Nach der „nordkoreanischen Woche“: Einschätzungen deutscher Experten


Nach so einer ereignisreichen Woche wie der Letzten lohnt es sich, sich mal anzuschauen, was deutschsprachige Kenner der Materie so zu den Ereignissen in Nordkorea zu sagen haben (natürlich lohnt es sich auch, zu gucken, was in anderen Ländern gesagt wird, aber das machen sicherlich schon andere mindestens genausogut wie ich das könnte und wenn es schonmal was sinnvolles aus Deutschland gibt, dann sollte man das auch nutzen). Daher habe ich mal die Interviews und Statements von Leuten zusammengetragen, die sich von Berufswegen mit der Materie befassen.

Walter Klitz von der Friedrich Naumann-Stiftung in Seoul, der dort auch zuständig ist für Projekte mit Nordkorea, hat sich in zwei Interviews vor allem zu dem Raketenstart befasst. Am 13.04. sprach er mit dem NDR. Dabei stellte er klar heraus, dass es sich bei dem Start um einen Verstoß gegen internationales Recht gehandelt habe (die UN-Sanktionen) und dass mögliche Folgen (z.B. Sanktionen) vor allem an China hingen, das bis jetzt die Sanktionen nicht umgesetzt habe. Weiterhin hält er in den nächsten Jahren eine weitere wirtschaftliche Öffnung (v.a. gegenüber China) für möglich und sieht für die nächsten Wochen auch die Möglichkeit weiterer Provokationen wie einem Atomtest. Ein solches Vorgehen würde dem gewöhnlichen Muster Nordkoreas folgen, nach dem bei innenpolitischem Bedarf außenpolitische Spannungen aufgebaut würden.

Am 14.04. äußerte er sich dann mit dem WDR. Auch in diesem Interview nennt Klitz die oben angesprochenen Punkte, geht aber außerdem darauf ein, dass der Misserfolg des Starts seiner Meinung nach keine Auswirkungen auf den Nachfolgeprozess hab, da die anderen Ereignisse der Woche gezeigt hätten, dass die Herrschaft bereits weitgehend konsolidiert sei. Weiterhin sieht er einen unverkrampfteren Umgang mit den Medien (z.B. durch die Tatsache, dass der Misserfolg eingestanden wurde und Journalisten ins Land durften). Weiterhin sagt Klitz, dass die Nahrungsmittelsituation nicht so schlecht sei, dass es aber schon saisonbedingte Knappheiten gäbe.

Patrick Köllner vom GIGA in Hamburg hat dagegen am 13.04 mit der schweizer BLICK gesprochen (warum auch immer). Eigentlich weiß man doch, dass da nicht mehr bei rumkommen kann, als eine Headline wie „Mir tun die Ingenieure leid!„. Aber naja, ich glaube die Ingenieure müssen sich nicht wirklich sorgen machen, denn wenn man irgendwann mal einen Satelliten (oder was Anderes) erfolgreich starten will, dann braucht man sie wohl.

Zum Glück sprach er aber auch noch mit einem seriösen Medium und konnte daher am selben Tag auch noch über den WDR etwas von seiner Fachkenntnis unters Volk bringen. Jedenfalls scheint ihn die Tatsache überrascht zu haben, dass Pjöngjang das Scheitern des Tests offen zugab (aber wen hat das schon nicht überrascht). Weiterhin sieht auch er die Möglichkeit eines Atomtests. Löblicherweise räumt er auch mit dem Quatsch den unbestätigten Gerüchten vonwegen Testament Kim Jong Ils auf und schreibt das „Propagandisten“ zu (sagt aber nicht aus welchem Land). Für den Test hält er neben außenpolitischen auch innenpolitsche Gründe als ausschlaggebend und glaubt, dass die Planungen dafür schon lange vor Kim Jong Uns Machtübernahme angelaufen sind und der Junge das dann nur fortgeführt hat. Weiterhin spricht man über die Beziehungen zu China, wobei Köllner China in einer Dilemmasituation sieht und sagt, dass die Beziehungen beider Staaten ohnehin stark belastet seien (dazu hätte ich gerne noch mehr gehört, da weiß ich nämlich nicht genau, was gemeint ist).

Christoph Pohlmann von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Seoul gab dem schweizer Tagesanzeiger am 13.04. ein Interview. Er sieht das Scheitern des Starts als Blamage und erwartet n der Folge einen Prestigeverlust für das Regime. Allerdings erkennt er auch Vorteile, denn die USA hätten es nun schwerer, Nordkorea als Bedrohung für seine Sicherheit darzustellen. Pohlmann weist mit Recht daruf hin, dass die faktische Bedrohung (vor allem für Seoul) durch das konventionelle Arsenal Nordkoreas aktuell weit größer sei, als die Gefahr durch die Nuklearwaffen, die aber für die Führung das einzzige Mittel sei, zu überleben (dazu hätte ich gerne mehr Infos, denn so einfach ist das wohl nicht). Als außenpolitisch zentral für die Zukunft Nordkoreas sieht er die USA und China.

Oliver Thränert von der SWP hat am 13.04 mit der Deutschen Welle gesprochen. Dort erzählte er viel von „ausländischer Hilfe“ beim Raketenprogramm, die er vor allem in dem Wechsel ehemaliger sowjetischer Raketenbauer nach Ende der UdSSR sieht (ist ja auch noch nicht lange her) und sagt daher, die Rakete bestände nur aus russischer Technologie (Naja, das habe ich so noch nicht gehört, aber ist wahrscheinlich Definitionssache). Daher sei Pjöngjang auch von einem Erfolg des Starts ausgegangen. Das Scheitern habe keine Auswirkungen auf die Nachfolge Kim Jong Uns und man müsse sich auch in Zukunft darauf einstellen, dass es einen Wechsel zwischen Annäherung und Provokation gebe. Die USA würden versuchen, das (Nordkorea) Thema so weit wie möglich zu ignorieren, aber Pjöngjang hätte Mittel und Wege, sich immer wieder in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu drängen.

Abschließend dann noch eine ganz andere Einschätzung der Satireexperten vom Postillion. Die können nämlich beim besten Willen keinen gescheiterten Raketenstart erkennen, sondern den höchst erfolgreichen Versuch eines anderen militärischen Geräts…

Gerne hätte ich auch noch ein paar politische Reaktionen vorgestellt, denn zuletzt beim Zustandekommen des Deals zwischen den USA und Nordkorea (ist ja schon ewig her. Über einen Monat…) hatte ja annähernd jede Partei eine Pressemeldung dazu. Das ist dieses Mal anders. Nur unser Außenminister Guido Westerwelle kam nicht umhin, was zu sagen: Er verurteilte den Start als Verstoß gegen das Völkerrecht und verlangte eine deutliche Reaktion des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen.

Warum sich sonst niemand äußern wollte? Keine Ahnung, aber wahrscheinlich lässt sich sowas parteipolitisch einfach nicht gut verkaufen und daher gibts keine Pressemitteilungen. Bei dem Deal konnte man konstruktiv aber kritisch dies und das fordern und damit außenpolitische Kenntnisse beweisen. Im aktuellen Fall müsste man einen Vorschlag machen, der besser wäre als die reine Drohung mit Sanktionen. Und da gibt es eben recht wenige Ideen: Daher scheint es besser den Mund zu halten, als zum x-ten Mal dieselben Sprüche zu klopfen.

Ich bin auch gespannt, ob der Eine oder Andere aus den Reihen der deutschsprachigen Experten was zu den internen Änderungen der letzten Woche schreibt. Bisher wurde davon ja nur am Rande gesprochen, aber ist eben auch ganzschön viel und da müssen sich die Kenner vermutlich selbst erstmal überlegen, ob man da in der trüben Regimesuppe rumstochern will, oder sich besser zurückhält.

Nordkorea: Wie deutschsprachige Experten die Lage einschätzen — Eine Linksammlung


Heute habe ich leider nicht so viel Zeit (muss noch Geschenke besorgen und so). Daher trifft es sich gut, dass ich eh mal eine „Lese- und Hörliste“ zusammenstellen wollte mit Statements und Analysen deutschsprachiger Experten aus Forschung, Praxis und Politik zusammenstellen wollte (auch da sich ja einige von euch durchaus freuen, nicht immer nur englischsprachige Links präsentiert zu bekommen). Ich habe nicht alles im Einzelnen gehört bzw. gelesen, aber alle Leute auf die ich verweise haben Ahnung von dem was sie sagen und daher mach ich das einfach mal so.

Forschung

Patrick Köllner vom GIGA hat ein Interview gegenüber Radio Bremen gegeben.

Hanns Günther Hilpert von der SWP hat sich zweimal mit der WELT unterhalten.

Rüdiger Frank hat was auf der Uni-Homepage veröffentlicht, mit dem ORF gesprochen und löblicherweise eine Stunde mit Standard-Lesern gechattet.

Hanns W. Maull hat mit dem SWR und dem Deutschlandfunk gesprochen.

Politik

Ulrich Kelber, der letztes Jahr mit der SPD-Delegation in Nordkorea war, war m Montag wohl der Erste, den der Deutschlandfunk erreicht hat. Daher hat auch er seine Einschätzung abgeben können.

Hartmut Koschyk, der sich echt schon lange mit Korea befasst, hat gegenüber der Saarbrücker Zeitung, dem Nordbayerischen Kurier, dem BR und dem Deutschlandfunk Interviews gegeben.

Stiftungen

Die Konrad-Adenauer-Stiftung hat recht schnell zwei Papers veröffentlicht. Eine Situationsbeschreibung aus Peking und eine Lageanalyse aus Seoul.

Auch von der Hanns-Seidel-Stiftung gibt es eine Lageanalyse. Weiterhin hat der Bürochef in Seoul, Bernhard Seliger Interviews im Deutschlandfunk und dem ORF gegeben.

Walter Klitz von der Friedrich-Naumann-Stiftung sprach mit der Tagesschau und der NZZ.

Breites Spektrum

Schaut bzw. hört euch mal verschiedene Meinungen an. Ihr werdet feststellen, dass sich zwar einige Einschätzungen ähneln, dass sich die Gesamtbewertungen aber teils erheblich unterscheiden. Daran erkennt man, wie schwierig es selbst für sehr erfahrene Leute ist, Einschätzungen zu treffen.

Bericht zur Situation in Nordkorea


Zwar hat Herr Klitz bereits in einem Kommentar zu einem anderen Artikel auf den Bericht über seinen jüngsten Besuch in Nordkorea aufmerksam gemacht, da ich aber nicht weiß, ob hier alle die Kommentare zu den Artikeln lesen, dachte ich, ich weise nochmal gesondert darauf hin. Besonders weil es da durchaus einiges Neues zu lesen gibt. Interessant finde ich vor allem die Selbstwahrnehmung der nordkoreanischen Seite hinsichtlich der Wahrungsreform, aber auch den Hinweis auf einen offensichtlichen Generationenwechsel in den Eliten des Landes. Da scheint einiges im Fluss zurzeit. Also schauts euch an wenn ihrs noch nicht getan habt.

„Die Partei sitzt fest im Sattel“ – Interview mit Walter Klitz zur Situation und Zukunft Nordkoreas


Walter Klitz, der zuständige Projektleiter der „Friedrich-Naumann-Stiftung Für die Freiheit“ in Korea hat sich die Zeit genommen, ein E-Mail-Interview mit mir zu führen. Dies ist eine der seltenen Gelegenheiten, zu denen man einen ausführlichen Blick auf das Land aus erster Hand geliefert bekommt. Dabei spricht (oder vielmehr schreibt) Klitz von seiner Arbeit in Nordkorea, seinen Reisen dorthin und seinen persönlichen Eindrücken, die er gewinnen konnte. Außerdem beschreibt er die Hintergründe und Dynamiken der Währungsreform vom vergangenen Dezember, in deren Zuge es zu einer Revaluierung des Won kam. Weitere Themen sind die Bedeutung der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes für Frieden und Stabilität nicht nur in Nordkorea selbst, sondern für die ganze Region sowie die Schwierigkeiten für Außenstehende, Vorgänge in Nordkorea zu verstehen und zu bewerten. Für diejenigen, die sich vorab etwas genauer über die Friedrich-Naumann-Stiftung Für den Frieden und ihre Arbeit in Nordkorea informieren möchten, habe ich hier einige Basisinformationen und weiterführende Links zusammengetragen. Jetzt aber genug der Vorrede, hier das Interview:

Sehr geehrter Herr Klitz, vorab schon einmal vielen Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen, mir einige Fragen zu beantworten. Im Rahmen Ihrer Arbeit für die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit waren Sie in den letzten Jahren mehrmals in Nordkorea. Für die meisten Menschen ist es eher unwahrscheinlich, dass Sie diese Erfahrung je machen werden. Vielleicht können Sie einmal schildern, welchen Eindruck Sie während Ihrer Aufenthalte vom Land, aber vor allem von den Menschen dort gewinnen konnten. Waren Sie ähnlich denjenigen, die das Land als Touristen bereisen, ständig in Begleitung von zwei eigens dafür abgestellten Personen, oder ist Ihre Bewegungsfreiheit dank des langen Kontaktes etwas größer geworden?

In den letzten drei Jahren war ich insgesamt 15mal in Nordkorea. Sicherlich haben sich in dieser Zeit recht gute Arbeitsbeziehungen entwickelt und man hat sich kennengelernt. Unsere Gesprächspartner wissen, dass wir uns an gewisse Spielregeln im Lande halten. Das hat dann doch auch dazu geführt, dass wir etwas mehr Bewegungsfreiheit erhalten haben und auch schon einmal alleine durch die Stadt schlendern dürfen.

War es möglich, persönliche Kontakte aufzubauen und über mehr zu sprechen, als Fachliches?

Anfangs waren unsere Gespräche schon recht unverbindlich. Aber im Laufe der Zeit entwickelte sich daraus ein reger und offener Meinungsaustausch, bei dem mittlerweile beide Seiten ihre Positionen ohne jegliche Einschränkungen darlegen können. Man darf eben nur nicht nach der Rückkehr das Vertrauen, das der Arbeit der Stiftung mittlerweile entgegengebracht wird an die große Glocke hängen. Nordkoreaner legen großen Wert auf Vertraulichkeit. Ich will Ihnen zwei Beispiele nennen: bei meinem letzten Besuch bat ich darum, einen Journalisten der FAZ mitnehmen zu dürfen. Das wurde mir erlaubt, weil meine Gesprächspartner mir vertrauten, dass fair über ihr Land berichtet wird (Anm. d. Red.: Auf den daraus resultierenden Artikel kann hier zugefriffen werden). Noch mehr war ich beeindruckt, als ich die Gelegenheit hatte in meinen politischen Gesprächen, mich nachdrücklich für die Freilassung der beiden amerikanischen Journalistinnen im vergangenen Jahr einzusetzen. Nach etwa einer halben Stunde Diskussion fuhr ich in der Gewissheit nach Hause, dass eine befriedigende Lösung gefunden wird.

Konnten Sie auch Gebiete besuchen, die für Touristen sonst nicht zugänglich sind, sind Ihnen auch Armut und Mangel begegnet und können Sie eine grobe Einschätzung der derzeitigen Situation im Land geben?

Die Versorgungslage ist nicht gut. Das ist allgemein bekannt. Nordkorea fehlt jedes Jahr ca. eine Million Tonnen Reis, mal mehr mal weniger, je nach Witterung und das Land ist dringend auf humanitäre Hilfe angewiesen. Die deutsche Welthungerhilfe und das World Food Program leisten dort exzellente Arbeit. In weiten Teilen des Landes kann das staatliche Verteilungssystem den Bedarf nicht mehr decken. Auch in der Hauptstadt selbst gibt es gelegentlich Engpässe. Nordkorea gehört zu den Armenhäusern der Welt und dieser Armut begegnet man natürlich auf Schritt und Tritt je mehr Einblicke man in das Land erhält und je weiter man sich von der Hauptstadt entfernt.

Wie erschienen Ihnen „normale Koreaner“, hatten Sie das Gefühl, dass die Menschen unglücklich und bedrückt wirken und sich der Besonderheit der Situation, in der Sie leben bewusst sind, oder ist das Alltagsleben dort ähnlich anderen Orten auf der Welt?

Nein, die Menschen sind zwar nicht zufrieden mit ihrer wirtschaftlichen Situation, aber sie schultern es weitgehend mit einer erstaunlichen Geduld und Zuversicht, dass es ihnen unter der weisen Führung des Landes bald besser gehen wird.

Ich habe auf der Homepage der Friedrich Naumann Stiftung gelesen, dass Ihre Arbeit in Nordkorea vor allem auf Wissenstransfer fokussiert ist. Dabei informieren Sie Nordkoreaner über Funktionsweisen der Marktwirtschaft, Strategien wirtschaftlicher Modernisierung und Währungssysteme. Können Sie vielleicht kurz schildern, wie eine solche Veranstaltung abläuft?

Die Veranstaltungen laufen mittlerweile nicht anders ab als in Deutschland. Wir laden Redner ein, die vortragen und anschließend haben wir Zeit für Fragen und auch Diskussion. Das war zu Beginn unserer Tätigkeit noch anders. Da mussten die Teilnehmer ihre Fragen schriftlich einreichen und der Fragende blieb anonym.

Wer sind die Teilnehmer und was sind konkrete Themen?

Es handelt sich insbesondere um Teilnehmer von Instituten, Universitäten, Ministerien, Handelskammer und Partei. Im Jahre 2004 haben wir mit Trainingsseminaren über die Rolle der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung und des betrieblichen Rechnungswesens in einer Marktwirtschaft angefangen. Heute behandeln wir Themen wie freier Welthandel, Modernisierung des Bankensystems,  Europäische Integration, Umweltschutz und Stadtentwicklung. Besonders erfolgreich waren die Veranstaltungen „Economic Reforms and the Development of Economic Relations between the European Union and the DPRK“ mit über 100 Teilnehmern und „Aspekte umweltverträglicher Stadtentwicklung“ mit über 60 Teilnehmern.

Sind die Teilnehmer immer die gleichen, oder unterschiedliche?

Unsere Arbeit ist immer zielgruppenorientiert, also haben wir je nach Thema immer unterschiedliche Teilnehmer.

Können Sie die Themen und konkreten Inhalte der Seminare frei wählen, oder sind die staatlichen Stellen Nordkoreas die letzte Instanz?

Die Themen werden mit unseren nordkoreanischen Ansprechpartnern eingehend besprochen, einvernehmlich vereinbart und richten sich nach dem Bedarf, der von nordkoreanischer Seite angemeldet wird. Je nach dem, mit wem wir die Veranstaltung durchführen, bedarf das Programm der Genehmigung des Kabinetts. Wenn Veranstaltungen direkt von der Arbeiterpartei angeregt werden geht das schneller, weil die Partei viel schneller entscheiden kann.

Es sind ja noch weitere deutsche oder deutschsprachige Organisationen in Korea aktiv. Mir fällt da erstmal die Hanns Seidel Stiftung ein, aber auch das Goethe Institut, das bis zum Ende des letzten Jahres einen Lesesaal in Pjöngjang unterhielt. Aber die Gruppe der Deutschen, die Projektarbeit in Nordkorea durchführen, ist ja trotzdem übersichtlich. Kennt man sich untereinander und arbeitet vielleicht sogar zusammen?

Es sind in der Tat nur sehr wenige internationale Organisationen in Nordkorea aktiv. Man wird sie an zwei Händen abzählen können. Wir sehen das als große Wertschätzung Deutschlands und unserer Arbeit, die wir dort leisten. Die deutschen Organisationen informieren sich regelmäßig über ihre jeweilige Arbeit, damit es zu keiner Konkurrenzsituation kommt.

Wenn es zu Ereignissen wie der Schließung des Lesesaals kommt, ist das für Sie dann auch ein größeres Thema, oder kriegt man das mehr am Rande mit?

Die Diskussion über den Lesesaal war ja nicht neu, insofern haben wir die Entwicklung schon verfolgt und sie kam nicht überraschend.

Die Schweiz hat ja beschlossen, ihre Entwicklungszusammenarbeit in Nordkorea zum 1.1.2012 einzustellen. Begründet wurde dies unter anderem mit den geringen Erfolgen der bisherigen Arbeit, die vor allem aus Capacity Building besteht. Ist Ihnen dieser Fall bekannt und machen Sie sich manchmal auch Sorgen, dass die Friedrich-Naumann-Stiftung ihr Engagement in Nordkorea mit einer ähnlichen Begründung beenden könnte?

In Nordkorea gilt es eigentlich immer im Lichte der politischen Ereignisse abzuwägen, ob eine Zusammenarbeit sinnvoll ist oder nicht.  Gerade als liberale Stiftung, die einer Partei nahesteht, die die Ostpolitik der Annäherung maßgeblich gestaltet hat, wissen wir um die Bedeutung des Dialoges, ohne den kein Vertrauen gebildet werden kann.

Für Menschen, die nie in Nordkorea waren, ist es schwer, sich ein Bild von diesem Land zu machen und dabei richtige von falschen Informationen zu unterschieden. Wie war es für Sie, bevor Sie zum ersten Mal nach Nordkorea gereist sind. Wie haben Sie sich vorbereitet?

Ich habe natürlich viel gelesen und habe dabei schon festgestellt, dass wir in der veröffentlichten Meinung seltsamerweise seit Jahren immer wieder die selben recycelten Fragen stellen. Gerade die Nordkorea Erfahrung zeigt mir aber, daß Reisen eben doch bildet. Ich kenne heute die Zusammenhänge viel besser und traue mir durch die Gespräche, die ich dort führe zu, Entscheidungen anders einordnen zu können. Die Diskussion über die Situation in Nordkorea ist allzuoft wishful thinking. Und basiert auf Erkenntnissen, die Jahre alt sind.  Es soll sich keiner was vormachen, die Partei sitzt fest im Sattel und keiner wird in Nordkorea den Führungsanspruch der Partei in Frage stellen.

War es ein komisches Gefühl, als Sie über die DMZ gefahren sind?

Ich muss von Seoul aus immer über Beijing nach Nordkorea fliegen. Die Fahrt über die DMZ ist nicht möglich obwohl Pjöngjang nur etwa 250 Kilometer entfernt ist. Aber mein erster Flug mit Koryo Air, vor allem die Ansage beim Überfliegen des Yalu Flusses, also der chinesisch-nordkoreanischen Grenze, dass dies die Stelle sei, wo Kim Il-sung das imperialistische Japan bezwang, hatte schon etwas Surreales. Da wurden schon Erinnerungen an die deutsch-deutsche Grenze und Bahnhof Friedrichstraße zu Zeiten des Ost-Westkonfliktes wach.

Glauben Sie, dass man sich als jemand, der nicht in Nordkorea war, ein realistisches Bild von dem Land machen kann?

Sicherlich kennt man die Geschichte,  man weiss daß Nordkorea an die Traditon des alten Choson anknüpft, aber die Motive, die hinter politischen Entscheidungen von heute stecken, können sich niemandem erschließen, der keine Möglichkeit hat, sich mit Entscheidungsträgern darüber zu unterhalten.  Neulich habe ich z.B. einen Beitrag gelesen, in dem doch ernsthaft behauptet wurde, dass Nordkorea seine Atomwaffen nur gebaut habe, um sie als Verhandlungsmasse in die Sechsparteiengespräche einbringen zu können. Aus Sicht der Machthaber in Nordkorea bilden sie aber die einzige Abschreckungsmöglichkeit, die sie gegen die amerikanischen Truppen in Südkorea haben, von denen sie sich subjektiv bedroht fühlen. Oder nehmen Sie das letzte Beispiel: vor einigen Tagen hat KCNA, die nordkoreanische Presseagentur mitgeteilt, dass das Land eine neue Bank, die „State Development Bank“ eingerichtet habe, deren Aufgabe es sein wird, mit internationalen Finanzorganisationen zusammenzuarbeiten und für Investitionen in Nordkorea zu werben. In vielen Zeitungen wurde spekuliert, ob dies Zeichen der Öffnung seien. Kein Zweifel, das diesjährige Neujahrseditorial konnte sehr zuversichtlich stimmen in diese Richtung, aber ein genauerer Blick auf die Erklärung hätte schon verraten, dass die Entscheidung zur Gründung dieser neuen Bank von der National Defense Commission getroffen wurde und von daher ganz andere Fragen aufwirft, nämlich die Frage nach der Konkurrenz mit der bestehenden Foreign Trade Bank, die am 2. November 1959 durch Beschluss des Kabinetts gegründet wurde und weitgehend selbe Aufgaben hat.

Ich habe manchmal das Gefühl, dass sich manche Medien und selbst wissenschaftliche Autoren, die zu Nordkorea publizieren, oft auf Halbwahres, auf Spekulationen und Gerüchte, stützen. Können Sie diese Wahrnehmung bestätigen?

Ja, leider ist das oft so, vor allem weil es sich oft weniger um wissenschaftlich fundierte Analysen handelt als viel mehr um poltische Bewertungen je nach dem, wo der Autor politisch steht.

Was glauben Sie ist die Ursache dieses Phänomens, das das begrenzte Wissen, das über Nordkorea existiert, noch zusätzlich unklar und schwammig werden lässt?

Es gibt ganz einfach zu wenig Informationen über Nordkorea.

Wie kann man als Mensch, der sich zu Nordkorea informieren möchte, Fehlinformationen entgehen?

Das wird sich wahrscheinlich nicht vermeiden lassen, aber man sollte sich deshalb immer bewusst sein, dass vieles spekulativ ist.

Wie ich gelesen habe, waren Sie erst kürzlich in Nordkorea und haben sich so in der ersten Zeit nach der überraschenden Währungsreform ein Bild von der Lage machen können. Was waren Ihre Wahrnehmungen hinsichtlich der Reaktionen der Nordkoreaner auf diese Reform?

Ich war das letztemal drei Tage vor der Währungsreform in Nordkorea. Insofern kann ich über die derzeitige Situation nichts sagen. Was ich sagen kann ist aber, dass ich auf dem Tongil-Markt, den ich besuchen dürfte schon drei Tage vor der Währungsrevaluierung mit zwei unterschiedlichen Preisen konfrontiert wurde. Ich glaube bei mir war die Irritation größer als bei den nordkoreanischen Händlern und Konsumenten, weil ich davon nichts wusste, sondern mir erst später einen Reim drauf machen konnte.

Haben Sie das Leben auf den geduldeten Märkten anders empfunden, als bei den vorherigen Besuchen?

Es war erst mein zweiter Besuch auf diesem Bauernmarkt. Der erste lag bereits drei Jahre zurück.  Nach wie vor haben die Marktfrauen das Sagen und es war, wahrscheinlich den besonderen Umständen geschuldet, viel mehr Betrieb.

Sehen Sie die Reform als Misserfolg bei einer möglichen wirtschaftlichen Liberalisierung Nordkoreas oder nur als kurzfristigen Rückschlag?

Ich sehe, dass durch die Revaluierung des Geldes das eigentliche Problem, nämlich die Bekämpfung der Inflation nicht gelöst wird. Solange die Preise staatlich festgesetzt werden und der Wert des nordkoreanischen WON sich ausschließlich am Konsum und nicht am Außenwert des WON orientieren, wird man sich nichts ändern, es sei denn, Nordkorea würde sich entscheiden, sich für den Weltmarkt zu öffnen. Es ist schon bemerkenswert, wenn Kim Jong-Il feststellt, dass zwischen der politischen und wirtschaftlichen Autarkiepolitik des Landes, also der Juche-Ideologie, und dem freien Welthandel kein Gegensatz besteht, sondern der Handel die Selbstständigkeit des Landes sogar noch fördern kann. Da gilt es drauf aufzubauen. Es bleibt also abzuwarten, was sich tut und ich werde das mit Sicherheit in meinen nächsten Gesprächen voraussichtlich im März ansprechen können.

Sehen Sie Zusammenhänge zwischen der Reform und nicht-wirtschaftlichen Aspekten, wie der vieldiskutierten Nachfolgeregelung für Kim Jong-il?

Eindeutig nein,  Versuche die Bauernmärkte zurückzudrängen und das staatliche Versorgungssystem zu stärken, gibt es schon länger und nicht erst seit vorletztem Jahr.

Kürzlich wurden ja die Baumaßnahmen am Ryugyong Hotel, die lange geruht hatten und so zum Symbol der wirtschaftlichen Schwäche Nordkoreas geworden waren, fortgesetzt und mittlerweile bietet das Hotel einen beeindruckenden Anblick. Sehen Sie das Hotel, dass ja mit Hilfe privater Investoren fertiggestellt wird, sozusagen als „Modell im Kleinen“ für die zukünftige Entwicklung Nordkoreas, nämlich eine Ausweitung von joint-ventures zwischen dem nordkoreanischen Staat und ausländischen Investoren?

Ich halte die wirtschaftliche Entwicklung von Nordkorea für eine Grundvoraussetzung für Frieden und Stabilität in dieser Region und für eine herausragende humanitäre Verpflichtung. Seitdem die internationale Staatengemeinschaft wegen der Raketenversuche und der Nukleartests Sanktionen verhängt hat, sind im Lande eben vermehrt Direktinvestitionen u.a. aus China und den arabischen Ländern festzustellen. Aus meiner Sicht ist die Sunshine Politik Südkoreas alternativlos. Sanktionen können und werden umgangen und führen zu Abhängigkeiten des Landes, die auch nicht unbedingt in unserem Interesse liegen können.

Kürzlich hat Nordkorea bekannt gegeben, die Sonderwirtschaftszone Rason neu zu beleben. Glauben Sie, dass nach dem relativen Erfolg der Zone in Kaesong, eine Entwicklung nach dem chinesischen Modell mit einer zunehmenden Zahl von solchen Sonderwirtschaftszonen einsetzen könnte?

Wichtig ist zunächst einmal, dass die südkoreanische Regierung die Ergebnisse der beiden Gipfel von 2000 und 2007 anerkennen sollte. Kaesong war kein relativer Erfolg, sondern ein uneingeschränkter. Immerhin haben südkoreanische Unternehmen dort über 40.000 Arbeitsplätze für Nordkoreaner geschaffen zu Arbeitsbedingungen, die ihresgleichen suchen in Nordkorea.

Ich habe einen Videoausschnitt vom Jeju Peace Forum gesehen, in dem Sie sich zu Ihren Wahrnehmungen bezüglich den politischen Verhältnissen im Land äußern. Sie sehen Kim Jong-il zurzeit fest im Sattel und nehmen an, dass sein dritter Sohn Kim Jong-un auf eine Nachfolge vorbereitet wird. Eine Übernahme der Regierungsverantwortung durch ein kollektives Führungsgremium nach dem Tod Kims halten Sie für unwahrscheinlich. Wurde während Ihrer Aufenthalte in Nordkorea, besonders während dem letzten, von Kim Jong-un gesprochen?

Ja

Haben Sie das Gefühl, dass man sich auch dort Gedanken über die Zeit nach Kim Jong-il macht?

Ja

Kims Sohn ist noch sehr jung und Kim selbst wurde 30 Jahre auf die Übernahme der Führung vorbereitet. In diesem Zusammenhang wurde oftmals Jang Song-thaek, der Schwager Kim Jong-ils ins Spiel gebracht. Es wird gemutmaßt, er würde die Macht, entweder in Vertretung für Kim Jong-un oder komplett, übernehmen, wenn Kim Jong-il sterben würde. Wie bewerten Sie das?

Sorry, an solchen Spekulationen beteilige ich mich nicht öffentlich. Ich gehe davon aus, dass es einen Übergang geben wird, der ohne große Verwerfungen ablaufen wird.

Kommen wir zum Schluss noch einmal zurück zur Arbeit Ihrer Stiftung. Wie sehen Sie die Arbeit der Stiftung in Nordkorea für die nähere Zukunft. Gibt es konkrete Pläne?

Unser Ziel ist es, in unser aller Interesse die Gesprächskanäle offenzuhalten. Mitte des Jahres werden wir eine Studienreise nach Deutschland zum Thema Stadtentwicklung durchführen, wie gesagt solange sich die politische Lage nicht weiter verschärft.

Gibt es konkrete Wünsche, die Sie für die Koreanischen Halbinsel und ihre Bewohner haben?

Ja, dass auch Nord- und Südkorea sich möglichst bald über eine Vereinigung in Frieden und Freiheit freuen können.

Vielen Dank für das informative und ausführliche Interview. Für Ihre wichtige Arbeit wünsche ich Ihnen auch weiterhin viel Erfolg.