Wer provoziert hier wen? Nordkorea kämpft weiter um die Deutungshoheit für den Yonpyong-Zwischenfall


Nach ihrem „First installment“ zum Untergang der Cheonan, hat sich die NDC über KCNA nun auch zum Beschuss der Insel Yonpyong durch die nordkoreanische Armee geäußert. So lässt es zumindest der Titel des Artikels vermuten: „NDC Inspection Group Issues Statement Revealing Truth behind Yonphyong Island Shelling„. Dass ihnen der Inhalt dieses Beitrags wichtig ist, erkennt man auch schon an der für KCNA Verhältnisse unglaublichen Länge. Ich hab ihn spaßeshalber mal in ein Word-Dokument gecopy-pastet und es sind zehn volle Seiten, mit über 6.000 Wörtern.

Im Norden nichts Neues

Wenn man sich die Mühe macht, das Mal wirklich ganz durchzulesen (und es ist Mühe! Ein paar Zeilen von dem Propagandagesülze sind ja vielleicht noch ganz witzig. Aber zehn Seiten…) dann fallen mehrere Dinge auf: Erstens geht es nicht nur um Yonpyong, sondern es geht um den aktuellen Status der Nord-Süd-Beziehungen. Zweitens enthalten die verdammten Zehn Seiten nicht die geringste Neuigkeit (Der Cheonan-Zwischenfall war eine Intrige: „Explicitly speaking, the Cheonan case has nothing to do with the DPRK. It is the immutable truth“, der Yonpyong-Zwischenfall wurde von den Südkoreanern provziert: „The Yonphyong Island shelling would not have occurred if the south Korean group of traitors had not preempted shelling in the waters of the DPRK side“, die Northern Limit Line (NLL) ist unfair und völkerrechtswidrig und muss verlegt werden, Lee Myung-bak und die USA wollen nur Krieg und Nordkorea übt schon Zurückhaltung seit es im Koreakrieg triumphiert hat). Drittens scheint man frustriert zu sein über die Tatsache, dass es nicht so recht gelingen will, mit dem Süden in Gespräche zu kommen, denn an dem gescheiterten Vorbereitungstreffen für hochrangige Militärgespräche arbeitet man ich weiter ab. Viertens hat man sich dabei, wie in allen anderen Punkten, große Mühe, alle Aussagen der südkoreanischen Regierung als hinterhältige Lügen darzustellen. Im Fall der Militärgespräche sagt man beispielsweise, nicht die nordkoreanische Delegation habe die Gespräche einseitig abgebrochen, sondern die südkoreanische. Achja, ganz abgesehen von den vielen friedfertigen nordkoreanischen Fischern, die in dieser Region von den Südkoreanern entführt oder umgebracht wurden

Interessant…vor allem für Verschwörungstheoretiker

Generell dürfte die Lektüre nicht zuletzt für verstörte Verschwörungstheoretiker Politwirrköpfe (die Herrschaft über die Koreanische Halbinsel ist für die Weltbeherrschungspläne der US-Imperialisten unerlässlich, deshalb versuchen sie schon seit Jahren dort einen Krieg zu provozieren) interessant sein, denn die Logik der nordkoreanischen Argumentation ist ungefähr die gleiche und ungefähr genauso konsistent. Aber es gibt ja genug von denen, von daher ist es sehr rücksichtsvoll, dass KCNA auch mal was für solche Leute schreibt.

Die NLL nervt Pjöngjang

Ein bisschen was sagt der Artikel aber auch noch über die politische Agenda des Regimes aus. Es wird nämlich sehr deutlich gemacht, dass man die NLL nicht mehr als Grenze haben will und diese künftig verlegt werden soll. Eigentlich arbeitet man die aktuelle Grenzziehung als Kernproblem von nordkoreanischer Seite heraus (bei Südkorea und den USA ist das Kernproblem, dass es böse, hinterhältige und unverbesserliche Imperialisten und ihre Diener sind) und das ist doch mal ein relativ ehrlicher Inhalt, denn tatsächlich hat man in Pjöngjang scheinbar große Probleme damit. Lobend wird auch explizit Selig S. Harrison erwähnt, der sich mit seinem mutigen (mir fallen auch noch andere Attribute dazu ein. Aber das ist das Schöne an dem Wort „mutig“ es beinhaltet keinerlei Ausschlusskriterien für weniger schmeichelhafte Zuschreibungen nach dem Motto „mutig aber…“) Artikel in der New York Times zur NLL ja ziemlich weit aus dem Fenster gelehnt hatte. Ob man das als Experte als Ehre begreifen kann, wenn die nordkoreanischen Medien ihre Argumentation auf eigene Thesen aufbauen weiß ich nicht so genau (ich weiß was ich davon hielte, wenn ich ein Experte wäre und mir das passierte).

Das alte Lied: Drohend und versöhnlich

Abschließend können es die Autoren des Beitrags aber nicht lassen, der Regierung in Seoul ziemlich unverhohlen zu drohen, sollten sie nicht zu Gesprächen bereit sein:

It is too natural that broad strata of south Korea are becoming increasingly concerned and worried that if the present authorities turn their back on the DPRK′s proposal for unconditioned dialogue and rush headlong into one-sided confrontation, calling into question the two incidents, this will entail miserable consequences of swamping the whole land of south Korea as the Cheonan warship and turning it into a wormwood field like Yonphyong Island.

Allerdings, so der versöhnliche Schluss, werde die Armee Nordkoreas weiterhin ihr Bestes tun, um das Vorgehen der konfrontativen Kräfte im Süden ins Leere laufen zu lassen und für Frieden und Stabilität auf der Koreanischen Halbinsel zu sorgen.

Kampf um die Deutungshoheit

Scheinbar verspürt man in Pjöngjang weiterhin das Bedürfnis, die Deutungshoheit hinsichtlich der innerkoreanischen Beziehungen zu erringen. Ob dieser Artikel allerdings dazu beitragen kann, möchte ich doch in Zweifel ziehen (außer vielleicht für die Zielgruppe der Verschwörungstheoretiker und Politwirrköpfe, aber für die ist vielleicht ein bisschen wenig „Chemtrails“ und „HAARP“ dabei). Ansonsten ist der Artikel natürlich ein Beleg dafür, dass das Regime nicht bereit ist, irgendwelche Zugeständnisse an den Süden zu machen. Es wurde jetzt nochmal zur offiziellen NDC Position gemacht, dass man mit dem Cheonan-Zwischenfall nichts zu tun hat und für den Angriff auf Yonpyong nichts konnte. Damit fällt wohl definitiv die Option aus, dass man sich für die Zwischenfälle entschuldigen würde. Dies fordert Lee Myung-bak aber vehement. Dass sich die Armee weiterhin als stabilisierende Kraft für Frieden und Stabilität auf der Koreanischen Halbinsel einsetzen wollen könnte man (könnte, muss aber nicht) als Zugeständnis hinsichtlich künftiger Provokationen lesen. Insgesamt ist der Artikel wohl nicht mehr als eine Fußnote in den angespannten Beziehungen auf der Koreanischen Halbinsel, aber eine lange…

GIGA-Paper zu den Motiven Nordkoreas für den Beschuss Yonpyongs und das Vorzeigen des Uranprogramms


Johannes Gerschewski und Patrick Köllner, vom German Institute of Global and Area Studies (GIGA), bei dem man öfter mal was zu Nordkorea lesen kann, haben sich in einem kurzen Paper mit dem Beschuss der Insel Yonpyong durch Nordkorea und der Offenbarung des Programms zur Urananreicherung befasst. Die beiden Autoren kennen sich wirklich gut mit Nordkorea aus und da man ja recht selten was deutschsprachiges Wissenschaftliches über Nordkorea zu lesen bekommt, stell ich euch das Paper vor.

Die Autoren beschreiben kurz die jüngsten Ereignisse und versuchen darauf aufbauend, sich der Motivation Nordkoreas für dieses aggressive Verhalten anzunähern. Grundsätzlich nehmen sie an, dass die Offenlegung des Uranprogramms und der Beschuss der Insel in einem Zusammenhang stehen. Als mögliche Erklärungen für das Vorgehen Nordkoreas ziehen sie drei Argumentationsstränge in Betracht.

  1. Nordkorea will wieder verhandeln. Dazu folgt es einem altbekannten Verhaltensmuster, indem es die Situation zuerst eskaliert, um die anderen Parteien damit an den Verhandlungstisch zurückzuzwingen und ihnen dann größtmögliche Konzessionen (nicht zuletzt materielle Hilfen) für ein künftiges „friedlichsein“ abzuringen (was aber nur kurzfristige Verbesserungen mit sich bringt).
  2. Die Sicherheitslage Nordkoreas war der Auslöser. Entweder man fühlt sich bedroht und versucht so, seine Potenz zu beweisen und mit den USA ins Gespräch zu kommen um das Bedrohungsgefühl abzubauen, oder man dachte es sich schlicht erlauben zu können und so vielleicht das Machtverhältnis auf der Koreanischen Halbinsel zu seinen Gunsten zu verschieben.
  3. Die Machtweitergabe von Kim Jong Il an seinen Sohn Kim Jong Un ist ausschlaggebend. Man wollte einerseits die Bedürfnisse des immer wichtiger gewordenen Militärs befriedigen und sie an die Führerfamilie binden. Andererseits sollte Kim Jong Uns Legitimationsbasis gegenüber der Bevölkerung gestärkt werden, indem der Beschuss Yonpyongs ihm zugeschrieben wird und er mit diesem militärischen Erfolg in die Reihe der brillanten Militärs der Familie gestellt werden kann. Dieser Erklärungsstrang wird von den Autoren als der wichtigste angesehen.

Jedoch sagen sie auch, dass vermutlich keine der Erklärungen allein des Pudels Kern trifft. Vielmehr dürfte von allem etwas hineingespielt haben. Und das rettet die Argumentation der Autoren. Denn setzt man einen Zusammenhang zwischen der Offenlegung der Urananreicherung und dem Beschuss von Yonpyong voraus, kann ich beim besten Willen nicht sehen, wie beides Zusammengenommen direkt mit der Nachfolge Kim Jong Uns zusammenhängt. Das Vorzeigen des Uranprogramms war in erster Linie nach außen gerichtet. Es wurde in den eigenen Medien nicht breitgetreten (für interne Propaganda wäre eine bebilderter Artikel á la „Kim Jong Il besichtigt die Yonpyong Urananreicherungsanlage“ vermutlich besser geeignet gewesen. Gabs aber nicht), kann also nicht in die gleiche Kategorie wie ein Atomtest geordnet werden. Es erzielte dort einen Effekt wo es das sollte. In den USA (schließlich lud man einen amerikanischen Wissenschaftler ein, nur um ihm das zu zeigen). Also dürfte das Vorgehen des Regimes Zumindest gleichermaßen nach außen wie nach innen gerichtet gewesen sein.

Abschließend geben die Autoren ihre Einschätzungen zu den Auswirkungen und zu einem potentiell guten weiteren Vorgehen gegenüber Pjöngjang ab. Sie plädieren für die

beste der schlechten Optionen,

nämlich internationale Sanktionen und dies tun sie

obwohl auch diese Option inzwischen weitgehend ausgereizt ist und angesichts der mangelnden Umsetzung auf chinesischer Seite in ihrer Effektivität bisher stark begrenzt ist.

Warum? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht so genau, aber eine symbolische Komponente scheint dabei eine große Rolle zu spielen (ansonsten gibt es ja nichts was dafür spricht). Warum sie eine Politik der Annäherung nicht in Betracht ziehen verstehe ich nicht wirklich. Die Autoren sagen, dass weder die Umarmungspolitik der progressiven Regierungen von 1998 bis 2007 noch die härtere Politik der Lee Administration

erkennbaren nachhaltigen Einfluss im Sinne einer Mäßigung und/ oder echten Öffnung auf Pjöngjang gezeigt

habe. Allerdings wurden von 1997 bis 2008 keine Schiffe versenkt und auch keine Inseln beschossen. Nachhaltigkeit ist hier wohl Definitionssache. In diesem Absatz hätte ich mir etwas mehr Argumentation gewünscht, wenn man schon für weitere Sanktionen plädiert, oder man hätte sich das besser ganz gespart.

Aber generell gibt das Papier natürlich einen guten Überblick über die Ereignisse Ende letzten Jahres und mögliche Motivationen des Regimes in Pjöngjang. Am besten ihr lest es daher selbst (sind ja nur 8 Seiten) und bildet euch euer eigenes Urteil.

Nordkorea vor den Internationalen Strafgerichtshof: Chefankläger leitet Voruntersuchung ein


Der Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofes Moreno-Ocampo hat gestern bekannt gegeben, dass er Voruntersuchungen gegen Nordkorea einleiten will. Das Büro des Chefunterhändlers sei informiert worden, (von Südkorea offenbar), dass nordkoreanische Streitkräfte auf südkoreanischem Territorium Kriegsverbrechen begangen hätten. Zur Anzeige gebracht worden seien sowohl der Beschuss der Insel Yonpyong als auch die Versenkung der Cheonan. Diese Voruntersuchungen sind allerdings noch bei weitem kein Prozess. Hier wird geprüft, ob die Bedingungen für die Eröffnung einer offiziellen Untersuchung gegeben sind. Ein Prozess käme zustande, wenn der Chefankläger nach der offiziellen Untersuchung zu dem Entschluss käme, dass die entsprechenden Kriegsverbrechen vorlägen. Ein langer Weg also.

Da hat Südkorea also doch noch einen Weg gefunden, Nordkoreas aggressives Gebaren vor einer internationalen Körperschaft verhandeln und im besten Falle brandmarken zu lassen. Allerdings dürfte der IStGH wohl nur die zweite Wahl gewesen sein, denn er ist ein zweischneidiges Schwert. Anders als beim Sicherheitsrat der Vereinten Nationen weiß man vorher eben nicht relativ sicher, was dabei rauskommen wird. Die Unabhängigkeit der Justiz macht ein Urteil natürlich umso beeindruckender wenn es den eigenen Wünschen entsprechend ausfällt. Aber wenn nicht, ist auch die Niederlage größer. Außerdem folgt die Strafe nicht auf den Fuß. Bis ein eventueller Prozess abgeschlossen ist, dürfte einige Zeit vergehen. Aber selbst ein Anklageerhebung wäre schon ein großer symbolischer Erfolg für Südkorea und würde den Norden an den Pranger stellen. Allerdings, und da wird es schwierig, kann der IStGH nur Individuen anklagen, keine Länder. Das heißt, die Verantwortlichen müssten zur Anklageerhebung identifiziert werden. Wie man das machen will ist mir weitestgehend ein Rätsel. Vermutlich könnte man Kim Kyok-sik drankriegen (aber wohl nicht nach Den Haag), denn als Befehlshaber der dort stationierten Truppen ist er wohl zumindest für den Granatbeschuss von Yonpyong unmittelbar verantwortlich. Aber sonst? Da kann nicht viel kommen.

Was mich ehrlich überrascht hat ist die Tatsache, dass Südkorea auch die Versenkung der Cheonan vorgebracht hat. Da muss man sich seiner Beweise also sehr gewiss sein. Man stelle sich nur mal vor, ein unabhängiges Gericht würde den Untergang der Cheonan prüfen und käme am Ende zu dem Schluss, dass keine gerichtsfesten Beweise vorlägen, um Nordkorea anzuklagen. Das wäre eine ungeheure Blamage für alle, die in die Untersuchung des Untergangs involviert waren. Da sich die Südkoreaner dieser Gefahr wohl nicht aussetzen würden, wenn man nicht absolut sicher wäre, dass die Beweise wasserdicht sind, ist dies eine elegante Lösung, die Verantwortlichkeiten für den Untergang der Cheonan vor aller Welt unabhängig prüfen und klären zu lassen. Und eine weitere Tatsache kann man in Südkorea damit sehr elegant untermauern. Den Verlauf der Seegrenze. Da die Cheonan in umstrittenem Gebiet sank, wäre es als klare Anerkennung der Seegrenze durch das Gericht zu werten, wenn der Fall in die offizielle Untersuchung ginge. Denn das Gericht darf nur tätig werden, wenn der Angeklagte Staatsbürger eines Mitgliedsstaats ist, oder das Verbrechen auf dem Territorium eines Mitgliedsstaats verübt wurde. Letzteres trifft aber nur dann zweifelsfrei zu, wenn man die von der UN gesteckten Grenzen anerkennt. Damit würde man den Forderungen des Nordens hinsichtlich der Seegrenze den Wind aus den Segeln nehmen.

Die USA dürften das Manöver Südkoreas ebenfalls mit leicht gemischten Gefühlen beobachten, schließlich sind sie auch einer der vielen Staaten, die nicht Mitglied beim IStGH sind, aber immerhin haben sie das Rom Statut unterzeichnet. Allerdings hat man sich (ich erinnere mich noch dunkel an die Diskussionen) in den USA Sorgen gemacht, dass der IStGH auch amerikanische Bürger, vielleicht sogar brave Soldaten, die nur in Abu Ghraib oder so ihren Dienst nach Pflicht verrichten, vor das Gericht gebracht werden könnten. Und das ginge natürlich gar nicht (wie gesagt, die Fallstricke unabhängiger Justiz).

Es ist auf jeden Fall ein mutiger und strategisch schlauer Schritt Südkoreas, den Fall an das IStGH zu geben. So kann Nordkorea von einer unabhängigen und angesehenen Institution als Aggressor identifiziert werden und man muss sich nicht um China bemühen.

Südkoreanische Geheimdienste wussten seit August von Angriffsvorbereitungen Nordkoreas


Eigentlich wollte ich es für heute gut sein lassen aber was ich gerade gesehen habe will ich euch nicht vorenthalten. So langsam wirds nämlich echt peinlich für Lee Myung-bak und seine Leute. Wie man bei Forbes nachlesen kann, hatte der südkoreanische Geheimdienst Ende August Informationen darüber bekommen, dass Nordkorea sich auf einen Angriff auf eine oder mehrere der südkoreanischen Inseln nahe dem nordkoreanischen Festland vorbereite:

Won told lawmakers in a private briefing Wednesday that South Korea had intercepted North Korean military communications in August that indicated Pyongyang was preparing to attack Yeonpyeong and other front-line islands.

Allerdings nahm man die Berichte nicht ernst sondern hielt sie für eine „Standarddrohung“

Won didn’t expect that attack to be on civilian areas and considered it a „routine threat,“ according to the office of lawmaker Choi Jae-sung who attended the closed-door session.

Auch die Aussagen des südkoreanischen Generalstabs, die die neuen Erkenntnisse entschärfen sollten, finde ich nicht besonders entschärfend:

South Korea’s Joint Chiefs of Staff tried to play down Won’s comments, saying the intelligence was that North Korea ordered its troops to prepare to return fire should South Korea conduct artillery drills.

Aha, Ok, man dachte nur Artillerieübungen würden eine Reaktion des Nordens auslösen. Da war es ja nur Folgerichtig, dass Schießübungen mit Schiffen unmöglich etwas Ähnliches bewirken konnten. Wie könnte man dann auch auf den Gedanken kommen, die eigenen Leute zumindest darauf vorzubereiten, dass etwas passieren könnte.

Da ist etwas in der Kommunikation gehörig schief gelaufen, oder die südkoreanischen Dienste sind gegenüber den Drohungen des Nordens mittlerweile so abgestumpft, dass diese von vorne herein nicht ernst genommen werden. Erinnert mich irgendwie an das, was vor gut neun Jahren beim großen Verbündeten Südkoreas passiert ist. Vielleicht sollte man alle Geheimdaten in einer riesigen Datenbank für fast jedermann zugänglich sammeln, hat den USA ja auch nur Gutes gebracht.

Aber mal ab davon. Lee Myung-baks Politik wird zunehmend unglaubwürdig. Das Problem ist, dass sich Anspruch und Realität gegenüber Nordkorea oft nicht decken. Wer verbal auf Hardliner macht, der muss auch in seiner Politik so agieren und in der Lage sein die Konsequenzen abzuwehren. Lees Politik bewirkt in Teilen ein aggressives Vorgehen Nordkoreas, damit muss man in Seoul spätestens nach der Versenkung der Cheonan rechnen. Gleichzeitig scheint die Politik aber nicht zu bewirken, dass Armee und Geheimdienste auf dieses Aggressive Vorgehen vorbereitet sind. Da gibt es schwere Fehler in der strategischen Planung die sich der Präsident teilweise selbst ankreiden muss.

Alternativ kann es natürlich auch sein, dass die Lee Administration Nordkorea einfach nicht ernst nahm und nimmt. Die Nordkoreapolitik Lees, die seit seinem Amtsantritt sehr konsistent war bot genau drei Optionen, wie sich die Beziehungen zum Norden entwickeln könnten:

  1. Nordkorea erfüllt die Forderungen Lees, dann ist eine Verbesserung möglich.
  2. Nordkorea tut es nicht und darbt weiter still vor sich hin, bis Lee das Problem seinem Nachfolger übergeben kann.
  3. Das Regime in Pjöngjang kollabiert, dann wird über kurz oder lang alles besser.
  4. Alternative vier, das Regime geht zunehmend in die Offensive und wird vom armen sehr seltsamen Nachbarn wieder zur echten Bedrohung, hatte Lee einfach nicht auf der Karte.

Wenn dies der Fall ist, dann steht Lee vor dem großen Problem, dass Alternative vier nicht durch stoisches Beharren auf der eigenen Position zu handhaben ist.

Der Mann hinter dem Angriff auf Yonpyong — Kim Kyok-sik: Nicht nur ein General?


Nachdem die Lage in der Folge des nordkoreanischen Artilleriebeschusses der südkoreanischen Insel Yonpyong nun seit einer Woche stabil geblieben ist (wenn man mal von dem Manöver samt Flugzeugträger im Westmeer und den markigen Worten auf beiden Seiten der Demarkationslinie absieht), möchte ich mich heute kurz dem Mann widmen, der auf nordkoreanischer Seite wohl der Befehlshaber des Beschusses war. Kim Kyok-sik ist es nämlich durchaus wert, dass man ihm einige Zeilen widmet, denn einerseits ist sein Werdegang sehr interessant und andererseits hat er seinem Kerbholz in der letzten Zeit einiges hinzugefügt.

Kim Kyok-siks etwas verworrener Werdegang

Kim Kyok-sik kommandiert heute das westliche Regionalkommando der Koreanischen Volksarmee oder das IV Armee Korps und ist damit (so oder so) auch für die Stellungen verantwortlich, die das Feuer auf die Insel Yonpyong eröffnet haben. Mit 72 (oder Ende 60, wie fast immer unterscheiden sich hier die Angaben) Jahren ist Kim noch relativ jung und hat gute Chancen Kim Jong Il zu überleben. Nach seinem Studium an der Militärakademie der Kim Il Sung Universität führte ihn seine Karriere ab 1971 erst mal ins Ausland. Er war für einige Jahre als Militärattaché in Syrien tätig und zwar just zu der Zeit, als der Jom-Kippur-Krieg zwischen Israel, Syrien und Ägypten ausgefochten wurden, an dem nachweislich auch nordkoreanische Piloten teilnahmen. Wenn er auch ich nicht direkt ins Kriegsgeschehen eingegriffen hat so dürfte Kim dort trotzdem mehr Erfahrungen gesammelt haben, als Altersgleiche, die Nordkorea nicht verließen. Dies ist daher interessant, weil Kim zu der ersten Generation gehört, die nicht auf Kampferfahrungen aus dem Guerillakrieg gegen die japanische Besatzung oder am Koreakrieg zurückgreifen können. Nach seiner Tätigkeit im Ausland machte Kim eine recht gewöhnliche Militärkarriere, in der er ab 1994 Kommandant des II Armee Korps wurde und 1997 den Generalsrang erreichte. 2007 wurde er dann, für Beobachter sehr überraschend, zum Chef des Generalstabs der Koreanischen Volksarmee ernannt, ohne jedoch zum stellvertretenden Marschall der Armee befördert oder in die Nationale Verteidigungskommission berufen zu werden. Lediglich ein vierter Stern sprang für ihn heraus. Ebenso überraschend wie seine Beförderung kam Anfang 2009 dann auch seine (faktische) Degradierung, als Ri Yong-ho seinen Posten übernahm und er an seine jetzige Position wechselte. Auch hier wurde viel über mögliche Hintergründe spekuliert, da auch Ri aus dem relativen Nichts in die erste Reihe befördert wurde. Im Gegensatz zu Kim wurde Ri auch zum Vizemarschall der Armee gemacht.

Kerbholz wird immer kerbiger

Sein Wirken an der neuen Arbeitsstelle konnte der Weltöffentlichkeit dann kaum entgehen. Schon im November 2009 wurde schoss die Armee bei einem Manöver unter seinem Kommando Artilleriegeschosse in die Nähe der Seegrenze zu Südkorea. Auch die Schießübungen im Januar und August 2010, zu denen Nordkorea Sperrgebiete für Schiffe ausrief, fanden in seinem Kommandobereich statt. Die Versenkung der Cheonan schließlich, bei der es sich ja grundsätzlich um eine Marineoperation gehandelt haben dürfte, fand ebenfalls in Gewässern statt, die wohl am ehesten unter sein Kommando fallen. Daher dürfte er auch hierüber zumindest informiert gewesen sein, allerdings wurde er gerüchteweise auch als der Drahtzieher des Zwischenfalls vermutet. Diese lange Reihe von Vorfällen unter dem Kommando Kim Kyok-sik fand nun ihren bisherigen Höhepunkt in der Attacke auch Yonpyong. Zwar wird gemutmaßt, Kim Jong Il und sein Sohn Kim Jong Un könnten den Befehl persönlich erteilt haben, allerdings ist der Befehl in diesem Fall an Kim Kyok-sik ergangen, der ihn dann ausführte.

Versetzung, Eskalation und ein großer Plan

Und nimmt man all diese Informationen zusammen, die man über den Unruhestifter in Nordkoreas Südwesten hat, ergeben sich einige interessante Schlussfolgerungen bzw. Fragen.

  • Kim ist mit seinem relativ jungen Alter ein Kandidat für die Führungsgruppe in der Übergangszeit nach dem Tod Kim Jong Il. Er könnte darüber hinaus in seiner Zeit als Militärattaché etwas Erfahrung in Kriegssituationen gesammelt haben, eine Qualifikation die viele andere Militärs seines Alters nicht haben.
  • Kim wurde fast aus dem Nichts heraus zum Generalstabschef der Armee befördert, ohne jedoch einen entsprechenden Rang zu bekommen. Nach zwei Jahren wurde er ebenso überraschend wieder abgelöst. War es von vorne herein geplant, dass er als erfahrener und loyaler Militär den Lückenfüller gab, bis der Neue bereitstand? Oder war seine Degradierung auch für ihn überraschend?
  • Letztere Frage könnte eine Theorie von einem frustrierten Hardliner stützen, der nun von seiner Position aus die Politik Kim Jong Ils torpediert. Allerdings wäre er dann wohl schon nicht mehr im Amt. Daher wäre es schlüssiger, wenn sein Intermezzo als Generalstabschef schon vorher so geplant war und die eigentlich ihm zugedachte Position seine jetzige ist, zumindest vorerst.
  • Wenn dem so ist,  genießt er Kim Jong Ils höchstes Vertrauen, denn immerhin wurde er in eine Machtposition eingesetzt um dann wieder entfernt zu werden. Das muss man erstmal mit sich machen lassen.
  • Als Vertrauensmann wird er vermutlich recht strikt den Befehlen Kim Jong Ils folgen, was dann wohl bedeutet, dass die Eskalationen im Westmeer von Seiten des Regimes zumindest als Option schon früher eingeplant waren und dass diese vielleicht sogar schon von langer Hand vorbereitet wurden. Denn wenn man eine bewaffnete Eskalation vorbereitet, braucht man einen Befehlshaber vor Ort, der sich minutiös an die von oben vorgegebenen Befehle und Grenzen hält, um keinen Ausweitung des Konflikts zu riskieren.

Aus diesen Überlegungen heraus ist es gut möglich, dass Eskalationen im Westmeer einem großen Plan folgen und schon länger vorbereitet wurden. Vielleicht seit 2007 als Kim Kyok-sik die Führung des Generalstabs erlangte aber wahrscheinlich seit Anfang 2009, als er seine jetzige Position einnahm. Was genau das Ziel des Plans ist, bleibt natürlich wie so oft offen. Es könnte mit Kim Jong Uns Nachfolge zusammenhängen (ich glaube das tut im Moment das Meiste), es könnte aber auch mit der außenpolitischen Strategie Nordkoreas oder der Frustration über Lee Myung-baks Politik in Verbindung stehen. Man weiß es nicht. Natürlich weiß ich auch nicht ob meine These vom großen Plan zutrifft, allerdings bin ich mir sehr sicher, dass das Vorgehen Nordkoreas gegenüber Yonpyong kein Zufall war und nicht von irgendwelchen „Provokationen“ Südkoreas ausgelöst wurden, sondern einem eiskalten Kalkül folgten.

„Ich sag’s deiner Mama“: Die USA und Südkorea auf der Suche nach Strafmaßnahmen


Wenn man als Kind permanent von einem anderen, vielleicht stärkeren, vielleicht nur aggressiveren Kind geärgert wird, dann lautet die ultimative Drohung: „Ich sags deiner Mutter.“ Zu dieser greift man, wenn man durch Gespräche oder ähnliches mit dem stressigen Vogel nicht zurande  kommt und man auch nicht genug starke Freunde hat, die einem helfen dem Aggressor eine Abreibung zu verpassen. Von der Mutter-Drohung erhofft man sich, dass das andere Kind bestenfalls allein durch selbige von weiteren Würfen mit Matschklumpen etc. absieht, anderenfalls sagt man es eben tatsächlich der Mutter. Die wird den Rabauken schon zur Raison bringen und dann ist Ruhe im Karton. Dumm nur, wenn der Fremden Mutter ihr eigener Zögling näher ist, als das fremde Balg, dem man ohnehin nicht nur Gutes zutraut (und das man ohnehin unsympathisch findet).

In einer ähnlichen Situation steckt man gerade in Ostasien (mal wieder). Den USA und Südkorea fällt einfach nichts anderes mehr ein. Pjöngjang lässt sich durch keinen der (zugegeben nicht besonders einfallsreichen) strategischen Winkelzügen der beiden beeindrucken, sondern wird immer gemeiner. Also lässt man in Seoul und Washington alle Hoffnung fahren, dass man selbst Einfluss auf den Bösewicht nehmen könnte (wie gesagt, einen Mangel an Kreativität in beiden Hauptstädten kann man ja nicht erst seit vorgestern beobachten) und wendet sich an die Mutter. Eigentlich gibt es ja keinen Experten, der in den letzten Tagen nicht gesagt hat: „China hat den nötigen Einfluss.“ Und eigentlich wandte sich ja auch so ziemlich jeder Politiker an China, sogar unsere Kanzlerin. Nur ist China auch dieses Mal erstaunlicherweise nicht gewillt, dem kleinen  Nachbarn seinen Schutz zu entziehen. Wenn man sich in einer solchen Sache an China wendet erwartet man eine klare Stellungnahme. Aber es sieht so aus, als würde es den USA und Südkorea ergehen wie der erfolglosen Petze. „Zu einem Streit gehören immer Zwei. Ihr müsst euch eben beide etwas zurückhalten.“ Das oder ähnliches hab ich schon recht oft gehört und hm, es klingt (irgendwie) fast wie die wörtliche Übersetzung dessen, was Chinas Premier Wen Jiabao in Moskau zu sagen hatte:

China is firmly committed to maintaining the peace and stability of the Korean peninsula and opposes any provocative military acts

Nordkorea wurde nicht an den Pranger gestellt, nicht einmal genannt. Nordkorea ist zwar gemeint, aber genauso sind es Südkorea und die USA. Und das geplante Militärmanöver, das am Sonntag beginnen soll, kann man in die allgemein gehaltene Aussage Wens genauso mit einbeziehen, wie den Artilleriebeschuss von Yonpyong. Vielleicht wird man, wenn die Denunzianten verschwunden sind, seinem eigenen Spross mal ordentlich den Kopf waschen. Aber nicht in der Öffentlichkeit und das wäre das Einzige gewesen, was den USA und Südkorea eingefallen wäre, um den Norden zu bestrafen. Aber damit nicht genug: Manche Leute mögen keine Petzen. Manche finden das schleimig und anbiedernd und obwohl sie wissen, dass die Petze irgendwie im Recht ist, lassen sie die Petzen ihr Missfallen spüren (Im Falle Chinas könnte man das natürlich auch darin begründet sehen, dass man nicht gerne vor der Staatengemeinschaft bloßgestellt wird. Und das tun die USA und Südkorea ja irgendwie, weil sie China eine Mitschuld unterstellen, da es zu wenig Einfluss auf Nordkorea nimmt.). Erstaunlicherweise hatte Chinas Außenminister Yang Jiechi, kurz vor einer geplanten Reise nach Seoul am Freitag, plötzlich Terminprobleme und musste diese Absagen. Das ist deutlich. Außerdem äußerte man sich recht klar hinsichtlich des geplanten Seemanövers:

‚We have taken note of relevant reports and express concern,‘ foreign ministry spokesman Hong Lei told reporters, when asked about the planned exercises. ‚We oppose any act that undermines peace and stability on the (Korean) peninsula.‘

Da stellt China Seoul und Washington deutlicher an den Pranger als es das  im Falle Pjöngjangs getan hat.

Würde mich wundern, wenn China seine Position hier noch ändert und damit bringt es wiederum die USA und Südkorea unter zweifachen Zugzwang. Einerseits müssen diese bei ihrem sicherlich sehr imponierenden Militärmanöver (ich will gar nicht wissen wie oft ich gehört, gelesen und gesehen habe, dass die U.S.S. Washington über 6.000 Mann Besatzung hat) sehr vorsichtig sein, denn China hat klar gemacht, wem es eine weitere Eskalation in dessen Folge ankreiden würde (die Chance hat sich Pjöngjang übrigens nicht entgehen lassen und nochmal klar gemacht, wie schnell man sich von dem Militärmanöver provoziert fühlen wird. Dieses Mal über das Außenministerium). Naja und ein sehr vorsichtiges Militärmanöver ist dann gleich nicht mehr wirklich beeindruckend. Andererseits stehen Seoul und Washington aber weiterhin ohne tragfähige Strategie da. Ihr grandioser Plan-B: „Ich sags deiner Mama“ ist nach Hinten losgegangen und sie wissen immer noch nicht, was sie tun können/sollen.

So bitter es ist. Am Reden mit dem Feind kommt man wohl kaum vorbei, will man nicht die komplett entgegengesetzte Alternative, den Krieg, wählen. Und das ist in diesem Fall definitiv die letzte Option. Strategic Patience ist auf jeden Fall zu Ende. Außer man ist sehr geduldig. Denn Nordkorea wird solange weitermachen, bis etwas passiert.