Choe Yong-rim besucht China — Und China spricht über „Öffnung“ und „Marktorientiertheit“


Choe Yong-rim, der Premierminister Nordkoreas, in dessen Verantwortung hauptsächlich die wirtschaftliche Entwicklung des Landes fällt, weilt zurzeit zu einem Staatsbesuch in China. Dort ist er bereits mit Präsidenten Hu Jintao, Premierminister Wen Jiabao und weiteren bedeutenden Vertretern der chinesischen Führung zusammengetroffen. Momentan besucht er in Wirtschaftsmetropolen wie Shanghai industrielle, aber auch konsumorientierte Einrichtungen.

Choe Yong-rim und Hu Jintao

Zentrales Thema: Wirtschaft

Worum es konkret bei den Treffen ging weiß man natürlich nicht, aber man kann es sich immerhin denken. Choe dürfte als einer der obersten Wirtschaftslenker des Regimes in Pjöngjang nicht zufällig kurz nach dem Neustart für die Sonderwirtschaftszonen (SWZ) in Rason und bei Sinuiju/Dandong einen Besuch in China machen und dabei mit der absoluten Staatsspitze zusammentreffen. Choe war zwar bereits im letzten Jahr in China zu Besuch, traf sich damals aber „nur“ mit Vizepremier Zhang Dejiang. Dagegen ist die Liste diesmal deutlich prominenter besetzt und in erster Linie dürfte es um die wirtschaftliche Entwicklung gegangen sein (zu anderen Themen wie dem Nuklearprogramm hat Choe auch einfach keine Entscheidungskompetenz/ -befugnis). Aus der Berichterstattung von KCNA ist das zwar nicht so deutlich zu erkennen:

The DPRK will in the future, too, make positive efforts with Chinese comrades to comprehensively expand and develop the DPRK-China friendly and cooperative relations on a higher level and give a steady continuity to the baton of the DPRK-China friendship, he stressed. […]

China will constantly further strengthen the economic and trade relations with the DPRK as its good neighbor, comrade and friend, he added.

[Nordkorea wird in Zukunft gemeinsam mit den chinesischen Genossen positive Anstrengungen unternehmen um die freundschaftlichen kooperativen Beziehungen auf eine höhere Ebene auszudehnen und zu entwickeln und den Staffelstab der Freundschaft beider Staaten mit einer stetigen Kontinuität weitergeben. (gegenüber Hu Jintao) […]

China wird weiterhin die wirtschaftlichen- und Handelsbeziehungen mit Nordkorea als seinem guten Nachbarn, Genossen und Freund, kontant verstärken. (Hu gegenüber Choe)]

Schaut man dann aber in chinesische Medien, dann wird das Bild wesentlich deutlicher. Da wird Wen Jiabao nämlich mit folgenden Worten zitiert:

China supports the DPRK in exploring development that fits its own situation and will continue providing help within our capability […]

Wen said economic cooperation should be „government-guided, enterprise-based and market-oriented“

[China unterstützt Nordkorea bei der Suche nach einem Entwicklungspfad, der am besten zu Nordkoreas eigener Situation passt und wird weiterhin Hilfen im Rahmen der Möglichkeiten gewähren. […]

Wen sagte wirtschaftliche Zusammenarbeit sollte „Regierungsgeleitet, auf Unternehmen basierend und marktorientiert ablaufen“]

Dass KCNA den O-Ton nicht gerne bringen wollte, überrascht wenig, aber die Marschrichtung ist klar. China will keine sozialistische Bruderhilfe leisten, sondern Handel treiben wie mit anderen Staaten auch. Hierfür könnten die SWZ ein Modell bieten.

China startet flankierende Maßnahmen für die Hwanggumphyong and Wihwa Islands Economic Zone

Daher wird es auch kein Zufall sein, dass China bekanntgab, zur Unterstützung der „Hwanggumphyong and Wihwa Islands Economic Zone“ (als englische Übersetzung schreiben die chinesischen Medien übrigens „Gold Flat and Granville islands“ (vll. sowas wie „goldene Ebene und großes Dorf“)) auf chinesischer Seite der SWZ ebenfalls eine Wirtschaftszone  ausgewiesen zu haben, die sich gut entwickle. Diese „State-level economic zone“ (das ist ein Fachbegriff der eine bestimmte Art chinesischer SWZ beschreibt, aber damit kenne ich mich wirklich nicht aus) sei 10 Quadratkilometer groß und solle Unternehmen von Handel bis Logistik beherbergen, die Unterstützung im Bereich Infrastruktur, Energie und anderen grundlegenden Dingen bieten sollten. Der Artikel setzt die Bekanntgabe der neuen Zone in direkten Zusammenhang mit Choes Besuch und enthält darüber hinaus noch ein interessantes Zitat eines chinesischen Parteisekretärs aus Dandong:

The opening up of the DPRK has provided an historic opportunity for Dandong

[Die Öffnung Nordkoreas bietet eine historische Chance für Dandog]

Auf unterer Ebene der Partei scheint man also schon offen über eine „Öffnung“ Nordkoreas zu sprechen. Soweit ist es natürlich noch lange nicht und es mag sein, dass der Sekretär einfach nur ein bisschen Wirtschaftswerbung für seine Stadt betreiben wollte. Nichtsdestotrotz hat es das Parteiorgan (genauer dass des ZK der Partei) abgedruckt. Es ist also klar was China will und wenn man sich die Aktionen Pjöngjangs in letzter Zeit anschaut, ist fraglich ob der Unterschied zu dem was Pjöngjang will groß ist. Man sagt es dort allerdings nicht, denn der Schritt wäre dann ideologisch wohl doch noch zu schwierig.

Choe im Konsumempel und KCNA bildet es ab

Apropos Ideologie: Ich fand es sehr interessant, dass KCNA Fotos von Choe Yong-rim in chinesischen Konsumtempeln abgedruckt hat.

Kulturschock: Choe Yong-rim besucht Konsumtempel und KCNA zeigt es

Lesern von KCNA dürfte der Unterschied zwischen den einheimischen Supermärkten und denen in China nicht entgehen:

Kim Jong Il besucht den Pothonggang Department Store. Der Unterschied ist augenscheinlich.

Kim Jong Il besucht den Pothonggang Department Store. Der Unterschied zu chinesischen Konsumtempeln ist augenscheinlich.

Ich glaube ich hätte mir diese Bilder als Redakteur gespart. Es sei denn die wären nicht ohne Grund abgebildet. Aber naja, vielleicht ist es ein Zufall.

Choes Reise als weitere Maßnahme an der SWZ-Front

Alles in Allem dürfte Choes Reise eine weitere Maßnahme sein, um die SWZs im Norden ans Laufen zu bringen. Was China dazu beitragen kann und wird ist einerseits bedeutsam für die Entwicklung der Zonen, andererseits muss sich das noch in den nächsten Jahren zeigen. Ein völliges Desinteresse oder so geringe Unterstützung wie möglich, wie es manche Analysten behaupteten, sehe ich allerdings nicht. Die Ausweisung der unterstützenden Zone in China ist hierfür ein weiteres Signal.

Macht man sich in Seoul Sorgen um Kaesong?

Auffällig finde ich es, wie sehr sich die südkoreanischen Medien über die Zonen ausschweigen. Fürchtet man da etwa, dass man mit möglichen wirtschaftlichen Verlockungen eines der letzten nutzbaren Mittel zu Beeinflussung Nordkoreas verlieren könnte, da man an den Zonen im Norden keinen Anteil hat? Oder macht man sich Sorgen um die Zukunft von Kaesong? Denn wäre es völlig abwegig zu denken, dass Nordkorea — sollte es im Norden klappen — die in Kaesong ausgebildeten Arbeiter abzieht (um im Norden geübte Kräfte einsetzen zu  können) und Kaesong an Bedeutung verliert und somit ein weiterer Punshingball für Pjöngjangs Machtspielchen wird? Ich denke es ist zumindest nicht unmöglich. Aber wir werden sehen…

Nordkoreanische und chinesische Medien berichten über Kims China besuch: Worum es ging.


Die chinesischen und nordkoreanischen Behörden haben gestern Abend begonnen Details über die Reise Kim Jong Ils nach China zu veröffentlichen. Das Tourprogramm der Reise war durch Beobachter ja schon recht genau beschrieben worden und konzentrierte sich vor allem auf industrielle Anlagen und technologische Produktion (laut KCNA sagte Wen Jiabao, Kim Il Sung habe vor zwanzig Jahren die gleiche Reise gemacht). Die Berichte aus China und Nordkorea konzentrieren sich aber auf den Austausch zwischen hochrangigen Politikern beider Länder.

Kim Jong Il traf sich auf dem letzten Abschnitt seiner Reise in Peking sowohl mit Präsident Hu Jintao als auch mit Premier Wen Jiabao. Auch auf der Liste stand Xi Jinping, der mutmaßliche Nachfolger Hu Jintaos. Außerdem standen Kim Jong Il während seiner gesamten Reise laut KCNA Dai Bingguo und Wang Jiarui als Reisebegleiter zur Seite. Beide haben Nordkorea in letzter Zeit besucht und Besuch aus Kims Regime empfangen. Hinsichtlich der bilateralen Beziehungen beider Länder stellte Hu Jintao fünf Punkte in den Fokus, auf die man sich künftig konzentrieren möchte:

  • Step up high-level visits and deepen China-DPRK friendship. He welcomed DPRK leaders to visit China.
  • Make more efforts to share experiences on party building and state governance and promote economic and social development.
  • Improve mutually beneficial cooperation to benefit the two peoples.
  • Deepen exchanges in culture, education and sports, particularly the exchanges among young people, to pass on China-DPRK friendship from generation to generation.
  • Increase communication and maintain coordination on international and regional situations as well as crucial issues, and jointly safeguard regional peace and stability.

Also grundsätzlich keine Überraschungen. Weiche Themen wie Kooperation in Sport, Bildung und Kultur und hochrangige Treffen. Wirtschaftliche Kooperation wurde zwar ebenfalls erwähnt, aber was konkret in diesem Bereich angesprochen wurde klingt nicht extrem weitreichend:

China is ready to make joint efforts with the DPRK to give full play to various bilateral working mechanisms, further encourage initiatives by localities and enterprises and enhance planning and coordination in an effort to boost win-win cooperation to a higher level, Wen said.

Kim hailed the tremendous achievements of bilateral trade cooperation in recent years, adding that the two sides have taken a significant step forward in building a new cross-border bridge over the Yalu River.

Mich wundert ein bisschen, dass kein Wort von den beiden chinesisch-nordkoreanischen Großprojekten in Rason und Hwanggumpyong nicht erwähnt wurden (obwohl die Brücke damit im Zusammenhang stehen könnte, weiß ich nicht). Aber vielleicht will man noch abwarten wie sich die Vorhaben weiterentwickeln.

Eingang in den Kanon der Standardfloskeln scheint die Aussage über die Weitergabe der Freundschaft zwischen China und Nordkorea über die Generationen hinweg zu finden. Die ist sowohl in den chinesischen als auch den nordkoreanischen Statements zu finden, so auch am Ende von Kim Jong Ils Rede bei dem Bankett, das Hu Jintao zu seinen Ehren ausrichtete:

Esteemed Comrade General Secretary Hu Jintao,

Dear Chinese comrades,

I am very pleased to visit China again at the invitation of you, respected Comrade General Secretary, and have meaningful meetings with you and other Chinese friends.

I, first of all, would like to express deep thanks to you for having invited us to this grand banquet, though very busy with important internal and external political affairs, and made a friendly speech just before.

My thanks also go to the collective leadership of the Communist Party of China and other Chinese comrades for warmly welcoming us with comradely and friendly feelings during our tour from Heilongjiang Province, our first leg, to Beijing.

Visiting China again after nine months amid warm welcome, we have newly felt friendly feelings of the Chinese people, our close neighbor sharing a mountain and rivers with us.

We toured northeast China where traditional DPRK-China friendship struck root, Jiangxi Province that PresidentKim Il Sungwent round during his last China visit and other vast areas of China. During the days we have been much moved by great changes and progress made in the areas under the leadership of the Communist Party of China with you as general secretary.

We are sincerely rejoiced at the achievements of the Chinese people as at our own.

This year is very significant for the Chinese people as they will greet the 90th anniversary of the CPC and started to carry on the 12th five-year plan for economic and social development.

We sincerely hope that the fraternal Chinese people will significantly celebrate the CPC anniversary and make greater achievements in the effort for adhering to the scientific outlook on development, defending the social stability and building a harmoniously developed socialist society under the leadership of the CPC headed by you.

The Chinese party and government are greatly contributing to rejecting high-handedness and dominationism and ensuring world peace and stability by pursuing a foreign policy sovereign and independent, under the banner of peace, development and cooperation.

All their signal successes go to clearly prove the scientific nature and invincibility of socialism.

We are grateful to the Chinese party and government for valuing the DPRK-China relations, striving hard to develop them and always supporting the Korean people in their effort for socialist construction and the country’s reunification.

We are also satisfied with a good strategic understanding between our two parties and two countries and with the proper implementation of agreements reached between us and the collective leadership of CPC in the political, economic, cultural and all other fields.

The traditional DPRK-China friendship, which has invariably displayed its great vitality even in the complicated international situation, will be further consolidated and developed in the future, powerfully propelling the just struggle of our two peoples for the common cause — socialist construction and national reunification.

I am very happy that our China visit serves as a good occasion in putting spurs to the development of the traditional friendship between the two countries, which struck root deep in the minds of the two peoples, overcoming all trials through history.

Our party and government will as ever make every possible effort to steadily develop the bilateral friendship, a precious heritage and common treasure provided by revolutionaries of the elder generations of the two countries.

The DPRK-China friendship will be evergreen like forests of Mt, Paektu and will be continued through generations like the flow of the River Amnok.

Interessieren wird euch vielleicht auch noch, wer Kim Jong Il auf seinem Besuch begleitete. Natürlich war Kims vermutlich wichtigste Stütze, sein Schwager Jang Song-thaek dabei, sowie einige altgediente Diplomaten und Politiker wie Choe Thae-bok oder Kim Yong-il. Auch wieder dabei waren einige Shootingstars im Regime: Pak To-chun und Thae Jong-su, sowie Mun Kyong-dok, die seit relativ kurzer Zeit ihren Weg nach Oben angetreten haben und Kim auch schon bei seinen letzten Reisen begleitet haben. Außerdem waren einige interessante Leute aus der Diplomatenecke des Regimes dabei, die ebenfalls kürzlich in der Hierarchie aufgestiegen sind: Kang Sok-ju und Kim Kye-gwan.

Sicherlich sind in der Berichterstattung über die Reise noch einige weitere interessante Aspekte zu finden, aber von meiner Seite soll das erstmal ausreichen. Bei KCNA, Xinhua und der Global Times werdet ihr noch einiges finden können, das ich nicht verlinkt habe.

Mit dem Zug nach Peking: Kims Tournee geht weiter


Kim Jong Ils Chinareise wird dieses Mal wohl besonders lang. Heute ist der fünfte Tag der Reise und erst jetzt ist er in Peking eigetroffen, nachdem er zuvor vor allem industrielle Anlagen in Changchun und Yangzhou besichtigt hat. Außerdem hat er sich in Yangzhou Gerüchten zufolge mit Chinas ehemaligem Präsidenten Jiang Zemin und dem Top-Diplomaten Dai Bingguo getroffen. In Peking, so wird vermutet, wird Kim mit Hu Jintao und möglicherweise auch mit Wen Jiabao zu Gesprächen zusammenkommen. Vor allen Dingen dürften sich die um die Nachfolge Kim Jong Uns (von dem man weiter nicht genau weiß, ob er dabei ist (aber es sieht eher nicht so aus, sonst hätte das schon irgendwer ausgeplaudert)), die wirtschaftliche Entwicklung Nordkoreas und eventuell auch um Nahrungsmittelhilfen drehen. Wen könnte außerdem berichten, was er in Fukushima mit Naoto Kan und Lee Myung-bak besprochen hat und diplomatische Entwicklungen vorantreiben. Die Themen dürften auf den Agenden beider Seiten unterschiedlich geordnet sein, so dass es interessant wäre zu wissen, welche Dinge im Endeffekt am Meisten besprochen werden (aber das werden wir wohl nicht erfahren).

Ungewöhnlich genug finde ich, dass Wen Jiabao im Rahmen des Dreiergipfels in Fukushima bereits am Sonntag bestätigt hat, dass Kim Jong Il in China sei. Dort halte er sich auf seine Einladung hin auf, um sich im Bereich wirtschaftlicher Entwicklung fortzubilden. Auch chinesische Medien verlieren etwas die Scheu bei der Berichterstattung. Während der erste Artikel der Global Times sich vor allen Dingen auf ausländische Berichte stützte, klingen die Folgenden zunehmend unmittelbar und bauen in großen Teilen auf direkter Recherchearbeit auf. Interessant finde ich auch, was das Internetportal china.org.cn schreibt. Ich weiß zwar nicht genau, welchen Status das Portal genau im chinesischen Mediensystem hat, aber völlig der staatlichen Kontrolle entzogen dürfte es nicht sein. Naja, jedenfalls gibt es da recht ungeschminkte Kritik an Kim Jong Ils Söhnen:

Außerdem bleiben ihm, falls es sich wirklich eine Erholungsreise handelt, kaum andere Reiseziele als China übrig – im Unterschied zu seinen Jetset-Söhnen, die sich oft im Ausland vergnügt haben.

Vielleicht überinterpretiere ich das auch und dieses Medium genießt soviel Unabhängigkeit, dass es schreiben darf, was es will oder die Wendungen „Jetset-Söhne“ und „Ausland vergnügen“ sind nicht als Kritik gemeint (was mich wundern würde). Interessant aber trotzdem, wenn man bedenkt wieviel zurzeit über Kim Jong Ils Sohn Kim Jong Un geschrieben wird.

Und wo ich gerade beim Gossip bin: Yonhap befasst sich eingehend mit einer geheimnisvollen Frau, die elegant gekleidet in Kim Jong Ils Auto mitfuhr. Könnte seine vierte Frau Kim Ok sein. Wichtig? Nicht besonders. Nur interessant, dass man scheinbar keine aktuelle Vorstellung über das Aussehen von Kims Frau hat und damit mal wieder zeigt, wie erfolgreich Kim sich und sein Umfeld abschirmt.

„Ich sag’s deiner Mama“: Die USA und Südkorea auf der Suche nach Strafmaßnahmen


Wenn man als Kind permanent von einem anderen, vielleicht stärkeren, vielleicht nur aggressiveren Kind geärgert wird, dann lautet die ultimative Drohung: „Ich sags deiner Mutter.“ Zu dieser greift man, wenn man durch Gespräche oder ähnliches mit dem stressigen Vogel nicht zurande  kommt und man auch nicht genug starke Freunde hat, die einem helfen dem Aggressor eine Abreibung zu verpassen. Von der Mutter-Drohung erhofft man sich, dass das andere Kind bestenfalls allein durch selbige von weiteren Würfen mit Matschklumpen etc. absieht, anderenfalls sagt man es eben tatsächlich der Mutter. Die wird den Rabauken schon zur Raison bringen und dann ist Ruhe im Karton. Dumm nur, wenn der Fremden Mutter ihr eigener Zögling näher ist, als das fremde Balg, dem man ohnehin nicht nur Gutes zutraut (und das man ohnehin unsympathisch findet).

In einer ähnlichen Situation steckt man gerade in Ostasien (mal wieder). Den USA und Südkorea fällt einfach nichts anderes mehr ein. Pjöngjang lässt sich durch keinen der (zugegeben nicht besonders einfallsreichen) strategischen Winkelzügen der beiden beeindrucken, sondern wird immer gemeiner. Also lässt man in Seoul und Washington alle Hoffnung fahren, dass man selbst Einfluss auf den Bösewicht nehmen könnte (wie gesagt, einen Mangel an Kreativität in beiden Hauptstädten kann man ja nicht erst seit vorgestern beobachten) und wendet sich an die Mutter. Eigentlich gibt es ja keinen Experten, der in den letzten Tagen nicht gesagt hat: „China hat den nötigen Einfluss.“ Und eigentlich wandte sich ja auch so ziemlich jeder Politiker an China, sogar unsere Kanzlerin. Nur ist China auch dieses Mal erstaunlicherweise nicht gewillt, dem kleinen  Nachbarn seinen Schutz zu entziehen. Wenn man sich in einer solchen Sache an China wendet erwartet man eine klare Stellungnahme. Aber es sieht so aus, als würde es den USA und Südkorea ergehen wie der erfolglosen Petze. „Zu einem Streit gehören immer Zwei. Ihr müsst euch eben beide etwas zurückhalten.“ Das oder ähnliches hab ich schon recht oft gehört und hm, es klingt (irgendwie) fast wie die wörtliche Übersetzung dessen, was Chinas Premier Wen Jiabao in Moskau zu sagen hatte:

China is firmly committed to maintaining the peace and stability of the Korean peninsula and opposes any provocative military acts

Nordkorea wurde nicht an den Pranger gestellt, nicht einmal genannt. Nordkorea ist zwar gemeint, aber genauso sind es Südkorea und die USA. Und das geplante Militärmanöver, das am Sonntag beginnen soll, kann man in die allgemein gehaltene Aussage Wens genauso mit einbeziehen, wie den Artilleriebeschuss von Yonpyong. Vielleicht wird man, wenn die Denunzianten verschwunden sind, seinem eigenen Spross mal ordentlich den Kopf waschen. Aber nicht in der Öffentlichkeit und das wäre das Einzige gewesen, was den USA und Südkorea eingefallen wäre, um den Norden zu bestrafen. Aber damit nicht genug: Manche Leute mögen keine Petzen. Manche finden das schleimig und anbiedernd und obwohl sie wissen, dass die Petze irgendwie im Recht ist, lassen sie die Petzen ihr Missfallen spüren (Im Falle Chinas könnte man das natürlich auch darin begründet sehen, dass man nicht gerne vor der Staatengemeinschaft bloßgestellt wird. Und das tun die USA und Südkorea ja irgendwie, weil sie China eine Mitschuld unterstellen, da es zu wenig Einfluss auf Nordkorea nimmt.). Erstaunlicherweise hatte Chinas Außenminister Yang Jiechi, kurz vor einer geplanten Reise nach Seoul am Freitag, plötzlich Terminprobleme und musste diese Absagen. Das ist deutlich. Außerdem äußerte man sich recht klar hinsichtlich des geplanten Seemanövers:

‚We have taken note of relevant reports and express concern,‘ foreign ministry spokesman Hong Lei told reporters, when asked about the planned exercises. ‚We oppose any act that undermines peace and stability on the (Korean) peninsula.‘

Da stellt China Seoul und Washington deutlicher an den Pranger als es das  im Falle Pjöngjangs getan hat.

Würde mich wundern, wenn China seine Position hier noch ändert und damit bringt es wiederum die USA und Südkorea unter zweifachen Zugzwang. Einerseits müssen diese bei ihrem sicherlich sehr imponierenden Militärmanöver (ich will gar nicht wissen wie oft ich gehört, gelesen und gesehen habe, dass die U.S.S. Washington über 6.000 Mann Besatzung hat) sehr vorsichtig sein, denn China hat klar gemacht, wem es eine weitere Eskalation in dessen Folge ankreiden würde (die Chance hat sich Pjöngjang übrigens nicht entgehen lassen und nochmal klar gemacht, wie schnell man sich von dem Militärmanöver provoziert fühlen wird. Dieses Mal über das Außenministerium). Naja und ein sehr vorsichtiges Militärmanöver ist dann gleich nicht mehr wirklich beeindruckend. Andererseits stehen Seoul und Washington aber weiterhin ohne tragfähige Strategie da. Ihr grandioser Plan-B: „Ich sags deiner Mama“ ist nach Hinten losgegangen und sie wissen immer noch nicht, was sie tun können/sollen.

So bitter es ist. Am Reden mit dem Feind kommt man wohl kaum vorbei, will man nicht die komplett entgegengesetzte Alternative, den Krieg, wählen. Und das ist in diesem Fall definitiv die letzte Option. Strategic Patience ist auf jeden Fall zu Ende. Außer man ist sehr geduldig. Denn Nordkorea wird solange weitermachen, bis etwas passiert.

Nordkorea vor der Konferenz der Arbeiterpartei — Die Berichterstattung bei KCNA


In Nordkorea wirft die Parteikonferenz, die das Regime selbst am 26. Juni groß angekündigt hat als

a conference of the WPK for electing its highest leading body reflecting the new requirements of the WPK and the developing revolution in which decisive changes are taking place in the efforts to accomplish the revolutionary cause of Juche, the cause of building a prosperous and powerful socialist nation

weiter ihre Schatten voraus. Analysten und Beobachter in aller Welt warten gespannt auf das, was auf der Konferenz beschlossen wird, denn man ist sich einig, dass ein solch seltenes Ereignis (es ist erst die dritte dieser Art und die erste seit 30 Jahren) wegweisendes, vermutlich im Zusammenhang mit der Nachfolgeregelung, mit sich bringen wird. Die Erwartungen und Spekulationen westlicher Beobachter in diesem Zusammenhang sind ja hinreichend bekannt. Interessant könnte es aber auch sein, sich einmal anzuschauen, was die nordkoreanische Propaganda zu der Konferenz gesagt hat und sagt.

Nach der Ankündigung der Zusammenkunft wurde das Thema erstmal auf relativ niedriger Flamme gefahren. Hin und wieder wurde die Konferenz zwar erwähnt, wie zum Beispiel am 30 Juni, als ein Artikel der Rodong Sinmun (dem Organ des Zentralkomitees der Partei der Arbeit Koreas) zitiert wurde, der die Errungenschaften der Partei unter der weisen und weitsichtigen Führer Kim Il Sungs und seines Sohnes pries, um dann am Ende aber ein Appell an die Bevölkerung zu richten, im Vorfeld dieser Ereignisse die hoch gesteckten Produktionspläne vor dem Zeitplan zu erfüllen:

The editorial calls on all fields and units to conduct a dynamic general offensive full of conviction of sure victory and optimism under the uplifted revolutionary slogan „When the Party Is Determined, We Can Do Anything!“ and thus hit their high targets for this year set on the occasion of the 65th founding anniversary of the WPK earlier than scheduled.

Der Slogan „When the Party Is Determined, We Can Do Anything!“ taucht übrigens in letzter Zeit öfter mal auf.

Am 17 Juli wurde dann über einige Poster berichtet (bei denen es auch um die Steigerung der Produktion zu gehen scheint), die anlässlich dieses Ereignisse aufgelegt wurden und am 22. Juli rief Rodong Sinmun erneut dazu auf, die „single minded unity“ zu demonstrieren, indem man mit Enthusiasmus an der Erfüllung der Pläne der Partei arbeitet.

The single-minded unity of the party, the army and the people–this represents the strength, victory and rosy future of the DPRK. The WPK conference is at hand, and it is high time that we demonstrated once again the might of single-minded unity that was cemented in the protracted historic struggle and grew stronger on the road of the Songun revolution.

There will be no fortress impossible for us to attain when we have the do-or-die spirit and the matchless working spirit to materialize the plan and intention of the WPK without fail.

In dieser Phase wurde die Berichterstattung also immer in den Zusammenhang gestellt mit dem Aufruf an die Bevölkerung, ihren Einsatz bei der Arbeit zu erhöhen um noch bessere Ergebnisse zu erzielen. Der Fokus änderte sich aber ab dem 26. August deutlich und es ging gleichzeitig in die „heiße Phase“, denn seitdem gab es annähernd jeden Tag etwas zu der Versammlung zu lesen und eigentlich ging es immer um das Selbe: Die Wahl der Delegierten für die Konferenz. Eine gute Zusammenfassung dessen, was die Berichte enthalten liefert der erste Artikel bei KCNA vom 26. August zu diesem Thema, der sich wiederum auf die Rodong Sinmun beruft. Funktionäre halten reden, bei denen sie die Errungenschaften Kim Jong Ils und der Partei preisen, dann werden Delegierte gewählt die

distinguished themselves in implementing the Party’s line and policies in the spirit of defending the leader with their lives and implementing the leader’s instructions, remaining loyal to the Songun revolutionary leadership of Kim Jong Il.

Und was in diesem Artikel fehlte, holt derjenige vom 27. August nach. Dort wird über die Wahl Kim Jong Ils als Delegierter für die Versammlung berichtet. Auf einem Treffen von Funktionären der Arbeiterpartei und der Koreanischen Volksarmee

Kim Jong Gak courteously proposed the election of Kim Jong Il as a delegate to the conference of the WPK, representing the unanimous will and desire of all the servicepersons.

Delegates of party organizations of units at different levels of the KPA in their speeches fully supported and approved his proposal.

A decision on electing Kim Jong Il as a delegate to the conference of the WPK was adopted with a unanimous approval at the meeting.

The meeting also elected delegates to the conference of the WPK.

Die folgenden Berichte vom 28., 29. und 30. August, sowie dem 01., 02., 03. und 04. September sind alle mit der gleichen Schablone geschrieben. Delegierte der Partei in verschiedenen Provinzen oder staatlichen Organisationen haben sich getroffen um die Delegierten für die Konferenz zu wählen. Oft sind hohe Parteifunktionäre aufgelaufen, und haben Reden zu den Errungenschaften der Partei und Kim Jong Ils gehalten. Dann kam es dazu, dass jeweils der letzte Redner:

courteously proposed the election of Kim Jong Il as a delegate to the conference of the WPK, representing the unanimous will and desire of all the servicepersons.

Delegates of party organizations of units at different levels of the KPA in their speeches fully supported and approved his proposal.

A decision on electing Kim Jong Il as a delegate to the conference of the WPK was adopted with a unanimous approval at the meeting.

The meeting also elected delegates to the conference of the WPK.

Diese Absätze sind in jedem der Berichte gleich (also wirklich gleich), so dass man sich vorstellen kann wie spannend die Treffen wohl waren. Was ich nicht so recht verstehe bei der Sache: Ist Kim Jong Il jetzt Delegierter für alle genannten Körperschaften und Provinzen? Hat er dann jedes Mal eine Stimme (nicht das die Sache mit den Stimmen so wichtig wäre)? Aber klar, es wäre wohl ein Fauxpas gewesen, wenn er in einer Provinz nicht einstimmig zum Delegierten gewählt worden wäre. Der Sinn entgeht mir trotzdem ein bisschen…

Einen Beitrag der ein bisschen aus der Reihe fällt, aber trotzdem (und gerade deshalb) vielsagend ist, ist der Bericht vom 02. September der sich damit beschäftigt, dass Wen Jiabao gutes Gelingen für die Konferenz gewünscht hat. Wichtig dürfte dies aus zwei Gründen sein. Einerseits ist dies die einzige ausländische Reaktion auf die Konferenz, die in die Berichterstattung von KCNA einging, womit vermutlich ein weiteres Mal die Besonderheit der Beziehungen zwischen China und Nordkorea zum Ausdruck gebracht werden sollte. Außerdem könnte man darin die Unterstützung Chinas für die wie auch immer gearteten Ergebnisse der Konferenz sehen, denn die chinesische Führung dürfte schon vorab über die zu erwartenden Ergebnisse informiert worden sein.

Gestern gab es übrigens keinen Bericht, der sich mit der Konferenz beschäftigte. Ob dies der Fall ist, weil die Konferenz schon angefangen hat ist nicht klar, denn es wurde beispielsweise auch am 31. August nicht darüber geschrieben. Ich bin jedenfalls gespannt, was die Ergebnisse der Konferenz sein werden und was die nordkoreanischen Medien dann von sich geben.

Cheonan und China: Was gerade wichtig ist


Zurzeit gibts ja gleich zwei Themen im Bezug zu Nordkorea, die die Medien beherrschen. Das Eine ist Kims Reise nach China, samt Spekulationen und Berichten wo er war, was er angeschaut hat, wer dabei war und vor allen Dingen was er gesagt hat. Das Andere der Untergang der Cheonan mit Spekulationen und Berichten darüber, was für Beweise es gibt, warum Nordkorea es gemacht hat und vor allen Dingen, wie Südkorea reagieren wird/soll. Beide Felder sind – wie ich meine – immernoch sehr spekulativ. Nichtsdestotrotz sollte ich wohl mal die Fakten zusammenfassen damit man auf dem neuesten Stand ist.

Zuerst also zur Cheonan, denn da ist man schneller fertig, was die Fakten anbetrifft. Yonhap berichtet, dass ein Vertreter der Regierung gesagt habe, am Wrack der Cheonan seien Spuren von Sprengstoff gefunden worden, die zum Bau von Torpedos verwendet werden. Weiterhin an der Explosionsstelle Aluminiumsplitter gefunden worde sein, was ebenfalls auf einen Torpedo als Ursache hinweisen würde. Etwas seltsam mutet die Anmerkung an, es werde geprüft ob ein Torpedo deutschen Fabrikats im Spiel sein könnte, den Nordkorea genutzt haben soll um von der eigenen Schuld abzulenken und eine falsche Fährte in Richtung Südkorea zu legen, dass solche Torpedos nutzt (Oder finde nur ich das seltsam). Einen anderen interessanten Bericht habe ich in der Korea Times gesehen. Hier wird berichtet, die Staatsanwaltschaft habe eine Untersuchung gegen Individuen eingeleitet, die gegenstandslose Gerüchte über die Ursachen des Untergangs gestreut hätten. Unter anderem sei der frühere Sekretär von Verteidigungsminister Kim Tae-young, Park Seon-won, in den Blickpunkt des Interesses der Behörden gerückt. Unter anderem soll das folgende Pressestatement dafür verantwortlich sein:

„The information the South Korean government has, but has not disclosed, is in the hands of the United States. The Korean government is refusing to make public detailed information, including the destination to where the Cheonan was heading at the time of the explosion and how fast it was sailing.“

Versteh ich nicht, was daran jetzt so schlimm war, ihr? Aber weiter im Text. Park soll unter Roh Moo-hyun als Sekretär des Präsidenten in Nordkorea-fragen gearbeitet haben. So weit so gut, aber mehr verstehen tu ich das immernoch nicht. Hat er Gerüchte gestreut die nicht auf Nordkorea hinwiesen? (Ich meine wegen Roh) Das sehe ich in seinem Statement auch nicht. Neben diesem Fall sollen zehn weitere Gerüchte untersucht werden. Wie gesagt, ich blicke nicht ganz durch, wo da die Linien in der südkoreanischen Administration verlaufen, aber da eigentlich immer nur Sachen durchsickern, die auf Nordkorea hindeuten, kann ich mir wenig anderes verstellen (Es sei denn in Südkorea folgen einige der Argumentationslinie, die Kim Myong-chol kürzlich in seinem Artikel vertreten hat. Aber das davon in den südkoreanischen Medien so garnichts berichtet würde? Naja, aber vielleicht hört man auch hiervon bald mehr. Auf jeden Fall ist die Informationspolitik der südkoreanischen Seite weiterhin alles andere als klar und eindeutig sondern fördert eher das Entstehen immer neuer Gerüchte.

Apropos Gerüchte. Kim Jong Ils China-Besuch war offensichtlich keins. Neben einigen Fotos, hat die chinesische Seite den Besuch diese Mal sogar bestätigt und angeblich die südkoreanische Regierung aufs genaueste gebrieft, worum es bei den Treffen zwischen Kim und Hu Jintao und scheinbar auch Wen Jiabao (seltsamerweise finden die Meisten Medien dieses Treffen nicht einmal einer Erwähnung wert) gegangen sei. Viel Messbares scheint jedenfalls nicht rausgekommen zu sein (Allerdings glaube ich nicht, dass Artikel wie der der Chosun Ilbo, die scheinbar China zu einer offeneren Informationspolitik drängen sollen, viel Sinn machen. Eigentlich ist doch klar, dass sowas eher kontraproduktiv wirkt. Aber naja, dass müssen die Redakteure wohl selbst wissen). Die Statements, dass sich Nordkorea weiterhin um die Denuklearisierung bemühen wolle sind ja nicht gerade neu. Das sagt man schon lange. Nur verlangt man eben die Erfüllung von Bedingungen, die Südkorea und die USA (zurecht) nicht erfüllen wollen. Tja und ansonsten gibts nur schwammige Verlautbarungen, die es jedesmal gibt weil sie zum guten Ton gehören. Sowas wie: Man will die Zusammenarbeit im wirtschaftlichen und kulturellen Bereich intensivieren. Wir werden wohl weiter die Augen offen halten müssen, ob sich an der Politik was ändert, oder ob es neue Investitionen gibt.

Leider habe ich mal wieder nicht so viel Zeit wie ich gerne hätte und muss es daher für heute dabei belassen…