„We want Carter for Vermittler“: Jimmy Carter zu den Hintergründen seiner Reise nach Pjöngjang

Seit Jimmy Carter erfolgreich von seiner Mission zur Befreiung von Aijalon Mahli Gomes zurückgekehrt ist, hat er sich ja erstaunlich bedeckt gehalten. Es gab kaum mehr Infos über die Reise als diejenigen, die KCNA über den Besuch veröffentlicht hat. Nun hat Carter sein Schweigen endlich gebrochen und zwar, wie es sich für einen demokratischen ex-Präsidenten geziemt, in Form eines Op-Eds in der New York Times. Die wichtigste Erkenntnis seiner Reise:

I received clear, strong signals that Pyongyang wants to restart negotiations on a comprehensive peace treaty with the United States and South Korea and on the denuclearization of the Korean Peninsula.

An sich ist das ja nicht überraschend. Eher überraschend finde ich das Timing und natürlich die Tatsache, dass das Regime in Pjöngjang ganz gezielt „gebeten“ hat, Jimmy Carter möge doch zur Befreiung von Gomes nach Pjöngjang kommen. Nach Carter:

In July, North Korean officials invited me to come to Pyongyang to meet with Kim Jong-il, the North Korean leader, and other officials to secure the release of Mr. Gomes. Those who invited me said that no one else’s request for the prisoner’s release would be honored. They wanted me to come in the hope that I might help resurrect the agreements on denuclearization and peace that were the last official acts of Kim Il-sung before his death in 1994.

Scheinbar hat Nordkorea also schon mindestens einen Monat vor Carters Reise versucht, die Situation auf der Koreanischen Halbinsel wieder zu verbessern und Carter auch ein Treffen mit Kim Jong Il in Aussicht gestellt. In die mögliche Zeitspanne von der Anfrage bis zur Genehmigung fallen verschiedene Ereignisse, die direkt oder indirekt mit der Reise in Verbindung stehen könnten. Natürlich fällt mir da sofort die KCNA Meldung vom 09. Juli, in der berichtet wurde, Gomes habe einen Selbstmordversuch begangen, unter anderem wegen seiner Unzufriedenheit, dass die US-Regierung keine Maßnahmen zu seiner Befreiung ergriffen hätte. Also wenn das mal nicht mit der „Einladung“ an Carter in Verbindung steht. Am selben Tag einigte sich der UN-Sicherheitsrat auch auf ein Presidential Statement wegen der Versenkung der Cheonan. Damit konnte Nordkorea wohl die diplomatischen Folgen des Untergangs er Cheonan (wer auch immer dafür verantwortlich ist) absehen und das weitere Vorgehen planen. In der darauf folgenden Zeit war es bis auf die Festsetzung eines südkoreanischen Fischerbootes und seiner Besatzung relativ ruhig um Nordkorea. Grollende Töne und eine nicht besonders versöhnliche Haltung waren eher aus Seoul und Washington zu vernehmen, die an ihren Manöver-Plänen festhielten und auf dem ASEAN Regional Forum kein Interesse an Gesprächen mit der nordkoreanischen Seite zeigten. Carter informierte die Regierung zwar über die „Einladung“, allerdings scheint man in dieser Zeit in Washington nicht wirklich gewusst zu haben was zu tun ist und daher hat man wohl nichts getan.

Bewegung kam erst in die Geschichte, als Nordkorea scheinbar ungeduldig wurde und man Carter darüber informierte, dass Gomes wieder ins Gefängnis (wohl aus dem Krankenhaus) verlegen würde. Darauf gab die US-Regierung ihre Zustimmung, allerdings erklärte das Regime in Pjöngjang, dass Kim Jong Il nun nicht mehr für Gespräche zur Verfügung stände. Die Verantwortung dafür, dass ein Treffen mit Kim Jong Il nicht zu Stande kam liegt also auch in großen Teilen bei der US-Regierung, die etwas zu lange gezögert hatte (und welcher Staatschef lässt sich schon von einer anderen Regierung auf „standby“ halten? Hätte Kim das getan, wäre das wohl einem Gesichtsverlust gleichgekommen). Ansonsten erklärte die nordkoreanische Seite – im vollen Bewusstsein der Tatsache, dass Carter keine Entscheidungsbefugnisse hatte – ihre Position, beklagte sich über das Verhalten der USA und erklärte, dass ein Abkommen zur Denuklearisierung der Koreanischen Halbinsel weiterhin Ziel der nordkoreanischen Politik sei (was Carter seinen Gesprächspartnern scheinbar auch abgekauft hat). Carter zitiert seine Gesprächspartner mit dieser (herrlich „nordkoreanischen“) Aussage:

They referred to the six-party talks as being “sentenced to death but not yet executed.”

Auf einer Reise nach China in der darauf folgenden Woche habe er Erfahren, dass Kim Jong Il auf seinem Besuch dort die gleichen Botschaften überbracht habe.

Durchaus spannend finde ich die Informationen die Carter in seinem Bericht gibt. Was ich auch noch interessant finde ist die Tatsache, dass Carter zwar kurz die Situation auf der Koreanischen Halbinsel in den letzten Monaten beschreibt, aber einen Punkt völlig ausklammert: Das Sinken der Cheonan, das definitiv in den Artikel gehören würde, die aber keinerlei Erwähnung findet. Warum? Keine Ahnung. Vielleicht nimmt er Rücksicht auf Nordkorea und will das Regime nicht reizen. Vielleicht ist er sich über die Hintergründe des Vorfalls auch einfach nicht sicher und lässt ihn daher lieber weg. Vielleicht ist es auch was ganz anderes. Ich weiß es nicht, wüsste es aber gern…

4 Antworten

  1. We want tobid001 for neue Nachrichten😉

    • Sorry, bin gerade am Umziehen und stehe etwas unter Zeitdruck, aber werde heute oder in den nächsten Tagen wohl wieder an den Schreibtisch zurückkehren können…

  2. Tsss, ob die Chinesen wieder mehr wissen? Alles Ablenkungsmanöver von Kim Jong Il?

    Quelle: http://cartercenter.org/news/trip_reports/china-090410.html

    „…He was quite interested in my visit to Pyongyang and confirmed that the positive messages I received there were the same that Kim Jong Il had brought to China. He surprised us by quoting the DPRK leader regarding the prospective promotion of his son, Kim Jong Un, as „a false rumor from the West.“ We’ll just have to wait to learn the truth about the succession in power.“

  3. Die Versenkung der Cheonan ist ja nun schon einige Monate her. Alte Hüte sozusagen, und groß ändern am Geschehenen kann man eh nichts. Da ist es vermutlich einfacher wieder zum Tagesschgeschäft zurückzukehren. Zumal momentan anscheinend gute Chancen bestehen, mit Nordkorea über eine denuklearisierung zu sprechen (auch wenn ich persönlich davon ausgehe, dass Pjöngjang andere Ziele verfolgt. Die werden nie – sofern Nordkorea im Besitz einer solchen ist – die Atombombe abgeben, alles andere gehört ins Reich der Fabeln).
    Deren Außenpolitik ist ja geprägt von Provokation und plötzlichen Kuschelanfällen, letzteres ist wohl gerade en vogue.
    Mal gucken, wann es wieder hitziger zugeht.

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