Starke Analyse: Norbert Eschborn und Kim Young-yoon zu den Perspektiven einer Koreanischen Wiedervereinigung


In aller Kürze möchte ich euch heute auf eine starke Analyse hinweisen, die  Norbert Eschborn und Kim Young-yoon in den „KAS Auslandsinformationen“ der Konrad Adenauer Stiftung (KAS) veröffentlicht haben. Der 30 seitige Artikel ist mit dem Titel „Die Koreanische Wiedervereinigung. Perspektive oder ‚Lebenslüge‘?“ überschrieben und damit ist auch die inhaltliche Ausrichtung des Artikels schon recht gut umrissen.

Eschborn, der in Seoul für die KAS arbeitet und Kim, der am Korea Institute for National Unification (KINU) forscht, nähern sich der Möglichkeit einer Koreanischen Wiedervereinigung aus verschiedenen Richtungen, aber natürlich mit südkoreanischer Perspektive. Aspekte wie die Haltung der Bevölkerungen, wozu interessante Umfrageergebnisse herangezogen wurden (im Fall der nordkoreanischen Bevölkerung, natürlich nur Flüchtlinge (die sich 2011 in China aufhielten), was die Ergebnisse aber umso spannender macht), historische und internationale Konstellationen, innenpolitische Entwicklungen in Südkorea und die Finanzierungsfrage werden eingehend beleuchtet. Sehr erfreulich finde ich dabei, dass die Autoren ideologische Färbungen, trotz ihrer südkoreanischen Perspektive weitgehend außen vor lassen. Sie kritisieren wo Kritik angebracht ist und loben was lobenswert ist. Erfreulich offen stellt sich dementsprechend auch die Kritik an der Leistung der Regierung Lee Myuung-bak  in diesem Politikfeld. Hervorheben möchte ich auch, dass die Autoren den gesellschaftlich/politischen Umgang mit der Nordkoreafrage problematisieren und die gegenwärtige politische Bildungsarbeit in diesem Bereich und auch das Nationale Sicherheitsgesetz (das leider aber nicht explizit), als Risiken für eine Verankerung des Bewusstseins um die gemeinsame koreanische Geschichte in der Gesellschaft und damit auch für die Perspektiven einer koreanischen Wiedervereinigung benennen.

Vorwerfen kann man der Studie bestenfalls, dass einzelne Aspekte meiner Meinung nach etwas zu kurz kommen. So finde ich, dass die Terroranschläge Nordkoreas auf südkoreanische Regierungschefs im Kontext der Darstellung der historischen Entwicklung der Wiedervereinigungsbemühungen der Koreas zumindest eine Fußnote verdient hätten. Vor allem wird die Vereinigungsfrage aber sehr stark aus südkoreanischer Perspektive beleuchtet. Diesem Ansatz kann man zwar folgen, wenn man die Idee einer plötzlichen Wiedervereinigung unter der Führung Südkoreas nach einem Regimekollaps in Pjöngjang ins Zentrum stellt. Wenn man jedoch eine graduelle Annäherung, die nicht dem deutschen Vorbild entspricht, sondern die Koreas sanft zusammenwachsen lässt favorisiert, dann geht das nicht, ohne auch einen näheren Blick auf die Lage und mögliche Folgen in Nordkorea (vor allem für die Eliten, die ja dann ins Boot müssen) zu versuchen. Ich weiß, dass ist eine große Forderung, aber sonst bleibt das Bild eben etwas unvollständig.

Nichtsdestotrotz kann ich den Text jedem voll und ganz empfehlen, der sich Hintergründe zur Wiedervereinigungsfrage anlesen möchte. Mit Einzelaspekten habe ich mich ja in der Vergangenheit auch schon beschäftigt. Zum Beispiel in meiner Miniserie zu Mauern in den Köpfen oder auch teilweise in Nicolas Gastserie, die sich ja zum Teil mit den Herausforderungen einer Wiedervereinigung für die Verkehrsinfrastruktur befasste.

Diesen Text werde ich natürlich sofort meiner Linksammlung zu aktueller deutschsprachiger Literatur über Nordkorea hinzufügen.

P.S.

Wo ich gerade beim Hinweisen bin, noch zwei Dinge, die eure Aufmerksamkeit verdienen. Einerseits solltet ihr euch den 25. März vormerken. Jedenfalls wenn ihr in Schlagweite zu Dresden wohnt. Dann wird es dort einen Vortrag des aktuellen Deutschen Botschafters in Pjöngjang, Gerhard Thiedemann, geben. Dürfte interessant sein. Andererseits freut es mich, euch mal auf eine ziemlich gute Reisereportage eines deutschen Journalisten hinweisen zu können (meistens lest ihr ja hier eher kritisches über das Wirken deutscher Journalisten, aber mir ist es lieber auf was Schönes hinzuweisen). Christoph Kucklick hat war für die Geo Saison in Nordkorea und ein Auszug seines Artikels ist auf dem Online Auftritt des Sterns erschienen. Außerdem hat er für brand eins noch was Spannendes zu den Mansudae Kunststudios geschrieben, das ich gelesen habe. Ich weiß nicht genau, ob seine Artikel in voller Länge online erscheinen, aber ich hoffe mal. Bis dahin viel Spaß mit dem Anheizer im Stern.

Einheit vs. Mauer in den Köpfen: Deutschland und Korea — Versuch einer Annäherung (III)


Vorweg noch eine kleine Erinnerung: Wenn ihr die limitierte Kim Familienuhr gewinnen wollt (und wer würde das schon nicht wollen), dann müsst ihr euch langsam beeilen. In nichtmal zwölf Stunden ist Deadline. Eure Gewinnchancen stehen auch garnichtmal so schlecht. Garantieren kann ich zwar keinen Gewinn, aber naja, die Chancen für einen Lotto-Jackpot sind um den Faktor ein paar zehn Millionen geringer…

 

Da die Nachrichtenlage heute für mich nichts hergibt, mit dem ich mich unbedingt länger auseinandersetzen müsste (obwohl es durchaus ein paar interessante Meldungen gab), bietet sich mir die erfreuliche Möglichkeit, mich eher grundsätzlichen Themen zu widmen. Und da ich eben bei meiner mentalen Inventur darauf gestoßen bin, dass ich noch eine sehr spannende Miniserie zuende zu bringen habe, werde ich das jetzt mal mit größtem Vergnügen tun. Es geht um die bisher zwei Beiträge, in denen ich mich mit möglichen Folgen und Herausforderungen einer koreanischen Wiedervereinigung auseinandergesetzt und dabei den deutschen Fall als eine Art Referenzobjekt hinzugezogen habe. Im ersten Teil ging es dabei eher um historische und gesamtgesellschaftliche Phänomene, die sich aus der Vergangenheit erklären. Der zweite Teil versuchte dann eher das Individuum und die Gegenwart in den Blick zu nehmen.

Herausforderungen nach und während einer Wiedervereinigung mit Blick auf die nordkoreanischen Bevölkerung

Allerdings ist mir dann ganz am Ende aufgefallen, dass ich ziemlich stark auf Südkorea fokussiert habe und dabei mehr als ein Drittel der Betroffenen (nämlich die Nordkoreaner) mehr oder weniger außer Acht gelassen habe. Diese Lücke will ich nun im Folgenden füllen.

Aus Sicht der Nordkoreaner? Wie soll das denn gehen?

Natürlich ist es ungleich schwieriger, die individuellen und auch gesellschaftlichen Entwicklungen abzusehen, die eine Wiedervereinigung Koreas im Norden mit sich brächte, wenn man davor den Süden betrachtet hat. Dafür gibt es zwei  Gründe. Einerseits habe ich den Referenzfall Deutschland vom Westen aus, also eher von der Seite des Südens erlebt und bin daher der Gefühls und Gedankenwelt der Menschen dort einfach näher. Andererseits gibt es Daten, die ganz gut den Ist-Zustand im Süden wiederspiegeln. Es gibt Umfragen und es gibt Aussagen Einzelner. So kann man ein gewisses Gefühl darüber gewinnen, was die Leute so denken. Schaut man nun auf den Norden, so gibt es weder Umfragen, noch gibt es nutzbare Aussagen Einzelner. Man muss also aus dem Fall heraus ableiten, was Interessen und Gefühle sind. Niemand wird das laut aussprechen. Dieser Herausforderung werde ich mich aber stellen, im vollen Bewusstsein, dass das Alles maximal eine grobe Annäherung an die Realität sein kann.

Wer sind denn „die““Nordkoreaner?

In einem ersten Schritt wäre es dabei schonmal sinnvoll, zu überlegen, mit was für Menschen man es denn in Nordkorea eigentlich zu tun hat. Das ist natürlich ziemlich platt gesagt, denn klar, man hat es mit über 24 Mio. verschiedenen Menschen zu tun. Aber so ein bisschen kann man trotzdem versuchen sie anhand verschiedener Dimensionen in Kategorien einzuteilen. Beispielsweise kann man ganz einfach fragen: Haben sie vom aktuellen Regime profitiert oder nicht? Man kann aber auch fragen: Haben Sie innerhalb des staatlichen Systems gestanden, wie sich das Regime es vorstellt, oder haben sie das nicht? Man kann aber auch danach fragen, was die Menschen gelernt haben? Etwas, dass auch in einer modernen Gesellschaft benötigt wird? Es gibt noch mehre solche Dimensionen und vielleicht sind die hier genannten nicht die Wichtigsten, aber es sind die, die mir gerade als wichtig ins Auge springen.

Analyse möglicher Herausforderungen

Es mag zwischen einzelnen Gruppen zwar Schnittmengen geben, aber deckungsgleich sind sie keinesfalls und ich will einfach mal versuchen, die Probleme einer Wiedervereinigung anhand dieser Kategorien zu erläutern. Ihr werdet merken, dass der deutsche Fall hier etwas stärker in den Hintergrund tritt. Ich habe mich dafür entschieden, weil vieles nur bedingt vergleichbar ist und diese Folie mir daher nicht wirklich weiterhilft.

Profiteure vs. Opfer

In dieser Unterscheidung liegt bereits einer der großen Stolpersteine für eine Wiedervereinigung Koreas und gleichzeitig auch die Erklärung dafür, dass eine Wiedervereinigung oft nur in Verbindung mit einem Regimekollaps im Norden gedacht wird. Das hat damit zu tun, dass diejenigen die das System in Nordkorea tragen auch diejenigen sind, die davon profitieren. Gleichzeitig sind diese Profite bei einem Zusammengehen mit dem Süden in Gefahr. Ein Rechtsstaat würde eventuell ihre früheren Taten verfolgen und in einer Demokratie kann man aus Ämtern auch wieder rausgewählt werden, während in Nordkorea eher Alter bzw. Tod das Ende einer Amtszeit bestimmen. Daher ist es aus Sicht der Profiteure nicht erstrebenswert, unter rechtsstaatlichen oder demokratischen Bedingungen mit dem Süden zusammenzugehen. Gleichzeitig dürfte das die Minimalvoraussetzung des Südens für eine Vereinigung sein.

Wohin mit den Funktionsträgern…

Denkt man aber an einen Regimekollaps, dann bleibt das Problem weiter bestehen, dass die Träger des Systems Strafverfolgung und Verlust der Privilegien zu fürchten haben (der Fall Deutschland hat das zum Teil vorgemacht, auch wenn einzelne Lösungswege aufgezeigt wurden (allerdings hat der Fall Nordkorea vielmehr Individuen in seinen Reihen, die dermaßen schwere Schuld auf sich geladen haben, dass für sie eine Vereinigung immer riskant ist)). Daher werden diese, die ja die Machtmittel in der Hand halten und im Gegensatz zu den Opfern intern und vielleicht auch extern gut vernetzt sind, eher versuchen, auch bei einem Regimekollaps weiter ein eigenes Ding zu machen und eine Vereinigung so weit wie möglich zu behindern. Eine mögliche Lösung für das Problem wäre es, den Funktionsträgern des Regimes ein glaubwürdiges Angebot zu machen, dass sie auch im neuen System privilegiert sein werden. Allerdings bringt das einerseits deutliche Legitimationsprobleme für das neue Staatswesen mit sich, andererseits, aber verbunden damit, kommen dann auch die Opfer ins Spiel.

…und wie den Opfern Gerechtigkeit bieten?

Für die Opfer (ich meine damit nicht nur die Menschen, die in den Straflagern vegitierten, sondern alle, die keinen Einfluss auf ihr persönliches Schicksal hatten, sondern ihr ganzes Leben vom Wohlwollen des Staates und seiner Vertreter abhingen (und wenn denen nukleare Aufrüstung wichtiger war, dann wurde eben gehungert)) die bieten sich erstmal bessere Lebensumstände und andere Möglichkeiten. Allerdings dürften sie von dem neuen System auch ein gewisses Maß an Gerechtigkeit verlangen (in Deutschland wurde ja zum Beispiel auch kontrovers darüber diskutiert, inwiefern Stasioffiziere und andere Funktionsträger staatliche Rente erhalten sollen). Da besteht also ein Gegensatz für den nur schwer ein  Ausgleich zu finden ist. Jedoch bieten diejenigen, die vom nordkoreanischen Regime nicht profitiert haben, sondern eher darunter litten, eine große Chance für die Legitimation des neuen Staates. Es wird ihnen darin besser gehen als zuvor und deshalb werden sie eine Zeit lang den neuen Staat unterstützen, bis sie vergessen haben, wie schlecht es ihnen zuvor ging.

Der Ende des materiellen Rauschs und die Sehnsucht nach sozialer Geborgenheit

Dann allerdings könnte es, ähnlich wie in Deutschland in einigen Gruppen zu einer Art Verklärung der Vergangenheit kommen. Ich habe das Gefühl, dass diese Verklärung oft damit zu tun haben, dass die Leute, wenn ihr materieller Rausch vorbei ist, merken, dass sich nicht nur im wirtschaftlichen Bereich einiges verändert hat, sondern auch im sozialen und gesellschaftlichen Umfeld. Und einiges von dem, das der alte Staat dort geleistet hat, wird im neuen Umfeld nicht geliefert. Naja und da die Unterschiede zwischen Süd- und Nordkorea eben noch größer sind, als zwischen West- und Ostdeutschland, sowohl materiell als auch (glaube ich zumindest) gesellschaftlich und sozial, könnte das auch größere Auswirkungen haben. Nur die Richtung ist schwierig zu bestimmen. Einerseits könnte es sein, dass der materielle Vorteil der Opfergruppe so groß ist, dass er die soziale und gesellschaftliche Andersartigkeit im neuen System so  lange verdeckt, das daraus keine großen Konsequenzen folgen. Oder aber sehr viele der ehemaligen Nordkoreaner empfinden noch drückender ein Gefühl sozialer Kälte und mangelnder Solidarität, so dass sie sich mit dem neuen Staatswesen nicht identifizieren können, was ernsthafte Risike für die Legitimität und damit das Fortbestehen des Staates in seiner Form mit sich bringen kann.

In or Out. Leben nach den Regeln des Regimes oder nicht.

Sowohl die Gruppe derjenigen, die sich an die Regeln des Regimes hält, als auch diejenige Gruppe, die sich durch ihr Verhalten außerhalb des Regelsystems stellt sind sehr divers. Diejenigen die sich an die Regeln halten kann es unter den Profiteuren geben (ich glaube durchaus, dass nicht jeder, der ein Staats- oder Verwaltungsamt in Nordkorea bekleidet ein gewissenloses Monster ist. Ein Teil kann durchaus Gutes im Sinn haben, aber wieviele das sind und wer es ist, dass ist nicht so einfach rauszufinden), aber auch unter den Normalsterblichen oder den ganz Armen. Man kann nachlesen und das auch logisch erschließen, dass diejenigen, die den Regeln des Systems minutiös folgten oft zu den ersten Opfern der Hungerjahre gehörten. Sie wollten nicht gegen Regeln verstoßen, konnten aber deshalb ihr Dasein nicht sichern.

Außerhalb des Regelsystems stehen heißt für das neue Korea üben

Diejenigen, die außerhalb des Regelsystems stehen kommen mit Sicherheit in großer Zahl in der Gruppe der Träger des Regimes vor. Sie sind schlicht auf ihren eigenen Vorteil und nicht auf Solidarität bedacht. Deshalb sind sie beispielsweise korrupt. Ein wichtiger Bestandteil des Systems beruht auf Korruption, allerdings auf Korruption von oben, also Geschenke von der Führung. Das gehört noch irgendwie zum Regelsystem das herrscht, aber es macht eben auch anfällig für Korruption von unten (denn wer gibt sich schon mit hin und wieder nem Auto und ein paar Flaschen Schnappes zufrieden, wenn da bei ein bisschen „Eigeninitiative noch viel mehr zu holen ist?). Es gibt aber auch Leute wie die Schwarzmarkthändler, die zum Teil sowas wie eine neue Mittelschicht zu bilden scheinen. Die gehören ursprünglich nicht zu den Funktionseliten, haben aber mit der Versorgung der Bevölkerung eine wichtige Funktion übernommen. Allerdings einzig mit Blick auf den individuellen Vorteil, nicht auf das Wohl der Gemeinschaft. Das eint diese beiden Gruppen und das wird es ihnen erleichtern, sich an das System in Südkorea zu gewöhnen. De facto kennen sie die Regeln des Marktes und leben eine Art Ellenbogen und Wettbewerbsgesellschaft. Gut möglich, dass ein großer Teil dieser Menschen eine Vereinigung befürworten würde, denn sie wären damit nicht mehr staatlicher Willkür unterworfen, sondern hätten ein festes Regelsystem, nach dem sie ihr Geld weiter vermehren, also ihren Vorteil weiter maximieren könnten. Nur bei dem Teil der Gruppe, der eine Schnittmenge zwischen Funktionselite und außerhalb des Regelsystems stehenden bildet, dürften die Gefühle eher ambivalent sein, denn es fehlt die Gewissheit um eine mögliche Strafverfolgung etc. Allerdings könnte das Wissen im Bereich „Korruption“ hier beruhigend wirken. Denn auch im Süden scheint man vor diesem Phänomen nicht wirklich gefeit zu sein.

Alles woran man einmal glaubte war falsch? Schlechte Basis für einen Neuanfang

Für diejenigen, die innerhalb des Regelsystems stehen dürfte es dagegen wirklich schwer vorstellbar sein, unter einem neuen System mit völlig neuen Vorzeichen zu leben. Vermutlich haben sie das alte Regelsystem nicht verlassen, weil sie seine Werte verinnerlicht hatten und vielleicht sogar daran glaubten. Wenn diese Regeln plötzlich in weiten Teilen nichtig sein sollen, dann dürfte das einen ungeheuren Schock auslösen. Es gibt bei Berichten über Flüchtlinge im Süden immer wieder Hinweise darauf, dass sie eine Art moralische Schwierigkeiten im Umgang mit Geld haben. Sowas ist ein Problem in einer Marktwirtschaft. Wenn das einen großen Teil der Bevölkerung betrifft, der sich als Verräter an der Wahrheit fühlt, dann dürfte die Integration dieses Teils in die neue Gesellschaft schwerfallen. Unter solchen Voraussetzungen ein neues Staatsgebilde zu errichten ist eine ganz schöne Herausforderung.

Nützlich oder nicht. Individuelle Fähigkeiten

Das ist natürlich ein extrem weites Feld, das ich bewusst offen gehalten habe. Es geht nicht nur um berufliche Qualifikationen, sondern auch darüber hinaus um das ganz normale Leben unter den Bedingungen einer kapitalistischen Gesellschaft.

Fit für das Leben im Kapitalismus?

Es gibt zwar Berichte darüber, dass es eine wachsende Zahl von Kreditkarten in Nordkorea gibt. Aber wieviele Nordkoreaner wurden wohl noch nie mit Plastikgeld konfrontiert und wieviele haben wohl wirklich einen Sinn für die Funktionsweise, die dahinter steht. Ich meine, wir in Deutschland leben schon ziemlich lange in einer kapitalistischen Gesellschaft. Trotzdem ist jeder zehnte überschuldet. Was passiert wohl, wenn man 24 Millionen Nordkoreaner Kreditkarten gibt und sie dann mal machen lässt? Da werden vermutlich auch ein paar Schuldenopfer bei rauskommen. Und was passiert, wenn man zu 24 Millionen Nordkoreanern sagt: Nein, ihr seid nicht in der Lage Kreditkarten zu benutzen? Hm. Es wird öfter mal über Betrügereien unter nordkoreanischen  Flüchtlingen im Süden berichtet. Vieles hat mit Leichtgläubigkeit der wenig erfahrenen Neuankömmlinge zu tun, die ihr Willkommensgeld irgendwelchen windigen Helfern in den Rachen werfen. Gut möglich, dass mancher Nordkoreaner anfällig für solche Betrügereien ist. Daraus könnten sich bei einer Wiedervereinigung echte Probleme ergeben.

Heer entwaffnen und in den Ruhestand schicken? Schwierig.

Aber das ist natürlich bei weitem nicht alles. Was macht man wohl mit einem Heer von 2 Millionen Leuten. Bestimmt nicht behalten. Was macht man mit den Soldaten und Offizieren? Soweit ich weiß hat das in Deutschland recht gut geklappt, obwohl der Großteil der ehemaligen NVA Offiziere in die Röhre guckte. Interessant ist hier vielleicht auch der Hinweis, dass die NVA zuletzt aus 155.000 Menschen bestand. Das ist noch nicht einmal ein Zehntel der Leute die in der Koreanischen Volksarmee dienen. Ein Hauptproblem von Staaten ist es immer, die Leute unter Kontrolle zu halten, denen man Waffen in die Hand gegeben hat, damit sie den Staat verteidigen. Und von 2 Millionen Leuten die Waffen einzusammeln um dann zu sagen:  „Danke Leute, netter Job, jetzt geht nach Hause und lernt was vernünftiges, dann kann die Gesellschaft euch bald wieder brauchen“ ist wahrscheinlich nicht so einfach. Da muss man sich wohl was überlegen. Und wenn man sich was Schlechtes überlegt, hat man ein paar zehntausend Ex-Offiziere, die nichts gelernt haben, als Soldat für einen anderen Staat zu sein und die plötzlich nichts mehr zu tun haben. Man muss nicht sonderlich kreativ sein, um da Probleme kommen zu sehen.

Arbeitskräfte ohne Arbeit…

Aber vermutlich werden  auch viele von den Leuten, die ganz normale Berufe ausüben, so ihre Schwierigkeiten haben. Sie kennen vielleicht nicht die neueste Technik, verwenden veraltete Methoden, oder haben Berufsbilder gelernt, für die im neuen Staat kein Platz mehr ist. Was macht man mit denen? Ausbilden. Das ist teuer und man weiß nicht, ob die Investition lohnt, weil man nicht weiß, ob sie wirklich in der Gesellschaft klarkommen. Also in einfachen manuellen Jobs einsetzen. Das trägt erstens nicht wirklich zu ihrem Wohlstand bei (was aber zur Legitimation des neuen Staates wohl nötig wäre) und zweites nicht zu ihrer Zufriedenheit. Denn wer eine halbwegs interessante Arbeit halbwegs gern gemacht hat, den wird es nicht gerade freuen, wenn er jetzt auf einmal nur noch fürs Straßekehren oder das Müllwegfahren gut sein soll. Noch frappierender ist das natürlich bei Akademikern. Aber vielleicht sind die ja auch so gut ausgebildet, das die gut unterkommen. Ansonsten hat man einen Haufen frustrierter und sich missachtet fühlender Leute,  die aber einiges können und ganz pfiffig sind. Auch so eine Kombination kann schnell gefährlich werden. Ihr erinnert euch an den Una-Bomber. Ein einzelner Mann, der sich in seiner Gesellschaft nicht wohl fühlte und deshalb über Jahrzehnte Attentate verübte. Soweit muss es noch nichtmal kommen, aber auch andere Formen aktiven oder passiven Widerstandes eines großen Teils der neuen Bevölkerung können für Probleme sorgen.

Nur ein kleiner Ausschnitt einer großen Herausforderung

So, das waren mal meine basalen Überlegungen zu den Herausforderungen, die eine koreanische Wiedervereinigung auf Ebene der Menschen beider Koreas mit sich bringen kann. Ich weiß, dass es noch viele Aspekte geben dürfte, die ich vergessen oder vernachlässigt habe, aber erstens bin ich kein Hellseher und zweitens war das eine sehr subjektive und eher impulsive Auswahl. Wenn ihr mögt könnt ihr eure Gedanken gerne beifügen, denn ich bin mir sicher, dass der Eine oder Andere von euch dazu auch recht differenzierte Ideen hat. Außerdem sind das natürlich bei weitem nicht alle Probleme, die sich bei einer Wiedervereinigung stellen werden. Nikola hat das ja sehr schön mit seiner Serie zum Verkehr auf der Koreanischen Halbinsel belegt. Genauso müsste man dann noch über die Verwaltung sprechen, über den Aufbau der nordkoreanischen Wirtschaft etc. pp die Liste kann man noch ganzschön lange weiterführen.

 

Einheit vs. Mauer in den Köpfen: Deutschland und Korea — Versuch einer Annäherung (II)


So, nach einer Woche wird es aber mal Zeit, mich dem Themenfeld „Einheit vs Mauer in den Köpfen“ weiter anzunähern. Nachdem ich letztes Mal eher auf die Makroebene fokussiert und die großen historischen Linien in den Blick genommen habe, will ich heute auf die Mikroeben hinab (oder hinauf, das kann man so und so sehen) steigen und mir Barrieren und Chancen einer koreanischen Wiedervereinigung vom Individuum aus anschauen. Es wurde ja schon kräftig und inhaltlich interessant zum ersten Teil kommentiert und ihr werdet einige der dort aufgeführten Argumente auch in meinem Text widerfinden, danke jedenfalls an die Kommentatoren. Jetzt aber zum Thema.

Man kennt sich nicht. — Man mag sich nicht?

Eine Frage die immer wieder andiskutiert wird, wenn es um eine mögliche Wiedervereinigung Koreas geht, ist die, des Kontakts zwischen den Bevölkerungen. In Deutschland war ein gewisser Grad an Verbindung  der Bevölkerungen der DDR und der BRD gegeben. Familienangehörige durften sich schreiben und sich zum Teil auch besuchen, BRD Bürger durften in die DDR einreisen, um dort Ferien oder sonstwas zu machen und es gab auch so ein bisschen was wie kulturellen Austausch (über Udo hinaus). Naja und jemandem, den man kennt, wünscht man eben eher das Beste, als völlig Fremden. In Korea dürfte in beiden Teilen die Zahl derjeniger, denen die Menschen auf der jeweils anderen Seite der Demilitarisierten Zone (DMZ) völlig fremd sind, erdrückend groß sein. Gleichzeitig stirbt die Generation, die Verwandte im anderen Landesteil hat, zunehmend schnell aus (was in Deutschland ebenfalls in keiner Weise gegeben war). Schon stark abgenommen haben dürfte ihr direkter Einfluss auf den gesellschaftlichen Diskurs, denn die Meisten Mitglieder dieser Generation sind aus Berufsleben und Ämtern ausgeschieden. Die starke Bindung, die Verwandtschaftsverhältnisse mit sich bringen, wird allerhöchstens noch auf die Kinder dieser Menschen, deren Brüder und Schwestern jenseits der DMZ leben, wirken, weil die vielleicht noch aus erster Hand die Gefühle und Gedanken ihrer Eltern miterleben konnten. Aber die Enkelgeneration, also die heutige Jugend? Das kann man von ihnen ja nichtmal verlangen. Jetzt gehe ich vielleicht doch nochmal eine Ebene höher. Die Sozialpsychologie lehrt uns, dass das/der, was/den wir nicht kennen, bei uns schneller Ängste auslöst und das zwei Gruppen, die sich untereinander nicht kennen schneller feindselig gegeneinander werden. Die Perspektiven die sich daraus ergeben finde ich nicht gerade ermutigend.

Wir und ihr: Die Sprache als Grenze

Auch in den Sprachen sehe ich durchaus eine unsichtbare Mauer, die mit jedem Tag der hermetischen Trennung höher wird. Schon vor der Trennung gab es Dialekte, die eine regionale Zuordnung möglich machten und nach der Trennung gab es teils ideologische Bemühungen, die Sprachentwicklung in richtige Bahnen zu lenken. So versuchte man im Norden eine „Koreanisierung“ der Sprache, indem Lehnwörter zum Teil durch koreanische Formen ersetzt wurden. Wenn es heute Lehnwörter im Norden gibt, dann chinesische oder manchmal russische. In Südkorea sind wohl vor allem englische Wörter in den Alltagssprachgebrauch eingeflossen. Beide Sprachen haben sich also weiter auseinander entwickelt (aussagen über Grammatik etc. traue ich mir nicht zu) und dürften im Falle von einer Öffnung zu einer mentalen Gruppenbildung führen. In Deutschland war das z.T. ja auch so. Wir Wessis haben uns über manchen total verrückt klingenden sozialistisch korrekten Begriff aus der DDR amüsiert und was den Dialekt angeht: Für mich sächselte  der „typische Ossi“ (was natürlich totaler Schwachsinn ist, weil damit nur eine Minderheit der ex-DDR Einwohner erfasst wurde. Aber der Punkt ist: Wenn jemand sächselte, war er ein „Ossi“. Naja und wenn in Korea jemand Pjöngjang-Dialekt spricht, dann ist er einer von denen aus dem Norden.

Die Angst vor den Anderen

Gleichzeitig bestehen aber auch verschiedene Ängste, die es umso schwerer machen, im Anderen den Menschen und nicht die Bedrohung zu sehen. Diese Ängste werden noch angefacht durch die Propaganda auf beiden Seiten der DMZ. Die sorgt dafür, dass man in beiden Teilen oft nur die Klischees von den anderen Koreanern kennt. Und die sind ja eher negativ als positiv (selbst wenn über diesen Klischees noch immer die Idee von einer Einheit in der Zukunft schwebt). Im Süden, so habe ich mir das einmal erklären lassen, war das historisch bedingt so ähnlich wie die Angst vorm bösen Wolf, der nach Belieben kommt und die friedlich grasenden Lämmer reißt. Mittlerweile wird dies Topos aber zunehmend verdrängt durch die Angst vorm armen Schlucker, der kommt und den hart erarbeiteten Wohlstand aussaugt. Dazu trägt sicherlich auch bei, dass in der öffentlichen Diskussion immer wieder von den Kosten einer Wiedervereinigung gesprochen wird. Und spätestens als dann noch die Idee von einer Vereinigungsteuer diskutiert wurde, dürfte jedem klar geworden sein, dass eine Vereinigung für jeden Einzelnen mit Kosten verbunden ist. Und das ist dann etwas anderes, als abstrakt über Milliardenbeträge zu diskutieren, die eine Vereinigung kostet (das ist so ähnlich, wie die Geschichte mit Griechenland und dem Euro. Solange keiner kommt und ein Prozent vom Gehaltscheck für die Griechenlandrettung abzwackt, sagen ziemlich viele: „Lass uns die armen Griechen doch retten. Langfristig ist das besser.“ Wenn aber jetzt eine Steuer nötig würde, dann wäre die Lage mit einem Schlag anders.). Damit will ich nicht die südkoreanische Regierung für ihr herangehen an die Kostenfrage kritisieren. Ich will nur zeigen, dass wir in Deutschland das Glück des Unwissens hatten. Als der Soli fällig wurde, war eh schon alles „zu spät“. In Südkorea weiß man aber schon vorab, dass eine Einheit kommen kann (haben wir ja vorgemacht) und dass das was kosten wird (haben wir ja auch vorgemacht).

Das vertrackte Hauptstadtdilemma und die symbolische Tragweite

Einen weiteren Aspekt sehe ich in der Hauptstadtfrage. Als Deutschland geteilt wurde, hat man in der BRD die kluge Entscheidung getroffen, mit Bonn eine relativ unbedeutende Stadt zur Hauptstadt zu machen. Nicht Köln, nicht Frankfurt, nicht München oder Hamburg. Das beschauliche Bonn. Berlin blieb so eine Art Sehnsuchtsziel. Und es gehörte ja zum Teil auch noch irgendwie zur BRD. Zwar auch zum Teil irgendwie zur DDR, aber ich denke, das hat nicht nur getrennt, sondern auch verbunden. Viele BRD Bürger haben Berlin besucht und viele sind dazu durch die DDR gefahren. Es hat sicherlich mehr das Gefühl einer unnatürlichen Teilung mit sich gebracht, als eine schiere Grenzlinie, die man so ähnlich auch zwischen sehr verfeindeten Nachbarstaaten (oder den USA und Mexiko) finden kann. Viele BRD Bürger sind auch nach Berlin gegangen, um sich den Wehrdienst zu sparen. Das hat natürlich eine bestimmte Gruppe von Menschen dorthin gebracht, die zum Teil ohnehin zu idealistischeren Zielen neigte. Vielleicht hat sich so auch eine gewisser Kern von Einheitsbefürwortern gebildet, der die Vereinigung erleichterte. In Korea gibt es kein Berlin. In Korea gibt es Seoul und Pjöngjang. Beides sind die Metropolen ihres jeweiligen Landes. Wenn es zu einer Vereinigung kommen sollte, dann wird man sich für eine  Hauptstadt entscheiden müssen (muss man das? Irgendwie schon, aber in Südafrika sind die Organe auch auf unterschiedliche Städte verteilt) und da steckt immer eine Aussage und viel Symbolik drin. Das Helmuth Kohl Berlin wieder zu einer richtigen Hauptstadt gemacht hat, war nicht leicht, aber vor allem war es ein wichtiges Einheitssymbol. Sollte Seoul Hauptstadt eines vereinten Koreas werden, wäre das ein Symbol der erfolgreich abgeschlossenen (mehr oder weniger feindlichen) Übernahme. Visionäre Politiker könnten sich vielleicht als symbolisches Zugeständnis einen neutraleren Ort vorstellen, aber mal ganz ehrlich, wäre sowas vorstellbar? Ich weiß es nicht. Jedenfalls bot der Sonderstatus Berlins den Deutschen eine hervorragende Lösung für das vertrackte Hauptstadtdilemma.

Noch ein Cut…

Habe ich was vergessen? Ich weiß nicht was es ist, aber ich bin mir sicher, es ist sehr viel. Das hat damit zu tun, dass man die konkreten Herausforderungen erst sehen können wird, wenn der große Augenblick gekommen ist (sollte er je kommen). Einen Aspekt habe ich allerdings noch auf dem Schirm, dem ich hier bisher wenig Beachtung geschenkt habe. Ich habe nämlich vornehmlich aus Südperspektive geschrieben. Aber natürlich leben auch im Norden ganzschön viele Menschen und natürlich haben die auch eine eigene Sicht auf eine Wiedervereinigung. Und damit komme ich zu dem erstaunlichen Ergebnis (als ich angefangen habe, wollte ich heute fertig werden), dass ich schon wieder einen Cut setzen muss und in ein paar Tagen eine „Nordperspektive“ versuchen werde.

Kritik, Diskussion und Meinung erwünscht

Bis dahin bin ich wieder mal für alle Ergänzungen, kritischen Kommentare und anderen oder gleichen Meinungen dankbar. Ich fand es toll, dass beim letzten Mal einige von euch ihre persönlichen Erfahrungen und Wahrnehmungen geteilt haben und würde mich freuen, wenn es dieses Mal ähnlich wäre.

Verkehr auf der Koreanischen Halbinsel (VI): Blick in die Zukunft


Klickt auf das Bild und findet die anderen Artikel der Serie, die bisher erschienen sind.

Nikola Medimorec

Soweit haben wir in den letzten Wochen ein Bild der Verkehrssituation in Nordkorea gezeichnet und einen Vergleich mit Deutschland gemacht. Jetzt werde ich versuchen, eine möglichst realistischen Blick in die Zeit nach der Wiedervereinigung zu werfen.

1/2 + 1/2 = 1

Ein wiedervereintes Korea bedeutet zunächst einmal mehr Macht und eine größere Bevölkerung. Die Konstellation von Macht (wirtschaftlich und politisch) in Ostasien wird sich ändern. Oft wird darüber diskutiert, wie wichtig Nordkorea für China ist und ob es ein „Verlust“ für China darstellen würde. Doch klar ist, dass China ihren räumlichen Puffer zu den Amerikanern verliert, die heute noch in einer großen Anzahl in Korea stationiert sind.

Öffnung der Grenze

Was wird an der innerkoreanischen Grenze, einem 4 km breiten Landstrich, geschehen, welches über 50 Jahre komplett unberührt war und Heim für viele Tier- und Pflanzenarten darstellt? Als in Deutschland die Grenze fiel, ergriffen oft Anwohner die Initiative und rissen die Grenzmauern und Barrikaden mit Baggern ein. Das ist leider in Korea nicht so möglich, weil das Grenzgebiet stark vermint ist. Mit den grenzüberschreitenden Projekten konnte Südkorea in diesem Bereich Erfahrung sammeln, was später sehr vorteilhaft sein wird. Mir wurde gesagt, dass damals auch deutsche Minenräumvehikel zum Einsatz kamen. Das war sehr effektiv, solange es sich um flaches Gelände gehandelt hat. Bei Steigungen fielen diese oftmals um, wenn es über eine Miene ging. Korea und besonders das Grenzgebiet sind sehr gebirgig. Also kann man damit rechnen, dass für eine gewisse Zeit die Übergänge von Norden nach Süden limitiert bleiben, was zur Regulation der Migration nützlich sein kann (was ich persönlich aber nicht befürworte, Menschenrechte garantieren freie Migration innerhalb Staatsgebietes).

Wirtschaftliche Entwicklungsmöglichkeiten

Es wird angenommen, dass, wenn Nordkorea eine offene Marktwirtschaft hätte, die Wirtschaftsleistung jährlich um 10 % wachsen würde. In einem vereinten Korea, wobei die vorhandenen Finanzmittel aus dem Süden eine Art Katalysator darstellen, wären die Ausmaße des Wachstums noch größer. Man muss aber realistisch bleiben und sich bewusst sein, dass nicht das gesamte Nordkorea aufblühen wird. Der Tourismus in China und Korea würde von einer offenen Grenze profitieren. Die Entwicklung wird sich auf einen oder zwei Korridoren fokussieren. Der Hauptkorridor wird Seoul-Pjöngjang (hier auch Nampo) und Sinuiju beinhalten. Die Verlängerung würde bis nach Peking gehen. Auf diesem Korridor würde sich ein Hochgeschwindigkeitsbahnnetz lohnen und es wäre die erste Möglichkeit des KTX auf einer internationalen Linie zu operieren. Der Korridor mit sekundärer Priorität wäre von Seoul über Pjöngjang nach Wonsan an die Ostküste und den ganzen Weg hoch bis an die Grenze zu Russland. Außerdem wird es wichtig sein, was für eine Rolle Pjöngjang erhalten wird. Vom nordkoreanischen Staat wird die Einwohnerzahl konstant auf ungefähr zwei Millionen gehalten und Zuzüge sind nicht gestattet. Es könnte gut passieren, dass die Stadt geradezu explodieren wird, weil Koreaner aus dem Norden eher eine mehr vertraute Umgebung bevorzugen als die monströse Metropolregion Seoul.

Rolle des Verkehrs

In den ersten Monaten wird der innernationale Lufttransport sehr wichtig sein, um alle Regionen mit Maschinen, Produkten und Baumaterialien zu versorgen. Unvermeidlich wird der Anstieg von Unfällen und der Zahl von Toten im Straßenverkehr auftreten, weil abenteuerlustige Südkoreaner mit ihren Hyundais und Kias auf den unsicheren Straßen im Norden fahren werden. Der Güter- und Personentransport wird eine komplett neue Dimension annehmen. Südkoreas internationaler Gütertransport wird sich von einem kompletten Schiffstransport abhängiges System zu einem weit aus diversifizierterem Angebot umwandeln. Über Schienen können Güter schnell nach China und Russland transportiert werden. Außerdem wird es wichtig sein, die industriellen Kerne von Nordkorea an ein gesamtkoreanisches Infrastrukturnetz anzuschließen, damit diese im Wettbewerb bestehen bzw. überhaupt in ihn eintreten können. Genau hierbei kommt es darauf an, Korridore (wie vorgeschlagen) festzulegen, die industriellen Kerne und Stärken zu analysieren und ein effektives Maßnahmenpaket zur Ausbau der Infrastruktur zu verabschieden.

One Korea

Bei dieser Vision eines vereinten Koreas kann man die Wiedervereinigung nur unterstützen. Der Aufbau der Infrastruktur nach modernen Maßstäben wird ein Schlüsselfaktor sein. Was erwartet Korea in der Zukunft? Natürlich ist es nicht leicht vorhersehbar, aber es wird auf jeden Fall eine sehr interessante Zukunft mit vielen Chancen sein.

 

Alle dargestellten Inhalte sind nur ein Abriss meiner Abschlussarbeit „Reunification Through Transport. Lessons from the German Transport Unity Transport Projects for the Korean Peninsula“. Wer sich für die Quellen, mehr Details, weitere Ausführungen interessiert und das gesamte Bild der Verkehrswegestruktur kennenlernen möchte, kann meine Abschlussarbeit unter folgendem Link erwerben: http://www.lulu.com/shop/nikola-medimorec/reunification-through-transport-lessons-from-the-german-unity-transport-projects-for-the-korean-peninsula/ebook/product-20282587.html

 

Ja schade! Jetzt ist Nikolas Serie schon zuende. Das will ich aber auf jeden Fall nochmal kurz nutzen, um mich abschließend bei ihm zu bedanken.

Das war eine tolle Bereicherung für mein Blog und Du hast Aspekte gebracht, auf die ich bestenfalls nach langer Recherche (vermutlich aber garnicht) gekommen wäre. Dass Du dir dafür viel Zeit genommen hast, nur um sie uns zu schenken wird wohl keinem entgangen sein. Danke auch dafür. So macht Bloggen Spaß! Wenn man sich gegenseitig ergänzen und weiterhelfen kann. Und wenn die Zusammenarbeit dann noch so unkompliziert und locker läuft, wie in unserem Fall, dann kann man ja nur zufrieden sein

Naja, mir bleibt nicht mehr viel, außer meinen Lesern nochmal wärmstens Dein wirklich tolles Blog zu empfehlen, auf dem du aktuelle (human-)geographische Fragestellung mit Bezug zu Südkorea aufgreifst (Ist spannender als es klingt. Wer Geographen kennt, weiß wie vielfältig ihre Interessengebiete sind) und dir natürlich, wie sich das gehört, ein kleines Blumensträußchen zu überreichen. Leider nur rein virtuell…

Wie praktisch: Virtuelle Blumen sind wiederverwendbar….

Einheit vs. Mauer in den Köpfen: Deutschland und Korea — Versuch einer Annäherung (I)


Kürzlich hat mir ein Bekannter von einem südkoreanischen Freund berichtet, der sich ihm gegenüber dahingehend geäußert hatte, dass nach seinem Empfinden Nordkoreaner keine Landsleute seien, sondern Ausländer, die zufällig einen anderen koreanischen Dialekt sprächen. Dieser Freund sei gegen eine Wiedervereinigung gewesen und hätte keine Lust gehabt, gemeinsam mit den Nordkoreanern zu leben, die unter ganz anderen Bedingungen aufgewachsen seien, als er selbst und so ziemlich alle Südkoreaner. Mein Bekannter war der Ansicht, dass die Bekundung seines Freundes ganz gut die Haltung der meisten Südkoreaner zu den Themen Nordkorea und Wiedervereinigung widerspiegle. Und dann sagte er noch was, was mich in der Folge beschäftigt hat. Vermutlich sei die Stimmungslage in Deutschland kurz vor der Wiedervereinigung (so 1987) vor allem in der jüngeren Generation ganz ähnlich gewesen.

Von nichts eine Ahnung, aber zu allem eine Meinung: That’s me…

Nun kann ich eigentlich dazu nicht wirklich was sagen. Als die Wiedervereinigung kam, hatte ich gerade mal verstanden, dass die DDR ein besonderer Nachbar war (das lag vor allem an den Wetterkarten im Fernsehen), aber für weiterreichende Fragen war ich noch ein bisschen jung. Nichtsdestotrotz — oder vielleicht auch gerade deshalb — beschäftigen mich gesellschaftliche Fragen hinsichtlich einer möglichen Wiedervereinigung schon länger und ich sehe darin ein Areal, dass für „Erfolg“ oder „Misserfolg“ einer möglichen Wiedervereinigung entscheidend sein könnte. Gleichzeitig kann ich mir nicht so wirklich vorstellen, dass die Stimmungslage im Westdeutschland der ausgehenden 1980er Jahre wirklich so radikal war, wie sie mein Bekannter am Beispiel seines Freundes beschrieben hat. Stimmungslagen lassen sich natürlich nicht wieder holen und in der Retrospektive wird da ja öfter mal was verklärt, daher ist es vielleicht auch garnicht so schlecht, wenn jemand sich an dem Thema abarbeitet, der unbeteiligt darauf schauen kann. Ich werde daher einfach mal versuchen, mich der ganzen Geschichte quasi essayistisch zu nähern und auf diesem Wege herauszuarbeiten, inwiefern die gesellschaftlichen Situationen in Deutschland zur Wiedervereinigung und in Korea, wenn dort ein solches Ereignis binnen weniger Monate oder Jahre einträte, vergleichbar sind und inwiefern nicht.

Parallelen zwischen Deutschland und Korea

Die Parallelen, die ja auch dazu führen, dass man die Fälle Deutschland und Korea immer wieder vergleicht, liegen auf der Hand. Deutschland war in Folge der Besatzung der Siegermächte im zweiten Weltkrieg geteilt. In einem Teil herrschte ein marktwirtschaftlich organisiertes, an den USA orientiertes System, im anderen Teil ein an der Sowjetunion orientiertes und planwirtschaftlich organisiertes. Das an der Sowjetunion orientierte System bot weniger Freiheiten als das an den USA orientierte und musste deswegen und wegen einer unbefriedigenden wirtschaftlichen Entwicklung die eigenen Bürger einsperren, um ein Ausbluten des Landes zu verhindern. Im Laufe der Zeit wurde das wirtschaftliche Gefälle zwischen beiden Ländern immer frappierender, was Fluchtanreize erhöhte. Gemeinsam haben beide Fälle auch, dass die Seiten mit ihrer gemeinsamen Identität so ihre Probleme hatten/haben, was vor allem in einem Wettstreit um internationales Ansehen und Einfluss seinen Ausdruck fand/findet. Und natürlich hatte bzw. hat sich in keinem Fall ein stabiler Modus zum gegenseitigen Umgang miteinander oder gar für eine stabile Zukunft nebeneinander eingeschliffen. Aber da enden die Parallelen schon und wir kommen zur meiner Meinung nach wesentlich längeren Liste der Unterschiede.

Selbstbewusstsein und Fremdsteuerung

Diese Unterschiede ergeben sich häufig schon, wenn man die oben beschriebenen Parallelen ein bisschen weiter denkt. So war Korea anders als Deutschland nicht als Täternation, sondern als Opfernation des zweiten Weltkriegs geteilt worden. Das bringt zwar einerseits den vielleicht positiven Aspekt mit sich, dass man sich nicht so sehr mit der Bewältigung der eigenen Tätervergangenheit rumzuschlagen hat, andererseits hat das aber sicherlich Auswirkungen auf die nationale Identität und das nationale Selbstwertgefühl, denn im Endeffekt, war Korea damit immer Objekt fremden Handelns und konnte nicht selbstbestimmt agieren. Dieser Punkt wird der südkoreanischen Führung  aus dem Norden ja noch heute permanent vorgehalten. Im Fall Deutschlands war es zu  einer Katastrophe gekommen, die aber von allen gemeinsam verursacht worden war. Gleichzeitig war es, wenn es überhaupt eine Seite gab, die frei von Fremdsteuerung agierte, eher die BRD, aber eigentlich waren beide Seiten nicht wirklich frei von äußeren Einflüssen, was man ja schon allein an den jeweiligen Militärpräsenzen erkennen kann. In Nordkorea gab es nach dem Koreakrieg keine Besatzungstruppen, im Süden sind die noch immer präsent. Das könnte beim Eintreten einer Wiedervereinigung durch „Kapitulation des Nordens“ (wie das dann genau aussieht sei mal dahingestellt, aber im Endeffekt ist das ja das einzige für den Süden akzeptable Modell) für einige Schwierigkeiten Sorgen, weil nur der Norden sich aus der Fremdsteuerung herausgelöst hat und der Süden und seine Elite daher evtl. für einen gewissen Bevölkerungsteil nur schwer als Führer eines neuen Koreas akzeptabel sein dürften. Gleichzeitig ist es schwer vorstellbar, dass die Gewinner aus dem Süden den „großen Preis“ (die Macht über gesamt Korea) an die Eliten des Nordens abtreten.

Von Tätern und Opfern – Der große Unterschied.

Und mit dem Stichwort Koreakrieg sind wir schon beim nächsten Punkt. Die Teilung Deutschlands verlief ziemlich friedlich. Es gab keine militärische Auseinandersetzung und damit hatten die Deutschen zwar unglaubliche Schuld gegenüber Völkern aus aller Welt auf sich geladen, aber sie waren nur in überschaubarem Maß untereinander schuldig geworden (was keine der Opfer der Nazis kleinreden soll). In Korea ist es zu einem Krieg mit Gräueltaten auf beiden Seiten und ungeheuren Zerstörungen im ganzen Land gekommen. Viele Menschen auf beiden Seiten der Demilitarisierten Zone hatten nach dem Krieg das Blut von Landsleuten an den Händen kleben. Auch die Konstitution der Gesellschaften nach dem Krieg war unterschiedlich. In Deutschland mussten (von anderen) Vertriebene aus den Ostgebieten integriert werden während die Bevölkerungen in dem, was heute noch Deutschland ist, relativ stabil blieben. In Korea kam es während des und nach dem Krieg zu einem relativ umfangreichen Austausch der Bevölkerung zwischen Süd- und Nord. Die Menschen wählten vor dem Hintergrund des Krieges in größerem Ausmaß das Regime und die Ordnung, das ihnen eher zusagte. Das alles könnte bei einer möglichen Wiedervereinigung eine Rolle spielen, denn dann sollen sich Menschen wieder zu einem Volk zusammen finden, deren Großeltern sich abgeschlachtet haben. Außerdem könnte im Süden das Argument stärker zum Vorschein kommen: Ihr habt euch damals so entschieden, jetzt habt ihr Pech gehabt. Seht zu wie ihr allein klarkommt. Weiterhin hatte man in Deutschland damit schon umfangreichere Erfahrungen mit einer großen Integrationsleistung gesammelt, während es sich in Korea eher um einen kollektiven Neustart der Gesellschaft handelte.

Das Ziel der Wiedervereinigung: Niedriges Profil bringt hohe Erfolgschancen…

Hinsichtlich des Umgangs der beiden Staaten miteinander gibt es neben dem Krieg und den wesentlich umfangreicheren Auseinandersetzungen in Friedenszeiten einen weiteren interessanten Unterschied. Denn während sich die beiden deutschen Staaten irgendwann implizit mehr oder weniger darauf einigten, sich voneinander abzugrenzen und das Ziel der Wiedervereinigung eher stillschweigend in die Zukunft zu verlagern (besonders die DDR, aber auch die BRD behandelte die DDR seit Willy Brandts Ostpolitik ja fast wie einen normalen Staat), halten die koreanischen Staaten weiter am Ziel der Wiedervereinigung fest, ohne sich jedoch auf ein Modell einigen zu können. Das gegenseitige politische Verständnis voneinander ist eher das von jeweils abtrünnigen Gebieten. Natürlich könnte man argumentieren, dass es für eine Wiedervereinigung doch eine gute Voraussetzung sein müsste, wenn beide Seiten an diesem Ziel festhalten. Zum Teil ist das auch wahr, aber gleichzeitig birgt dieses Festhalten wie ich meine auch einige Risiken. Einerseits kann ich mir gut vorstellen, dass das permanente Festhalten an einem unrealistisch scheinenden Ziel irgendwann dazu führt, dass die Bevölkerung das als politische Folklore sieht, die von der wirklichen Politik zu unterscheiden ist. Gleichzeitig könnte es auch passieren, dass das „Ausstellen“ des Ziels der Wiedervereinigung, im Süden irgendwann dazu führt, dass diese mit einem stärkeren Profil als in Deutschland versehene Ziel selbst angezweifelt und Teil des Wettbewerbs der politischen Parteien wird (bspw. könnten progressive Parteien sich für eine dauerhafte zwei Staaten Lösung aussprechen). Bildet sich dann (z.B. durch einen Wahlsieg solcher Parteien) der gesellschaftliche Konsens heraus, dass die Wiedervereinigung als Ziel fallengelassen wird, dann wird es schwierig, später nochmal die gesellschaftliche Unterstützung für die Kosten zu erhalten, die mit einem solchen Vorhaben verbunden sind. Zumindest in der BRD, war das Ziel der Wiedervereinigung vielleicht gerade deshalb kein Thema im politischen Parteienwettbewerb, weil es ein niedriges Profil hatte.

Cut

Huch, allein der historische Teil war jetzt schon ziemlich lang, aber mir schwirrt da noch ziemlich viel im Kopf rum, das eher praktische Aspekte betrifft und weil das jetzt schon einiges war (und ich noch anderes zu tun habe), mache ich hier einen cut. Bisher wurde deutlich, dass den Parallelen in den „großen politischen Linien“ viele Unterschiede entgegenstehen, die erst bei näherer Betrachtung augenscheinlich werden, die aber allesamt negative Effekte auf eine Zusammenführung der Gesellschaften bzw. schon davor, auf eine Akzeptanz einer möglichen Wiedervereinigung haben könnten.

Kritik und Meinungen erwünscht

In den nächsten Tagen werde ich den Rest dazu liefern. Ich habe heute bewusst auf jegliche Recherche und Quellenverweise verzichtet, um meinem Bauchgefühl und dem was ich so weiß entsprechend runterzuschreiben. Das kann natürlich dazu geführt haben, dass ich das eine oder andere falsch in Erinnerung hatte, bzw. nicht korrekt interpretiert habe. Wenn das so ist, dann seid ihr herzlich eingeladen, nach Lust und Laune auf mich einzudreschen. Wenn ich etwas nicht gebracht habe (bis jetzt habe ich mich ja vor allem in der Historie bewegt), das eurer Meinung nach unbedingt noch erwähnt werden muss, merkt es bitte an. Und wenn ihr glaubt, dass ich irgendwas völlig schief argumentiert habe, ebenso. Ich habe die Zeit nicht erlebt, deshalb kann ich nur von meinem heutigen Standpunkt darüber schreiben. Einigen von euch geht das sicherlich anders und natürlich sind mir diese Erfahrungen sehr willkommen.

Achja, an eine Sache erinnere ich mich noch: Den „Song zur Einheit“ (Wer glaubt, irgendwelche Proteste in der DDR oder Ausreisewellen hätten die Mauer hinweggefegt, der ist vollkommen auf dem Holzweg! Es waren die Scorpions…).

Und vielleicht gibt es in Korea ja irgendwann mal eine Nachrichtensendung ähnlich dieser hier:

Verkehr auf der Koreanischen Halbinsel (V): Lektionen aus der Wiederherstellung der deutschen West-Ost Verbindungen für Korea


Klickt auf das Bild und findet die anderen Artikel der Serie, die bisher erschienen sind

Nikola Medimorec

Bei der Betrachtung der vorigen Beiträge wird deutlich, dass viel mehr Schwierigkeiten bei einer Wiedervereinigung in Korea als in Deutschland auftauchen werden. Deswegen ist es wichtig, dass Südkorea die gleichen Fehler vermeidet und die Wiedervereinigung gut vorbereitet, indem die Lektionen aus Deutschland gesammelt und analysiert werden. Dazu gibt es zwar viele Abhandlungen, aber nur wenige befassen sich mit Verkehr.

Unser aller Problem: Zeit und Geld

Eine Lektion betrifft den Faktor Zeit: Auf der einen Seite braucht der Prozess der Wiedervereinigung Zeit bis er vollkommen abgeschlossen ist, andererseits müssen Verkehrsverbindungen innerhalb kürzester Zeit realisiert werden. Immerhin ist das Hauptziel die wirtschaftliche Entwicklung im Norden anzutreiben, die wahrscheinlich mit der direkten Konkurrenz im Süden große Schwierigkeiten haben wird. Neben gut durchdachter Planung ist politischer und gesellschaftlicher Konsens sehr wichtig. Später kommen wir noch einmal auf den Faktor Zeit zurück.

Vorbereitung ist wichtig

Ein Fonds für eine Wiedervereinigung, also ein spezieller Geldtopf für die Wiedervereinigung, fehlte im Voraus in Deutschland. Der Solidaritätszuschlag war zwar eine gute Finanzierungsquelle aber bei weitem nicht ausreichend. Wenn in Korea zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung ein Fonds vorhanden wäre, könnten Projekte schneller starten, da die Finanzierung nicht geklärt werden müsste. Auch weil die Umstrukturierung und Entwicklung der Wirtschaft im Norden teuer werden wird, höchstwahrscheinlich in Relation viel teurer als es in Deutschland der Fall war, ist eine finanzielle Vorbereitung geboten.

Die Verkehrsprojekte Deutsche Einheit wurden mit einem Investitionsvolumen und Zeitlimit versehen. Das motivierte die Planer zur schnellen und kosteneffizienten Umsetzung. Es wurden privatrechtlich organisierte Projektgesellschaften gegründet, die über mehrere Regionalbüros eng mit der jeweiligen Verwaltung zusammenarbeiteten. Mehrere Gesetze verkürzten die Planungsdauer effektiv. Wie es bei Großprojekten ja schon fast die Regel ist konnte allerdings der Zeitrahmen nicht immer eingehalten werden und die Gesamtkosten fielen deutlich höher als geplant aus. Dies kann allerdings nicht zuletzt damit erklärt werden, dass sobald die Projekte erst einmal anliefen, deren erfolgreiche Fertigstellung die höchste Priorität hatte .Aus der deutschen Situation kann Korea lernen, wie die Aufgabe der Infrastrukturplanung organisiert und umgesetzt werden kann.

If wealth doesn’t come to North Korea, North Koreans will come to the wealth.” (1)

Eine sehr wichtige Sache, die in Deutschland aus bestimmten Gründen nie explizit in die Planung der Verkehrswege miteinbezogen wurde, war die Frage über die Migration von Ost nach West. Deutschland erlebte zwei große Wellen der Migration: zuerst direkt nach dem Mauerfall in der Euphorie und dem Wunsch der direkten Verbesserung des Lebensbedingungen und die zweite Welle war knappe acht Jahre später als die Frustration über die langsame Anpassung zu einem gewissen Punkt angestiegen war. Teils wurden Autobahnen und Straßen gebaut, die eine viel zu große Kapazität haben, weil das projizierte Verkehrsvolumen zu hoch war. Die Arbeitsmigration wurde durch die gut ausgebaute Infrastruktur verstärkt. Das bedeutet, dass es möglich wurde im Osten zu leben und im Westen zu arbeiten. Was die Folgewirkungen des Infrastrukturausbaus noch komplizierter macht, ist die Tatsache, dass die verbesserte Verbindung von Hinterland und Zentrum dazu führt, dass Firmen und Betriebe ihren Einflusskreis (in Bezug auf Lieferungen und Serviceleistungen) erweitern konnten. Das führte zur Existenzgefahr von Betrieben auf dem Land, die mit dieser neuen Konkurrenz nicht mithalten konnten. Oben erwähnte ich, dass die Konkurrenz aus dem Süden die Wirtschaft in Nordkorea schädigen würde. Gute Verkehrsnetzanbindung ist aber essentiell, damit ein Standort überhaupt konkurrenzfähig sein kann. Ohne noch weiter auf die Effekte von Infrastruktur einzugehen, lässt sich festhalten, dass die Wirkungen sehr vielfältig sind, aber der Ausbau entscheidende  Möglichkeiten zur Entfaltung und Mobilität fördert.

Tipping Point

Der Faktor Zeit beschreibt sich nicht nur durch Dauer sondern auch durch gewisse Momente bzw. Zeitpunkte. Das wahrscheinlich Wichtigste, was Südkorea lernen sollte, ist den richtigen Zeitpunkt abzupassen, ab dem man von kleinen und schnell realisierbaren Projekten zu langfristigen, sich über ganz Nordkorea erstreckende Großprojekte wechselt. In der englischen Literatur wird es als „tipping point“ (2) bezeichnet. Während zwischen DDR und BRD die genauen Details der Wiedervereinigung diskutiert wurden, gab es bereits eine Verkehrswegekommission, die wichtige Verkehrsrouten (je für Schiene und Autobahn) ausarbeitete. Wie in den vorhergehenden Artikeln schon mehrmals erwähnt, die verschärfte Situation in Nordkorea mehr Planung und mehr Projekte brauchen, sollte frühestmöglich angefangen werden. Zumindest könnte jetzt bereits die Planung stattfinden, wobei hier zwei Gefahren herrschen: Wenn die Wiedervereinigung noch weit in der Zukunft liegt, wäre es ein großer Fehler diesen bis dahin veralteten Plan 1:1 umzusetzen. Außerdem kann die Planung jetzt nur aus südkoreanischer Sicht ohne Bestandsaufnahme der exakten Verhältnisse im Norden oder deren Kooperation stattfinden. Nordkoreas neue Verwaltung und Bürger müssen in den Planungsprozess involviert werden, damit ein bestmöglichster Konsens entsteht. Das macht den „Tipping Point“ aus.

Die Verkehrsprojekte Deutsche Einheit werden als ein Erfolg bewertet. Deswegen wäre eine Übertragung des Grundprinzips auf Korea eine große Hilfe und in Kombination mit anderen Lektionen könnte der Erfolg einer Wiedervereinigung auf der koreanischen Halbinsel sehr wahrscheinlich sein. Im nächsten (und auch letzten) Beitrag lassen wir die Phantasie spielen und schauen uns die Zukunft des Verkehrs in Korea an.

(1) TORRY, HARRIET (2012): Lessons From German Reunification. The Wall Street Journal Asia.

(2) CHA, VICTOR/ KANG, DAVID (2011): Challenges for Korean Unification Planning. Justice, Markets, Health, Refugees, and Civil-Military Transitions. An Interim Report of the USC-CSIS Joint Study. The Korea Project: Planning for the Long Term.

 

Alle dargestellten Inhalte sind nur ein Abriss meiner Abschlussarbeit „Reunification Through Transport. Lessons from the German Transport Unity Transport Projects for the Korean Peninsula“. Wer sich für die Quellen, mehr Details, weitere Ausführungen interessiert und das gesamte Bild der Verkehrswegestruktur kennenlernen möchte, kann meine Abschlussarbeit unter folgendem Link erwerben: http://www.lulu.com/shop/nikola-medimorec/reunification-through-transport-lessons-from-the-german-unity-transport-projects-for-the-korean-peninsula/ebook/product-20282587.html

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