Nordkorea und Südostasien: Ein besonderes Verhältnis? (III): Was uns die Außensicht der USA verrät


Die Staaten Südostasiens scheinen in der strategischen Planung Pjöngjangs eine besondere Rolle zu spielen, die sich vor allem an einem besonderen Engagement Nordkoreas und einem verstärkten Interesse anderer Mächte zeigt.

Doch was könnten Gründe für eine Sonderstellung Südostasiens in den Überlegungen Pjöngjangs sein und trifft die Annahme einer Sonderstellung überhaupt zu? In dieser Serie werde ich mich regelmäßig diesen Fragen widmen und mich dem Thema auf der Suche  nach möglichen Antworten aus verschiedenen Blickwinkeln nähern…

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So langsam wird es Zeit, mich nochmal um die vielleicht besonderen Beziehungen zwischen Nordkorea und den Staaten Südostasiens zu kümmern. Dabei will ich mich heute weiter mit der Frage befasst, ob die Beziehungen zwischen Nordkorea und Südostasien überhaupt eine besondere Qualität haben. Dazu werde ich drei relativ aktuelle Beispiele anführen, die meiner Meinung nach zeigen, dass nicht nur Nordkorea ein besonderes Interesse an Südostasien hat, sondern dass diese Beziehungen von außen ebenfalls einer besonderen Beobachtung unterliegen. Ich werde das Bild also ein bisschen aufklappen und das Agieren der USA in der Region mit ins Kalkül ziehen.

Der Fall Myanmar

Am präsentesten dürfte vielen der Fall Myanmar sein. Nordkoreas Verhältnis zu diesem Land stieß in den vergangenen Jahren vor allem bei den USA immer wieder auf Besorgnis. Es gab starke Hinweise auf eine Zusammenarbeit im militärischen Bereich und es wurde sogar über eine Nuklearkooperation gemutmaßt. Diese relativ engen, wenn auch teilweise heimlichen Beziehungen Nordkoreas zur Führung Myanmars waren allerdings keinesfalls selbstverständlich, denn nordkoreanische Agenten hatten in den 80er Jahren in Rangun einen Anschlag auf Südkoreas Präsidenten durchgeführt und dabei mehrere Kabinettsmitglieder Südkoreas getötet (und sowas ist nachvollziehbarer Weise nicht gut für die bilateralen Beziehungen zweier Staaten). Jedoch hat man sich in Pjöngjang gemüht und die Beziehungen zu Myanmar etwa zur Jahrtausendwende wieder ins Lot gebracht. Das führte allerdings zu besagter Besorgnis der USA.

Beim Äußern der Besorgnis beließ man es allerdings im State Department nicht, sonder man verlangte die Abkühlung der Beziehungen Myanmars zu Pjöngjang als (eine von dreien) Voraussetzungen für die in den letzten Monaten ja rapide eingetretene Verbesserung der Beziehungen zwischen der westlichen Welt (mit den USA an der Spitze) und Myanmar seien. Dem kam man in Naypidaw auch nach und kühlte (zumindest nach außen hin sichtbar) das Verhältnis zu Nordkorea ab, indem man beispielsweise auf diplomatischem Parkett die kalte Schulter zeigte.

Dieser Sachverhalt sagt zweierlei über den Themenkomplex Nordkorea und Südostasien aus: Einerseits wird deutlich, dass Nordkorea in der Vergangenheit bereit war, sich um einzelne Staaten in der Region zu bemühen, auch wenn das Verhältnis schwierig war (es gibt ja auch andere Staaten, in denen man in der Vergangenheit keine Terroranschläge veranstaltet hat), wozu allerdings relativierend gesagt werden kann, dass Pjöngjang es möglicherweise garnicht so schwer hatte, weil es Güter zum Verkauf hatte, die das Regime in Myanmar dringend „brauchte“. Andererseits ist aber nicht zu bestreiten, dass die USA eine gewisse Verankerung Nordkoreas in der Region sehen und diese zurückdrängen wollen. Dazu setzen sie einiges außenpolitisches Kapital ein (sie hätten anstatt dessen ja auch etwas anderes von Myanmar fordern können, die Agenda dürfte ja länger sein), was zeigt, dass sie dem besondere Bedeutung beimessen.

Der Raketenstart und Indonesien

Auch im zweiten Beispiel haben die USA außenpolitisches Kapital in die Waagschale geworfen, um den Einfluss Nordkoreas in der Region zurückzudrängen. Hier geht es um den Satellitenstart Nordkoreas im April, der ja über Teile Südostasiens hinweggegangen wäre, wäre er geglückt. Um genauer zu sein führte die Avisierte Route über das Territorium der Philippinen und Indonesiens. Da nach der Ankündigung des Satellitenstarts die Empörung in der westlichen Welt groß war, wäre es ja naheliegend, dass auch die betroffenen Staaten in den Chor der Kritiker einstimmen würde. Das geschah aber scheinbar nicht zur Zufriedenheit der USA, denn der Kurt Campbell, der Mann, der im State Department für die Region zuständig ist, legte Australien, den Philippinen und Indonesien nahe, den Satellitenstart öffentlich zu verurteilen und als Provokation zu brandmarken. Während die Philippinen dieser Aufforderung relativ zügig nachkamen, ließ sich Indonesien deutlich mehr Zeit und gab auch dann nur eine halbherzige Erklärung ab.

Auch aus diesem Sachverhalt wird zweierlei deutlich: Einerseits versuchten die USA mit diesem Vorgang die Beziehungen dieser Staaten zu Nordkorea zu schädigen (offene Kritik und Verbrüderung mit den USA ist nicht so gut für bilaterale Beziehungen mit Nordkorea), andererseits gelang das aber nur zum Teil. Die Philippinen, die einer der engsten Verbündeten der USA in Südostasien sind kamen der Aufforderung zwar nach, mussten aber erstmal erinnert werden, Indonesien reagierte wesentlich ausgewogener. Zwar wurde die Aufforderung der USA nicht ignoriert (man will den mächtigsten Staat der Welt eben nicht verärgern) aber man machte relativ spät ein relativ schwaches Statement (man wollte wohl auch Pjöngjang nicht verärgern). Es wird deutlich, Pjöngjang hat auch im maritimen Südostasien einen Fuß in der Tür und das gefällt den Vertretern der USA nicht.

Die ASEAN und ihr Abschlussstatement 2009

Das dritte Beispiel ist etwas älter, aber nicht weniger interessant. Es stammt aus dem Jahr 2009 als die Regierung Obama gerade ins Amt gekommen und von Nordkorea mit einem Nukleartest begrüßt worden war. Danach war die Resolution 1874 des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen verabschiedet worden (mit den Stimmen Chinas und Russlands, was Nordkorea erstmal sehr isoliert scheinen ließ) und es gab das übliche Hin und Her auf dem diplomatischen Parkett. Eine Episode die zu diesem Themenkomplex gehört, bisher aber wenig beleuchtet wurde, wird durch die von Wikileaks veröffentlichten Depeschen des US-Außenamtes etwas durchschaubarer bzw. erst so richtig sichtbar.

Auf dem ASEAN Regional Forum (ARF), dem regionalen Sicherheitsforum der ASEAN Staaten, an dem nicht nur die USA, China, Russland, Südkorea und Japan teilnehmen, sondern auch Nordkorea (neben jeder Menge anderer Staaten), ist es nämlich im Jahr 2009 hinter den Kulissen zu einem kleinen Eklat gekommen. Schon im Vorfeld hatten die USA versucht über ihre Verbündeten (die Philippinen) dafür zu sorgen, dass die Abschlusserklärung des Treffens Nordkorea scharf verurteilen würde. Es sah wohl auch alles danach aus, als würde das klappen, denn auf dem ASEAN Ministerial Meeting im Vorfeld des ARF, wurde Nordkoreas Handeln scharf verurteilt. Als dann jedoch das Abschlussstatement des ARF, das in diesem Jahr von Thailand geleitet wurde (weswegen  Thailands Außenminister auch der verantwortliche Ansprechpartner war) veröffentlicht wurde, waren die USA scheinbar recht entsetzt. Das lässt sich daran festmachen, dass US Außenminister Clinton ihren Ärger explizit übermitteln ließ. Das Statement entsprach nicht dem, das die USA als Vorschlag übermittelt hatten und auch nicht dem, das ihnen die Vertreter Thailands als den Diskussionsstand übermittelt hatten. Außerdem war der nordkoreanischen Gegendarstellung fast ebensoviel Raum eingeräumt worden, wie der Kritik, was für die USA inakzeptabel schien. Daher musste der Vertreter Thailands von den USA auch einiges aushalten. Er begründete sein Vorgehen mit Druck von China und Russland, dem Willen anderer AESAN Staaten und der Drohung Nordkoreas, das Forum zu verlassen und nie wieder zu kommen.

Im Endeffekt ist das, was sich aus den Depeschen herauslesen lässt mit Sicherheit nicht die ganze Wahrheit (bis der Text entstanden war, den wir da lesen konnten, waren einige kommunikative Prozesse abgelaufen, bei denen mindestens ein Partner ein Interesse daran hatte, die Wahrheit ein bisschen „anzupassen“), jedoch zeigt sich trotzdem ein interessantes Bild: Auch hier wird wieder deutlich, dass die USA die Region als ein wichtiges Feld sehen, um ihre Interessen im Umgang mit Nordkorea geltend zu machen. Gleichzeitig wird aber auch deutlich, dass das in diesem Fall nur in einem Maß gelang, das für die USA absolut unbefriedigend war. Die Ursachen dafür scheinen schwammig, aber ein Teil davon dürften in direkten diplomatischen Bemühungen Nordkoreas zu suchen sein. Einerseits durch die oben angesprochene Drohung das Forum zu verlassen, aber wohl auch durch bilateralen Druck auf einzelne ASEAN Mitglieder, die dann für ein schwaches Vorgehen gegenüber Nordkorea eintraten. Auch die Rolle Thailands als Vorsitzender ist nicht uninteressant. In dieser Funktion hatten die Vertreter des Landes viel Einfluss bei der Erstellung des Abschlussstatements. Eigentlich tendiert Thailand weiterhin eher zu den USA. Das alles scheint aber nichts gebracht zu haben und in den USA scheint der Verdacht bestanden zu haben, weil die Vertreter Thailands nicht wollten.

Die USA sind gegenüber Nordkorea nicht übermächtig in der Region

Die hier angeführten Beispiele können im Endeffekt nicht als endgültiger Beweis für oder gegen ein bestimmtes Argument herangezogen werden, aber sie helfen doch recht gut, das Bild, das sich in der Region zeigt zu illustrieren. Es ist eben nicht nur Nordkorea, dass sich um die Staaten dort bemüht und dann hin und wieder Erfolg hat, was sich dann beispielsweise in umfangreicherem diplomatischem Austausch ablesen lässt, sondern auch die USA beobachten die Bemühungen Pjöngjangs schon seit Jahren wachsam, sie messen ihnen also eine besondere Bedeutung bei. Sie versuchen Einfluss auf die Staaten der Region zu nehmen, mit denen sie mehr oder weniger eng befreundet sind und so die Beziehungen der Staaten mit Pjöngjang auf einem möglichst geringen Niveau zu halten. In diesem diplomatischen Ringen müssen die USA aber immer wieder Niederlagen einstecken, wenn die Staaten eben nicht so handeln, wie sich die Mitarbeiter des US Außenministeriums das vorstellen. Das heißt im Umkehrschluss, dass die Staaten die entgegen oder nicht voll nach dem Willen der USA handeln die Kosten dafür in Kauf nehmen, um gleichzeitig Pjöngjang in einem gewissen Maß entgegen zu kommen. Für mich sind sowohl das Interesse der USA als auch das Handeln einiger Staaten Südostasiens eindeutige Beweise dafür, dass hier Beziehungen bestehen, die in irgendeiner Form besonders sind.

Wenn ich mich nächstes Mal dieser Serie widmen (ich hoffe in absehbarer Zeit), werde ich noch einige kleinere Aspekte beleuchten und dann abschließend bewerten, ob die Beziehungen nun in irgendeiner Form besonders sind oder nicht.

Neues von Wikileaks: Südkoreas Einschätzungen (2009) über die Zeit nach Kim Jong Il, Chinas Rolle und humanitäre Hilfen


Ich schaue mir von Zeit zu Zeit immernoch gerne an, was es so neues bei Wikileak’s Cablegate gibt. Und von Zeit zu Zeit gibt es da wirklich noch interessantes Veröffentlichungen (was ja nicht überraschend ist, da bisher gerade mal ca. ein Fünfzehntel der  Dokumente zugänglich sind). Naja und dabei ist mir ein Cable aufgefallen, das sich näher anzuschauen lohnt. Besagtes Dokument datiert am 15.07.2009 und fasst eine Besprechung zusammen, die Kurt Campbell, der Verantwortliche im State Department für Ostasien und den Pazifik (er ist wohl der US Diplomat, der am Meisten in der Region rumreist und der, so meine Wahrnehmung, in der Koordination mit Südkorea und Japan gegenüber Nordkorea federführend ist), mit Kim Sung-hwan hatte. Der war damals Chefsekretär des Präsidenten für Außenbeziehungen und nationale Sicherheit und ist seit Ende 2010 Außenminister Südkoreas. Das Dokument dreht sich hauptsächlich um die Einschätzung Südkoreas über ein „Post-Kim Jong Il-Nordkorea“, um die Rolle und den Einfluss Chinas und um die Einschätzung Südkoreas hinsichtlich starker Regenfälle im Norden.

Nordkorea nach Kim Jong Il

Damals ging die südkoreanische Regierung wohl davon aus, dass das Regime auch ohne Kim Jong Il weiter funktionieren würde (zeitlich war das ja kurz nach dem mutmaßlichen Schlaganfall Kims, als er lange aus der Öffentlichkeit verschwunden blieb und daher sein baldiger Tod in als Möglichkeit am Horizont stand) und das es dafür verschiedene Optionen gäbe. Interessanter finde ich allerdings was Kim Sung-hwan über eine mögliche Wiedervereinigung gesagte hat:

On possible post-regime collapse scenarios, Kim advised that according to the ROK Constitution, North Korea is part of the Republic of Korea. Some scholars believe that if the North collapses, some type of „interim entity“ will have to be created to provide local governing and control travel of North Korean citizens. For Kim, there was no ambiguity: the DPRK is Korean territory and the goal remains unification. In this scenario, Chinas reaction needs to be considered and substantial international assistance will be required. Kim noted the benefits of ROK-Japan-U.S. trilateral cooperation, but stressed the need to get China to discuss contingency planning.

Nach Südkoreas Verfassung gehöre der Norden nach einem Regimekollaps zum Süden und Südkorea würde unmittelbar anfangen, dort die Staatsgewalt auszuüben. Scheinbar hat man sich auch Gedanken über die Schwierigkeiten eines solchen Szenarios gemacht (beispielsweise Flüchtlingswellen etc.) und kam zu einem interessanten Schluss (auch wenn das hier „some scholars“ zugeschrieben wird, scheint Kim deren Meinung geteilt zu haben): Irgendeine Art von „interim entity“ soll die Kontrolle über den Norden gewinnen und dort die Regierung im Auftrag des Südens ausüben und die möglichen Folgen der Vereinigung durch das Kontrollieren der Reisebewegungen der nordkoreanischen Bürger mildern. Für die nordkoreanischen Bürger soll sich wohl unter der neuen Herrschaft erstmal nicht viel ändern. Frei würden sie jedenfalls nicht sein…

China und institutionelle Machtverhältnisse im Regime

Über die Beziehungen zwischen China und Nordkorea gibt es nicht wirklich viel Neues zu lernen. Noch sind die alten Eliten mit enger Bindung zu Pjöngjang in Peking am Werk. Die junge Generation hält die aktuelle Politik nicht für gut, würde es aber gerne sehen, wenn es direkte Gespräche zwischen den USA und Nordkorea gäbe (das haben die USA ja wenig später mit dem Besuch von Stephen Bosworth ja auch versucht, allerdings ohne nachhaltige Wirkung). Interessant fand ich dagegen in diesem Teil einen Hinweis auf die interne Machtkonstellation in Nordkorea:

Coincidently, activities along the DMZ and NLL have been quiet for the last five weeks. Kim found it interesting that there have been no further North Korean reactions to UN sanctions, beyond the demand for an apology from the UN, This action was further proof of the weakness of the North Koran Foreign Ministry and was likely issued from another government entity. A/S Campbell asked if the ROK had other lines of communication with North Korean officials outside of the Ministry of Foreign Affairs channels. Kim said not only is there no other channel but that the current channel is strained due to discussions on the future of the Kaesong Industrial Complex. He said the North Koreans just want to talk about money and basically told the ROK to let them know „when South Korea is ready to pay.“

Scheinbar schätzte man das Außenministerium damals als sehr schwaches Anhängsel des Regimes ein, dessen Einfluss bei der Formulierung und Umsetzung der Außenpolitik Nordkoreas sehr gering ist. Ich denke in Teilen hat sich diese Annahme mittlerweile als nicht zutreffend erwiesen. Allerdings könnte in dieser Zeit die institutionelle Umgestaltung des Ministeriums begonnen haben.

Humanitäre Hilfen ohne Bedingungen

Am interessantesten fand ich aber den kurzen aber vielsagenden Verweis auf mögliche humanitäre Hilfen für Nordkorea

Kim said the ROK is monitoring rainfall in the Pyongyang region and is concerned that flooding will damage crops, making humanitarian assistance necessary. If so, the ROK is considering providing „no conditions attached“ food aid.

Damals dachte man nämlich noch über humanitäre Hilfen ohne Bedingungen oder ähnliches nach, wenn es notwendig wäre. Man dachte dagegen nicht über die Gefahr nach, das Regime könnte die Hilfen bunkern, für unlautere Zwecke nutzen oder sonstwie missbrauchen, also sind die dahingehenden Argumente wohl vorgeschoben. Man nutzt sie, um die eigene Position zu stärken, sieht sie aber nicht als tatsächliches Hindernis. Außerdem schien man es damals für möglich zu halten, dass schon weitaus weniger schädliche Ereignisse als im letzten Jahr auftraten, Hilfen nötig machen könnten. Also wird die Regierung wohl auch heute von einem objektiven Bedarf ausgehen. Das heißt dann wohl, dass die nordkoreanische Bevölkerung für etwas bestraft wird, das ihre Regierung getan hat.

Ich finde es immer wieder erhellend zu lesen, wie sich die Position der südkoreanischen Regierung aufgrund der Cheonan- und Yonpyong-Zwischenfälle geändert hat. Natürlich war es Lee Myung-bak unmöglich, über die Provokationen einfach so hinwegzugehen. Doch durch seine Attitüde des geradlinigen und unbestechlichen Machers, hat er sich und sein Politik in eine Position gebracht, in der alles von diesen Zwischenfällen bestimmt wurde. Egal worum es bezüglich Nordkorea geht. In der Überschrift stehen immer Cheonan und Yonpyong. Ich bin gespannt, ob er von diesem Diktat nochmal wegkommt.

Wie Wahrheiten entstehen: Wikileaks, das UN Experten-Panel und die Medien spielen unbewusst Doppelpass (zu dritt)


Zwar hatte ich noch nicht wirklich viel Zeit, mir den Bericht des Experten Panels des UN Sicherheitsrates zur Umsetzung der Sanktionen gegenüber Nordkorea anzusehen, aber ein Detail hat mich schon beschäftigt seit Reuters aus dem Dokument zitierte, dass:

Prohibited ballistic missile-related items are suspected to have been transferred between the Democratic People’s Republic of Korea (North Korea) and the Islamic Republic of Iran on regular scheduled flights of Air Koryo and Iran Air,

und dass

illicit technology transfers had „trans-shipment through a neighboring third country.“ That country was China, several diplomats told Reuters on condition of anonymity.

Die entsprechende Passage im Bericht des Panels lautet wie folgt:

129. For the air shipment of cargo whose illicit nature could resist the level of monitoring and scrutiny attached to passenger flights, such as certain dual-use items, the Democratic People’s Republic of Korea is reported to use regular Air Koryo scheduled passenger flights. Considering the limited number of foreign international airports served by regular Air Koryo passenger flights, such cargo would in most cases pass through those airports and be trans-shipped on to other  regular scheduled passenger flights all the way through to their final destination. Prohibited ballistic missile-related items are suspected to have been transferred between the Democratic People’s Republic of Korea and the Islamic Republic of Iran on regular scheduled flights of Air Koryo and Iran Air, with trans-shipment through a neighbouring third country.

Das kam mir irgendwie bekannt vor, weil ich vor einiger Zeit schonmal was von „transshipment“ von Raketenteilen in Verbindung mit China gelesen habe. Also habe ich mir das entsprechende, von Wikileaks veröffentlichte Dokument des US State Department, das im November 2007 datiert, nochmal angeschaut. In dem sehr interessanten Text, bei dem es darum geht, dass die USA China wiederholt aufgefordert haben striktere Maßnahmen gegen den Transfer von Waffen aus Nordkorea nach Iran über chinesisches Territorium zu unternehmen und der durchaus ans Eingemachte geht (darüber scheinen auch Bush und Hu gesprochen zu haben), steht unter anderem:

Iran and North Korea have continued their longstanding cooperation on ballistic missile technology, via air- shipments of ballistic-missile related items. We assess that some of these shipments consist of ballistic missile jet vanes that frequently transit Beijing on regularly scheduled flights on Air Koryo and Iran Air.

Ich meine, das ist nicht anstößig, dass das Experten Panel aus geheimen US Dokumenten zitiert (solltet ihr glauben, dass die oben zitierten Inhalte des Berichts des Panels nichts mit besagtem Wikileaks Dokument zu tun haben, dann braucht ihr hier nicht weiterzulesen, davon gehe ich nämlich fest aus), die illegalerweise veröffentlicht wurde. Trotzdem ergibt sich daraus eine irgendwie kuriose Situation. Einerseits wird mal wieder deutlich, wie lange das Thema schon hinter den Kulissen verhandelt wurde. Außerdem liegen die beschriebenen Ereignisse vor dem Untersuchungszeitraum der Experten Kommission, die erst im Rahmen von Resolution 1874 im Jahr 2009 eingesetzt wurde (wobei Nordkorea und Iran auch im Jahr 2007 schon gegen diverse Resolutionen (1695 (2006) und 1718 (2006)) des UN-Sicherheitsrats verstießen, wenn sie mit Raketentechnologie handelten).

Vor allem wird das alles aber irgendwie selbstreferentiell und wird quasi zum dritten Mal genutzt, um die bösen Machenschaften Nordkoreas zu belegen, ohne das in den letzten drei Jahren irgendwelche neue Substanz zu der Information gekommen wäre: 2007 glauben die USA etwas über Waffenhandel rausgefunden zu haben (wobei ich auch glaube, dass da etwas dran ist, denn sonst würde man da nicht so einen Wind drum machen und das auf höchster Ebene thematisieren) und sprechen das in China an. Eine Zeit später gelangen die Dokumente die das beinhalten in die Öffentlichkeit (entgegen allen Bemühungen der USA) und der Inhalt wird von den Medien wie erwartet ausgewertet und als Beleg für Nordkoreas böse Machenschaften genutzt. Das Panel schreibt aus den Dokumenten ab und nun gibt es einen quasi höchstöffentlichen UN-Beleg für Nordkoreas böse Machenschaften. Achja, die Medien werten das natürlich erneut aus (obwohl man ja fast erwarten müsste, dass das dem einen oder anderen Bekannt vorkommt und es gleichzeitig verwunderlich ist, dass aus den 62 Seiten des Berichts, aus denen durchaus einiges rauszuholen wäre, nur der eine Absatz zitiert wird (aber China gibt da eben einen gewissen Promi Faktor her)) und belegen mit den „geheimgehaltenen Informationen“ nochmal die bösen Machenschaften Nordkorea. In der öffentlichen Wahrnehmung muss dadurch der Eindruck einer erdrückenden Beweislasst ja weiter zunehmen.

So einfach kann das gehen, dass aus einer Geheimdienstinfo, die zumindest nicht gesichert ist, eine geschichtliche Wahrheit wird. Medien, Politiker und unabhängige Experten arbeiten dabei Hand in Hand und erstaunlicherweise hat vermutlich keiner von ihnen die Produktion einer Wahrheit beabsichtigt. Die Verfahrenslogik, ihre individuellen Ziele und ihre Interaktion untereinander haben diesen Prozess in Gang gesetzt an dessen Ende eine ziemlich unbewiesene Wahrheit steht. Wie gesagt, ich zweifle nicht daran, dass Iran und Nordkorea bei der Entwicklung von Raketen kooperiert haben und es vielleicht noch tun. Abe diese Art Wahrheiten zu produzieren und auf deren Basis zu handeln finde ich dennoch sehr bedenklich, denn dass sich solche Wahrheiten am Ende des Tages nicht immer als richtig herausstellen, hat beispielsweise die Kampagne im Vorfeld des Irakkrieges gezeigt und genau deshalb würde ich mir wünschen, dass die Beteiligten mit Informationen etwas kritischer umgehen.

Hilfen für Nordkorea: Trauen die USA ihren eigenen Einschätzungen nicht?


Die Debatte über Sinn und Unsinn von Nahrungsmittelhilfen für Nordkorea wird in den USA in den unterschiedlichsten Facetten fortgesetzt. Allerdings wird der Diskurs vor allen Dingen von Akademikern und Aktivisten geführt, während von den Regierungen der USA und Südkoreas kaum etwas zu hören ist. Dort hofft man wohl eher, dass das Thema wieder aus den Medien verschwindet um dann in ruhigerer Atmosphäre entscheiden zu können — oder eben nicht.

Von der südkoreanischen Regierung ist dabei nicht viel zu erwarten. Es ist klar, dass man nicht zu weitreichenden Hilfen zurückkehren wird (hin und wieder eine kleine Lieferung von NGOs zuzulassen sind PR, das wars aber dann), ohne dass es zumindest zu einer Entschuldigung Nordkoreas für den Beschuss von Yopyong und die Versenkung der Cheonan aus Pjöngjang kommt (was vermutlich nicht passieren wird). Innerhalb der US-Regierung dürfte das etwas anders aussehen. Der Hauptgrund für die Zurückhaltung wird wohl sein, dass man auch künftig nicht von der gemeinsamen Linie mit Südkorea abweichen möchte. Allerdings gerät die Regierung des Friedensnobelpreisträgers Obama damit zunehmend aus der moralischen und normativen Ecke unter Beschuss. Denn klar ist: unabhängig von Verantwortlichkeiten und strategischen Überlegungen, haben die USA die Mittel zu helfen und wenn sie das nicht tun, werden sie einen Teil der Verantwortung für die Folgen mittragen müssen.

Die Argumente dafür, sich Hilfen weiterhin kategorisch zu verweigern, sind dabei nicht besonders prall. Das Welternährungsprogramm der UN hat in einem Bericht ein dramatisches Bild der Situation gezeichnet. Aus Südkorea kommen dahingegen immer wieder hinweise, das Regime habe weit mehr Nahrung zur Verfügung als es nach außen hin vorgebe. Wem sollen die Verantwortlichen in den USA in so einer Situation glauben? Vielleicht wäre es nicht schlecht sich einfach mal an die eigenen Einschätzungen von vor einem guten Jahr zu erinnern:

In light of the DPRK’s poor harvest last year and economic distortions caused by the North Korean won’s revaluation, Pyongyang may need external assistance soon.

sagte (ab und zu sollte man doch noch bei Wikileaks vorbeischauen (dieses Tool erleichtert das Ganze übrigens erheblich)) Kurt Campbell, der im State Department für die Region Asien Pazifik zuständig ist, damals gegenüber einem stellvertretenden Außenminister Japans. Campbell sagte im Februar 2010, dass Nordkorea bald Nahrungsmittelhilfe brauchen würde, nicht dass es um Hilfen bitten würde. So wie ich das verstehe, hat er damals einen objektiv zu erwartenden Bedarf beschrieben. Wie sich diese Wahrnehmung im vergangen Jahr geändert haben könnte, weiß ich nicht genau. Nun gut, seitdem ist viel passiert: Die Inflation ist weitergalloppiert, es gab Überschwemmung, einen ungewöhnlich harten Winter und den Ausbruch der Maul- und Klauenseuche. Allerdings sind das ja alles nicht gerade positive Veränderungen. In diesem Licht sollte es der US-Regierung schwer fallen, der südkoreanischen Argumentation von vollen Kornspeichern in Nordkorea zu folgen, außer sie geht davon aus, dass Campbell damals quatsch geredet hat. Vor diesem Hintergrund ist eine weitere Inaktivität nur sehr schwer zu vertreten. Man sollte dem Regime natürlich nichts in den Rachen werfen, aber würde man nicht einmal Wege ausloten, bliebe Obamas Regierung tatsächlich weit hinter den normativen Ansprüchen an die Führungsnation der freien Welt zurück.

Tamilische Tiger oder Sri Lankas Regierung? Wikileaks Dokumente werfen Fragen über Nordkoreas Waffengeschäfte auf


Die Sache mit den geleakten Dokumenten des US-Außenministeriums ist ja so eine Sache. Auf der offiziellen Seite von wikileaks sind zurzeit gut 2.000 Dokumente verzeichnet, die bisher öffentlich gemacht wurden. Allerdings scheinen sich die insgesamt mehr als 250.000 Dokumente mittlerweile in den Händen sehr vieler unterschiedlicher Zeitungen zu finden die diese nun selbstständig auswerten und veröffentlichen. Das ist für uns ganz gut, weil dann öfter mal was Interessantes an die Öffentlichkeit kommt. Allerdings gibt es eben keine zentrale Stelle mehr, wo man nachschauen kann, was es gerade alles gibt und das macht das Ganze unübersichtlich. Jedenfalls scheint die norwegische Aftenposten auch im Besitz der Dokumente zu sein und die hat vor ein paar Tagen etwas Interessantes veröffentlicht. Es geht um Waffengeschäfte zwischen Nordkorea und der Regierung Sri Lankas.

Scheinbar haben die US Behörden im Mai 2009 Hinweise bekommen, dass ein Srilankisches Unternehmen, das für die Regierung des Landes Waffenkäufe abwickelt, ebensolche mit Iran und Nordkorea am verhandeln sei. Dabei soll es unter anderem um tragbare Raketenwerfer („Rocket propelled grenades“ in Englisch) gegangen sein. Das eine Dokument enthält Anweisungen für den Adressaten (die US Botschaft in Colombo?), wie man die Regierung Sri Lankas davon abbringen soll, Waffen aus Nordkorea zu kaufen. Die teilweise Wort für Wort vorzutragenden Redeanweisungen enthalten unter anderem die Drohung mit Sanktionen gegen das Unternehmen, das in den mutmaßlichen Waffenkauf verwickelt gewesen sein soll (Allein deshalb schon spannend zu lesen). In einem zweiten Dokument berichtet die verantwortliche Stelle, die Ansprechpartner auf Srilankischer Seite hätten die Behauptung der USA rundheraus verneint.

Diese Dokumente sind in mehrfacher Hinsicht interessant (Aber sie müssen natürlich auch mit Vorsicht behandelt werden, denn vielleicht waren die Informationen der USA ja tatsächlich falsch). Jedenfalls wurde Nordkorea ansonsten schon wiederholt mit Waffenverkäufen nach Sri Lanka in Verbindung gebracht. Allerdings an die Tamilischen Tiger, die bis vor einem Jahr ja in einem blutigen Bürgerkrieg gegen die Regierung in Colombo kämpften. Und da werden natürlich einige Fragen aufgeworfen. Zum Beispiel könnte man sich fragen, ob die Regierung in Sri Lankas in Nordkorea Waffen kaufen würde, wenn die auch Geschäfte mit den Tamilischen Tigern gemacht hätte. Man kann es natürlich nicht ausschließen und vielleicht zeigte man sich da auf beiden Seiten pragmatisch, vor allem da sich zu dieser Zeit die militärische Niederlage der Tamilischen Tiger bereits deutlich abgezeichnet haben dürfte (das Ende des Konflikts wurde 19 Mai 2009 verkündet). Aber seltsam ist es trotzdem. Das müsste sich auch die US Regierung überlegt haben, aber hier wird immer noch auf den Verkauf der Waffen Nordkoreas an die Tamilischen Tiger berichtet (zwar nicht direkt von der Regierung aber immerhin vom wissenschaftlichen Dienst des Kongresses (aber passt halt besser, die Tiger waren ja schließlich handfeste Terroristen)). Aber noch etwas Anderes kommt mir in den Sinn, wenn ich an Nordkorea, Sri Lanka und Waffen denke. Das ominöse Flugzeug das mit tonnenweise Waffen beladen, Ende 2009 in Bangkok aufgebracht wurde. Der Bestimmungsort der Waffen ist (lässt man alle Spekulationen über Hisbollah, Iran etc. mal außen vor) bis heute nicht bekannt. Was allerding bekannt ist, ist dass das Flugzeug als nächstes Ziel Sri Lanka angesteuert hätte. Da könnte man doch glatt vermuten, dass das Einwirken der US Regierung auf die Behörden in Colombo, nicht besonders erfolgreich war (bzw. sich Colombo darum einen feuchten Kehricht geschert hat). Einen Beweis gibt es natürlich nicht, aber der Gedanke könnte in Washington auch dem Einen oder Anderen gekommen sein. Im Endeffekt ist es zwar egal, aber diese beiden Dokumente zeigen, dass es vielleicht durchaus noch ein paar interessante Papiere auf den Festplatten von Wikileaks gibt.

Die Wikileaks-Rezeption Nordkoreas


Eben habe ich einen Artikel bei KCNA gelesen, in dem man sich (mal wieder) in aller Breite über Lee Myung-bak beklagt. Im Subtext des Artikels klingt mit, dass man es nicht besonders schätzt, dass alle Welt (jedenfalls im Süden und den USA) damit zu rechnen und sich darauf vorzubereiten scheint, dass Nordkorea in absehbarer Zeit kollabiert. Vor allem scheint man sich aber zu ärgern, wie laut  Lee davon spricht. Ansonsten sind es die üblichen Beschimpfungen garniert mit Drohungen. Also nichts was man unbedingt lesen müsste. Interessant fand ich allerdings diesen Satz, der als Zitat Lees gekennzeichnet ist:

he is now satisfied with the policy toward the north and ready to get the inter-Korean relations frozen while he is in office.

irgendwie hat mich das an etwas erinnert:

President Lee remained quite comfortable with his North Korea policy and that he is prepared leave the inter-Korean relations frozen until the end of his term in office, if necessary.

Ist zwar nicht das gleiche, allerdings konnte ich auch nirgends eine Aussage Lees finden, die der von KCNA „zitierten“ auch nur annäherungsweise ähnlich war. Und wenn Lee öffentlich gesagt hätte, er sei ganz zufrieden mit seiner Politik und bereit, die Beziehungen zum Norden bis zum Ende seiner Amtszeit „eingefroren“ zu lassen, dann hätte das glaube ich schon ein gewisses Medienecho hervorgerufen.

Da hat wohl ein KCNA Mitarbeiter ein bisschen bei Wikileaks geschmökert und ihm die griffigen Worte in den Mund gelegt.

Wichtig? Nicht besonders. Interessant? Allemal! Vermutlich wird man in Nordkorea aus den gewonnenen Informationen noch ewas mehr machen als nur Propaganda…

„Geleakte Wahrheiten“ zu Nordkorea: Zerbrochenes Porzellan und (viel) mehr


Wikileaks ist ja ne tolle Sache, jedenfalls wenn man kein Mitarbeiter amerikanischer Behörden ist, kein sunnitischer Monarch im mittleren Osten, dem Nachbarn und eigene Bevölkerung nun ein hohes Maß an Doppelzüngigkeit unterstellen könnten und kein von sich selbst sehr überzeugter Außenminister, für den es bei solch großen Unterschieden in Selbst- und Fremdwahrnehmung (wobei ich auf die Selbstwahrnehmung nur aus seinem Auftreten schließe) schwieriger werden könnte, sein Selbstbild weiter in hellen Farben leuchten zu lassen. Da ich mich keiner der oben genannten Gruppen zugehörig fühle, freue ich mich jedoch sehr, dass es mal wieder neues Datenfutter gibt. Allerdings erwarte ich nicht, dass die Erkenntnisse der US Diplomaten hinsichtlich Nordkorea großartige Neuigkeiten erbringen werden. Es würde mich jedenfalls sehr wundern, wenn die US Botschaften in der Region Vertrauensleute unter den nordkoreanischen Eliten hätten (anders als das in deutschen Pünktchenparteien der Fall zu sein scheint), da ja offensichtlich noch nicht mal die US Geheimdienste gemerkt haben, dass man unter ihrer Nase ne Urananreicherungsanlage gebaut hat. Und wo will man als Botschafter in Seoul oder als Generalkonsul in Shenyang schon vernünftige Informationen herbekommen außer aus der üblichen Gerüchteküche und – wie der Spiegel schreibt – durch „Einschätzungen von als vertrauenswürdig geltenden Nordkorea-Reisenden“. Von daher sollte man sich über den Gehalt der Depeschen keine großen Illusionen machen. Aber das Denken prägt ja auch die Weltsicht. Und daher kann man, glaube ich, aus der Sicht der US Diplomaten auf Nordkorea viel darüber lernen, was und wie man über dieses Land und seine Führung denkt, aus dem es kaum direkte Informationen gibt. Was auch noch sehr spannend sein dürfte, sind chinesische Sichten auf Nordkorea. Da China ja grundsätzlich kein Hort von Transparenz ist, ist es schwer sonstwo ehrliche Sichtweisen Chinas zu finden. Das dürfte sich ändern, da die US Diplomaten ja ihre Gespräche immer schön protokolliert haben.

Naja und genau deshalb habe ich beschlossen, mir die geleakten Dokumente genauer anzuschauen. Schön mal zu lesen wie Diplomaten sprechen und schreiben, wenn keine Kamera und kein Journalist in der Gegend sind…

Nachdem ich ein paar Dokumente angelesen habe, hab ich beschlossen das nicht auf Einmal zu machen. Ist nämlich zu viel lesenswerter Stoff. Also nach und nach:

Die USA ganz „unamerikanisch“: „virtually no chance…“

Erstmal ist es sinnvoll, um die amerikanische Lageeinschätzung und Bewertung der Wichtigkeit des Themas Nordkorea etwas besser zu verstehen, ein Briefing der US Botschaft in Seoul für einen hochrangigen amerikanischen Offiziellen anzuschauen. Das datiert am 06.08.2009 und eigentlich würde ich vermuten, dass es für Obama war. Warum? Die Person spricht über Außen-, Handels-, Globale und Wirtschaftspolitik mit Lee Myung-bak und einer Reihe von Ministern und ich wüsste keinen, der da sonst noch in Frage käme, aber vielleicht ist es auch nur ein wichtiger Berater. So ganz verstehe ich es nicht, weil es vom Termin her wenig Sinn macht. Habs jetzt verstanden. Es war eine Delegation des Senats glaub ich, die in Südkorea zu besuch war. Daher das breite Themenspekrum etc.

Aber zurück zum Thema. Schaut man sich das Dokument an, fällt recht schnell auf, wie weit unten Nordkorea auf der Agenda steht. Vorher kommen die Allianz, das Freihandelsabkommen und die globale Partnerschaft der Beiden. Dann erst Nordkorea. Nach einer kurzen Erläuterung über die Haltung beider Staaten zu Nordkorea:

Presidents Obama and Lee agreed to send a clear message to North Korea that its provocations come at a price. They also agreed on principles to deal with North Korea’s nuclear and missile threats, including commitments to achieving the „complete and verifiable elimination“ of North Korea’s nuclear weapons and existing nuclear programs as well as the ballistic missile program.

Kann man lesen, wie wichtig es den Südkoreanern ist, dass sie über jeden einzelnen Schritt der US Regierung zu Nordkorea genau informiert sind und dass es über jede wichtige Entscheidung zu Konsultationen kommt:

Korean officials see Washington and Seoul as partners in forming and implementing policies toward the North and consistently seek affirmation that Washington will not allow Pyongyang to drive a wedge between us.

Danach kommt der eigentlich interessante Teil, der die Perspektiven und Pläne der USA zu Nordkorea zusammenfasst:

There is virtually no chance of early improvement in South-North relations; President Lee is determined to stick to principle and to insist on a more reciprocal relationship with the North, and Kim Jong-il will not give in for his own domestic reasons. […] The ROKG (die Regierung der ROK, anm. ich) will welcome the opportunity to present with you a united front of calm and determination toward the North, combined with a call to return to the Six- Party Talks.

Nahezu keine Chancen auf eine baldige Besserung und daher eine geeinigte Front der Gelassenheit und Bestimmtheit gegenüber Nordkorea. Das klingt ja fast wie eine Kurzsusammenfassung Langzusammenfassung von „strategic patience“. Und damit kann man auch ganz gut sehen auf welchem Fundament die Strategie fußt: „Es wird sich eh nicht bessern, also tun wir nichts.“ Meine Meinung zu strategic patience kennt ihr ja

Menschenrechte, ja, bei Bedarf

Aber man erfährt natürlich auch noch was, über die Positionen anderer Länder zu Nordkorea. Zum Beispiel gibt es ein paar sehr interessante Anhaltspunkte aus Gesprächen von Robert King, dem US Sondergesandten für Menschenrechte in Nordkorea mit dem südkoreanischen Außenminister Yu Myung-hwan und Wi Sung-lac, dem südkoreanischen Chefunterhändler bei den Sechs-Parteien-Gesprächen, am 11.01.2010. Wenn man sich da beispielsweise an den Wunsch Südkoreas erinnert, von den USA immer über alles informiert zu werden, wundert man sich doch, dass Südkorea sich dadurch selbst scheinbar nicht in der Pflicht sieht. So unterließ man es wohl, die USA umgehend zu informieren, dass mehrere hochrangige Botschaftsangestellte Nordkoreas übergelaufen sind. Schon seltsam…

Auch interessant finde ich es, die Aussagen Wi Sung-lacs, dass man von Nordkorea Aufklärung über etwa 1.000 Kriegsgefangene forderte, in Zusammenhang mit den kürzlich abgehaltenen Familienzusammenführungen zu stellen. Da tauchte schließlich, für die Meisten überraschend, vier solche Kriegsgefangene auf (damit erübrigt sich auch meine Frage, wozu die Vorführung gut sein sollte. Das war eine Botschaft an Seoul, dass es die tatsächlich noch gibt und das man darüber reden könnte.). Nordkorea reagiert also schon auf die Forderungen Seouls, nur eben auf ihre eigene Art.

Den Hammer finde ich allerdings eine Passage die sich mit der Nahrungsmittelsituation in Nordkorea beschäftigt. Da kann man nämlich lesen, dass die Kornernte Nordkoreas auf vier Millionen Tonnen geschätzt werde, was besser sei als erwartet, aber den Bedarf von 4,5 Millionen Tonnen nicht decke. Die offiziellen Schätzungen der südkoreanischen Regierung beliefen sich aber auf 5 Millionen Tonnen (also über dem Bedarf). Da frag ich mich ja glatt: Wie kommt es denn zu dieser Differenz zwischen offiziellen und inoffiziellen Schätzungen? Wohl nur um eine Rechtfertigung zu haben, Menschen in Nordkorea nicht zu helfen. Das offen auszusprechen scheint für den Außenminister auch kein Problem gewesen zu sein:

Given the North’s chronic transportation and storage problems, there would be starvation „here and there“ during the spring, Yu lamented.

Hm, gut das die USA einen Sondergesandten haben, der sich  um die Menschenrechte der Nordkoreaner sorgt und gut, dass das Recht auf Nahrung nicht dazu gehört…Oder wie war das? Aber was keiner weiß macht keinen heiß…

Da gibt’s zerschlagenes Porzellan: „Der inkompetenteste chinesische Offizielle“

Und weil ich gerade bei Hämmern bin, möchte ich noch ein kleines Spotlight auf Südkoreas Ansichten zu einem Partnern bei den Sechs-Parteien-Gesprächen werfen und zwar über ein Gespräch zwischen Kathleen Stephens, der US Botschafterin in Seoul und dem südkoreanischen Vizeaußenminister Chun Young-woo:

Turning to the Six Party Talks, Chun said it was „a very bad thing“ that Wu Dawei had retained his position as chief of the PRC’s delegation. It had been the ROK’s expectation that Vice Foreign Minister Cui Tiankai, who was hastily transferred from Tokyo back to Beijing, would be taking over from Wu. Chun said it appeared that the DPRK „must have lobbied extremely hard“ for the now-retired Wu to stay on as China’s 6PT chief. The VFM complained that Wu is the PRC’s „most incompetent official,“ an arrogant, Marx-spouting former Red Guard who „knows nothing about North Korea, nothing about nonproliferation and is hard to communicate with because he doesn’t speak English.“ Wu was also a hardline nationalist, loudly proclaiming — to anyone willing to listen — that the PRC’s economic rise represented a „return to normalcy“ with China as a great world power.

Ob Wu Dawei den Südkoreanern diesen Gesichtsverlust verzeihen will und wird und ob sich sowas nicht auf kommende Gespräche auswirken wird? Die Fragen muss man wohl stellen und auch die, wie Südkoreas Vizeaußenminister Chun Young-Woo in seinem Posten weiter agieren will. Ich weiß ein Land, in das man ihn wohl besser nicht mehr schickt. Ganz ab vom Inhalt fand ich es hier sehr interessant, dass Wikileaks einige Namen geschwärzt hat (wenn auch recht willkürlich), die man bei der NY Times frei nachlesen kann.

Und nochmal Klirr: Dai Bingguo über Kim Jong Il

Naja und damit sind wir auch schon in China angekommen. Dai Bingguo wird sich wohl auch in der Rückschau wünschen, er hätte am 26.10.2009 Brechdurchfall gehabt, anstatt zusammen Vizeaußenminister He Yafei und weiteren Hochrangigen Regierungsmitgliedern offen mit einer ebenso hochrangigen US-Delegation zu sprechen. Ich kann mir nämlich nur schwer vorstellen, dass seine „relatively familiar terms“ mit Kim Jong Ils es unbeschadet überstehen, wenn er:

joked that he „did not dare“ to be that candid with the DPRK leader

um sich in der Folge scheinbar noch ausführlich über dessen Trinkgewohnheiten auszulassen. Ob aus dieser Einladung Kims noch was werden wird?

Kim told Dai that he had hoped to invite the Chinese official to share some liquor and wine, but that because of scheduling problems, he would have to defer the offer to Dai’s next visit to North Korea.

Ich glaube da reißen ihn selbst die positiven Äußerungen über Kims Gesundheit und seinen scharfen Verstand nicht mehr raus.

In der Folge berichtet Dai über seine Gespräche mit dem damaligen Vizeaußenminister Kang Sok-ju, dessen kürzlicher Aufstieg zum Vizepremier scheinbar nur eine Anpassung an die Realität wiederspiegelt. Denn allem Anschein nach war Kang schon seit Längerem ein sehr wichtiger Ansprechpartner, wenn es um die Sechs-Parteien-Gespräche und Denuklearisierung ging.

Als die wichtigsten Ziele Nordkoreas in der nächsten Zeit identifizierte Dai eine Verbesserung der wirtschaftlichen Situation sowie eine Verbesserung der Beziehungen mit den USA.

The North Koreans told Dai that they wanted to have dialogue with the United States first and that they would consider next steps, including possible multilateral talks, depending on their conversation with the United States. North Korea held „great expectations for the United States,“ said Dai. DPRK officials had told Dai that North Korea viewed former President Clinton’s visit to Pyongyang positively.

Also im Grundsatz das Gleiche, das ein paar Monate später auch über KCNA verbreitet wurde.

Was wir daraus lernen…

Wenn man all diese Dokumente zusammennimmt, ergibt sich ein etwas klareres Bild von dem, was in den letzten anderthalb Jahren rund um Nordkorea diplomatisches passiert ist, obwohl sich viele Vermutungen auch nur bestätigen und obwohl es natürlich nur kleine Ausschnitte der Realität sind:

  • Die USA verfolgten eine passive und uninspirierte Strategie, die von Südkorea vorgegeben wurde. Man glaubte nicht, dass sich die Situation auf der Koreanischen Halbinsel bessern würde und verwendete daher auch kaum Ressourcen darauf.
  • Südkorea führte und bestimmte die harte Haltung des Dreiecks Japan – USA – Südkorea gegenüber dem Norden. Es verlangte alle Informationen von den USA und bekam sie scheinbar auch und hielt sich selbst etwas mehr zurück.
  • China folgt weitestgehend der nordkoreanischen Argumentation und scheint (zumindest gegenüber den USA) der Ansicht zu sein, dass Nordkorea die bisher gemachten Angebote tatsächlich ernst meinte.
  • Die Möglichkeit für eine Verbesserung der Situation, die Ende 2009 bis Anfang 2010 bestand, wurde durch die harte Haltung Südkoreas und die Passivität der USA zunichte gemacht.
  • Man scheint Wu Dawei, dem chinesischen Unterhändler bei den Sechs-Parteien-Gesprächen mehr als kritisch gegenüber zu stehen. Die Aussagen des südkoreanischen Vize-Außenministers klingen fast so, als sehe man mit Wu als Vermittler keine Perspektiven für einen Erfolg der Gespräche (oder für ein Ergebnis ganz nach den eigenen Vorstellungen?).

…und wer sich darüber ärgert

Und damit möchte ich kurz noch zu dem kommen, dass in den deutschen Medien in den letzten Tagen oft mit „Flurschäden“ betitelt wurden. Während in Deutschland höchstens der eine oder andere Politiker heimlich im Bett weint, dürften in Ostasien nämlich einige Leute recht sauer auf andere Leute sein.

  • Wu Dawei habe ich schon genannt. Ich habe bisher, glaube ich, noch nie Kritik an ihm gehört. Daher dürfte die Deklarierung als inkompetentester Offizieller nicht nur ihn, sondern auch China als Gastgeber der Sechs-Parteien-Gespräche ganzschön getroffen haben. Denn wer lässt sich schon gerne sagen, man habe seinen schlechtesten Mann an eine verantwortungsvolle Position gesetzt.
  • Südkoreas Vizeaußenminister Chun Young-woo sollte wohl anfangen, sich nach nem neuen Job umzusehen, oder zumindest nicht mehr nach China fahren. Schließlich waren es seine Aussagen, die Wu Dawei und seine Regierung so bloßgestellt haben.
  • Ob man Südkoreas Außenminister nachtragen wird, dass er flapsige Sachen wie „hier und da werden Leute verhungern“ übelnimmt weiß ich nicht. Aber ich persönlich finde einen Sondergesandten für Menschenrechte ganzschön unglaubwürdig, der sich anhört, dass Südkoreas Regierung die Öffentlichkeit über die Nahrungssituation in Nordkorea belügt, um nicht unter Druck zu kommen Hilfen zu liefern und niemandem davon erzählt.
  • Kim Jong Il dürfte auch nicht eben amused gewesen sein. Es ist nie schön zu hören, dass diejenigen, die man für Freunde hält, denjenigen die Feinde sind, brühwarm über private Angewohnheiten erzählen. Da wird sich Kim künftig wohl zweimal überlegen, mit wem er den guten Cognac leermacht. Und wenn Dai Bingguo bisher ein ganzgutes Verhältnis zu Kim hatte, so dürfte dies seit Kurzem der Vergangenheit angehören.
  • Alle oben genannten (außer Kim) dürften ziemlich sauer auf ihre amerikanischen Gesprächspartner sein. Vielleicht ist man es in China auch gewohnt, alle Gespräche zu protokollieren. Aber dass die Sachen dann für jeden Hanswurst lesbar im Internet stehen. Das kennt man nicht. Alle genannten haben jetzt ein schwereres Leben und die Diplomatie und der Informationsfluss zumindest von Seiten Chinas dürfte noch stärker kontrolliert und reflektiert werden.
  • Damit werden die USA es in Zukunft noch schwerer haben, Informationen über Nordkorea zu bekommen. Denn bei China muss man wohl nicht mehr fragen (und sonst weiß niemand so gut bescheid)…
  • Achja, ich nannte Kim ja schon oben. Der wird sich freuen, denn was gibt es besseres als zu wissen, wie die Freunde und Feinde hinter dem Rücken über jemanden Sprechen. Nur weniges! Und da das Auskundschaften von Schwächen beim Gegner ja ohnehin ein Spezialgebiet der Politstrategen in Pjöngjang ist, wird da die Verwertungsmaschine schon auf Hochtouren laufen.

Dementsprechend kann ich abschließend sagen: Einerseits freue ich mich, dass ich die Dokumente lesen kann, denn damit wird meine Grundneugier ein bisschen befriedigt, aber andererseits wäre es mir wohl lieber gewesen, dass Ganze wäre unter Verschluss geblieben, denn der (fast) einzige Gewinner bei der ganzen Geschichte sitzt in Pjöngjang.