Nahrungssituation in Nordkorea: Von zuversichtlichen Berichten, den Gefahren der Planwirtschaft und einer eklatanten Rechenschwäche


Eben ist der neue Bericht des Welternährungsprogramms (WFP) und der Food and Agriculture Organization (FAO) zur landwirtschaftlichen Produktion und der Ernährungssituation in Nordkorea in mein Postfach geflattert und da ich diesen Bericht immer ziemlich begierig lese, weil er Auskunft nicht nur über die humanitäre Situation im Land gibt, sonder auch über die landwirtschaftlichen Rahmenbedingungen, habe ich die letzte Stunde (oder ein bisschen mehr), mit diesem Dokument zugebracht.

In der Vergangenheit oft alarmierend…

Der Bericht, der für gewöhnlich alle zwei Jahre erscheint — bei Bedarf ergänzt durch Sonderberichte — klang das letzte Mal als ich darüber schrieb sehr alarmierend. Ende 2010 waren danach fünf Millionen Nordkoreaner von Hunger bedroht, was dann durch einen Sonderbericht im Frühjahr 2011 auf 6 Millionen erhöht wurde. Dementsprechend riefen die Organisationen die internationale Gemeinschaft auch zu einer umfangreichen Hilfsaktion auf, in deren Rahmen 400.000 Tonnen Nahrungsmittel benötigt würden. Darum entbrannte ein ziemlich heißer Kampf, der immer wieder mit politischen und ideologischen Positionen sowie Eigeninteressen vermischt wurde, so dass im Endeffekt alle Seiten Propaganda betrieben, ohne diejenigen, denen es vielleicht wirklich schlecht ging im Auge zu haben. Das war wirklich eine recht unschöne Erfahrung, die mitunter auch etwas damit zu tun haben könnte, dass es keine wirklich glaubwürdigen Informationen über die tatsächliche Lage in Nordkorea zu geben schien, da auch die UN-Organisationen im Ruf standen, die Situation zu dramatisieren.

…dieses Mal zuversichtlich

Dementsprechend wird es allen Beteiligten gut gefallen, dass der diesjährige Bericht, wie momentan vieles in Nordkorea, eher von Zuversicht geprägt zu sein scheint. Die Minderproduktion, also die durch eigene Importe und Hilfen aufzufüllende Lücke fällt in diesem Jahr so gering aus, wie schon lange nicht mehr. Die eigene Produktion hat 2012 zum ersten Mal seit 1994 die 5 Millionen Tonnen Marke überschritten. Im kommenden Jahr müssen den Schätzungen zufolge nur gut 500.000 Tonnen des Bedarfs durch Exporte gedeckt werden (in dem Bericht von 2011 war von über einer Million Tonnen die Rede). Zieht man in Betracht, dass Nordkorea wie in den Jahren zuvor plant, wiederum (nur) 300.000 Tonnen an Lebensmitteln zuzukaufen, bleiben „nurnoch“ 200.000 Tonnen ungedeckter Bedarf. Wenn man dann wiederum bedenkt, dass China allein seinem Verbündeten im vergangenen Jahr mit etwa 250.000 Tonnen beigesprungen ist, dann sind die Sorgen hinsichtlich der Nahrungsmittelsicherheit aktuell so gering wie selten nicht mehr. Aber um jetzt nicht in jubel auszubrechen: Von Hunger bedroht sind dem Bericht zufolge noch immernoch 2,8 Millionen Menschen.

Den Tag nicht vor dem Abend loben

Allerdings bleiben zwei Dinge festzuhalten: Extreme Wetterkatastrophen können diese schönen Annahmen ganz schnell wieder verhageln (vielleicht sogar im wahrsten Sinne). Und natürlich bedeutet die Tatsache, dass im Schnitt alle Leute genug zu essen haben nicht gleichzeitig, dass das in der Realität auch wirklich so ist. Das beweist nicht nur die Körperfülle des jungen Diktators (die er sich bei perfekt ausgeglichenem Schnitt wohl auf Kosten einiger anderer angefuttert hätte), sondern das ist ein generelles Phänomen, das auch in Überflussgesellschaften wie unserer auftreten soll, wo vermutlich im Jahr soviel Essen in die Tonne gekloppt wird, dass man damit ganz Nordkorea dreimal durchfüttern könnte. Verteilungsungerechtigkeit gibt es nunmal bei uns und in Nordkorea. Nur dass die bei knapperen Gütern auch schlimmere Folgen haben kann. Naja, aber wie gesagt. Der Tenor des Berichts klingt irgendwie angenehm und nicht panisch, wie vor zwei Jahren. Vielleicht hat es damit zu tun, dass der aktuelle Bericht keine Zahlen für aktuell benötigte Hilfen (sonst wurden immer konkrete Mengen angegeben, die gespendet werden sollten) genannt werden, sondern man sich eher auf eine Verbesserung der Gesamtsituation konzentriert.

Eckdaten zu Nordkoreas Landwirtschaftssektor

Ich kann hier natürlich nicht den ganzen Bericht wiedergeben, der immerhin 41 Seiten hat. Aber ein paar Highlights, die mir in die Augen gesprungen sind, will ich euch nicht vorenthalten. Dabei geht es mir aber in erster Linie um die landwirtschaftliche Produktion und nicht so sehr um die Nahrungsmittelsituation (worüber hier in der Vergangenheit schon einiges geschrieben wurde). Ersteinmal kurz zu den Rahmendaten, um ein generelles Problem der nordkoreanischen Landwirtschaft ins Bewusstsein zu rufen. Von den knapp 12,3 Mio. Landfläche Nordkoreas sind nur etwa 2 Mio. Hektar für den Ackerbau nutzbar. Von denen werden wiederum nur etwa 60 % mit mechanischen Hilfsmitteln (Traktoren) beackert, auf dem Rest können Ochsen ihren Nutzen beweisen. Zu den limitierenden Faktoren beim mechanisierten Ackerbau zählen Kraftstoff und Ersatzteile. Letzteres wird zum Beispiel auch darin deutlich das je nach Provinz nur 68 bis 74 % der Fahrzeuge einsatzbereit sind, was aber schon eine deutlich Verbesserung zu den 57 % des Jahres 2004 ist. Weiterhin ist auch das Standardtraktormodell, der mit 28 PS nicht gerade beeindruckend starke Chollima für viele Aufgaben schlicht zu schwach.

Staatliche Steuerung und ihre Fallstricke

In dem Bericht tauchen aber auch immer wieder Hinweise auf die schädliche Wirkung der staatlichen Lenkung auf die Produktion auf. So gibt es zwar Indizien, dass die Produktion durch Anreize deutlich gesteigert werden kann (wo die Anreize gut waren, hat sich auch die Produktion signifikant verbessert), im Zusammenhang damit zeigen sich aber auch gleich Probleme von staatlicher Steuerung. Wenn ein Preisniveau aufgrund staatlicher Fehleinschätzungen falsch gesetzt wird, beginnt es oft im ganzen System zu Haken. So wird z.B. Soja aktuell nicht gern angebaut, weil der Preis verhältnismäßig niedrig ist. Soja spielt aber eine wichtige Rolle in der Fruchtfolge und sollte daher eigentlich mehr angebaut werden, die verfehlte Preissenkung lenkt die Betriebe aber in eine andere Richtung. Auch eine Erklärung für die Verbesserung der Situation gegenüber dem Vorjahr (neben besserem Wetter) deutet in diese Richtung. Ein großer Teil der Verbesserungen hat schlicht damit zu tun, dass die benötigten Materialien und Rohstoffe zu den Zeitpunkten geliefert wurden, an denen sie gebraucht wurden, nicht später, wie das in den Vorjahren der Fall war.

Nordkoreanische Panikmache und…

Ein oder zwei Dinge sind mir daneben noch aufgefallen, die etwas damit zu tun haben, dass ich den Bericht mit anderen Quellen vergleiche. Einerseits erinnert ihr euch vielleicht an die Panikmache wegen des schlechten Wetters in Nordkorea. Die Tatsache, dass es heuer eine Rekordernte dort gibt, zeigt ziemlich deutlich, dass schlechtes Wetter erstens normal ist und in jedem Land vorkommt und zweitens von der nordkoreanischen Seite wohl gezielt für eine kleine Medienkampagne genutzt wurde. Das dürfte sich kontraproduktiv auswirken, wenn nochmal Phasen auftreten sollten, in denen wirklich Not am Mann ist.

…Rechenschwäche bei den UN-Organisationen

Die zweite Beobachtung sind zwei Zahlen. Die erste Zahl stammt aus der Schätzung von WFP, FAO und UNICEF aus dem März 2011. Damals schätzten sie die Ernte für das Jahr 2011/2012 bei etwa 4,25 Mio. Tonnen. Wenn man jetzt einen Blick in den diesjährigen Bericht wirft, dann lag das Ergebnis jedoch tatsächlich bei 4,75 Mio. Tonnen. Da hat sich wohl jemand mal eben um läppische 500.000 Tonnen verrechnet (was wiederum kontraproduktiv mit Blick auf mögliche echte Notfälle sein könnte). Ich wüsste mal gerne, wie es dazu kam. Aber leider scheint man bei FAO und WFP verdräng zu haben, dass man den Bericht veröffentlicht hat. Der Rechenfehler wird jedenfalls nicht thematisiert….

Lesen lohnt sich

Naja, wie gesagt. Der Bericht ist jedenfalls durchaus ein bisschen Zeit wert, die man damit verbringen kann. Einerseits weil es mal angenehm ist, was Hoffnungsvolles zu lesen und andererseits, weil er einen sehr schönen Überblick über das landwirtschaftliche System Nordkoreas und konkrete Methoden gibt.

Besser spät als nie: EU-Kommission will Nothilfe für Nordkorea leisten


Die Abteilung für humanitäre Angelegenheiten der EU-Kommission (ECHO) hat ihre Lagebewertung über die Nahrungsmittelsituation in Nordkorea abgeschlossen und sich entschieden, Nothilfen im Umfang von 10 Millionen Euro zu gewähren (das sind immerhin etwa sechs Prozent der Mittel, die das Welternährungsprogramm der UN von der Staatengemeinschaft erbeten hat). Damit sollen rund 650.000 Menschen in den nördlichen und östlichen Provinzen des Landes versorgt werden. Die Hilfen sollen Kindern unter fünf Jahren in Krankenhäusern und Kinderheimen, Krankenhausinsassen, Schwangeren, stillenden Müttern und alten Menschen zugutekommen. Die Auslieferung und Verteilung der Nahrungsmittel soll über das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) abgewickelt werden. Man habe mit der nordkoreanischen Regierung ein striktes Überwachungssystem ausgehandelt, das die missbräuchliche Verwendung der Hilfen verhindern soll. So würden monatlich 400 Kontrollbesuche auf allen Ebenen der Verteilungskette stattfinden und der EU und dem WFP sei seitens der nordkoreanischen Regierung unbegrenzter Zugang versprochen worden. „Sollte sich trotzdem herausstellen, dass Hilfen abgezweigt würden, werde man nicht zögern, die Aktion umgehend zu beenden“, so EU Kommissarin Kristalina Georgieva laut einer Pressemitteilung von ECHO. Über die Konkreten Beobachtungen der Beobachtertruppe, die die Lage vor Ort analysiert hat, wurde wenig berichtet. Allerdings sei deutlich geworden, dass:

Increasingly desperate and extreme measures are being taken by the hard-hit North Koreans, including the widespread consumption of grass. A large proportion of the population is lacking sufficient food intake.

Daher sei sie zu dem Schluss gekommen, dass es, obwohl

outrageous that year after year the North Korean government has been starving its own people while funding programmes that are not to the benefit of the people and certainly not for the benefit of mankind

keine Entschuldigung dafür sei,

closing our eyes and closing our hearts when people are in desperate need. If we are to act, we must act now.

Es war sicherlich eine schwere Geburt und ich kann mir gut vorstellen, dass nicht nur mit Pjöngjang schwere Verhandlungen geführt werden mussten, sondern auch mit Seoul. Letztendlich entspricht die Europäische Union damit aber ihren eigenen moralischen Prinzipien und lässt sich bei der humanitären Hilfe nicht von politischen Motiven, sondern einzig von den Bedürfnissen der Menschen leiten, die unverschuldet in dieser schlimmen Lage sind.

Das was von den Beobachtungen der Erkundungsmission verlautete, klingt ganz ähnlich dem, was zuvor schon vom WFP und von NGOs berichtet wurde. So langsam gehen denen, die noch immer darauf beharren, es sei doch gar nicht so schlimm (da geht der Blick vor allem nach Seoul) dann doch mal die Argumente aus (und mir stellt sich die Frage, ob sie es nicht besser wussten). Als nächstes ist dann wohl Washington am Zug. Sollte es wahr sein, das die USA ihre Bewertung in Abstimmung mit der EU durchgeführt haben, dann dürfte in Kürze auch in Washington die Entscheidung für Hilfen verkündet werden. Mit den Hilfen aus den USA und Europa wird einerseits ein nicht geringer Teil des Bedarfs schon gedeckt sein, andererseits wird dies aber einigen zögerlichen Staaten (da kann man beispielsweise nach Berlin schauen (schließlich sprudeln unsere Steuereinnahmen so unglaublich, dass wir schon wieder am Verteilen sind (ich bin übrigens sehr stolz auf unsere Regierung, wie die das hinkriegen die Steuern zu senken und mehr zu sparen als geplant? Phänomenal!), da werden wohl ein paar Millionen für humanitäres über sein…)) als Signal dienen, nun selbst die Geldbörse ein bisschen zu öffnen. Dass das alles etwas länger gedauert hat, als es unbedingt nötig gewesen wäre, ist sicher ärgerlich. Aber besser spät als nie…

Von einer guten Idee und argumentativem Geeiere: Der behäbige Weg der USA zu Hilfen für Nordkorea


Heute hat die oberste Repräsentantin des Welternährungsprogrammes (WFP) in Pjöngjang, Claudia von Roehl, zu umgehenden Hilfen für Nordkorea aufgerufen. Vor einer Gruppe südkoreanischer Parlamentarier verwies sie darauf, dass die Ende April angelaufene Nothilfeoperation des WFP, die 3,5 Millionen der anfälligsten Personen versorgen soll, über sehr weitgehende Kompetenzen bei der Überwachung der Verteilung von Lebensmitteln verfüge. Bisher ist die auf ein Jahr angelegte Operation allerdings nur sehr spärlich finanziert. Von den benötigten 224 Millionen US-Dollar sind bisher etwa 31 aufgebracht worden, wobei Länder wie Brasilien, Russland und Indien (Südafrika hat auch eine kleine Summe gespendet) sowie multilaterale Organisationen den Löwenanteil tragen. Von den Industrialisierten Ländern haben sich bisher die Schweiz, Kannada, Norwegen und unsere kleinen Nachbarn Luxemburg und Liechtenstein in die Geberliste eingetragen. Das wars dann. Meiner Meinung nach, ein recht beschämendes Bild.

USA bringen King ins Spiel

Allerdings fangen die USA sehr behäbig an sich zu bewegen und sollten die Amerikaner irgendwann dann doch vorausgehen, kann ich mir gut vorstellen, dass ihnen weitere Staaten folgen. Es ist aber noch ein weiter Weg, bis tatsächlich von den USA bezahlte Nahrungsmittel in Nordkorea verteilt werden. Um im Bild des Weges zu bleibe, haben sie die letzten Monate darüber debattiert, ob es wirklich Sinn macht sich Gedanken darüber zu machen, loszugehen. Oder um es etwas zu verständlicher zu sagen. Man dachte im Stillen darüber nach, ob man ein Team nach Nordkorea schicken soll, dass den tatsächlichen Bedarf feststellen soll (scheinbar sind die Regularien der USA so, dass das selbst festgestellt werden muss, ehe man aktiv wird). Nun wird das Nachdenken etwas konkreter und man hat — das muss ich neidlos anerkennen — eine recht gute Idee gehabt. Statt irgendein Team zu schicken, überlegt man nämlich, an dessen Spitze den US-Sondergesandten für Menschenrechte in Nordkorea, Robert King, zu stellen. King stand bisher immer etwas auf verlorenem Posten, weil er von Nordkorea schlicht nicht anerkannt und daher auch nicht einreisen gelassen wurde. Mit diesem Kniff könnte es den USA nun gelingen, King nach Nordkorea zu bekommen, was für sich genommen schon ein Erfolg wäre. Würde sich Pjöngjang dem verweigern, würde das nach außen hin ein sehr seltsames Bild abgeben, denn implizit sagte man ja damit, dass man Hilfe doch nicht so dringend brauche. Die USA können damit eigentlich nur gewinnen. Entweder haben sie ein perfektes Argument der Linie Lee Myung-baks zu folgen und nichts zu tun, oder sie haben endlich Robert King ins Spiel eingeführt.

Argumentatives Geeiere

Allerdings bleibt das Vorgehen der USA weiter mit zwei Fragen verbunden, die nur schwer aufrichtig zu beantworten sind. Einerseits finde ich es recht fragwürdig einerseits darauf zu beharren, dass die Entscheidung über Lebensmittelhilfen auf Basis einer Entscheidung getroffen wird, die von der restlichen politischen Situation völlig abgekoppelt ist, und andererseits Robert King nach Nordkorea schicken zu wollen, dessen Arbeitsfeld humanitäre Hilfen ja nur am Rande berührt, während er ansonsten stark mit anderen politischen Themen befasst ist.

Noch interessanter finde ich allerdings die Frage, die ein Reporter Mark Toner, dem Sprecher des State Department gestern stellte:

Why is that taking so long […] to assess the needs – because the UN did its report about two months ago. Before that there were NGOs who went before the UN mission, said the people were eating grass and things like this, and they – apparently they’re saying that the need is now, because they’re between two harvests.

Die erste Antwort war dann ein Lamentieren und Geeiere ohne Inhalt und vor allem ohne Antwort auf die Frage:

Right. Right. Well look, Matt, we – we’re obviously aware of the situation. As I said, we’ve been looking at all those various reports. We’re considering sending Ambassador King to the region, or to the – or to North Korea to do our own assessment, which is a part of any food assistance program that we would implement. And it’s important to recognize that North Korea is largely responsible for the situation it’s in; it’s caused by bad policies and the misallocation and mismanagement of resources. And also just to remind folks that in 2008 we did have our food assistance program kicked out of there. So, again, we’re looking at it, we’re taking it very seriously. Our food assistance program is, as I talked about yesterday, is done in a very objective fashion divorced from any other policy concerns, and it’s consistent with our desire to aid humanitarian – or provide humanitarian assistance where it’s needed.

Die zweite war eigentlich auch nicht besser, denn sie erklärt nur, warum das noch lange dauern wird, nicht aber warum es schon lange gedauert hat.

We do need to conduct a thorough needs-assessment. We need to provide for it with adequate program management, monitoring, access provisions in place. And, again, this is about a process that we have to undertake that involves looking at both the international community’s assessment, but then conducting our own needs-assessment. We’re looking at that right now, but I don’t want to get out ahead of the process. But obviously we’re aware of the situation and are taking steps to address it.

Naja, wenn die Mitarbeiter des State Department so lange brauchen um einen kleinen Bericht durchzulesen und sich dann zu einer Reaktion durchzuringen, dann wundert es mich nicht, dass die Supermacht USA sich auf ihr Ende als globale Führungsmacht zubewegt.

Auch herrlich fand ich die Antwort Toners auf die Frage, inwiefern zwischen den USA und Südkorea Einigkeit hinsichtlich der Notwendigkeit von Hilfen herrsche:

Well, I think the common view is a common view that there’s agreement that there’s a situation that needs to be addressed in some fashion. This has been made clear in some of the reports and studies done by World Food Program – or World Food Program, sorry, and other NGOs. We’re assessing those reports and we’re considering our own trip there.

Die Antwort war also: „Der gemeinsame Standpunkt ist ein gemeinsamer Standpunkt, dass Übereinstimmung darüber herrscht, dass es eine Situation gibt, auf die irgendwie reagiert werden muss.“ Wow! Kann man mit so vielen Worten noch weniger sagen? Dürfte nicht leicht sein, zeigt aber auch, dass die gemeinsame Wahrnehmung kein besonders breites Fundament hat und dass die USA nicht ewig Lees erfolgloser Linie folgen werden.

Einiges zu beobachten

Ich für meinen Teil bin jedenfalls gespannt, ob die USA sich irgendwann bald dazu durchringen können, ein Team nach Nordkorea zu schicken, wer dieses Team führt und wie die Nordkoreaner darauf reagieren. Mittelfristig wird u beobachten bleiben, ob die  USA ihre Lahmarschigkeit dann ablegen, oder ob sie hoffen den Prozess so lange zu verzögern, bis die nächste Ernte in Nordkorea stattgefunden hat (sollte das in dem Tempo weitergehen ist das die Perspektive). Ebenfalls spannend ist, welche Staaten dem WFP wann spenden und welche nicht (China scheint seine Freundschaftsplichten beispielsweise lieber bilateral abzuwickeln. Mich überrascht auch, dass von den südostasiatischen Staaten wie Indonesien oder Malaysia nichts kommt.).

Bericht zur Nahrungsmittelsituation in Nordkorea: Sechs Millionen von Hunger bedroht


Der  Bericht, den das Welternährungsprogramm (WFP), die Food and Agriculture Organization (FAO) und die UNICEF auf bitte der nordkoreanischen Regierung, hinsichtlich der Ernährungssituation im Land angefertigt haben, ist vorgestern erschienen und ich hab ihn mir mal etwas genauer angeschaut. Wie man es bei den Berichten zur Nahrungssituation in Nordkorea, die WFP und FAO ja ohnehin regelmäßig veröffentlichen, gewohnt ist, ist auch dieser wieder sehr detailliert und informativ. Er geht auf die Ursachen der momentanen Nahrungsmittelsituation ein, beschreibt die aktuelle Versorgungslage und wie die Bevölkerung mit der Knappheit umgeht. Außerdem wird der Grad der Unterernährung in der Bevölkerung erfasst und es werden die gefährdetsten Gruppen beschrieben. Abschließend wird ein umfangreiches Paket an Handlungsempfehlungen gegeben, um die aktuelle Situation zu stabilisieren und für die Zukunft solche Knappheit zu verhindern.

Der Beobachtermission wurde scheinbar eine ungewöhnliche Offenheit seitens der nordkoreanischen Behörden entgegengebracht. Sie bekam Zugang zu Provinzen in denen das WFP aktuell nicht aktiv ist und konnten Märkte besuchen, zu denen zuvor kein Zugang gewährt wurde (jedoch war die Bevölkerung dort den Fremden gegenüber scheinbar recht zurückhaltend). Im Endeffekt stellt der Bericht fest, dass nach Abzug von eigener Produktion und kommerziellen Importen eine Bedarfslücke von 886.000 Tonnen klafft, was 21 % des Nahrungsbedarfs des Landes darstellt.

An uncovered deficit of 886,000 MT is equivalent to 3.68 months of PDS rations for the entire nation. If this uncovered deficit can not be filled by commercial imports or food assistance, the national average per capita food consumption (including cereal, potato, and soybean) will have to be reduced from 174 kg/year to 138 kg/year.

Für die Knappheit ist nicht nur der Rückgang der inländischen Produktion aufgrund von Überschwemmungen und hartem Winter verantwortlich (die Auswirkungen der Maul- und Klauenseuche werden später noch dazukommen) auch der Rückgang von Hilfen aus dem Ausland schlägt im Saldo stark zu Buche. Bis vor drei Jahren wurden aus Südkorea noch jährlich etwa 400.000 Tonnen Reis geliefert. Das wurde seit Amtsantritt Lee Myung-baks auf Null heruntergefahren. Auch die Hilfen des Welternährungsprogramms reichen bisher bei weitem nicht aus, da sich nur wenige Geberländer finden, die das Programm mit Hilfen für Nordkorea ausstatten möchten:

In 2010, WFP received only 20 percent of the resources needed to implement its PRRO. As a result of these funding constraints, many vulnerable groups are no longer receiving food assistance. Of those still receiving food, many receive food fewer days each month. Total food assistance distributed in DPRK in 2010 amounted to only 44,318 MT of cereals, a small fraction of what is needed.

Auch kommerzielle Importe können die Lücke vermutlich nicht schließen. Einerseits führen erhöhte Kosten für Treibstoff (der ebenfalls auf dem Weltmarkt eingekauft werden muss und 2011 vermutlich mit etwa 580 Millionen US-Dollar zu Buche schlagen wird) dazu, dass weniger Ressourcen für Nahrungsmittelimporte frei sein werden. Andererseits sind auch die Preise für Nahrungsmittel erheblich gestiegen. In der Saison 2008/2009 hat das Regime etwa 60 Millionen US-Dollar für Nahrungsmittelexporte ausgegeben in der vergangenen Saison knapp 120 Millionen. Im Januar dieses Jahres waren 18 Millionen. (Natürlich kann man jetzt den Bedarf an Hilfen wieder wegreden indem man sagt, das Regime solle einfach weniger Geld für das Militär ausgeben und mehr für die Ernährung des Volkes. Das ist aber ungefähr genauso hilfreich als würde man sich hinstellen und sagen: „Gaddafi muss weg. Er hat jedes Recht verwirkt, für sein Volk zu sprechen“ aber gleichzeitig möglichen Wegen dorthin verbauen. Klingt gut, ist aber nicht hilfreicher als ein Kropf, weil Gerede nicht satt macht und auch keine entfesselten Diktatoren stoppt.)

Der Bericht kommt zu dem Schluss, dass etwa 6,1 Millionen Nordkoreaner besonders anfällig für Nahrungsmittelunsicherheit sind und durch die internationale Gemeinschaft unterstützt werden sollten. Zu dieser Gruppe zählen vor allem Kinder, schwangere und stillende Frauen, ältere und allein lebende Menschen, Menschen die in großen Haushalten mit wenig „Versorgern“ leben, Menschen die für längere Zeit krank sind und behinderte Menschen. Für diese Gruppen empfiehlt der Bericht die Bereitstellung von knapp 300.000 Tonnen Getreide und 137.000 Tonnen „Fortifed Blended Foods„.

Allerdings ist die Situation bisher noch nicht krisenhaft. Neben der chronischen Unterernährung, die quasi den „Normalzustand“ darstellt:

The nutrition situation, as assessed during the mission, appears to be relatively stable.

Allerdings gebe es

increased risk of malnutrition and infectious diseases (including tuberculosis) due to the lean season (May-July), possible reductions in PDS ration, and other public health issues. At risk is the health and nutrition status of children under five and pregnant and lactating women. A substantial number of households currently subsist on a carbohydrate-based diet which lacks in diversity and nutrients (protein, fat, vitamins and minerals). Given this current precarious nutrition and food security situation, the likelihood of a deterioration of acute malnutrition (wasting) must be considered high.

Das Fazit, das aus diesem sehr informativen Bericht also gezogen werden kann ist, dass das Kind bisher nicht in den Brunnen gefallen, aber bereits tief darüber gebeugt ist. Ich hoffe, dass es einige Regierungen gibt, die sich nicht von politischen Erwägungen leiten lassen, sondern humanitäre Aspekte in den Mittelpunkt stellen. Die indische Regierung scheint hier mit gutem Beispiel voraus zu gehen. Ich bin mal gespannt, ob in einigen westlichen Regierungen da sowas wie Schamgefühl aufkommt, wenn das nicht eben superreiche Indien bereit ist zu helfen, während man selbst bisher nur am Rand steht.

Bericht von WFP und FAO: Fünf Millionen Nordkoreaner sind von Hunger bedroht


Das Welternährungsprogramm und die „Food and Agricultural Organization“ der Vereinten Nationen haben gemeinsam einen Bericht zur Ernährungslage in Nordkorea veröffentlicht. Danach wird von November 2010 bis Oktober 2011 ein Bedarf von 542.000 Tonnen Nahrungsmittel nicht abgedeckt sein. Davon sind vor allem etwa 5 Millionen Menschen Betroffen die vor allem Gruppen wie Schwangeren, Kindern und alten Menschen zuzurechnen sind. Leider habe ich momentan keine Zeit mir das Dokument komplett durchzulesen, aber diese Berichte enthalten immer umfangreiche, gut recherchierte und belastbare Informationen zur Situation im Land.  Ich werde mit den Bericht bei Gelegenheit mal vornehmen, bis dahin könnt ihr ihn euch aber auch selbst anschauen. Hier steht er nämlich zum Download bereit.