm betreibt und dass dieses Programm möglicherweise genutzt werden solle, um höhere Zugeständnisse im Rahmen der Sechs-Parteien-Gespräche zu erzielen. Was die Ausmaße und die Menge produzierten Uran angeht, konnte Minister Yu keine konkreten Angaben machen. Bezüglich einer Einigung im Nuklearkonflikt brachte Yu ähnlich wie Südkoreas Präsident Lee Myung-bak einen „grand bargain“ ins Gespräch, eine Paketlösung, bei der alle Fragen der Denuklearisierung Nordkoreas auf einmal gelöst werden sollen. Der Ansatz Schritt für Schritt vorzugehen und schwierige Fragen auszuklammern bzw. zu verschieben, würde Nordkorea nur dazu dienen, mehr Zugeständnisse von den anderen Teilnehmern der Sechs-Parteien-Gespräche zu ergattern.

Die Aussagen Yus bringen eigentlich nicht viel Neues. Seine Behauptung, dass Nordkorea bereits seit 1996 an einem auf Uran basierendem Nuklearprogramm arbeite belegt er nicht mit einer Quelle. Vermutlich beruht diese Aussage also auf Geheimdienstinformationen. Aber was können diese Infos wert sein, wenn er nichts über das Ausmaß des Programms und die Menge des produzierten Urans sagen kann? Nicht sehr viel meiner Meinung nach. Generell scheint es Nordkorea bisher äußerst gut zu gelungen zu sein, sensible Informationen vor den hochgerüsteten Geheimdiensten Südkoreas und der USA zu verbergen. Dieses Faktum allein scheint mir schon recht erstaunlich in Anbetracht der Tatsache, dass seit 2002 ein begründeter Verdacht bestand Nordkorea könnte ein auf Uran basierendes Nuklearprogramm verfolgen. Und was macht man wenn man einen solchen Verdacht hat? Man schickt seine Geheimdienste los. Und was haben die in den letzten (mindestens) 8 Jahren gefunden? Genau: Scheinbar nichts bis auf das Erkenntnis, dass Nordkorea ein auf Uran basierendes Nuklearprogramm besitzt. Nicht besonders schwer rauszufinden wenn man bedenkt, dass Nordkoreas Nachrichtenagentur KCNA das vor ein paar Monaten selbst bekanntgegeben hat. Aber wer weiß, vielleicht weiß man noch was mehr. Aber hätte man damit in der angespannten Situation, die bis vor ein paar Monaten gab hinter dem Berg gehalten? Wohl eher nicht. Ein solches Wissen wäre das perfekte Mittel gewesen, Nordkorea im Vorfeld möglicher Verhandlungen einen Schuss vor den Bug zu geben und zu zeigen, dass das Regime in Pjöngjang im eigenen Land doch nicht alles unter Kontrolle hat. Hat es aber, zumindest was seinen Militärapparat angeht, wohl doch.

Bleibt nur noch die Frage, was Yu mit dem Interview bezweckt hat. Nachdem in den letzten Tagen von beiden Seiten der Demilitarisierten Zone versöhnliche Signale zu hören waren (Nordkorea verkündete, sich für ein beständiges Friedenssystem auf der Koreanischen Halbinsel einsetzen zu wollen während gleichzeitig Lee Myung-bak ein Gipfeltreffen mit Kim Jong Il in Betracht zu ziehen scheint) könnten die Aussagen Yus dazu dienen, die Position Südkoreas nochmal klarzustellen und darüber hinaus nach Pjöngjang zu signalisieren, dass sowohl für die Sechs-Parteien-Gespräche als auch für einen möglichen Gipfel die vollständige Aufdeckung der Aktivitäten rund um das auf Uran basierende Nuklearprogramm notwendig sind. Außerdem ist das Interview als Botschaft ans eigene Volk zu verstehen, dass die Regierung Lee Myung-bak nicht dieselben Fehler wie die progressiven Vorgängerregierungen machen wird. Nämlich Nordkorea Zeit (und Geld) zu schenken, ohne handfeste Gegenleistungen dafür zu bekommen.

Welche Erkenntnisse hat Yus Gespräch mit Yonhap also gebracht? Eigentlich nicht viele. Es wurde nur widergekäut, was eh schon bekannt war. Das einzige Ergebnis das für mich bleibt ist jenes, dass es dem Regime in Pjöngjang auch weiterhin gelingt, das Land effektiv nach außen hin abzuschirmen, während die Schlapphüte aus Südkorea und den USA scheinbar nicht vielmehr Infos zusammentragen können, als es mit Hilfe von Google zu finden gibt (Aber mit seinen Geheimdiensten hat Präsident Obama ja momentan eh so seine Problemchen! Einmal finden sie den Unterhosenbomber von Detroit nicht, dann lassen sie sich von Doppelagenten in Afghanistan in die Luft sprengen…). Nimmt man dies zum Maßstab, so scheint das Sicherheitsgefüge Nordkoreas weder durch Korruption noch durch Auflösungserscheinungen aufgrund von Geldmangel oder inneren Reibereien besonders tangiert zu sein.

Der Brief von Nordkoreas UN Botschafter, oder Wie jetzt! Uran auch noch?


UPDATE: Eine recht ausführliche Interpretation zum Brief von Nordkoreas Botschafter bei den Vereinten Nationen Sin Son-ho an den Präsidenten des Sicherheitsrates der VN, gab es gestern von der südkoreanischen Nachrichtenagentur Yonhap. Hier wird der Brief hauptsächlich mit der Unzufriedenheit Nordkoreas mit der Obama-Administration erklärt, da diese bisher wenig Bereitschaft zu bilateralen Gesprächen mit der DVRK, anstelle der ungeliebten Sechs-Parteien-Gespräche, gezeigt habe:

Pyongyang’s provocative announcement indicates that the socialist country is apparently growing impatient at the Obama administration’s reluctance to talk bilaterally with Pyongyang outside of the six-nation disarmament talks.

[…]

 The warnings came just hours before Stephen Bosworth, the U.S. special representative on North Korea policy, was to arrive in Seoul as part of his three-nation Asia tour to discuss North Korea issues. Bosworth said after his arrival here that there was „nothing new“ to Pyongyang’s latest claims of its supposed progress in enriching uranium and weaponizing plutonium.

   He also declined an invitation from Pyongyang during his swing. The North reportedly extended an invitation to Bosworth to visit Pyongyang for bilateral talks, but the Obama administration rejected the offer, saying the North should first return to the six-way talks.

   Signaling its desire for direct talks with the U.S., the KCNA said, „The denuclearization of the Korean Peninsula is closely related with the U.S.“ „We have never objected to the denuclearization of the Korean Peninsula and of the world itself. What we objected to is the structure of the six-way talks which had been used to violate outrageously the DPRK’s (North Korea’s) sovereignty and its right to peaceful development,“ it added.

Was Yonhap sonst noch zu dieser Problematik schreibt könnt ihr hier nachlesen.

Ursprünglicher Eintrag: Nanana, was musste man denn gestern auf der Seite der Korean Central News Agency (KCNA) lesen? Nordkorea hat die experimentelle Phase der Urananreicherung erfolgreich beendet und will auch mit der Plutoniumaufbereitung fortfahren. Und das alles hat man in einen Brief an den Präsidenten des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen (VN) reingeschrieben. Das will ja alles so gar nicht zu dem passen, was man in den letzten Wochen vom Regime in Pjöngjang gehört hat und irgendwie ist es auch was ganz anderes, als ich mir das vorgestellt habe (ich meine, die Sache mit dem australischen Schiff in den Vereinigten Arabischen Emiraten mit Waffen für Iran, das hätte man ja noch als Betriebsunfall verbuchen können). Aber eins nach dem Anderen: Erstmal: was hat Nordkorea eigentlich genau gesagt gestern, das kann man entweder bei der KCNA nachlesen, oder direkt hier ge-copy-pasted: 

Der Brief

Pyongyang, September 4 (KCNA) — The permanent representative of the DPRK to the United Nations sent a letter to the president of the UN Security Council Thursday.

Noting that he would like to bring the attention of the president to the DPRK’s already stated principled stand and countermeasures in connection with a letter addressed to the DPRK by the so-called „Sanctions Committee“ of the United Nations Security Council (UNSC) requesting a clarification, he continued:

The DPRK totally rejects the UNSC „Resolution 1874“ which was unfairly orchestrated in June 13 in wanton violation of the DPRK’s sovereignty and dignity and that the DPRK will never be bound by this resolution.

We do not feel, therefore, any need to respond to the request made by the UNSC „committee“.

Had the UNSC, from the very beginning, not made an issue of the DPRK’s peaceful satellite launch in the same way as it kept silent over the satellite launch conducted by south Korea on August 25, 2009, it would not have compelled the DPRK to take strong counteraction such as its 2nd nuclear test.

It is all fair and square to find that the DPRK took its steps of action to cope with the high-handed act and threat which are aimed at depriving the DPRK of its rights to peaceful economic construction.

It would be a miscalculation if the UNSC, rather than apologizing for violating the legitimate right of a member state of the UN, thought that we would recognize the „sanctions resolution“ which was framed up in the same way as the thief turning on the victim with a club over the DPRK’s self-defensive steps.

We have never objected to the denuclearization of the Korean Peninsula and of the world itself. What we objected to is the structure of the six way talks which had been used to violate outrageously the DPRK’s sovereignty and its right to peaceful development.

The denuclearization of the Korean Peninsula is closely related with the U.S. nuclear policy toward the DPRK.

The DPRK has already made clear its countermeasures to cope with sanctions as well.

Reprocessing of spent fuel rods is at its final phase and extracted plutonium is being weaponized.

Experimental uranium enrichment has successfully been conducted to enter into completion phase.

We are prepared for both dialogue and sanctions.

If some permanent members of the UNSC wish to put sanctions first before dialogue, we would respond with bolstering our nuclear deterrence first before we meet them in a dialogue.

If the UNSC only continues this standoff without making a proper judgment of which path is more favorable for the denuclearization of the Korean Peninsula and of the world, the DPRK will be left with no choice but to take yet stronger self-defensive countermeasures as it had already warned.

So weit so gut. Da hat der Vertreter Nordkoreas bei den Vereinten Nationen ja einiges reingepackt in seinen Brief: Also erstmal interessant finde ich, dass er sich darüber auslässt, das man keinen Grund sehe, auf eine Anfrage des Sanktionskommitees des Sicherheitsrates zu reagieren… Aber irgendwie hat man ja doch reagiert. Man hat ja einen Brief geschrieben, aber halt an den Präsidenten des Sicherheitsrates! Aber wer ist denn überhaupt der Präsident? Die Präsidentschaft rotiert in alphabetischer Reihenfolge und wechselt jeden Kalendermonat. Und wie es der Zufall so will, hat Anfang September – ja ratet mal wer? – Genau! Der Vertreter der Vereinigten Staaten diese Position eingenommen. So hat der nordkoreanische Abgesandte also zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Den VN ne Botschaft zukommen gelassen, wobei aber durch das Timing recht deutlich wird, wem sie eigentlich gilt.

Dann geht es weiter, indem man sich darüber beklagt, dass Resolution 1874 des Sicherheitsrates nach dem „friedlichen Satellitenstart“ der DVRK in unverantwortlicher Weise in die Souveränität Nordkoreas eingegriffen hätte und dadurch „starke Gegenmaßnahmen wie den zweiten Nukleartest“ verursacht hätte. Hier wird auch auf angebliche Doppelstandards hingewiesen, da beim Satellitenstart Südkoreas am 25. August 2009 Stille bewahrt worden sei. Weiterhin halte ich den Vergleich des Sicherheitsrates und seiner Resolution 1874 mit einem Dieb mit einem Knüppel für ein weiteres wunderbares Beispiel nordkoreanischer Kreativität im weiten Feld der Beschimpfungen!

Im Folgenden wird es dann aber auch inhaltlich interessanter: Man habe kein Problem mit der Denuklearisierung der Koreanischen Halbinsel, oder der ganzen Welt (Gestern habe ich ja über die Positionen der deutschen Politiker zu Nordkorea geschrieben. Mich erinnert der Satz ehrlich gesagt sehr Stark an die Aussagen der Linken, ob das Zufall ist? Keine Ahnung!). Das Problem sei die Struktur der Sechs-Parteien Gespräche, die genutzt worden seien, um die Souveränität Nordkoreas und sein Recht auf friedliche Entwicklung auf unerhörte Art und Weise zu verletzen. Scheinbar ist man in Nordkorea zurzeit nicht zufrieden zu sein mit dieser Struktur. Unmittelbar danach zielt  der Rundumschlag dann auf die USA. Hier wird die Verbindung zwischen der amerikanischen Nuklearpolitik gegenüber Nordkorea und der Denuklearisierung der Koreanischen Halbinsel hergestellt. Man kritisiert zuerst die Struktur der Sechs-Parteien Gespräche und adressiert danach genau einen Teilnehmer: Die USA. Wenn dass mal kein Appell für bilateral Gespräche ist… (Oder vielleicht ne Art „Erinnerung“, sich an getroffene Abmachungen zu halten?)

Und zum Schluss werden – und das ist der Teil der Nachricht, den die Medien hauptsächlich aufgegriffen haben – die Maßnahmen aufgezählt, die Nordkorea als Reaktion zur Verfügung stehen: Die Aufbereitung der Brennstäbe aus Jongbjon und die Umwandlung in Atomwaffen, sowie die erfolgreiche experimentelle Anreicherung von Uran, so dass diese nun in die Fertigstellungsphase eintreten könne. Daher sei man sowohl für Dialog als auch für Sanktionen gewappnet. Die Sache mit dem Uran, dass war für die Medien der eigentliche Sprengstoff hinter der Nachricht. Denn bisher hatte Nordkorea immer geleugnet, ein auf Uran basierends Nuklearprogramm zu haben. Das ist also eine Art Bekenntnis. Was der Unterschied zwischen einem auf Uran und einem Plutonium basierendem Programm ist, darauf will ich unten noch kurz näher eingehen. Jetzt erstmal zur Nachricht zurück: In den Medien wurde das Bekenntnis, ein auf Uran basierendes Programm zu besitzen, hauptsächlich als Drohung und ähnliches aufgefasst. Schaut man sich diese fünf kurzen Abschnitte aber genau an:

1. The denuclearization of the Korean Peninsula is closely related with the U.S. nuclear policy toward the DPRK.

2. The DPRK has already made clear its countermeasures to cope with sanctions as well.

3. Reprocessing of spent fuel rods is at its final phase and extracted plutonium is being weaponized.

4. Experimental uranium enrichment has successfully been conducted to enter into completion phase.

5. We are prepared for both dialogue and sanctions. [habs der Einfachheit halber durchnummeriert.]

dann fällt von der Struktur hier einiges auf:  In 1. wird die Bedeutung der USA für die Denukliarisierung hervorgehoben, eben schon als Gesprächsappell interpretiert. 2. verweist auf Sanktionen. 3. und 4. sind eine Art Statusbericht Nordkoreas, es sagt, was es hat und wo es steht, nicht mehr (ich sehe hier keine Drohung), aber auch nicht weniger (immerhin gibt es erstmals zu ein auf Uran basierendes Programm zu besitzen, das ist an sich schonmal einiges). Aber dann kommt der eigentliche Kern in 5. man ist sowohl zu einem Dialog (1.) bereit, als auch zu Sanktionen (2.). Wenn man die Sache mit dem Dialog, die von den Medien eher weniger gewürdigt wurde, durch denkt, dann hat die Nennung des Uran-Programmes in Zusammenhang mit Dialog eine ganz andere Bedeutung. Man legt die Uran Karte nicht nur als Bedrohung auf den Tisch, sondern sie wird zur Verhandlungsmasse ein Schritt, zu dem Nordkorea bisher offensichtlich nicht bereit war. In diesem Satz steckt also ein großes Angebot.

Abschließend wird dann der schwarze Peter einigen Mitgliedern des Sicherheitsrates zugeschoben. Wenn diese Sanktionen vor Dialog setzten, so müsste Nordkorea sein Arsenal ausbauen, bevor es zum Dialog käme. Auf gut Deutsch: Nordkorea ist bereit dies Situation weiter zu verschärfen und versucht den anderen Parteien (den USA) klar zu machen, dass der einzige Effekt weiterer Sanktionen sei, dass man dann später einem noch stärkeren Nordkorea (mit noch mehr Verhandlungsmasse) gegenüberstünde. Aber an sich ist auch hier die Bereitschaft für Verhandlungen zu erkennen. Was allerdings der Preis ist, dass wissen wohl nur die beteiligten Parteien. Nordkorea jedenfalls hat den Wetteinsatz erhöht, indem es sein Uran-Programm noch auf sein Plutonium-Programm draufgelegt hat.

Uran und Plutonium, der feine Unterschied…

So, nun nochmal kurz zu der Sache mit dem Uran und dem Plutonium. Die Zeitungen und Nachrichtensendungen unterscheiden zwar beides, erklären aber wenig über die tatsächlichen Unterschiede und die sind beträchtlich. Ich will jetzt hier auch nur ne Kurzform abgeben, weil ne Lange Version echt zu umfangreich wäre. Das mach ich vielleicht die Tage mal. Also erstmal Plutonium: Plutonium-239 eignet sich am Besten zum Bau einer Nuklearwaffe, es ist eine Art „Abfallprodukt“ aus dem Betrieb von bestimmten Kernkraftwerken (die um es ein bisschen verwirrender zu machen, auf Basis von Uran arbeiten) und kommt in der Natur nicht vor. Allerdings ist das Zeug, was dann in den abgebrannten Brennstäben solcher Kernkraftwerke drin ist noch immer nicht Atomwaffenfähig, sondern muss noch wiederaufbereitet werden. Danach kann dann ne Bombe gebaut werden, wenn genug Plutonium-239 vorhanden ist, welches zu mindestens 93 % angereichert ist. Allerdings ist der Bau der Bombe an sich nach dem leichten Gewinnungsprozess recht kompliziert und auch mit Testerei verbunden. Also: Produktion: relativ einfach: Bau: relativ schwer.

Bei Uran ist die Sache etwas anders gelagert: Das Zeug kommt in der Natur vor (im Übrigen auch in größeren Mengen in Nordkorea), allerdings liegt der Anteil von Uran-235 welches für den Bau einer Bombe notwendig ist bei 0,71 %. Um waffentaugliches Uran zu haben braucht man aber zumindest einen Anteil von 90 % Uran-235 (Die Zahlen sind hier unterschiedlich). Also muss man auch hier Anreicherung betreiben. Allerdings bleibt das nicht wie beim Plutonium schön einfach  als Abfall vom Betrieb eines Kenkraftwerkes übrig. Nein, hier gibts verschiedene Methoden, wobei die mit den berühmten Gaszentrifugen der zur Zeit gängigste Weg unter Schurkenstaaten zu sein scheint. Genau, das Zeug mit dem auch der Iran dauernd rumhantiert, das Libyen nach erfolgloser Probiererei wieder abgebaut hat und das (bzw. das know how dazu )der pakistanische Wissenschaftler Abdul Kadir Khan scheinbar an jeden weitergegeben hat, der genug Bares auf der hohen Kante hatte oder im Tausch Raketentechnologie geliefert hat (stimmt! Das war Kim und seine Gang). Naja jedenfalls ist hier die Produktion anspruchsvoller und Energieintensiver (was für Nordkorea evtl. eine Rolle spielen dürfte, wie diese Bilder nahelegen), aber wenn man das Zeug erstmal hat, dann ist die Herstellung einer Bombe wesentlich leichter als im Fall von Plutonium und kann evtl. auch ohne Tests ablaufen. Außerdem brauchst du hierfür kein Kernkraftwerk, das jeder sehen, und wie im Fall vom Irak 1981 und vermutlich Syrien vor 2 Jahren auch kaputtmachen kann. Also: Produktion: relativ kompliziert aber einfacher zu verbergen; Bau relativ einfach und evtl. ohne Tests durchführbar.

Und was man daraus lernt

Ja und wenn Nordkorea jetzt wirklich beides hat, dann heißt das erstens: Wenn man auch Jongbjon kaputtmachen würde, so hätten sie immernoch scheinbar nicht lokalisierte Anlagen zur Anreicherung von Uran. Zweitens: wäre das Arsenal kaum mehr abzuschätzen, drittens: könnte es sein, dass sie auch ohne weitere Tests, Bomben bauen würden, die Tests wären also nicht mehr sicheres Zeichen dafür, wie erfolgreich sie auf dem Weg zur Bombe sind. Viertens: gäbe es plötzlich wie oben schon gesagt eine wesentlich größere Verhandlungsmasse. Und fünftens könnte das auch Implikationen für die Bewertung früherer und künftiger Zusammenarbeit mit dem Iran haben. Wahrscheinlich hab ich noch einiges vergesse, aber das kann ich ja dann schreiben, wenn ich ausführlicher auf die beiden möglichen Nuklearprogramme etc. eingehe. Nachlesen könnt ihr den ganzen Krma mit Uran und Plutonium, einfach und schwer etc. pp. erstmal in unterschiedlichen Komplexitätsstufen und mit variierendem Umfang hier zur Uranproduktion (auf der Seite gibts noch mehr Lesenswertes), oder hier zum kompletten Produktionsprozess von Atomwaffen, oder auch hier kurz und knackig zum Unterschied zwischen Uran- und Plutonium basierenden Nuklearwaffenprogrammen.  

Übrig bleibt nachdem ich das geschrieben hab immernoch eine wichtige Frage: Warum versetzt Nordkorea gerade jetzt, wo doch alle Zeichen auf Entspannung stande, die Welt mit seinem Bekenntnis wieder in Aufregung?

Wissen kann das wohl keiner, aber es gibt da ein paar Möglichkeiten sich das zu erklären. Eine währe, dass die Hypothesen um einen internen Machtkampf in Pjöngjang stimmen und dass nachdem eine Fraktion die Weichen auf Friede-Freude-Eierkuchen gestellt hatte, ein Heckenschütze aus ner anderen Fraktion, das wieder sabotieren wollte. Eine Andere währe, dass man mal wieder versucht die USA und Südkorea auseinanderzudividieren. Während man mit den Einen (Südkorea) auf Liebkind macht, packt man die Anderen (USA) etwas härter an. (Macht aber wenig Sinn, weil dann der Umgekehrte Weg sicherlich gangbarer gewesen wäre (Obama eher der relaxte Typ; Lee Myung-bak eher der Fiese)). Und natürlich könnte das alles, was ich zumindest in Teilen glaube. Von den Medien falsch aufgefasst worden sein. Vielleicht ist der berühmte Brief in erster Linie ein Eingeständnis, das nur aus traditionellen Gründen mit ein paar markigen Worten eingepflegt wurde. Und vielleicht war das offene Eingeständnis des auf Uran basierenden Nuklearprogramms auch eine Forderung der USA an Nordkorea, bevor es zu weiteren Verhandlungen kommt. Und wer will bei so einem Eingeständnis schon zu Kreuze kriechen. Nordkorea sicherlich nicht. Oder es war eine Art bluff, um ein bisschen Dynamik in die ganze Situation zu bringen (wobei man so richtige Bluffs von Nordkorea eher selten sieht).

Wie gesagt, man weiß es nicht. Aber um mit Fox Mulder zu sprechen „Die Wahrheit ist irgendwo da draußen“ und ähnlich wie Fox Mulder das desöfteren Tat, gehe ich davon aus, dass die US Regierung mehr weiß. Deswegen werd ich mir die Reaktionen auf den Brief Seitens der US-Vertreter in den nächsten Tagen mal ganz genau anschauen.